Zehn große ökonomische Mythen (Teil 3)

10.12.2014 – Der folgende Beitrag ist Murray N. Rothbard‘s Buch “Making Economic Sense” (1995) entnommen. Es handelt sich um das Kapitel “Ten Great Economic Myths” (Seite 7 – 19), das hier in drei Teilen veröffentlicht wird. Teil 1 der Reihe wurde am 26.11.2014, Teil 2 am 3.12.2014 veröffentlicht. Übersetzt von Dr. Bernhard Pieper.

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Murray N. Rothbard (1926 - 1995)

Zahlreiche ökonomische Mythen plagen unser Land, vernebeln das Denken der Öffentlichkeit über wichtige Probleme und verführen uns dazu, falsche und gefährliche wirtschaftspolitische Maßnahmen zu akzeptieren…

Mythos 7: Deflation – sinkende Preise – ist unter allen Umständen zu vermeiden und würde eine katastrophale Depression herbeiführen.

Die Öffentlichkeit hat ein kurzes Gedächtnis. Wir haben vergessen, dass seit Beginn der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs die Preise in der Tendenz Jahr für Jahr sanken. Freie Märkte sorgten für beständige Steigerungen der Produktivität und bei der Herstellung von Gütern, und das ließ die Preise fallen. Dies ging jedoch keineswegs mit einer Depression einher, denn gleichzeitig gingen auch die Kosten zurück. Normalerweise blieben die Löhne unverändert, während die Lebenshaltungskosten sanken, so dass die realen Löhne bzw. der allgemeine Lebensstandard kontinuierlich stiegen.

Eigentlich stiegen die Preise während dieser zwei Jahrhunderte nur in Kriegszeiten (Krieg von 1812, Bürgerkrieg, Erster Weltkrieg), wenn die kriegführenden Regierungen das Geldangebot zur Kriegsfinanzierung so stark aufblähten, dass der Produktivitätsfortschritt überkompensiert wurde.

Am Computermarkt der letzten Jahre lässt sich sehr schön beobachten, wozu Kapitalismus bei freien Märkten, unbelastet durch Regierungs- oder Zentralbankinflation, in der Lage ist. Selbst einfache Rechner waren früher riesig und kosteten Millionen. Heute hingegen fallen die Computerpreise noch während ich hier schreibe, als Folge eines unglaublichen Anstiegs der Produktivität im Zuge der Halbleiterrevolution. Computerhersteller sind trotz der fallenden Preise erfolgreich, weil ihre Kosten ebenfalls sinken und die Produktivität steigt. Letztlich ermöglichten es ihnen erst die fallenden Kosten und Preise, einen Massenmarkt als typisches Merkmal des freien Marktkapitalismus anzuzapfen. „Deflation“ stürzte die Branche keineswegs ins Unglück.

Das gleiche gilt für andere Branchen mit hohem Wachstum, wie die für Taschenrechner, Kunststoffe, Fernseher und Videorekorder. Deflation ist ein Kennzeichen gesunden und dynamischen Wachstums und ist weit entfernt davon, eine Katastrophe herbeizuführen.

Mythos 8: Die beste Steuer ist eine “flat tax” für alle Einkommen, ohne Ausnahmen und ohne Absetzungsmöglichkeiten

Die Befürworter einer Einkommensteuer in Form einer “flat tax” ergänzen ihren Vorschlag üblicherweise mit dem Hinweis, dass die Streichung von Ausnahmetatbeständen es der Regierung ermöglichten, die Steuersätze erheblich zu senken.

Aber erstens unterstellt diese Sichtweise, dass bestehende Absetzungsmöglichkeiten von der Einkommenssteuer ungerechtfertigte Subventionen oder Schlupflöcher darstellen, die zugunsten der Allgemeinheit zu schließen sind. Eine Abzugsmöglichkeit oder ein Ausnahmetatbestand lassen sich jedoch nur als „Schlupfloch“ verstehen unter der Annahme, dass dem Staat an sich 100 Prozent der Einnahmen zustehen und folglich unbesteuerte Einkommensteile als irritierende Schlupflöcher erscheinen. Jemandem einen Teil seines eigenen Einkommens zu belassen, stellt allerdings weder eine Subvention, noch ein Schlupfloch dar. Die allgemeinen Steuersätze zu senken, durch Streichen von Absetzungsmöglichkeiten für Gesundheitsausgaben, Zinszahlungen oder für unversicherte Verluste, bedeutet nichts anderes als die Steuern für eine Gruppe zu senken (die ohne medizinische Ausgaben, Zinszahlungen oder unversicherte Verluste) auf Kosten derjenigen mit solchem Aufwand.

