Krisen sind Prozesse des Aufdeckens von Illusionen

28.7.2014 – Olivier Kessler („Schweizerzeit“) sprach mit Rahim Taghizadegan anlässlich der Buchvorstellung „Österreichische Schule für Anleger“.

Sie sind der Meinung, dass wir in einer «Wohlstandsillusion» leben. Was meinen Sie damit?

Rahim Taghizadegan

Um mit einer Analogie zu sprechen: Der Kontostand scheint hoch, aber die meisten Rechnungen sind noch offen. Die reale Wertschöpfung kann mit der steigenden Wertabschöpfung nicht mehr mithalten. Ein grosser Teil unseres gefühlten Wohlstands ist Kapitalverzehr, teils Rückgriff auf die Vergangenheit, teils Vorgriff auf die Zukunft. Diese Erkenntnis ändert die Perspektive auf Anlagefragen völlig.

Sie veröffentlichten ein Buch, in welchem Sie Anlegern die Philosophie der Österreichischen Schule näherbringen wollen. Was ist an dieser Österreichischen Schule so speziell und warum sollte man diese als Anleger kennen?

Sie entstand im nüchternen, interdisziplinären alten Wien als Studium des ökonomischen und politischen Wahnsinns des 20. Jahrhunderts mit den Werthaltungen des 19. Wien war die kleine Welt, in der die grosse ihre Probe hält: All die bedeutenden Umschwünge des 20. Jahrhunderts spielten sich hier zuerst ab und konnten – zunächst noch nüchtern und unbeschadet – analysiert werden. Die Wiener Schule entwirft keine idealen Modelle, sondern steigt in die Niederungen der Realität: Krisen, Interventionen, Fehler und Illusionen, unkontrollierbare Dynamiken und die Diskrepanz zwischen Absichten und Resultaten bilden ihr Forschungsfeld.

Grosse, erfolgreiche Investoren wie etwa Warren Buffet, George Soros oder Nassim Taleb wurden von der Österreichischen Schule beeinflusst. Inwiefern äussert sich dieser Einfluss? Was machen diese Persönlichkeiten anders als ihre Konkurrenz?

Sie sind kontrazyklisch geimpft, wenngleich das die weniger moralischen Akteure natürlich nicht von prozyklischen Verlautbarungen und politischen Manövern abhält. Ein guter Spekulant ist nicht notwendigerweise ein guter Ökonom. Die Österreichische Schule hilft beträchtlich dabei, eine geistige Souveränität gegenüber ökonomischen und politischen Anmassungen zu entwickeln – und damit nicht mehr bloss Spielball, sondern Akteur zu sein. Homo agens! – der Mensch als eigenverantwortlicher Gestalter seiner Welt, das war die Devise von Ludwig von Mises.

Die Unsicherheit über die richtigen Investitionen ist heute gross. Kurse können jederzeit einbrechen und von heute auf morgen können die Ersparnisse eines ganzen Lebens dezimiert werden. Worin sehen Sie die Ursachen für diese Unsicherheit der heutigen Tage?

Künstlich erhöhte Volatilität ist eine der negativen Folgen moderner Blasenökonomik, deren Dynamiken im erwähnten Buch ausführlich analysiert werden. Der Versuch der Geldmengensteuerung ist eine Hybris, die zur Ausbildung einer letztlich unkontrollierbaren Tektonik zwischen Inflation und Deflation führt.

Sie empfehlen den Lesern, Ihre Anlageentscheide möglichst unabhängig von der künftigen Entwicklung zu treffen, weil die Zukunft nicht vorhersehbar sei. Ist den Zukunftsprognosen der Experten Ihrer Meinung nach nicht zu trauen?

