Wert, Wissenschaft und die Illusion absoluter Maßstäbe

15. Juni 2026 – von Antony P. Mueller

Dieses ist der 3. Teil der 6-teiligen Reihe über Ludwig von Mises „Theorie und Geschichte“. Den 2. Teil finden Sie HIER.

Der erste Teil von Theorie und Geschichte trägt den schlichten Titel „Wert“, behandelt jedoch eines der zentralen Probleme der Sozialwissenschaften: Wie lassen sich menschliches Handeln, Werturteile und wissenschaftliche Erkenntnis voneinander unterscheiden? Mises entwickelt hier eine grundlegende methodologische Klärung, die für sein gesamtes Werk von entscheidender Bedeutung ist. Er zeigt, dass Werte nicht objektiv gegeben sind, sondern im Handeln des Menschen sichtbar werden. Zugleich verteidigt er die Möglichkeit einer wertfreien Wissenschaft gegen den Vorwurf, jede ökonomische Theorie sei notwendig Ausdruck von Interessen, Vorurteilen oder Ideologie.

Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen Existenzialaussagen und Werturteilen. Existenzialaussagen beziehen sich auf Tatsachen: Sie beschreiben, was ist und wie es ist. Werturteile hingegen drücken Präferenzen aus. Sie sagen nicht, was ist, sondern welchen Zustand ein Mensch einem anderen vorzieht. Ein Werturteil ist daher keine Beschreibung der Welt, sondern Ausdruck einer Rangordnung im Bewusstsein des Handelnden. Wann immer ein Mensch zwischen Alternativen wählt, tritt ein Werturteil zutage. Entscheidend ist dabei nicht die verbale Formulierung, sondern die tatsächliche Handlung.

Die Unterscheidung zwischen dem Gebiet der Wissenschaft […] und dem Gebiet der Werturteile wurde von Lehren bestritten, die annehmen, es gebe ewige Werte […]. (S. 88)

Damit verbindet Mises das Wertproblem unmittelbar mit seiner allgemeinen Theorie des Handelns. Der Mensch handelt, weil er einen als weniger befriedigend empfundenen Zustand durch einen als befriedigender vorgestellten ersetzen will. Handeln setzt Unzufriedenheit, Zielvorstellung, Mittelwahl und Zukunftsbezug voraus. Werten ist kein abstrakter Akt, sondern manifestiert sich im konkreten Handeln. Nicht Programme oder Bekenntnisse sind letztlich maßgeblich, sondern die Entscheidung unter Bedingungen der Knappheit.

Aus dieser Perspektive ergibt sich Mises’ konsequenter Subjektivismus. Werte sind keine Eigenschaften der Dinge selbst. Ein Gut ist nicht deshalb wertvoll, weil ihm ein objektiver Wert innewohnt, sondern weil ein handelnder Mensch es als Mittel zur Erreichung eines gewünschten Zustandes betrachtet. Derselbe Gegenstand kann für verschiedene Menschen oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Bedeutung haben. Wert ist daher relational, subjektiv und situationsabhängig. Diese Einsicht richtet sich gegen alle objektivistischen Wertlehren, die Wert aus Natur, Geschichte, Arbeit, Klasse, Religion oder Vernunft ableiten wollen.

Von zentraler Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen Endzielen und Mitteln. Über Mittel kann rational gestritten werden, da ihre Eignung überprüfbar ist. Ob eine wirtschaftspolitische Maßnahme Wohlstand schafft oder zerstört, lässt sich wissenschaftlich analysieren. Anders verhält es sich mit letzten Zielen. Ob Freiheit höher zu bewerten ist als Sicherheit oder Gleichheit höher als Wohlstand, entzieht sich wissenschaftlicher Beweisbarkeit. Letzte Wertentscheidungen sind nicht rational begründbar.

Diese Einsicht bedeutet jedoch keineswegs, dass Wissenschaft unmöglich wäre. Im Gegenteil: Gerade die klare Trennung zwischen Werten und Tatsachen macht Wissenschaft erst möglich. Die Ökonomik sagt nicht, welche Ziele verfolgt werden sollen, sondern untersucht die Eignung von Mitteln. Wenn politische Programme bestimmte Ergebnisse versprechen, kann die Wissenschaft prüfen, ob diese Versprechen realistisch sind.

In diesem Zusammenhang setzt sich Mises mit der sogenannten Voreingenommenheits-Doktrin auseinander. Diese behauptet, wissenschaftliche Aussagen seien stets Ausdruck von Interessen oder ideologischen Vorurteilen. Mises weist diese Auffassung zurück. Zwar können Interessen das Denken beeinflussen, doch daraus folgt nicht, dass eine Theorie allein durch den Hinweis auf ihre vermeintliche Voreingenommenheit widerlegt wäre. Wissenschaftliche Aussagen im Bereich der Ökonomik müssen durch (handlungs-)logische Kritik geprüft werden, nicht durch psychologische Zuschreibungen.

Mises erkennt hierin eine gefährliche Verschiebung: An die Stelle argumentativer Auseinandersetzung tritt moralische Diskreditierung. Unbequeme Theorien werden nicht widerlegt, sondern als „ideologisch“ gebrandmarkt. Damit wird der wissenschaftliche Diskurs unterminiert und durch politische Polemik ersetzt.

