Die Verhinderung des Erwachsenwerdens

11.6.2018 – Interview mit Andreas Tögel über sein neues Buch „Schluss mit lustig. Wie die Babyboomer die Zukunft der Jungen ruinieren“.

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Andreas Tögel

Herr Tögel, bei der Lektüre Ihres Buches „Schluss mit lustig“ kam mir der Ausspruch Roland Baaders in den Sinn, dass wir werden nachhungern müssen, was wir vorausgefressen haben. Nachhungern werden vor allem die Jungen müssen, richtig?

Völlig korrekt. „Wir“ ist zweiteilig zu sehen: „Wir“ Babyboomer haben uns genommen, was wir kriegen konnten, und „wir“, die Nachgeborenen, werden die Chose zu bezahlen haben. Leider können oder wollen die Jungen nicht sehen, was auf sie zukommt. Mich erstaunt immer wieder der Fatalismus, mit dem diese Generation dem dräuenden Unheil begegnet.

Welche Gründe sehen Sie für diesen Fatalismus?

Einen der Hauptgründe dafür liefert wohl das staatliche Schulsystem, das den Jungen von Kindesbeinen an einbläut, dass der Staat für alles und jedes sorgt. Die Jungen sehen dann folgerichtig weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit, etwas in die eigenen Hände zu nehmen. Und sie haben damit, angesichts der ungeheuerlichen Belastung durch Steuern und Sozialabgaben, ja auch recht. Etwas anzusparen und für die Zukunft vorzusorgen, ist heute enorm schwierig geworden.

Ein anderer Grund für die Politabstinenz der Jugend liegt sicher in der Erbärmlichkeit des Bildes, das die Politelite bietet. Welcher Junge hat denn angesichts der gebotenen Vorbilder Lust, auch nur an der Politik anzustreifen?

Selbst wenn, ist Politik denn die Lösung oder nicht vielmehr das Problem? Sie zitieren im Buch ja auch den US-Fernsehmoderator Jay Leno mit den Worten ‚Politik ist Showbusiness für Hässliche‘…

Selbstverständlich ist die Politik das Problem. Aber: Die Jungen sind von der gegenwärtigen Politik zwar zurecht angewidert, zugleich aber fehlt ihnen die Einsicht, dass es auch ein Leben ohne Politik geben kann. Der US-Ökonom Milton Friedman hat das (wenn auch in einem anderen Zusammenhang) als „Tyrannei des Status quo“ bezeichnet. Die Politik zwar zu verachten, zugleich aber von ihr zu erwarten, sein Leben optimal gemanagt zu bekommen, kann nur zur totalen Frustration führen.

Welche Rolle spielt dabei die von Ihnen festgestellte ‚kollektive Infantilisierung‘?

Gute Eltern fahren die Aufsicht und Kontrolle über ihre Kinder mit deren im Laufe des Heranwachsens zunehmenden Vernunft und Selbständigkeit zurück. Sie wollen ihre Kinder ja auf ein selbstverantwortliches und selbstbestimmtes Leben vorbereiten. Der moderne Wohlfahrtsstaat indes hat kein Interesse an Bürgern, die ein von seinen Wohltaten unabhängiges Leben führen. Die Bürger sollen möglichst lebenslänglich im Status unmündiger Kinder bleiben, damit er sie jederzeit kontrollieren und nach seinem Gutdünken lenken kann. Alle dazu eingesetzten Maßnahmen dienen der Infantilisierung – also einer künstlichen Verhinderung des Erwachsenwerdens.

‚Maßnahmen‘ klingt sehr nach Plan … woran denken Sie vor allem?

Nahezu alle wichtigen Lebensbereiche stehen unter Staatskuratel: Bildung, Gesundheit, Renten, Massenverkehrsmittel und viele andere mehr. Der Leviathan enteignet im großen Stil die Leistungsträger, um all diese wunderbaren Dinge jedermann „gratis“ oder zu Sozialtarifen anbieten zu können. Dazu stellt er es den Bürgern nicht frei, seine Angebote anzunehmen oder nicht, sondern zwingt sie in seiner Eigenschaft als (Macht-)Monopolist zu deren Annahme. Der Bürger unterliegt einem Kontrahierungszwang und findet sich damit ab, in all diesen Bereichen keinerlei Mitspracherecht zu genießen. Das hat Auswirkungen auf die Mentalität. Diese Art zwangsweiser Stallfütterung führt unweigerlich zur Verhausschweinung. Wer sich nie bewegt (weil er´s ja gar nicht nötig hat), spürt irgendwann seine Fesseln nicht mehr. Das ist der Status in der Spätzeit des korrupten und korrumpierenden Wohlfahrtsstaates.

Welcher Schuldanteil ist daran den falschen ökonomischen Theorien zuzurechen?