Nicht bloss meiner Meinung nach: Jeder systematische Vergleich von Experteneinschätzungen mit der Realität über längere Zeiträume zeigt eine Trefferwahrscheinlichkeit, die deutlich schlechter liegt als der Zufall. Je mehr Medienaufmerksamkeit diese Experten geniessen, desto schlechter noch ihre Prognosen. Das hat aber wenig mit Inkompetenz zu tun, sondern viel mit Psychologie: Gerade in der Ökonomik (und noch verheerender in der Politik) ist Wissensüberschätzung eine grosse Gefahr, vor der am ehesten noch (aber freilich nicht völlig) die Wiener Schule bewahren kann; zudem führt die Aufmerksamkeitsbewirtschaftung der Massenmedien zu falschen Filtern und Verstärkungen; schliesslich sind die politischen Anreize der Bescheidenheit und dem reinen Erkenntnisdrang nicht förderlich.

In Zeiten der Geldmengenausdehnung entkoppeln sich die ausgewiesenen Preise oftmals von den realen Werten. Wie kann ein Anleger hier noch den Überblick behalten, wenn er in erfolgsversprechende Unternehmen investieren will?

Preise sind historische Daten, aus denen sich ohne Theorie nichts über die Entwicklung ablesen lässt. Theorie ist u.a. der Versuch, Dynamiken zu erkennen. Die angesprochene Problematik führt zum „Value Investing“, das teils auf Einsichten der Wiener Schule beruht, teils um diese ergänzt werden muss. Genau dieser Versuch, veränderliche und ungewisse Werte im Dickicht der Preise ausfindig zu machen, ist eine Säule des „Austrian Investing“, wie es in unserem Buch dargestellt wird.

Sie empfehlen feste Portfolioquoten für die Vermögensanlage: 30 Prozent liquide Horte (Bargeld, Bankguthaben, Edelmetalle etc.), 30 Prozent Kapital (Maschinen, Werkzeuge, Unternehmensbeteiligungen, vermietete Immobilien etc.), 30 Prozent langlebige Konsumgüter (bewohnte Immobilie, Kunstgegenstände etc.) und 10 Prozent Stiftungen (Anteile an Unternehmungen für karitative, wissenschaftliche, friedensstiftende, kulturelle und naturschützende Zwecke). Welche Überlegungen stecken hinter diesen festen Portfolioquoten?

Die drei gleichen Teile sind eine alte Weisheit aus dem Alpenraum, das Zehntel eine noch ältere, noch universellere Weisheit. Feste Quoten dienen der Anlagedisziplin und erlauben über längere Zeiträume Massstäbe, die zum automatischen Auflösen überbewerterter Positionen zugunsten unterbewerteter Positionen führen.

Sie haben sich auch Überlegungen angestellt, welche Anlageformen vor dem Zugriff des Staates am besten geschützt sind. Müssen wir uns vermehrt vor Enteignungen durch den Staatsapparat fürchten?

Dies ist eine frühe Erkenntnis der realistischen „Österreicher“: In der Geschichte hat sich als grösste Gefahr für Privatanleger stets der institutionalisierte Apparat des Gewaltmonopols erwiesen. Das ist eine nüchterne empirische Beobachtung, die durch eine theoretische Anreizanalyse gedeutet werden kann, keine bloss ideologische „Staatsfeindlichkeit“. Gegen Ende eines grossen Blasenzyklus wächst die Wahrscheinlichkeit des direkten Vermögenszugriffs. So lässt sich etwa die Judenverfolgung der National-Sozialisten ökonomisch als grosse Gläubigerenteignung deuten.

Als relativ gering erachten sie die Enteignungsgefahr bei Edelmetallen. Haben Sie keine Angst davor, dass wie damals in den USA im Jahr 1933 das Gold verboten werden könnte?

Angst ist kein guter Ratgeber. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht null, aber aufgrund der Symbolik und dem in Mitteleuropa etwas stärkeren Bezug der Bevölkerung zur Goldanlage geringer als einst in den USA. Zudem würde das gewichtigen Finanzinteressen zuwiderlaufen. Viel wahrscheinlicher ist dichtere Regulierung und Steuerüberwachung, die in Richtung Verdrängung des Bargelds und damit Nachverfolgbarkeit von Goldkäufen geht.

Worin besteht eigentlich die jahrtausend-alte Faszination für Gold?

