Die europäischen Banken stecken in großen Schwierigkeiten

13.6.2018 – von Philipp Bagus.

Philipp Bagus

Während die Eurokrise aus dem Fokus gerückt ist, weil derzeit alle Länder innerhalb der Eurozone Staatsdefizite von unter 3% des Bruttoinlandprodukts (BIP) fahren, gibt es nach wie vor ein Problem, das sich geräuschlos vergrößert: Die ungelöste Bankenkrise, die kein kleines Problem darstellt. Die Bankenbilanzen des Eurosystems summierten sich im Januar 2018 auf € 30 Billionen, was 291% des BIPs entspricht.

Europäische Banken sind in Schwierigkeiten aufgrund von verschiedenen Gründen:

Erstens: Die Bankenregulierung wurde nach der Finanzkrise verschärft. Als Konsequenz haben sich regulatorische Kosten und Compliance-Kosten substantiell erhöht. Heute müssen Banken die Anforderungen nationaler Behörden, der Europäischen Bankenaufsicht, des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus, der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde und der nationalen Zentralbanken erfüllen. Diese Kosten erreichen heute bereits erstaunliche 4% des Gesamtumsatzes, werden sich erwartungsgemäß jedoch auf 10% im Jahr 2022 erhöhen.

Zweitens: Es verstecken sich Risiken in den Bankbilanzen. Das etwas an den Vermögenswerten der Europäischen Banken faul ist, lässt sich schnell daran erkennen, wenn man die Marktkapitalisierung der Banken deren Buchwerten gegenüberstellt. Die meisten Europäischen Banken haben ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von unter 1. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis der deutschen Commerzbank liegt bei 0,49, das der Deutschen Bank bei 0,36, das der italienischen UniCredit bei 0,23, das der griechischen Banken Piräus und Greek Alpha bei 0,14 bzw. 0,34.

Bei einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von unter 1 könnte ein Investor einen Gewinn einstreichen, falls er eine Bank zum derzeitigen Preis kauft und ihr Anlagevermögen zum Buchpreis liquidiert. Warum tun das die Investoren nicht? Einfach, weil sie den von den Banken ausgewiesenen Buchwerten für ihr Anlagevermögen nicht glauben. Die Anlagen sind aus Investorensicht viel zu optimistisch bewertet. Berücksichtigt man, dass die Eigenkapitalquote (Eigenkapital in Relation zur Bilanzsumme) des Europäischen Bankensektors gerade einmal 8,3% beträgt, könnte eine Wertberichtigung der Anlagen nach unten das gesamte Eigenkapital ausradieren.

Drittens: Das niedrige Zinsniveau hat die Anlagepreise aufgebläht. Aktien- und Bondpreise haben sich dank der EZB-Geldpolitik erhöht, was zu buchhalterischen Gewinnen für die Banken geführt hat. Die Geldpolitik der letzten Jahre hat also die Bankengewinne künstlich befördert.

Viertens: Laut EZB belaufen sich die notleidenden Kredite, also Kredite bei denen die Schuldner ihre Zahlungen nicht mehr vollumfänglich bedienen können, auf € 759 Milliarden bzw. auf 30% des Eigenkapitals der Banken.

Fünftens: Auf die Banken kommen noch mehr Schwierigkeiten zu. Aufgrund der künstlich gedrückten Zinsen haben sich die Insolvenzraten verringert. In Deutschland wurden im Jahr 2003 39.470 Unternehmen (1.36% aller existierenden Unternehmen) insolvent. Im Jahr 2017 ist die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen auf lediglich 20.200 (0.62%) gesunken.

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen, Quelle: Creditreform.de

 

Unternehmen, die ansonsten dicht machen müssten, können aufgrund von Zinsen nahe Null überleben. Dieses Überleben ist aber nicht kostenlos, da diese Unternehmen Ressourcen binden, die in andere Projekte fließen könnten. In jedem Jahr der EZB Nullzinspolitik wurden zig-tausende Insolvenzen verschleppt, was den wachsenden Bestand an Zombie-Unternehmen vergrößerte. Diese Zombies tragen zum anämischen Wirtschaftswachstum bei, da sie Ressourcen verschwenden, die woanders effizienter eingesetzt werden könnten. Sobald die Zinsen rasch anziehen, werden diese Zombie-Unternehmen tatsächlich insolvent und die Insolvenzrate wird sich wieder normalisieren, was zu Problemen bei den Banken führen wird.

