Der Staat und die Kiste

23.1.2015 – von Ferdinand A. Hoischen.

Ferdinand A. Hoischen

Alle Jahre wieder dürfen die Staatsbürger in der „zivilisierten Welt“ zur Wahl gehen und die Personen und Organisationen aussuchen, von denen sie regiert werden wollen. Die meisten Wahlberechtigten merken schon kurz nach dem Wahltag, dass sie doch wohl wieder einmal von den falschen Politikern verwaltet werden. Und sie nehmen sich deshalb ganz ernsthaft vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Am nächsten Wahltag geben sie ihre Stimme dann für eine andere Partei und andere Politiker ab, nämlich solche, die lautstark versprechen, alles ganz anders und viel besser zu machen als die bisher Regierenden. Aber, wie es so ist, schon wenige Monate später wird den Wählern, die doch eine bewusste Entscheidung gegen die alte Politikergarnitur getroffen hatten, klar, dass nichts besser wird, eher sich noch mehr verschlechtert. Also sagt sich der mündige Wähler grimmig: „Aber beim nächsten Mal, da wähle ich dann ganz andere Politiker und dann wird es besser.“ Genauso macht er es – und nichts bessert sich, alles wird vielmehr noch übler. Und so geht es Jahrzehnt um Jahrzehnt und der Wähler wird nicht müde, es bei jeder Wahl erneut zu versuchen – und sich nach jeder Wahl langatmig und lauthals darüber zu beschweren, dass es wieder nicht geklappt hat. Aber beim nächsten Mal, dann ….

Und damit kommen wir zum Staat und seiner Kiste. Man stelle sich den Staat als Kiste vor, mit den Staatsgrenzen als hohen Seitenwänden. In der Kiste tummeln sich die unterschiedlichsten Spielfiguren: Menschen, Unternehmen, Institutionen, Häuser, Fabriken, Autos usw. Der Staat sagt zu den menschlichen Spielfiguren: „Ihr könnt in meiner Kiste soviel spielen, wie ihr wollt, aber nach meinen Regeln. Und alle vier Jahre dürft ihr aus den Figuren in dieser Kiste diejenigen auswählen, die euch regieren.“ Das tun die Spielpüppchen auch treu und brav. Aber nach den ersten Wahlen kommt bei ihnen Missstimmung auf, weil die Spielregeln immer einengender werden, der Kistenboden immer schmutziger wird und man ihnen immer mehr Spielsachen wegnimmt. Also sagen sie sich: „Beim nächsten Mal wählen wir nicht die Figuren aus der Ecke rechts oben, um uns zu regieren, sondern aus der linken oberen Ecke. Denn die haben versprochen, die Spielregeln zu lockern, mal wieder richtig sauber zu machen und uns neue und mehr Spielsachen zu geben.“ Gesagt, getan. Aber wie groß ist die Ernüchterung nach der nächsten Wahl! Die neuen Regierungsfiguren verschärfen die Spielregeln weiter, der Kistenboden wird noch schmutziger, man nimmt ihnen noch mehr Spielzeuge weg und bringt überall kleine Kameras an, damit man überwachen kann, dass beim Spielen keiner über die Stränge schlägt oder Spielzeug versteckt. Aber die Spielpüppchen wissen einen Ausweg: beim nächsten Mal wählen sie die Figuren aus der unteren rechten Ecke, denn die sind so schön aufrichtig und versprechen, dass mit ihrer Wahl alles besser wird. Doch auch diese Hoffnung löst sich in wohlgefälligen Dunst auf, es wird immer noch schlechter. Also sind beim nächsten Wahlgang die Figuren aus der unteren linken Ecke die Gewinner. Und wieder wird die Hoffnung der Spielpüppchen enttäuscht und sie bekommen am eigenen Leibe zu spüren, dass das Niveau noch tiefer sinken kann als sie eigentlich gedacht hatten. Aber sie bleiben tapfer und versuchen es immer wieder mit der Wahl anderer Figuren, roten, schwarzen, grünen und gelben bunt gemixt – und verstehen nicht, warum sich nichts ändert, wo sie doch eigentlich alles richtig gemacht haben.

Na ja, den Püppchen in der Kiste kann ein Tipp gegeben werden: fangt an zu denken! Wenn seit Jahrzehnten die Wahl aller möglichen unterschiedlichen Figuren in der Kiste als Regierungspersonal nichts an der Misere geändert hat, sind die Figuren wohl nicht die eigentliche Ursache des Problems. Kann es dann vielleicht sein, dass das wirkliche Problem gar nicht bei den Figuren zu suchen ist, sondern an der Kiste selbst liegt? Dass die ach so behagliche Kiste vielleicht genau die Probleme hervorruft, die man durch eine noch so (angeblich) bewusste und gut durchdachte Wahlentscheidung nicht beheben kann? Dass es vielleicht gut täte, mal „außerhalb der Kiste zu denken“ oder über die Seitenwand zu klettern? Schon ein Einstein wusste, dass immer wieder dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten, auf Geisteskrankheit hindeutet. Wenn man bei einem PKW mit kaputtem Motor ständig die Reifen wechselt und sich wundert, dass der Motor immer noch nicht läuft ….. Die standhaften Spielfiguren sollten eigentlich einen Behindertenausweis wegen Geistesschwäche beantragen. Aber das würde dann dazu führen, dass fast die ganze Kistenbevölkerung zu Schwerbehinderten erklärt wird und das will doch keiner.

Merke: Wer nicht nur – gezwungenermaßen – in einem Staat lebt, sondern auch noch brav nach dessen Regeln spielt und wählt, darf sich weder darüber wundern noch sich darüber beklagen, dass die Wahl unterschiedlichster Regierungsfiguren nichts am tristen Ergebnis mit sich verschlechternder Tendenz ändert. Er sollte vielmehr aufhören, sich mit dumpfem Fühlen zu begnügen und darauf zu hoffen, dass sich mittels der staatlichen Spielregeln etwas ändern lässt und statt dessen zu denken anfangen. Dann wird ihm schnell klar, dass die sich stetig verschlimmernden Umstände nicht auf die Politikerfiguren als grundlegende Ursache verweisen, sondern auf den Staat selbst. Will er diesen gedanklichen Schritt nicht tun, sollte er seinen Mund halten und sich nicht über das Ergebnis der Wahlen beklagen und rumjammern. Denn genau dieses Ergebnis hat er mit seiner Anerkennung des Staates durch Wahlteilnahme gewollt und das wird ihm nach jeder Wahl auch immer wieder gut und hart beigebracht.

Wer nicht denken will, muss fühlen!

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Ferdinand A. Hoischen ist Jurist (Studium an der Universität Bonn) und war bis 1997 als Anwalt in Düsseldorf tätig. Seit 1997 wohnt er mit seiner Familie in Vetlanda/Schweden und ist im Wirtschafts- und Zivilrecht beratend tätig.

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