Gold ist eines der souveränsten Anlagegüter, weil es keiner Vertrauensstruktur bedarf. Selbst in den totalitärsten Phasen der Weltgeschichte löste es sich nicht in Luft auf, sondern verkroch sich unter die Erde, wo das Edelmetall unbeschadet Generationen überdauern kann. „Edel“ im Edelmetall bezeichnet zunächst eine physikalische Eigenschaft, die freilich eine kultische Überhöhung – bei Gold als Sonnenmetall – nahelegt, sowie eine besondere Eignung als Schmuck. Letztlich gibt es aber neben den physikalischen und historischen Ursachen, vor allem einen ökonomischen Grund: Die lange Nachfrage aus Kult- und Schmuckbedarf führte zu ausgeprägtem Horten, das durch die physikalische Beständigkeit den Bestand zu einem Vielfachen der jährlich förderbaren Menge anwachsen liess. Dieses hohe „stock-to-flow-ratio“ führt dazu, dass sich Gold ökonomisch anders als übliche Rohstoffe verhält.

Edelmetalle zeichnen sich Ihrer Meinung nach durch ihre hohe Liquidität aus und würden deshalb von Nationalbanken vorzugsweise als Währungsreserve gehalten. Die Schweizer Nationalbank hat in den vergangenen Jahren massiv Gold verkauft. Wie erklären Sie sich diese Verkaufseuphorie?

Durch die Politisierung der Nationalbanken, die auch die Schweiz nicht verschonte, wodurch eine neue Geisteshaltung eindringt: typisch politische Kurzfristigkeit, der Druck, die derzeitige Weltwährungsordnung mitzustützen und dadurch politisch „dazuzugehören“ und zeitgeistige ökonomische Theorie, die sich aufgrund der Anreize in aller Regel für politische Befindlichkeiten prostituiert.

Sollte die Nationalbank verpflichtet werden, einen gewissen Anteil in Gold zu halten, wie dies die Goldinitiative fordert?

Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung, um die Unverwechselbarkeit der Marke „Schweizer Franken“, die für Stabilität stand, zu bewahren und ein völliges Untergehen in der breiten Masse politisch beliebig manipulierbarer Papiergeldwährungen zu verhindern.

Sie sind der Auffassung, dass wir uns derzeit in einer riesigen Staatsanleihen-Blase befinden. Wie kommen Sie darauf?

Müssten die Staaten wie Unternehmen bilanzieren, hätten die meisten schon längst Konkurs anmelden müssen. Inflationierung führt zu künstlichen, praktisch risikolosen Renditen für Anleihenhalter, die aber nicht durch Wertschöpfung gedeckt sind – dadurch werden Mittel in Staatsanleihen „geparkt“, weil man sich damit nicht mehr auf die zunehmend volatileren „Strassen“ der Realwirtschaft traut. Preissteigerung ohne Wertsteigerung ist definitorisch für eine Blase.

Wenn ich ihr Buch richtig verstanden habe, betrachten Sie den Kauf von Staatsanleihen als unmoralisch, da man damit auf eine höhere Enteignung der Steuerzahler spekuliere. Ist das wirklich die Absicht der Käufer von Staatsanleihen?

Gute Absichten verbürgen leider keine guten Resultate. Die meisten heute emittierten Staatsanleihen sind reine Nachschubfinanzierungen für eine gewaltige Schuldenpyramide, die auf dem Steueraufkommen zukünftiger Generationen aufgebaut ist. Sie dienen keinem Wertaufbau, sondern sind vielmehr auf unsere Kinder und Enkelkinder gezogene Schuldscheine.