Im Buch „Der Draghi Crash“ von Markus Krall gibt es weitere Informationen zum Thema.

Sechstens: Niedrige Zinsen sind sehr problematisch für die Zinsmargen von Banken. Die Passivmarge, der Transformationsbeitrag und die Kreditmarge der Bank sind allesamt gefallen. Die Passivmarge ergibt sich durch das Investieren von Kundeneinlagen als Tagesgeld am Interbankenmarkt. Traditionell konnten Banken damit eine Marge verdienen, jedoch nicht in einer Welt von negativen Zinsen am Interbankenmarkt.

Der Transformationsbeitrag entsteht mittels Fristentransformation, wenn die Banken sich kurzfristig mit Kundengeldern finanzieren, um in langfristige Kundenkredite zu investieren. Aufgrund einer derzeitig flachen Zinsstrukturkurve ist der Transformationsbeitrag unterdurchschnittlich gering. Sich kurzfristig für 0% Geld leihen, um dieses langfristig für 0% wieder zu verleihen ist nicht profitabel. Darüber hinaus gilt, wenn Banken langfristig Geld für sehr niedrige Zinsen verleihen und die kurzfristigen Zinsen zu steigen beginnen, verringert sich der Transformationsbeitrag weiter.

Die Kreditmarge resultiert aus dem Kreditrisiko. Banken versuchen die niedrigeren Passivmargen und Transformationsbeiträge zu kompensieren, indem sie höhere Kreditrisiken eingehen. Der Wettbewerb der Banken lässt die Kreditmargen jedoch ebenfalls schrumpfen. Die Nullzinspolitik der EZB hat also die traditionelle Bankenprofitabilität kannibalisiert.

Siebtens: Die Banken in der Eurozone sind nach wie vor eng mit ihren jeweiligen Regierungen verbunden. Im Januar 2018 hielten diese Banken € 3.536 Milliarden an Staatsschulden in ihren Büchern, was 13% ihrer Bilanzsumme beträgt. Wenn während der nächsten Rezession die Staatsschuldenkrise wieder hervorbricht, können Banken mit Verlusten in ihren Staatsschuldenportfolios rechnen.

Wenn Zinsen in der Zukunft ansteigen, werden Banken mit mehreren Schwierigkeiten konfrontiert. Als erstes werden die notleidenden Kredite ansteigen und Zombie-Unternehmen Pleite gehen. Als zweites wird es für die Banken schwieriger und schwieriger werden, die von ihnen, mit niedrigen Zinsen, langfristig vergebenen Kredite profitabel zu refinanzieren. Drittens werden fallende Vermögenspreise zu Verlusten führen. Regierungen werden dann ebenfalls in Schwierigkeiten geraten.

Aufgrund dieser Verluste werden Banken dazu gezwungen sein, ihr Kreditangebot zurückzufahren, da sich ihr Eigenkapital verringert haben wird. Ironischerweise wird die EZB-Nullzinspolitik, die entworfen wurde, um eine Kreditexpansion zu befördern, zu einer Kreditverknappung führen. Das wird eine schwere Rezession hervorrufen und das Geldangebot wird schrumpfen. Die Krise wird nicht nur das Bankensystem gefährden, sondern auch den Euro als Ganzes, da die angeschlagenen Regierungen der Eurozone versuchen werden, ihre Banken durch die Monetarisierung von neu ausgegebenen Schulden wieder zu rekapitalisieren.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel 7 Reasons Why European Banks Are in Trouble ist am 17.5.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen. Im Mai 2014 ist sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen” erschienen. Zuletzt erschienen, ebenfalls gemeinsam mit Andreas Marquart: Wir schaffen das – alleine!

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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