Kapitalismus ist keine Ideologie

31. Juli 2026 – von Robert Nef

A society that chooses between capitalism and socialism does not choose between two social systems; it chooses between social cooperation and disintegration of society.
(Ludwig von Mises, Human Action).

(Deutsch: Eine Gesellschaft, die zwischen Kapitalismus und Sozialismus wählt, wählt nicht zwischen zwei gesellschaftlichen Systemen; sie wählt zwischen gesellschaftlicher Kooperation und dem Zusammenbruch der Gesellschaft.)

Alle ideengeschichtlichen Etikettierungen mit der Endsilbe -ismus sind kritisch unter die Lupe zu nehmen. Sie führen sehr oft zu willkürlichen und ideologisch verzerrten Abgrenzungen, die dann als Heilslehren oder als Feindbilder missbraucht werden. Ideologien können zur Vorstellung verleiten, man könne sie durch entsprechende Vorkehrungen als „Neue Weltordnung“ herbeiführen bzw. politisch erzwingen.

Im christlichen Mittelalter lag die Weltordnung „in Gottes Hand“. Erst seit der Aufklärung wird die in der griechischen und römischen Antike wurzelnde Diskussion um die beste Staats-Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung wieder geführt, und seit der Französischen Revolution konkurrieren auch verschiedene Versuche der praktischen Umsetzung von politischen Theorien.

Meine persönliche Abneigung gegen alle -ismen ist natürlich ebenfalls eine unzulässig vereinfachende Übertreibung. Es gibt auch sehr positive -ismen, wie etwa Optimismus, Individualismus, Idealismus. Die diesbezügliche Skepsis beruht darauf, dass hinter allen -ismen komplexe Phänomene stecken, die durch die begriffliche Fixierung in den Bereich des Organisierbaren und Machbaren gerückt werden.

1. Die Vorstellung, die globalisierte Welt sei ein vulgär-darwinistischer Kampfplatz der -ismen, bei dem man als vernünftiger Mensch dem Kapitalismus, dem Sozialismus (oder einem andern -ismus) zum Sieg verhelfen müsse, oder einem allgemeinverbindlich definierten „dritten Weg“, ist eine schreckliche Vereinfachungen. Komplexe Ordnungen sind weder organisierbar noch machbar.

2. Die Meinung, der Kapitalismus werde weltweit durch einige mächtige Drahtzieher inszeniert, gehört zum gefährlichen Kern der kommunistischen und vor allem der national-sozialistischen Ideologie. Sie suggeriert die Lösung, man müsse lediglich diese Leute bzw. diese Gruppe ausschalten und ersetzen, um zu einer „neuen Ordnung“ zu gelangen.

3. Die drei seit dem Mittelalter in Europa vorherrschenden -ismen waren der Feudalismus, der Imperialismus und der Merkantilismus. Im 19. Jahrhundert hat man diese -ismen durch den Nationalismus ersetzt oder ergänzt, der dann sowohl mit dem Liberalismus als auch dem Sozialismus verderbliche Mischungen erzeugte. Diese haben letztlichen zu den kriegerischen Vernichtungsorgien des 20. Jahrhunderts geführt, bei denen es um den Endsieg des einen -ismus über den andern ging – ein Teufelskreis, aus dem wir im 21. Jahrhundert endlich aussteigen sollten.

4. Es gibt auf der globalen Ebene keinen „Endsieg“ irgendeiner Ideologie, sondern einen permanenten Wettbewerb der Ordnungen bzw. einen Lernprozess, bei dem das eliminiert wird, was auf die Dauer nicht funktioniert. Der Kapitalismus hat dabei gute Chancen, wenn er sich nicht in verderbliche Koalitionen verstrickt. Es gibt allerdings auch freiheitsfeindliche Ausprägungen des Kapitalismus. Auch ein totalitäres, etatistisches, autoritäres oder religiös-fanatisches Regime kann über lange Zeit eine kapitalistische Wirtschaftspolitik erfolgreich betreiben. Natürlich ist das nicht „Kapitalismus pur“, aber eben doch weitgehend kapitalistisch.

5. Ist der Kapitalismus tatsächlich das höchste Ziel, d.h. die Himmelsleiter zu Freiheit und Wohlstand für alle? Er hat nachweisbar zur generellen Anhebung des Lebensstandards geführt und nicht zur Verelendung der Massen. Die Menschheit hat das Geld, den Kredit und den Zins erfunden, drei grossartige und insgesamt befreiende und wohlfahrtsvermehrende Errungenschaften, welche u.a. auch eine globale friedliche Arbeitsteilung ermöglichen, wenn auch nicht garantieren. Diese Errungenschaften haben auch ihre Schattenseiten, die sorgfältig und schonungslos zu analysieren sind.

