Wer nur halbwegs bei Verstand ist, müsste von sich sagen, er sei liberal

30.5.2014 - Interview mit der Journalistin und Autorin Birgit Kelle.

Birgit Kelle

Frau Kelle, wie fühlt es sich an, in Jakob Augstein’s Wochenzeitung “der Freitag” neben Peter Sloterdijk, Thilo Sarrazin oder Henryk M. Broder als “Rechtsdenker” eingereiht zu werden?

Um aus der Perspektive des Freitag rechts zu sein, reicht es, mitten in der Gesellschaft zu stehen. Es ist also kein Kunststück, bei verengten, linken Weltbildern hier eingereiht zu werden. Mir taten, ehrlich gesagt, die 3,60 Euro weh, die ich zum Erwerb der Zeitung investieren musste, um mal zu sehen, wie man beim Freitag den Spagat schafft, mich mit Alice Schwarzer in eine Reihe zu stellen, denn sie ist ja jetzt auch „Rechtsdenkerin“.  Aber da waren ja auch noch andere mit von der Partie wie Matthias Matussek von der Welt, Harald Martenstein von der Zeit. Also eine ganz illustre Hall of Fame der Geächteten. Aber mal ganz ehrlich: Wer ist bitte der Freitag?

Hat Ihre zunehmende Bekanntheit – nicht zuletzt durch Ihre Auszeichnung mit dem Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten – auch negative Seiten? Haben Sie mit persönlichen Anfeindungen zu kämpfen?

Jeder, der in Deutschland klare Standpunkte im öffentlichen Diskurs vertritt, muss mit Gegenreaktionen rechnen. Es ist nahezu kalkulierbar geworden, mit welchen Themen Sie sofort Kritik auf sich ziehen. Das war mir vorher schon klar. Wie heftig es manchmal ist, hätte ich allerdings nicht gedacht. Ich unterscheide zwischen Berichten in Medien über mich und Kommentaren und Postings in sozialen Netzwerken. Bei Twitter haben Einige bereits jeglichen Anstand verloren, da pöbelt ein verzogener Kindergarten-Mob jedes Mal, wenn ich nur „Guten Tag“ sage. Ernst nehmen kann man das nicht. Verbal ist es unterste Kategorie und sagt viel über die Toleranz dieser Leute gegenüber Andersdenkenden aus. Witziger Weise fordern sie mich dabei zur Toleranz auf. Ich werde als „Hexe“ bezeichnet, „Nichte des Teufels“, „Katholikennutte“, „Homo-Hasserin“. Kreativ sind sie ja. Dem stehen allerdings etwa das Zehnfache an Zuschriften gegenüber, die ich jedes Mal bekomme, wenn ich in einer Talksendung sitze, die sich dafür bedanken, dass ich die Dinge ausspreche. Am häufigsten höre ich den Satz: „Sie sprechen mir aus der Seele“.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in den Medien – Stichwort “political correctness”?

Es ist Bewegung in der Sache, würde ich sagen. Wie der Freitag zu Recht feststellte, bin ich ja nicht die Einzige, die keine Lust hat, sich als Autorin vorschreiben zu lassen, was sie schreiben oder denken darf. Man findet den Hang zum zivilen Schreib-Widerstand in allen Medien und bei Kollegen aller politischen Richtungen. Und das gefällt mir, auch wenn ich die Meinungen der Kollegen nicht immer teile. Eine Gesellschaft kann nur dann frei bleiben, wenn ihre einzelnen Mitglieder beim Sprechen und Schreiben nicht überlegen müssen, ob sie sich gerade gesellschaftlich, beruflich oder finanziell ruinieren mit ihrem Standpunkt. Wenn wir mal soweit kommen, ist unsere Meinungsfreiheit nicht das Papier wert, auf dem sie steht.

Sie beschreiben sich selbst als ‘liberal’. Was fällt Ihnen zu folgendem Zitat von Ludwig von Mises aus seinem Werk “Liberalismus” ein: “Die antiliberale Agitation verzichtet daher darauf, das Wort Liberalismus zu viel in den Mund zu nehmen und zieht es vor, die Schändlichkeiten, die sie dem System andichtet, in Verbindung mit dem Ausdruck Kapitalismus zu bringen.”?

