Was ist nur mit dem Berufsstand der Ökonomen los?

Frank Hollenbeck

23.4.2014 – von Frank Hollenbeck.

Es ist bestimmt keine Übertreibung zu sagen, das Ansehen von Ökonomen könne man zur Zeit in etwa mit dem eines Gebrauchtwagenhändlers vergleichen. Das jüngste Scheitern wirtschaftspolitischer Maßnahmen, Wachstum und Beschäftigung zu stimulieren, hat ihren Ruf noch weiter ramponiert. In der Vergangenheit war eher das Gegenteil der Fall. Da galten Ökonomen geradezu als geistige Bollwerke gegen allseits beliebte Irrlehren und schlechte Ideen; vor allem – und das ist noch wichtiger – waren sie regelrechte Bollwerke gegen staatliche Politik, die auf falschen Annahmen basiert. Mit populären Slogans wie „die Sicherung von Arbeitsplätzen hierzulande“ wird die Nationalismuskarte gespielt, dabei werden in Wirklichkeit nur spezielle Interessen befriedigt. Früher hätten Ökonomen niemals gezögert, solch irrige Annahmen bloßzustellen.

Die meisten der heutigen Ökonomen haben sich jedoch an den Feind verkauft. Sie arbeiten für den IWF, die OECD, die Weltbank, Zentralbanken oder Wirtschaftsinstitute, wo ihre Forschungen massiv von staatlichen Stellen bezuschusst werden. Um Erfolg zu haben, müssen Sie „auf Linie bleiben“. Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.

Diese Ökonomen erzählen uns gegenwärtig – gemeinsam mit „gekauften“ Journalisten – etwas von Deflation, welche Gefahren sie in sich birgt, genau wie zu „niedrige Inflation“ und wie uns die Druckerpresse vor dieser Katastrophe bewahren kann. Dabei gibt es keinerlei theoretische oder empirische Berechtigungen für solche Ängste.  Im Gegenteil, eine stabile Geldmenge würde es den Preisen wesentlich besser ermöglichen, Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie am dringendsten benötigt werden. Wachstum aus einer stabilen Geldmenge heraus würde mit stetig fallenden Preisen einhergehen, so wie es im 19. Jahrhundert meist der Fall war.

Als Präsident Obama erstmals davon sprach, den Mindestlohn anzuheben, war Paul Krugman – Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften – sofort zur Stelle und veröffentlichte einen Artikel, in dem er Obama’s Pläne unterstützte. Sogar ein Student der Volkswirtschaft im ersten Semester weiß, dass Preiskontrollen die Funktion der Preise, Ressourcen zu lenken, stören, auf Kosten der übrigen Gesellschaft. Obwohl einige einen höheren Mindestlohn bekommen, werden viele andere werden dadurch unter die Räder kommen. Politikexperten sollte man eben nicht als Ökonomen verkleiden.

Ökonomen beneiden Physiker und sind richtiggehend verliebt in empirische und mathematische Modelle. Um in einer Zentralbank zu arbeiten, müssen Sie erfahren, besser noch Experte in sogenannten DSGE Modellen (Dynamic Stochastic General Equilibrium) sein. Das Problem dabei ist, genau wie bei jedem anderen ökonomischen Modell auch, dass die Parameter nicht konstant sind. Und die meisten Variablen stehen in ständig wechselnden Beziehungen zueinander und weitere Variablen, wie zum Beispiel Erwartungen, die man nun mal nicht messen kann, lässt man einfach unter den Tisch fallen. Das ist, als würden sie auf einer Seekarte die Inseln weglassen.

Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft und wenn man sich hierfür Techniken und Methoden aus der Naturwissenschaft borgt, ist das schlichtweg unangebracht. Solange wir kein Labor besitzen, in dem sich volkswirtschaftliche Experimente durchführen lassen, ist es schwierig, zwischen Assoziation und Kausalzusammenhang zu unterschieden, beziehungsweise die Kausalitätsrichtung zu bestimmen. Wirtschaftliches Handeln basiert auf menschlichem Handeln, mit ziemlich wenig empirischen Gesetzmäßigkeiten. Es mag zum Beispiel ein sonniger Tag sein und Sie sind drei Tage lang Ski gefahren. Das bedeutet aber nicht, dass Sie am vierten Tag wieder Ski fahren werden. Ihre Handlungen lassen sich eben nicht vorhersagen, so wie Reaktionen von Ratten in einem Labor. Anders als die Zombies im Film „Walking Dead“ auf Lärm, reagieren Menschen auf gleiche Ereignisse nicht immer notwendigerweise gleich. Die Ökonomen der FED müssten sich eigentlich den Kopf darüber zerbrechen, warum die Märkte nicht genauso auf die niedrigen Zinsen reagieren, wie sie es nach der Dot-Com-Blase getan haben. Das erinnert an das alte Sprichwort: „Hältst du mich einmal zum Narren, schäm‘ dich. Hältst du mich noch mal zum Narren, sollte ich mich schämen.“

Erhält jemand einen Doktortitel in Physik oder Medizin, beschäftigt er sich nicht mit Theorien von vor 200 Jahren. Die Forschung ist immer nach vorne gerichtet, oder? In der Ökonomie glauben wir fälschlicherweise, dass es genauso ist. Makroökonomie ist ein Bereich, der sich nicht weiter entwickelt, sondern eher sogar Rückschritte gemacht hat. Vor 80 Jahren gab es ein besseres Verständnis für Makroökonomie. Politiker haben Keynes auf ein Podest erhoben, weil er ihnen eine theoretische Grundlage gab, eine Politik zu rechtfertigen, die von den klassischen Ökonomen in der Vergangenheit zu Recht verspottet wurde.

Ökonomen wie Smith, Say, Ricard und Mill haben sich vehement dafür eingesetzt, die weit verbreitete Irrlehre zu zerstreuen, Überproduktion und zu wenig Geld wären das Problem. Die Ökonomen heute erzählen uns, alles wäre gut, es braucht nur die Nachfrage stimuliert zu werden oder die Geldmenge müsste mittels Quantitative Easing ausgeweitet werden. Das sind die gleichen Irrtümer, die die Merkantilisten vor 250 Jahren verkündeten. Der Unterschied zu damals liegt darin, dass die Ökonomen heute die Verbündeten der Merkantilisten sind und nicht ihre Gegner.

Die Aufgabe von Ökonomen ist es, nicht nur die direkten, sondern aus die indirekten Auswirkungen von Wirtschaftspolitik aufzuzeugen. Sie sollten uns nicht nur das Erkennbare aufzeigen, sondern auch das nicht Erkennbare, und noch viel wichtiger, was zu erwarten ist. Die Ökonomen hätten uns unisono informieren sollen, dass die immensen Staatsausgaben nach dem Crash von 2008 mehr Wachstum und Beschäftigung ausgelöst hätten, wäre das Geld in privaten Händen geblieben. Um „Abwrackprämien“ zu finanzieren, haben sich Staaten Geld geliehen, dass normalerweise für die Errichtung von Fabriken oder für Investitions- und Kapitalgüter verwendet worden wäre, den wirklichen Quellen wirtschaftlichen Wachstums. Murray Rothbard formulierte es einmal geschickt, in dem er sagte, die sei ein Transfer von „Ressourcen weg vom produktiven (privaten) Sektor, hin zum parasitären, öffentlichen Sektor“.

Wir leben auf einem Planeten, auf dem es eine Einschränkung gibt, man nennt sie Schwerkraft. Wir können uns dem anpassen, indem wir Flugzeuge bauen, aber wir können dem nicht trotzen und ohne Fallschirm von einem Hochhaus springen. Das Gleiche gilt für eine Volkswirtschaft hinsichtlich des Gesetzes der Knappheit. Fälschlicherweise glauben wir, dass wir – wenn die Regierung wertloses Papier herstellt oder jemands anderes Geld ausgibt – das Gesetz der Knappheit irgendwie auf den Kopf stellen können.

J.B. Say sagte einmal, die Ökonomen sollten „passive Beobachter“ sein und keine Ratschläge erteilen. Er hätte ergänzen sollen … „und nicht mit dem Feind ins Bett steigen“.

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Marquart. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Sad State of the Economics Profession ist am 17.4.2014 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Dr. Frank Hollenbeck lehrt Volkswirtschaft an der “International University” in Genf, Schweiz.

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