Zweitens besteht nicht die geringste Sicherheit oder auch nur Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Regierung die Steuersätze auch so niedrig belässt, wenn die Ausnahmen und Absetzungsmöglichkeiten erst einmal abgeschafft sind. Ein Blick auf das Regierungshandeln in Vergangenheit und Gegenwart gibt allen Grund zur Annahme, dass uns die Regierung wieder mehr Geld abknöpfen würde, wenn sie die Steuersätze (mindestens) wieder auf altes Niveau anhebt und so die Produzenten zugunsten der Bürokratie noch stärker schröpft.

Allgemein wird angenommen, dass das Steuersystem im Wesentlichen analog zum Einkommens- oder Preismechanismus auf den Märkten funktionieren sollte. Aber auf den Märkten verhalten sich die Preise nicht proportional zum Einkommen. Wir lebten in einer merkwürdigen Welt, in der z.B. Rockefeller gezwungen würde, für einen Laib Brot 1000 $ zu zahlen, d.h. einen Preis proportional zum Einkommen relativ zum Durchschnittseinkommen. In dieser Welt würde Einkommensgleichheit auf ganz besonders bizarre und ineffiziente Art und Weise erzwungen. Würden Steuern wie Marktpreise erhoben, wären sie für alle „Kunden“ gleich und nicht proportional zum Einkommen der jeweiligen Kunden.

Mythos 9: Eine Steuersenkung nützt allen; nicht nur der Steuerzahler, sondern auch die Regierung profitiert, da die Steuereinnahmen bei niedrigeren Steuersätzen steigen

Dies entspricht der sogenannten „Laffer-Kurve“ nach dem kalifornischen Ökonom Arthur Laffer. Sie sollte den Politikern die Quadratur des Kreises ermöglichen; Steuerkürzungen verkünden, die Ausgaben unverändert hoch beibehalten und ein ausgeglichenes Budget vorweisen und das alles gleichzeitig. Auf diese Art und Weise käme die Allgemeinheit in den Genuss von Steuerkürzungen, freute sich über das ausgeglichene Budget und erhielte dennoch das gleiche Niveau an Subventionen vom Staat.

Es stimmt zwar, dass die Steuereinnahmen bei einer Kürzung des Steuersatzes von 99 auf 95 Prozent steigen. Es besteht aber kein Grund für die Gültigkeit dieses simplen Zusammenhangs zu unter allen Bedingungen. Tatsächlich funktioniert dieser Zusammenhang viel besser bei einer lokalen Verbrauchssteuer als bei einer Einkommenssteuer auf nationaler Ebene. Vor einigen Jahren beschloss die Regierung des District of Columbia, für mehr Einnahmen zu sorgen, indem sie die Benzinsteuer des Bezirks drastisch erhöhte. Aber dann machten die Fahrer mal schnell eine Stippvisite über die Grenze nach Virginia oder Maryland, um dort viel billiger zu tanken. Die Einnahmen aus der Benzinsteuer sanken in D.C.; sehr zum Groll wie auch zur Überraschung der Bürokraten musste die Steuererhöhung zurückgenommen werden.

Mit einer Einkommenssteuer passierte gleiches nicht so ohne weiteres. Die Menschen werden wegen einer relativ geringen Steuererhöhung nicht einfach aufhören zu arbeiten oder auswandern bzw. bei einer Steuersenkung das Gegenteil tun.

Es gibt weitere Probleme mit dem Konzept der Laffer-Kurve. Die für die Anpassung benötigte Dauer wird nirgends spezifiziert. Und noch viel wichtiger: Laffer unterstellt, wir wollten die Steuereinnahmen der Regierung maximieren. Wenn – ein großes Wenn – wir uns in der oberen Hälfte der Laffer-Kurve befänden, befürworteten wir also den Steuersatz des „Optimalpunktes“. Aber warum? Warum sollte es überhaupt unser Ziel sein, die Steuereinnahmen der Regierung zu maximieren? Oder, mit anderen Worten, den Teil der privaten Produktionsleistung maximieren, der für Regierungsaktivitäten abgeschöpft wird? Ich glaube, wir haben eher ein Interesse daran, die Regierungseinnahmen zu minimieren, indem der Steuersatz weit unter den Wert des Laffer-Optimums heruntergedrückt wird.