Das Zitat ist eine ziemlich realistische Beschreibung der Menschen, für die ein Mehr an Freiheit offenbar kein Gewinn, sondern eine Bedrohung darstellt. Es scheint ein besonderes Problem übersättigter Wohlstandsgesellschaften zu sein, dass man den Wert der Freiheit nicht mehr kennt. Man hat sich ja so herrlich daran gewöhnt. Bedenklich wird es, wenn immer mehr Bürger den ach so sozialen und fürsorglichen Wohlfahrtsstaat, der sich auch bei uns in Deutschland derzeit ausbreitet, immer nur als Gegenpol zum ganz bösen Kapitalismus begreifen. Beim Staat ist also alles kuschlig warm, während im Kapitalismus ein eisiger Wind weht. Wer möchte sich da nicht lieber die Hände am warmen Lagerfeuer wärmen? Liberalismus wird dabei in der öffentlichen Wahrnehmung allein auf Wirtschaftsliberalität reduziert. Das schürt Ängste und verengt den Blick darauf, dass Liberalität eine zutiefst demokratische Grundhaltung des einzelnen Bürgers darstellt in Abwehr gegen einen Staat, der sich immer weiter in die privatesten Angelegenheiten seiner Bürger einmischt. Alles natürlich nur zu unserem Besten.

Jeder, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, müsste in einer Demokratie stolz von sich sagen, er sei liberal. Leider schaffen es aber auch liberale Kräfte wie die FDP derzeit nicht, diese Position des freien Bürgers in der Öffentlichkeit zu transportieren. Es dominiert stattdessen sozialdemokratisches Gedankengut, in dem nur noch das „Wir“ entscheidet, wie die SPD es als Slogan nutzt. Jede Ungleichheit ist dann gleich „ungerecht“ und Ungerechtigkeit ist automatisch  „unsozial“ und voilá, schon haben wir wieder einen Handlungsauftrag für den Staat generiert. Mit diesem Denkschema erledigen wir gerade jeden Leistungsgedanken und er findet sich ebenfalls in der Geldvernichtungsindustrie „Gender Mainstreaming“ wieder, die uns von der „Ungerechtigkeit“ der Unterschiede von Mann und Frau befreien will. Es hat fast schon religiöse Züge. Im Kollektiv gehen wir als Bürger aber nicht voran, sondern unter.

Was assoziieren Sie selbst mit dem Begriff Kapitalismus?

Kapital ist zunächst nichts Böses und ganz angenehm, wenn man es hat. Das stellen übrigens auch Linke immer wieder fest, sobald sie an die Fleischtöpfe geraten. Was ist denn die Alternative zum Kapitalismus? Planwirtschaft? In der ein paar selbsterklärte Politkommissare bestimmen, wer noch wie viel und was haben darf, wo Löhne und Produktion gesteuert werden? Dann doch lieber Kapitalismus, den man in vernünftigen Grenzen hält.

Haben wir die nicht schon, die “selbsterklärten Politkommissare”? Wäre es nicht besser, die in Grenzen zu halten?

Beides! Wobei es mir manchmal einfacher erscheint, den Kapitalismus zu zügeln, als so manchen Politiker mit Weltverbesserungsambitionen im Zaum zu halten.

Wie weit würden Sie selbst den Staat aus Ihrem Leben verbannen wollen?

Soweit wie möglich! Er soll mir meine Grundrechte garantieren und das Gewaltmonopol halten. Ich will Rechtsicherheit und eine Feuerwehr, wenn es brennt. Aber wie ich lebe, wie ich meine Kinder erziehe und was ich konsumiere, dafür brauche ich keine Hilfestellung.

Vielen Dank, Frau Kelle.

Das Interview wurde im Mai 2014 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Hier finden Sie Informationen zum Buch “Dann mach doch die Bluse zu” von Birgit Kelle

Fotos: Kerstin Pukall

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Die Journalistin und Publizistin Birgit Kelle arbeitet als freie Autorin für verschiedene Print- und Onlinemedien. Seit 2012 ist sie Kolumnist bei dem Debatten-Magazin The European und schreibt dort in der Kolumne „Volle Kelle“ gegen den Wahnsinn von Gender Mainstreaming und Quoten-Feminismus an. Kelle ist Vorsitzende des Vereins „Frau 2000plus e.V.“ (www.frau2000plus.net) und Vorstandsmitglied des Brüsseler Dachverbandes „New Women For Europe (NWFE)“. In ihrem ehrenamtlichen Engagement setzt sie sich vor allem für die Rechte von Müttern und traditionellen Familien ein. Im September 2012 war sie in der Betreuungsgeld-Diskussion als Sachverständige vor den Familienausschuss des Bundestages berufen. Kelle wurde 1975 in Siebenbürgen, Rumänien geboren und siedelte 1984 nach Deutschland um. Sie ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie am Niederrhein.