Schumpeters entlarvende Analyse unseres Geldsystems

12.3.2014 – von Eduard Braun.

Eduard Braun

Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) wird im allgemeinen nicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie zugerechnet. Er entstammt zwar dem Seminar Eugen von Böhm-Bawerks (1851-1914) und hat auch bisweilen an Ludwig von Mises‘ (1881-1973) berühmtem Privatseminar teilgenommen; ansonsten ist er jedoch eher der Lausanner Schule zuzuordnen, die sich der mathematischen Analyse des wirtschaftlichen Gleichgewichts widmete.

Seine Vorstellung vom Unternehmer als dynamischem Element der wirtschaftlichen Entwicklung hat allerdings durchaus Einzug gehalten, sowohl in der Österreichischen Schule als auch in weiten Teilen der übrigen Volkswirtschaftslehre. Sein Bild, wonach der Unternehmer „der kreative Zerstörer“ ist, der das Alte beseitigt, um Neues schaffen zu können, begegnet einem nicht nur in der Fachliteratur unterschiedlicher Disziplinen, sondern auch in der Tagespresse.

Das soll nicht bedeuten, daß Schumpeter dieselbe Theorie des Unternehmertums vertreten hätte wie zum Beispiel Mises und seine Schüler. Im Detail gibt es teilweise recht große Unterschiede. So ist der Unternehmer bei Schumpeter die Kraft, die das Gleichgewicht zerstört, während der Unternehmer bei den Österreichern im Gegensatz dazu tendenziell das Gleichgewicht herbeiführt. Auch möchte Schumpeter, anders als die Österreichische Schule, seinen Unternehmerbegriff nicht auf die Marktwirtschaft beschränkt wissen. Seiner Meinung nach gibt es auch im Sozialismus Personen, die das Alte zur Seite schaffen und Neues an dessen Stelle setzen.

Diese theoretischen Differenzen sollen uns im folgenden nicht interessieren. Entscheidend ist für uns, wie Schumpeter das Wirken des Unternehmertums in der Marktwirtschaft analysiert. Dieser Frage geht er in seinem Hauptwerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von 1911 in großer Ausführlichkeit nach. Seine Beschreibung der kreativen Zerstörung und ihrer Finanzierung wirft dabei ein mehr als bezeichnendes Licht auf die gegenwärtige Organisation unseres Wirtschaftssystems. Insbesondere das Geld- und Bankensystem stellt er als ein Mittel der verdeckten, aber systematischen Eigentumsumverteilung dar.

Als Mitglied der Lausanner Schule geht Schumpeter von einem Zustand des wirtschaftlichen Gleichgewichts aus: Alle wirtschaftlichen Handlungen sind aufeinander abgestimmt, die Nachfrage auf allen Märkten entspricht dem Angebot und der gesamte Ablauf der Wirtschaft wiederholt sich ständig ohne jede Änderung. Für Schumpeter stellt dieses allgemeine Gleichgewicht den Normalzustand dar. Für den weiteren Verlauf der Argumentation ist es wichtig zu betonen, daß Schumpeter der Überzeugung ist, daß dieser Zustand der Wirtschaft auch ohne die Existenz von Kredit auskommt. Zwar könne der Kredit den Zahlungsverkehr erleichtern, wesensnotwendig sei er allerdings nicht für den sich ständig wiederholenden Wirtschaftskreislauf.

Im Gleichgewichtszustand, wie Schumpeter ihn darstellt, gibt es keinen Fortschritt bzw., wie er es nennt, keine Entwicklung. Alles bleibt beim Alten. Nun tritt der Unternehmer auf. Der Unternehmer ist für Schumpeter derjenige, der aus diesem Zustand des ewig Gleichmäßigen herausbricht, das Hergebrachte zerstört und neue Wege geht. Damit ist er gleichsam der Träger des Fortschritts und der Weiterentwicklung. Er entzieht die Produktionsfaktoren ihrer alten Verwendung und kombiniert sie auf eine neue Weise. Er setzt, wie Schumpeter sich ausdrückt, neue Kombinationen durch.

