Sechs Mythen über Geld und Inflation

25.8.2014 – von Patrick Barron.

Patrick Barron

Im Folgenden finden sich einige der gängigsten ökonomischen Mythen, die regelmäßig in den Massenmedien auftauchen. Ich werde zu jedem Mythos eine kurze Beschreibung liefern und dann jeweils die Tatsachen aus österreichischer Sicht darlegen.

Mythos #1: Die Erhöhung der Geldmenge führt zu wachsendem Wohlstand

Dieser keynesianische Mythos postuliert, dass die Erhöhung der Gesamtnachfrage, bedingt durch eine Ausweitung der Geldmenge, zu mehr Ausgaben, höherer Beschäftigung, erhöhter Produktion und insgesamt höherem Lebensstandard führt.

Tatsache ist, dass die Erhöhung der Geldmenge zu Fehlinvestitionen führt. Das Zeitgerüst der Produktion wird aus dem Gleichgewicht gebracht, weil Investitionen in Projekte angeregt werden, die zeitlich weiter vom Konsumentennutzen entfernt sind als sonst. Die individuellen Zeitpräferenzen, und damit die Sparquote, bleiben zunächst gleich, so dass die zur profitablen Fertigstellung aller Projekte notwendigen Ressourcen nicht ausreichen. Steigen nun wegen unveränderter Sparquote die Preise, müssen diese Projekte aufgegeben werden und die Kapitalvernichtung wird sichtbar. Die Produktionsrate liegt als Folge unter dem Niveau, das ohne Geldmengenausweitung erreicht worden wäre. Die Arbeitslosenquote steigt, während sich die Arbeiterschaft an die neuen wirtschaftlichen Umstände anpasst.

Mythos #2: Die Manipulation der Zinsrate führt zu wachsendem Wohlstand

Dies ist die logische Folge von Mythos #1, die aber eine eigene Diskussion verdient. Aus keynesianischer Sicht sind niedrige Zinsraten von Vorteil und somit ist es Aufgabe staatlicher Institutionen, Zinsraten durch Markteingriffe zu senken.

Tatsache ist, dass Zinsraten ein Produkt des Marktes sind, das die Wechselwirkung zwischen der Nachfrage nach verleihbaren Mitteln und dem Angebot von verleihbaren Mitteln widerspiegelt. Schwankende Zinsraten werden durch komplexe Umstände erzeugt, die vorab weder als gut noch als schlecht zu bezeichnen sind. Zinsraten könnten, zum Beispiel, hoch sein, weil Unternehmer dank technischer Durchbrüche oder dem Wegfall bürokratischer Hürden überdurchschnittlich profitable Investitionsmöglichkeiten sehen. Bei unveränderter Zeitpräferenz, und somit unveränderter Sparquote, steigt nun der Zins und misst so die knappen Ersparnisse den am dringendsten nachgefragten Investitionen zu. Andererseits könnte die Zinsrate niedrig liegen, wenn bei gleichbleibenden Investitionsmöglichkeiten eine Änderung der Zeitpräferenz zur Erhöhung der Sparquote führt. Genauso können aber Sparrate und Kreditnachfrage zur gleichen Zeit hoch sein. Die Manipulation der Zinsrate ist eine reine Fantasiehandlung, durchgeführt von staatlichen Stellen, die glauben, den Einfluss milliardenfacher, individueller Entscheidungen auf Angebot und Nachfrage von Geld zu kennen.

Mythos #3: Abwertung der eigenen Währung führt zu wirtschaftlicher Erholung dank höherer Exporte

Tatsache ist, dass Nation A durch Wechselkursmanipulation Nation B nicht dazu zwingen kann, die Wirtschaft von Nation A zu subventionieren. Kurzfristig subventioniert die Erhöhung der lokalen Währungsmenge ausländische Käufer, aber danach steigt das Preisniveau im Inland. Die Erstempfänger des frischen Geldes – Exporteure, deren Angestellte und Lieferanten usw. – profitieren auf Kosten der Spätempfänger. Mit ansteigendem Preisniveau schrumpft der Preisvorteil für ausländische Käufer. Nun rufen die Exporteure nach einer weiteren Abwertungsrunde. Die größten Gewinner sind die ausländischen Käufer. Nach ihnen kommen die Exporteure, deren Vorteil sich aber mit der Zeit verflüchtigt. Die Verlierer sind die Nicht-Exporteure, insbesondere die Bezieher nominaler Einkommen.

Mythos #4: Geldmengenausweitung führt nicht zu höheren Preisen

Zurzeit sind die Regierungen damit beschäftigt, den Menschen einzureden, dass weder die Finanzierung der Staatschulden durch die Notenbank, noch die allgemeine „monetäre Lockerung“ das Preisniveau erhöht.