Mythos 10: Importe aus Niedriglohnländern verursachen Arbeitslosigkeit in den USA

Eines der vielen Probleme dieser Doktrin besteht in der Vernachlässigung der Frage, warum die Löhne in manchen Ländern so niedrig sind und in den USA so hoch? Es beginnt bereits damit, diese Lohnsätzen als gottgegeben anzusehen, ohne der Frage nachzugehen, warum das so ist. Im Wesentlichen sind die Löhne in den USA so hoch, weil die Arbeitsproduktivität so hoch ist – weil die Arbeiter hier durch große Mengen technisch modernen Kapitals unterstützt werden. In vielen anderen Ländern sind die Löhne niedrig, weil der Kapitalstock klein, sowie technisch primitiv ist. Ohne die Hilfe eines großen Kapitalstocks ist die Arbeitsproduktivität viel niedriger als in den USA. Folglich stellen hohe Löhne keine dauerhafte Bedrohung für den Wohlstand der Amerikaner dar, sie resultieren vielmehr aus dem Wohlstand.

Aber was ist von bestimmten Branchen in den USA zu halten, die ebenso laut wie chronisch über „unfairen“ Wettbewerb durch Anbieter aus Niedriglohnländern klagen? Hier müssen wir uns vergegenwärtigen, dass in jedem Land die Löhne untereinander über Branchen, Tätigkeiten und Regionen hinweg in Verbindung stehen. Alle Arbeiter stehen miteinander im Wettbewerb. Wenn die Löhne in Branche A weit unter dem in anderen Branchen liegen, verlassen Arbeiter diese Branche oder beginnen dort erst gar nicht – wobei junge Arbeiter zu Beginn ihrer Karrieren die Speerspitzen bilden – und sich in Richtung anderer Branchen oder Unternehmen orientieren, die höhere Löhne zahlen.

Die Löhne der klagenden Branchen sind folglich deshalb so hoch, weil sie durch die übrigen Branchen hochgetrieben wurden. Wenn die amerikanischen Stahl- und Textilbranchen Schwierigkeiten haben, im Wettbewerb mit Konkurrenten aus dem Ausland zu bestehen, liegt das nicht an von ausländischen Unternehmen gezahlten niedrigen Löhnen, sondern daran, dass andere amerikanische Branchen die Löhne höher getrieben haben, als die Stahl- und Textilunternehmen es sich leisten können. Das bedeutet mit anderen Worten, dass diese Unternehmen den Faktor Arbeit weniger effizient nutzen als die übrigen Branchen. Zölle und Importquoten mit dem Ziel, ineffiziente Unternehmen oder Branchen am Leben zu halten, schaden jedem in jedem Land, außer denen in den geschützten Branchen. Sie schaden allen amerikanischen Konsumenten, indem die Preise hoch, die Qualität und der Wettbewerb niedrig gehalten sowie die Produktionsstrukturen verzerrt werden. Zölle und Importquoten sind äquivalent mit dem Aufreißen eines Schienennetzes oder der Zerstörung einer Fluggesellschaft, denn diese Maßnahmen sollen den grenzüberschreitenden Transport künstlich verteuern.

Zölle und Importquoten schaden auch den anderen, den effizienten US-Branchen, indem sie Ressourcen binden, die andernfalls hin zu effizienterer Nutzung wanderten. Langfristig erweisen sich Zölle und Quoten – wie alle von der Regierung vergebenen Monopole und Privilegien – nicht einmal für die geschützten und subventionierten Unternehmen als Goldgruben. Denn wie wir es am Beispiel von Eisenbahngesellschaften und Fluglinien, also Branchen mit von der Regierung ausgestatteten Monopolen (gleichgültig ob durch Zölle oder Regulierung), beobachten konnten, werden sie schließlich so ineffizient, dass sie trotz allem Verluste produzieren und nur noch um weitere  Rettungsmaßnahmen betteln können, und um noch mehr Privilegien als Schutz vor Wettbewerb.

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Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.