So weit so gut, könnte man sagen. So oder ähnlich wird die Durchsetzung des Fortschritts wohl ablaufen. Der springende Punkt besteht nun darin, daß die Vorhaben der Unternehmer finanziert werden müssen. Im Gleichgewichtszustand aber, in dem sich die Wirtschaft bisher befindet, gibt es laut Schumpeter keine Finanzierungsquelle dieser Größenordnung. Es findet keine Anhäufung großer, brachliegender Vermögen statt, die von den Unternehmern zum Aufkauf der Produktionsfaktoren verwendet werden könnten. Auch das Konzept des Kredits ist dem Gleichgewicht fremd, so daß die nötigen Mittel auch nicht ausgeliehen werden könnten.

An dieser Stelle kommt das moderne Bankwesen ins Spiel. Bekanntermaßen beschränkt sich das in allen Ländern der westlichen Welt etablierte Bankensystem nicht darauf, Gelder von den Sparern einzusammeln und im Anschluß an die Kreditnehmer weiterzugeben. Banken in ihrer Gesamtheit können auch neues Geld schöpfen. Jeder Student der Volkswirtschaftslehre lernt dieses Phänomen in den ersten Semestern unter dem Namen „Geldschöpfungsmultiplikator“ kennen. Auf Grundlage des von der Zentralbank emittierten Papiergeldes räumen die Banken ihren Kunden per Kreditvergabe Kontoguthaben in einer Höhe ein, welche die Papiergeldmenge um ein vielfaches übersteigt.

Das Bankensystem ist also in der Lage, das Kreditangebot weit über die vorhandene Menge an Ersparnissen auszudehnen. Für Schumpeter spielt dieses zusätzliche, neu geschaffene Kreditangebot die entscheidende Rolle bei der Finanzierung des durch die Unternehmer herbeigeführten Fortschritts. Die Kaufkraftschaffung durch die Banken ist für ihn die Methode, nach der sich die wirtschaftliche Entwicklung durchsetzt.

Das Wirken dieser Methode läßt sich recht einfach erklären. Ohne die zusätzlich geschaffenen Kredite fehlen den Unternehmern die Mittel, sich die nötigen Produktionsmittel zu besorgen. Wenn die Banken den Unternehmern nun neue Kaufkraft übertragen, ermöglichen sie diesen, auf den gesellschaftlichen Güterstrom zuzugreifen. Sie können die alteingesessenen Produzenten auf den Faktormärkten überbieten und somit ihre Projekte realisieren. Die Entwicklung bzw. der Fortschritt erhalten durch die Kaufkraftschaffung der Banken die Finanzierungsgrundlage.

Das hört sich zunächst noch einigermaßen harmlos an. Was steckt nun aber hinter der von Schumpeter beschriebenen Methode, mit der sich der Fortschritt durchsetzt? Indem die Unternehmer mittels des zusätzlichen Kredits Nachfrage auf den Faktormärkten entwickeln, entziehen sie der Gesellschaft Güter, ohne daß sie selbst oder jemand anderes vorher eine Leistung erbracht hätten, die diesen Entzug rechtfertigen würde. Ihre Kaufkraft beruht ja wie gesagt nicht auf Ersparnissen. Niemand mußte sein auf einer Leistung beruhendes Einkommen aufsparen, um die finanziellen Mittel bereitzustellen. Stattdessen können die Unternehmer den alten Produzenten die Produktionsmittel sozusagen vor der Nase wegschnappen mit Hilfe von Mitteln, die einfach aus dem Nichts geschaffen werden.

In Schumpeters Vorstellung besorgt das moderne Bankensystem also ganz einfach einen systematischen Diebstahl, um damit den Fortschritt zu finanzieren. Den alten Produzenten werden die Produktionsfaktoren entrissen, um sie den Neuerern in die Hände zu geben. Daß dies keine Überinterpretation Schumpeters ist, zeigen Aussagen aus seinem Hauptwerk[1], die zum Zwecke der Dokumentation teilweise direkt zitiert seien.