Tatsache ist, dass ökonomische Gesetze auch im Geldwesen ihre Gültigkeit behalten. Ludwig von Mises und andere österreichische Ökonomen haben gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen Geldmengeninflation und Preisniveau nicht mechanischer Natur ist. Nichtsdestotrotz bildet laut Mises die „Quantitätstheorie des Geldes“ das Fundament aller Geldtheorien, wonach eine positive Beziehung zwischen Geldangebot und Preisniveau besteht. Mehr Geld führt schlussendlich zu höheren Preisen (und umgekehrt). Verwirrung entsteht häufig daraus, dass das Preisniveau während einer Geldmengenausweitung durchaus fallen kann, solange das frische Geld und eine gewisse Menge des alten Geldes gehortet werden. Dies ist nach Mises die erste von drei Inflationsphasen. Die Marktteilnehmer rechnen zunächst mit gleichbleibenden oder fallenden Preisen und erhöhen am Anfang der Geldmengenexpansion nicht ihre Ausgaben. Irgendwann erkennt die Öffentlichkeit, dass die Geldmengenexpansion nicht aufhören wird und dass sich das Preisniveau nicht mehr verringern wird. Nun beginnt man die Ausgaben zu erhöhen, um zu den heutigen, im Vergleich zur Zukunft niedrigeren, Preisen kaufen zu können. Das Preisniveau beginnt zu steigen, selbst wenn gleichzeitig die Geldmenge schrumpft, denn die Öffentlichkeit gibt das vorher angesparte Geld nun schneller aus. Dies ist nach Ludwig von Mises die zweite Inflationsphase. In der letzten Phase verliert das Geld seinen Wert, da es nun so schnell wie möglich ausgegeben wird. Dies bezeichnet Mises als „Katastrophenhausse“.

Mythos #5: Mehr, bessere und strengere Vorschriften können Verluste aus Kredit- und Anlagegeschäften verhindern

Politiker und Aufsichtsbehörden glauben, dass die Ursache früherer Finanzkrisen eine Kombination aus Dummheit, Gier und Verbrechertum der Banker und Finanzvertriebe ist.

Tatsache ist, dass durch Geldmengeninflation bedingte Fehlinvestitionen selbst mit Armeen von Aufsichtsbeamten, bewaffnet mit modernsten Analysewerkzeugen und unbeschränkter Macht, nicht verhindert werden können. Geldmengeninflation ermutigt zu längerfristigen Projekten, deren prognostizierter Erfolg stark vom Zinsniveau abhängt. Ohne eine Zunahme der Sparrate werden viele dieser Projekte mangels Ressourcen unprofitabel bleiben und liquidiert werden müssen. Verluste bei Banken und Investoren sind unvermeidlich.

Mythos #6: Der Staat kann die Hyperinflation unterdrücken

Dies ist die logische Folge von Mythos #4. Wenn unsere Geldherren überzeugt sind, dass Geldmengeninflation nicht unausweichlich das Preisniveau erhöht, dann glauben sie auch, dass sie in der Lage sind, eine Hyperinflation, den Ruin des Geldes, zu verhindern.

Tatsache ist, dass Hyperinflation entsteht, wenn die Öffentlichkeit das Vertrauen in eine Währung verliert. Dies ist ein Prozess, den die Obrigkeit nur schwer kontrollieren kann. Wenn die Panik einmal beginnt, sinkt die private Geldnachfrage gegen null und die Preise explodieren. Selbst wenn der Staat jetzt den Ernst der Lage erkennt und den Geldzufluss einfriert, wird die Panik ihren Lauf nehmen, denn keiner will der Letzte sein, der wertloses Papier hält. Aber wahrscheinlicher ist, dass der Staat, bewusst oder unbewusst, der Panik noch Vorschub leistet, indem Zahlungen an mächtige Wählergruppen, zum Beispiel Pensionäre, Rentner, öffentliche Angestellte usw., erhöht werden. So geschah es im Frankreich der Revolution, in der Weimarer Republik und in Zimbabwe. Es gibt kaum Grund zur Annahme, dass die Mentalität heutiger Geldherren fortschrittlicher ist.

Zusammenfassung

Ich ermutige österreichische Ökonomen dazu, auf diese Mythen hinzuweisen, wo immer sie ihnen begegnen mögen. Mit Briefen an die Redaktionen großer Zeitungen habe ich einigen Erfolg erzielt. Deren Redakteure scheinen aufrichtig dankbar über höfliche Schreiben, die den österreichischen Standpunkt erläutern. Ferner enthält Wirtschaftsliteratur oft keynesianische Annahmen, die die Erzählung Richtung Interventionismus lenken. Vielen Journalisten fehlt es an ökonomischer Bildung, deshalb sollten „Österreicher“ auch ihnen gegenüber diese Mythen erläutern.

Aus dem Englischen übersetzt von Arne Wolframm.

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Patrick Barron ist selbständiger Berater im Finanzwesen. Er lehrt an der Graduate School of Banking an der Universität Wisconsin, Madison. Außerdem unterrichtet er die “Österreichische Schule der Nationalökonomie” an der Universität Iowa, Iowa City. Seine Website ist: http://patrickbarron.blogspot.de/