Eng damit verbunden ist Mises’ Kritik an der Berufung auf das „Allgemeinwohl“. Politische Programme präsentieren sich nahezu ausnahmslos als im Interesse der Allgemeinheit liegend. Doch dieser Begriff ist selbst Ausdruck bestimmter Werturteile. Die Wissenschaft kann nicht einfach akzeptieren, dass ein Programm dem Gemeinwohl dient, sondern muss seine tatsächlichen Folgen analysieren.

Mises’ Position ist kein Relativismus. Er bestreitet nicht die Bedeutung von Werten für die Zivilisation. Er bestreitet jedoch, dass „die Wissenschaft“ diese Werte letztgültig begründen kann. Die westliche Zivilisation beruht auf der Wertschätzung von Leben, Wohlstand, Frieden und Freiheit. Die Ökonomik kann zeigen, dass bestimmte Institutionen – etwa Marktwirtschaft und Privateigentum – diesen Zielen dienlicher sind als alternative Institutionen. Sie kann jedoch niemanden widerlegen, der andere Ziele bevorzugt.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Mises der Suche nach absoluten Werten. Politische und philosophische Traditionen haben immer wieder versucht, solche Werte aus Naturrecht, Religion, Vernunft oder Geschichte abzuleiten. Mises zeigt, dass diese Versuche letztlich auf unbeweisbaren Voraussetzungen beruhen.

Auch der Begriff der Gerechtigkeit erweist sich bei näherer Betrachtung als problematisch. Was als „gerecht“ gilt, hängt von zugrunde liegenden Werturteilen ab. Für den einen bedeutet Gerechtigkeit die Achtung von Eigentum, für den anderen dessen Umverteilung. Der Begriff löst Konflikte nicht, sondern verschleiert sie häufig.

Mises’ reformulierter Utilitarismus verzichtet daher auf metaphysische Begründungen. Stattdessen fragt er nach den Bedingungen gesellschaftlicher Kooperation. Gesellschaftliches Zusammenleben beruht darauf, dass Menschen durch Arbeitsteilung bessergestellt sind als in Isolation. Institutionen sind daher danach zu beurteilen, ob sie Kooperation ermöglichen oder behindern.

Es ist kein Maßstab […] verfügbar, außer den Wirkungen, die ein solches Handeln erzeugt […]. (S. 95)

Am Ende dieses Gedankengangs weist Mises auch die radikale Ablehnung von Werturteilen zurück. Wer behauptet, alle Wertungen seien bedeutungslos, übersieht, dass Handeln ohne Wertung unmöglich ist. Jede Handlung setzt Präferenz, Ziel und Entscheidung voraus. Selbst die Ablehnung von Werturteilen ist selbst ein Werturteil.

Die Bedeutung dieses Abschnitts liegt darin, dass Mises hier das Fundament einer wertfreien, aber nicht wertblinden Sozialwissenschaft legt. Wertfreiheit bedeutet nicht Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Zielen, sondern methodische Klarheit. Wissenschaft analysiert Mittel und Folgen, ohne selbst normative Gebote zu formulieren. Gerade dadurch wird sie für eine freie Gesellschaft unverzichtbar.

Als Maßstab gesellschaftlicher Ordnung dient in diesem Sinne die Fähigkeit, Kooperation zu ermöglichen und zu erhalten. Institutionen, die diese Kooperation untergraben, gefährden die Grundlagen der Zivilisation.

Die utilitaristische Philosophie […] führt die scheinbaren Gegensätze auf den Unterschied zwischen kurzfristigen und langfristigen Interessen zurück. (S. 102–103)

Für die Österreichische Schule ist dieser Teil von Theorie und Geschichte von grundlegender Bedeutung. Er verbindet Subjektivismus, Praxeologie und Liberalismus zu einer geschlossenen Konzeption: Werte sind subjektiv, Handeln offenbart Präferenzen, Wissenschaft analysiert Mittel – und politische Systeme werden gefährlich, wenn sie ihre Werturteile als objektive Wahrheit ausgeben.

Dieser Artikel wurde von Antony P. Mueller vor dem 5. Mai 2026 geschrieben und wurde posthum geringfügig redaktionell bearbeitet.

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Die deutsche Ausgabe von „Theorie und Geschichte“ (ISBN: 978-3-9816008-3-4) (*) ist bedauerlicherweise derzeit nur antiquarisch erhältlich.

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Antony P. Mueller

Antony Peter Mueller (1948 – 2026) war promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er von 1994 bis 1998 das Institut für Staats- und Versicherungswissenschaft in Erlangen leitete. Antony Mueller war Fulbright Scholar und Associate Professor in den USA und kam im Rahmen des DAAD-Austauschprogramms als Gastprofessor nach Brasilien.

Bis 2023 war Dr. Mueller Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Nach seiner Pensionierung war Dr. Mueller weiterhin als Dozent an der Mises Academy in São Paulo tätig und im globalen Netzwerk der Misesinstitute aktiv sowie wissenschaftlicher Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

In deutscher Sprache erschien 2024 sein Buch „Antipolitik“ (*), 2023 erschien „Technokratischer Totalitarismus. Anmerkungen zur Herrschaft der Feinde von Freiheit und Wohlstand“(*). 2021 veröffentlichte Antony P. Mueller das Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie. Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“(*).  2018 erschien sein Buch „Kapitalismus ohne Wenn und Aber. Wohlstand für alle durch radikale Marktwirtschaft“(*).

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