Japans Experiment scheitert

17.4.2015 – von Stephan Ring.

Die Japaner scheinen wie in einem gigantischen Forschungslabor alle Experimente der Wirtschafts- und (Papier)Geldpolitik durchzuspielen. Verwunderlich ist nur, dass diese später dann ohne Beweis des Erfolgs bei uns nachgemacht werden. Dabei sind alle Ergebnisse im Gegenteil sogar eine Bestätigung der Kernaussagen der österreichischen Schule der Nationalökonomie. Fiat-Money kann strukturelle Probleme langfristig nicht lösen. Das Drucken von Geld und das Manipulieren der Zinsen führt nicht zu mehr realem Wohlstand einer Volkswirtschaft, sondern nur zu immer größeren Blasen.

Es war das Platzen einer gewaltigen Blase aus Immobilien- und Aktienspekulation Anfang der 1990-er Jahre, wodurch das Land in Schwierigkeiten geriet. Zusätzlich zieht dort seit langer Zeit ein Horrorszenario aus Bevölkerungsrückgang und Überalterung auf. Zuwanderung wollen die Japaner nicht, Kinder auch nicht so recht – da ist diese Entwicklung vorgezeichnet.

Inzwischen bevölkern fast 10 Millionen Menschen, die 80 Jahre und älter sind, das japanische Inselreich – das sind 7,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Weitere 23,4 Millionen sind zwischen 65 und 80. Nimmt man noch 16,6 Millionen Japaner über 55 hinzu, für die das Rentenalter in den kommenden Jahren näher rückt, sind das schon rund 50 Millionen oder 39 Prozent der Bevölkerung, die mehr an den Lebensabend als an die Karriere denken.

Beim Blick in die folgende Tabelle muss man berücksichtigen, dass die Angaben in 10.000 sind. Die totale Bevölkerung oben links in den Rubriken von „12709“ bedeutet demnach 127,09 Millionen Menschen. Kuriosum am Rande: In Nippon leben mittlerweile schon 60.000 Leute, die 100 Jahre oder älter sind. Aber die Tabelle gibt auch noch eine andere Information wieder. Vergleicht man die Gesamtbevölkerung Japans von 127,1 Millionen mit der Zahl der Japaner von 125,5 Millionen erkennt man, dass derzeit nur 1,6 Millionen Ausländer, das sind 1,3 Prozent, in Japan leben.

Quelle: E-Stat, http://www.stat.go.jp/english/data/jinsui/tsuki/index.htm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man diese holzschnittartigen Angaben betrachtet, ahnt man schon, dass es in Japan mit der Konjunktur langfristig nicht zum Besten bestellt sein kann. Und in der Tat, in den letzten zwei Jahrzehnten brachte der einstige Wachstumsstar im Schnitt nur noch 0,7 Prozent jährliches reales Wirtschaftswachstum zuwege. Kreierten die Beobachter bereits Anfang der 2000-er Jahre den Begriff “verlorenes Jahrzehnt” für Japans Wirtschaft, kann man inzwischen von einem „verlorenen Vierteljahrhundert“ sprechen.

Auch die einst erfolgsverwöhnte japanische Industrie hat seit Ende der 1980-er Jahre nicht mehr zulegen können. Natürlich geht ein Teil davon auf die Tatsache zurück, dass Nippons Fabriken direkt in den dynamischeren Abnehmerländern errichtet werden. Die Gewinne daraus stehen ihnen als Früchte ihrer Investitionen zu. Aber das ändert nichts daran, dass sich daheim eine Art Mehltau über die Wirtschaft legt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun waren die Politiker in Tokio nicht untätig. Aber so richtig Nachhaltiges ist ihnen nicht eingefallen, um das Blatt zu wenden. Konjunkturprogramme auf Pump, niedrige Zinsen und Abwertungen des Yen, also das klassische Repertoire eines Fiat-Money-Systems, haben, der “Österreicher” würde sagen “erwartungsgemäß”, nicht angeschlagen.

Seit Dezember 2012 versucht es Premier Shinzo Abe jetzt mit einem weiteren Hauruckprogramm. Neue staatliche Ankurbelungsmaßnahmen, die Zinsen endlos bei null, die Notenbank kauft mit frisch gedrucktem Geld bis hin zu Aktien alles an, was auch nur halbwegs seriös aussieht, der Yen nochmals ein Drittel abgewertet. Um das noch zu steigern, müsste die Notenbank gleich Kühlschränke und Sushi aufkaufen.

Nur zwei Dinge hat Abe nicht oder nur teilweise umgesetzt. Strukturelle Reformen, die das Land fitter für die Zukunft machen könnten, bleiben bislang weitgehend aus. Und eine fiskalische Unterlegung der Ausgabenprogramme durch eine zweifache Mehrwertsteuererhöhung erweist sich als schwierig. Die erste Anhebung im Frühjahr 2014 hat ihm seinen mühsam angefachten Schein-Aufschwung schon wieder zerschossen (siehe folgende Grafik).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nichtsdestotrotz steckt Japan nach der gängigen Definition von zwei Quartalen realem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wieder in der Rezession. Konnte das Land im 1. Quartal 2014 im Jahresvergleich noch 2,6 Prozent Wachstum vorweisen, ging das reale BIP im 2. Quartal um 0,1 Prozent und im 3. Quartal sogar um 1,1 Prozent zurück. Eine schiere Katastrophe, wenn man bedenkt, mit welchem gigantischen Aufwand die Regierung den Aufschwung anzuschieben versucht hat.

Ein Umdenken im Sinne einer Abkehr vom ungedeckten Papiergeld setzt jedoch nicht ein. Mit 20 Jahren Verspätung biegt vielmehr nun auch Europa auf den japanischen Weg ein. Warum es bei uns unter vergleichbaren Vorzeichen zu anderen Resultaten kommen soll, hat noch niemand erklären können. Die Frage wird sicherheitshalber schon nicht gestellt.

Foto-Startseite: © nicholashan – Fotolia.com

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Dr. Stephan Ring ist Jurist und Vorstand des Ludwig von Mises Institut Deutschland.