6. Jeder Wunsch nach einem grossmasstäblichen „Zurück“ in ein utopisches „vorkapitalistisches Paradies“ führte bisher erfahrungsgemäss zu kollektiven Höllen bzw. zu nicht dauerhaft praktizierbaren Umverteilungs- und Ausbeutungssystemen. „Das hat die Welt zur Hölle gemacht, dass sie der Mensch zu seinem Himmel machen wollte“, schreibt Friedrich Hölderlin (1770 – 1843), ein idealistischer Freiheitsdichter, der – als solcher – noch zu entdecken wäre. Wenn Individuen oder Kleingruppen soziale Experimente ausserhalb kapitalistischer Denkmuster wagen, ist das m.E. eine Privatsache. Man kann aus allen Experimenten etwas lernen, darum sollte man Abweichungen vom Kapitalismus auch nicht verbieten.

7. Bei aller Achtung für den Beitrag der USA für die Ausbreitung von Marktwirtschaft, Freiheit und Demokratie bleibt ein Unbehagen. Viele Amerikaner konnten sich vom Sektierertum der Gründerväter nie ganz befreien. Das tatsächlich so erfreulich pluralistische Land huldigt immer noch dem Motto „e pluribus unum“ („aus vielen eines“). Eine einzige „richtige Idee“ soll nach dieser Utopie weltweit den Sieg davontragen und die USA haben aus dieser Sicht die Führungsverantwortung gegen das „Reich des Bösen“.

8. Die Frage, ob der Kapitalismus mit dem christlichen Glauben kompatibel sei, wird in den USA intensiv diskutiert. Die in den USA einflussreiche Publizistin Ayn Rand (1905 – 1982) hatte die Vision, dass das christliche Kreuz (und der islamische Halbmond, der Davidsstern und andere religiöse Symbole) endlich durch das kapitalistische Dollarzeichen (der Zauberstab des Merkur, Gott der Händler und Diebe) ersetzt werden könne und zwar für alle und definitiv. Sie nannte ihre Doktrin „Objektivismus“. Die Hoffnung, dass nach dem Sieg des Objektivismus tatsächlich das globale „Reich der Freiheit“ anbreche, ist wohl ein totalitäres Relikt, das Ayn Rand als Immigrantin aus der Sowjetunion, die in den USA zum Kapitalismus „konvertierte“, nie ganz abstreifen konnte. Ayn Rand ist m.E. selbst so etwas wie eine Sektiererin des Anti-Antikapitalismus.

9. Kapitalismus ist das, was sich schliesslich weltweit durchsetzt, wenn man aufhört bzw. aufhören würde, zwangsweise zu intervenieren. Wahrscheinlich wird es aber immer „Kapitalismus plus etwas“ sein, aber dieses „Plus“ darf den Kapitalismus nicht vereiteln, sondern muss seine möglichst auf freier Kommunikation und auf Konsens basierende Evolution ermöglichen. Der Kapitalismus ist daher kein Dogma, keine Lehre, sondern ein Anti-Dogma, das eine Art „Rundumverteidigung“ voraussetzt, eine spontane Ordnung, die stets gleichzeitig unendlich bedroht und unendlich resistent ist. Man muss eigentlich nicht dafür kämpfen, sondern gegen die jeweiligen Hindernisse und die ihm entgegenstehenden Dogmen und Irrlehren.

10. Die Formel „Laissez faire, laissez passer“, die kein Philosoph, sondern der französische Kaufmann Vincent de Gournay (1712 – 1759) geprägt hat (der dann von Immanuel Kant (1724 – 1804) zitiert worden ist), ist möglicherweise die beste Charakterisierung des Ziels freiheitlich gesinnter Menschen: negative Freiheit. Diese philosophisch präzise Bezeichnung eignet sich aber leider sehr schlecht für ein politisches Programm. Kann man etwas Negatives erfolgreich propagieren? Das Bekenntnis zur negativen Freiheit als Ablehnung von Zwang und Fremdbestimmung hat aber den Vorteil, dass es Raum für religiöse Bekenntnisse offenlässt. Es verhindert die Ersetzung der Allmacht Gottes durch die Allmacht des Staates. Niemand braucht dabei seine Vorstellung über einen Idealzustand aufzugeben, und es ist sogar gut, wenn diese Vorstellungen divergieren. „Macht ist an sich böse“ (Jacob Burckhardt, 1818 – 1897) und „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ (Friedrich der Grosse, 1712 – 1786), das sind zwei weitere höchst bemerkenswerte Grundsätze, die mit dem Kapitalismus kompatibel sind, aber über den Kapitalismus hinausweisen.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Robert Nef, geboren 1942, lic. iur. ist Publizist und lebt in St. Gallen. Er leitete während 25 Jahren das Liberale Institut und war Chefredaktor der „Schweizer Monatshefte“. Für seinen Einsatz für die Freiheit und gegen den zentralistischen Umverteilungsstaat wurde er von verschiedenen Organisationen ausgezeichnet.
Seine bekanntesten Publikationen, u.a. „Lob des Non-Zentralismus“, sind auf www.robert-nef.ch.

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