Sie kritisieren Staatsanleihen als „eine Art Pyramidenspiel, das langfristig nicht bestehen kann.“ Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Ein Pyramidenspiel erkennt man daran, dass immer neue Einzahler nötig sind, um frühere Einzahler auszuzahlen, also keine Wertschöpfung stattfindet, die Dividenden und Zinsen finanzieren kann. Mögen staatlich besoldete Ökonomen noch so hohe „Umwegrentabilitäten“ errechnen, tatsächlich entsprechen die meisten Staatsausgaben Konsum und nicht realen Investitionen. Langfristig kann dieses staatliche Konsumniveau nicht aufrecht erhalten werden, weil die Steuerbasis schon weitgehend abgeschöpft ist. Die angestrebten Steuermittel aus höherer Vermögensbesteuerung und globalen Steuerkartellen beruhen auf Milchmädchenrechnungen. Natürlich haben internationale Konzerne eine gewisse Flexibilität bei der Versteuerung, doch ohne politisch vergrösserte Skaleneffekte wie diese würden sie auch dem Wettbewerbsdruck durch kleinere und damit flexiblere Unternehmen weniger standhalten. Die Folge eines steigenden internationalen Steuerdrucks wäre bloss die direkte staatliche Subventionierung der Grossen – der „Arbeitsplatz“-Fetisch würde also dafür sorgen, dass alle zusätzlich eingetriebenen Mittel sofort in weniger effizienter Wirtschaftspolitik versiegen würden. Der Ruf nach Ausweitung der Steuerwüsten zulasten vermeintlicher „Oasen“ hat also nicht die Absicht, die Staatsbudgets auszugleichen, sondern schlicht den Staatsanteil zu vergrössern und damit noch mehr Menschen von der Last zu „befreien“, ihren Mitmenschen wirklich zu dienen.

Angenommen, die staatliche Währung bricht eines Tages an ihrer kontinuierlichen Inflationierung und der damit ausgelösten Vertrauenskrise zusammen. Wie ginge es dann ihrer Meinung nach weiter? Bieten Digitalwährungen wie der Bitcoin eine Alternative, damit das Leben danach in geordneten Bahnen weitergehen kann?

Krisen sind Prozesse des Aufdeckens von Illusionen, des Bereinigens von Strukturen, des Ausgleichens von Missverhältnissen. Im besten Fall weicht die verzerrte Wirtschaftsstruktur einem belebten Entdeckungsprozess unerreichter Wünsche und unausgeschöpfter Möglichkeiten. Dann werden in nicht nachhaltigen Verwendungen gebundene Produktionsfaktoren, Energie und Kreativität für Zwecke befreit, die heute den Kürzeren ziehen. Digitalwährungen sind ein erstes Anzeichen solcher privaten Entdeckungsprozesse, deren Resultate noch offen sind. Diese können eine wichtige Alternative zu Banktransfers (wenngleich noch nicht für die Vermögensanlage) darstellen. Kein Wunder, dass die Kreativität zunächst hier ansetzt, schliesslich ist das Bankwesen durch Kartellierung und Privilegierung zu einer reichlich unkreativen Branche verkommen. Fern scheinen die Zeiten, als geniale Bankiers wie Felix Somary – ein Vertreter der Österreichischen Schule – in der Schweiz Wege erdachten, den vor dem Wahnsinn des 20. Jahrhunderts fliehenden Mittel eine „Oase“ realer Wertschöpfung zu bieten. Ich wünsche den Schweizern hier mehr Mut und Einfallsreichtum. Es ist kein Zufall, dass es so viele österreichische Ökonomen in die Schweiz zog. Sie ist prädestiniert dafür, eine Speerspitze der „Wertewirtschaft“ nach dem Ende der Blasenwirtschaft zu sein.

Das Interview ist zuerst in der „Schweizerzeit“ vom 11.7.2014 erschienen.

Weitere Informationen zum Buch “Österreichische Schule für Anleger” – erschienen im FinanzbuchVerlag – finden Sie hier.

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Rahim Taghizadegan ist Wirtschaftsphilosoph und Gründer des unabhängigen Instituts für Wertewirtschaft in Wien. Er lehrte unter anderem an der Universität Liechtenstein, der Wirtschaftsuniversität Wien, der Universität Halle und der SMC University. Zudem veröffentlichte Taghizadegan zahlreiche Publikationen zum Thema und hält Vorträge zur Österreichischen Schule der Ökonomie im In- und Ausland.

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