Am deutlichsten wird der ganze Charakter der Fortschrittsfinanzierung in Schumpeters Diskussion des zusätzlichen Kredits durch das Bankensystem. Nachdem er beschrieben hat, wie den Unternehmern durch die Kreditschöpfung die Möglichkeit geschaffen wird, Produktionsmittel an sich zu ziehen, schreibt er:

So wird die Kluft geschlossen, die in der Verkehrswirtschaft bei Privateigentum und Selbstbestimmungsrecht der Wirtschaftssubjekte sonst die Entwicklung außerordentlich erschweren, wenn nicht unmöglich machen würde (S. 154).

Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zergehen! Was sagt Schumpeter denn hier eigentlich? Er sagt, daß die Geld- bzw. Kreditschöpfung der Banken den Zweck hat, das Privateigentum und das Selbstbestimmungsrecht auszuhebeln. Wohlgemerkt handelt es sich hier um die oben genannte Geldschöpfung, die in den Lehrbüchern unbeanstandet als das Selbstverständlichste und Harmloseste der Welt behandelt wird.

Schumpeter findet noch andere deutliche Worte, um den vorliegenden Tatbestand zu beschreiben. Er spricht von einer „Verschiebung der Kaufkraft innerhalb der Volkswirtschaft“, von einer „Verschiebung der Anspruchsverhältnisse“, sogar von einer „Veränderung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse“ (alle Zitate auf S. 156 f.). Alles das wird herbeigeführt, um die Unternehmer in den Stand zu setzen, die volkswirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Denn für diese „wird das Privateigentum an den Produktionsmitteln zum Hindernisse“ (S. 265).

Es ist zu betonen, daß Schumpeter hier einfach nur beschreibt. Es geht ihm nicht darum, die beschriebenen Prozesse zu kritisieren. Er möchte einfach nur darlegen, unter welchen Bedingungen es zu Fortschritt kommt und wie dieser finanziert wird. Daß er hierbei das moderne Geldsystem als Mittel der systematischen Teilenteignung charakterisiert, scheint mehr ein Abfallprodukt seiner Untersuchung zu sein.

Wenn Schumpeter es auch nicht beabsichtigt hat, so befindet er sich in diesem Punkt doch in Übereinstimmung mit weiten Teilen der Österreichischen Schule. Viele Anhänger derselben werden nicht müde darauf hinzuweisen, daß es sich bei der Geldschöpfung durch die Banken um einen versteckten Eingriff in das Privateigentum und um eine unberechtigte Umverteilung des volkswirtschaftlichen Reichtums handelt. Der Unterschied besteht darin, daß Schumpeter die Geldschöpfung als Katalysator des wirtschaftlichen Fortschritts betrachtet, ihre Wirkung also eher positiv einstuft, während für die Österreichische Schule auch die Wirkung der Geldschöpfung eine schädliche ist – sie geht nämlich davon aus, daß die Banken auf diese Weise den Konjunkturzyklus samt regelmäßigen Wirtschaftskrisen auslösen.

So unterschiedlich aber die Vorstellungen über die Wirkung unseres Geldsystems sind, in einem sind sich die Österreicher und Schumpeter einig: Das auf der Kreditschöpfung durch die Banken beruhende Geldsystem entfaltet seinen wirtschaftsankurbelnden Effekt dadurch, daß es fast unbemerkt das Privateigentum und das Selbstbestimmungsrecht einschränkt. Alle diejenigen, die im Falle von Wirtschaftsflauten Zinssenkungen und damit einhergehende Erhöhungen der Kreditmenge fordern, täten gut daran, bei Schumpeter nachzulesen, was im Grunde hinter dieser Forderung steckt.

[1] Vgl. Schumpeter, Joseph: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, neunte Auflage. Berlin: Duncker & Humbolt

Foto Startseite: Harvard Universtity

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Dr. Eduard Braun hat im Jahr 2011 bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann an der Universität Angers (Frankreich) promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Dr. Mathias Erlei, Abteilung für Volkswirtschaftslehre, an der Universität Clausthal-Zellerfeld, (http://www.wiwi.tu-clausthal.de/index.php?id=430).

Demnächst erscheint von ihm das Buch „Finance Behind the Veil of Money“. Hier ist es bereits als Ebook erhältlich.

 

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