Ich glaube ein recht großer Teil. Wer vom Kindergarten an mit linken wirtschafts- und unternehmerfeindlichen Parolen bearbeitet wird, glaubt irgendwann das Gehörte. Die wirtschaftsrelevanten Passagen der heimischen Schulbücher sind eine einzige Katastrophe. Ahnungslose Phantasten wie Christian Felber („Gemeinwohlökonomie“) werden da allen Ernstes auf Augenhöhe mit Keynes oder Marx zitiert.

Wer 1960 oder danach geboren ist, ist mit einer galoppierenden Schuldenpolitik aufgewachsen (die Staatsschuld der Republik hat sich seit 1970 auf den 85fachen Wert erhöht!). Wer aber erst einmal aufs Schuldenmachen konditioniert ist und Sparen für Teufelszeug hält, ist schwer für eine evidenzbasierte Wirtschaftspolitik zu begeistern.

Jetzt hat Ihr Heimatland Österreich mit Sebastian Kurz jüngst einen neuen Kanzler bekommen, einer von den ‚Jungen‘. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Der junge Mann wirkt auf erfrischende Weise authentisch und wurde mit entsprechenden Vorschusslorbeeren ausgestattet. Wer die Realverfassung der Alpenrepublik kennt (alle, aber auch wirklich alle Lebensbereiche wurden von den ehemaligen Großparteien ÖVP und SPÖ total infiltriert und die Kräfte der Beharrung sind schier übermächtig), wird sich keinen großen Illusionen hingeben. Die gefährlichsten Gegner von Kurz sehe ich nicht in den anderen Parteien (die gegenwärtig allesamt personell und inhaltlich völlig derangiert sind), sondern in den Reihen seiner Parteifreunde. Viele tiefschwarze Mitglieder der alten ÖVP-„Stahlhelmfraktion“ (Kämmerer, Gewerkschafter, Beamte) sehen den von Kurz erzeugten frischen Wind kritisch. Sie – und natürlich die roten Besitzstandwahrer, die um ihre Pfründe fürchten – werden ihn nach Kräften daran zu hindern versuchen, wirkungsvolle Reformen durchzusetzen.

Keine Hoffnung also, dass Österreich die Wende schafft und dann mit gutem Beispiel vorangeht…?

Das würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Die ÖVP-Granden wissen ja, dass sie ohne Kurz erledigt wären. Sie werden ihm, dem Selbsterhaltungstrieb folgend, schon ein paar Erfolge ermöglichen müssen. Ob etwa die jetzt mit viel Getöse angekündigte Reform der Gesundheitskassen ein solcher Erfolg werden wird, bleibt abzuwarten. Große Würfe darf man in einem so strukturkonservativen Land wie Österreich in keinem Fall erwarten.

Unser Problem ist übrigens dasselbe wie in Deutschland: Die Babyboomer treten derzeit massenhaft in den Ruhestand und wollen alles so lassen, wie es ist. Nur keine Veränderungen, die an ihren vermeintlich wohlerworbenen Rechten kratzen könnten. Den Jungen, die politisch faktisch nicht repräsentiert sind, fällt die demokratische Übermacht der Alten auf den Kopf. Auf dem Boden dieses Systems können sie sich nicht dagegen wehren. Immer mehr der Tüchtigsten von ihnen entschließen sich daher zur Auswanderung.

Es sei denn, ein kollabierender Euro und durch Nullzins-Politik erodierende Pensionsfonds bereiten dem Spiel ein Ende …

Tja, in diesem Fall würden die Karten wohl europa- wenn nicht weltweit neu gemischt werden. Ich will mir ein solches Szenario, so wahrscheinlich es auch ist, gar nicht vorstellen. Es gäbe wohl, falls überhaupt, nur ganz wenige Gewinner. Von den heute lebenden Zeitgenossen hat ja die Mehrzahl niemals eine echte Katastrophe (Krieg, Bürgerkrieg, Hungersnot, Hyperinflation) oder wirkliches Elend erlebt. Wie werden die (wir) darauf reagieren, wie damit umgehen?

Auswege aus der Krise gibt es. Aber alle führen durch ein tiefes Tal der Tränen. Da allerdings keine Regierung absichtlich auf ihren Sturz hinarbeitet, der mit einem rigorosen Sanierungskurs verbunden wäre, wird eine solche Politik nicht gemacht. Jeder Regierungschef hofft, dass der absehbare Kollaps nach ihm eintreten möge und unternimmt daher alles, was den Status quo stützt. Devise: Nach uns die Sintflut.
Wie Roland Baader so treffsicher angemerkt hat: Sobald die Transferbenefiziare erst die demokratische Mehrheit erlangt haben (und das ist längst der Fall), ist der Weg zum Untergang geebnet. Eine schmerzlose Remedur scheint mir jedenfalls unmöglich.

Vielen Dank, Herr Tögel.

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Das Interview wurde per email geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter “Austrian”.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

 

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