Brasilien in der Falle des mittleren Einkommens

3.2.2014 – von Antony P. Mueller.

Antony P. Mueller

Der Begriff „Falle des Mittleren Einkommens“ bezieht sich auf die Situation eines Schwellenlandes, das die niedrige Einkommensschwelle überwunden hat, ein mittleres Durchschnittseinkommen pro Kopf erreicht, dann aber auf diesem Niveau stecken bleibt und nicht in die Gruppe der Länder mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen vorstößt. Während man noch nicht weiß, ob auch China in diese Falle gerät – dort ist das Einkommen pro Kopf derzeit noch zu gering – trifft die Diagnose auf eine lange Reihe von Schellenländern zu, unter ihnen auch Brasilien.

Im Durchschnitt der letzten zwei Jahrzehnte betrug die Wachstumsrate des brasilianischen Bruttosozialprodukts etwa drei Prozent. Diese Rate ist viel zu niedrig, um zu den Ländern mit hohem Einkommen in absehbarer Zukunft aufschließen zu können. Nach Berechnungen von Ökonomen des Internationalen Währungsfonds bräuchte Brasilien mindestens ein Wachstum des Bruttosozialprodukts von 4,2 % pro Jahr, um in den nächsten 50 Jahren auf den Durchschnitt der OECD-Länder zu kommen und ein Wachstum von 4,7 % jährlich, um das Pro-Kopf-Einkommen der USA in diesem Zeitraum zu erreichen.

Einer der Hauptgründe, weshalb Entwicklungsländer auf dem mittleren Einkommensniveau stecken bleiben, liegt daran, dass sie es nicht schaffen, ihre Wirtschaft von der Kapitalakkumulation und technologischen Nachahmung auf unternehmerische Innovation umzustellen. Nachdem ein Land einmal der Armutsfalle entronnen ist, geht es oftmals mit dem Wachstum sehr schnell voran. Anders schaut es aus, wenn das Land das mittlere Einkommensniveau erzielt hat. Dieses legt die Weltbank derzeit von 1.036 bis 4.085 US Dollar pro Kopf für die Gruppe der Länder mit “niedrigem mittleren Einkommen” und von 4.086 bis 12.615 Dollar pro Kopf für die Gruppe der Länder mit “hohem mittleren Einkommen” fest.

Wenn das Land dann auf diesem mittleren Einkommensniveau verharrt und manchmal sogar wieder zurückfällt, liegt das daran, dass die Phase des wirtschaftlichen „take-off“ ganz andere Anforderungen stellt als sie nötig sind, wenn es darum geht, hohes Einkommensniveau zu erzielen. In der ersten Phase des Wachstumsprozesses sind die Kapitalrenditen hoch und Ausweitungen des Kapitalstocks erhöhen das Volkseinkommen sehr stark. Je größer der Kapitalstock jedoch ist, umso geringer wird der marginale Ertrag, während die Kosten des Erhalts des Kapitalstocks ansteigen, d.h. die Abschreibungen zunehmen. Wenn zudem noch in diesem Entwicklungsland die Zuwanderung von billigen Arbeitskräften aus dem Agrarbereich in die Industrie ins Stocken gerät, nehmen die Wachstumsraten unweigerlich ab, wenn es nicht rasch genug zu technologischem Fortschritt kommt.

Wenn der Abstand zu den führenden Industrieländern noch groß ist, kann das Entwicklungsland einfach Technologie importieren. Dies wird aber immer weniger effizient, je näher man an die Gruppe der reichen Ländern herankommt. Dann wird es nötig, dass auch das Entwicklungsland eigenen technologischen Fortschritt produziert oder zumindest imstande ist, neue Technologien selbständig anzuwenden. Allerdings gelingt das nur wenigen Schwellenländern. In den letzten Jahren waren es vornehmlich Südkorea und Taiwan, denen dieser Sprung gelungen ist. In Lateinamerika schaffte es kein einziges Land. Im Gegenteil: einige Länder sind sogar im Einkommensniveau wieder zurückgefallen. Für viele Schwellenländer, die nicht vorankommen, besteht das Problem darin, dass die Regierung ihre dominierende Stellung im Wirtschaftsleben nicht aufgeben will und oftmals sogar wegen der Wachstumsschwäche noch verstärkt. Dies ist auch in Brasilien der Fall. Brasilien will es nicht gelingen, von seinem interventionistischen Wirtschaftsmodell Abschied zu nehmen.

Schwellenländer geraten in die Falle des mittleren Einkommens, weil sie ein staatsbezogenes Wirtschaftssystem beibehalten, statt innovativen Kapitalismus zu befördern. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die alte Elite die Angst der Massen vor dem „Sturm der schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter) des dynamischen Kapitalismus ausnutzt, um ihre eigenen Pfründe zu sichern. Wenn man jedoch kreative Zerstörung ablehnt, gelangt man nicht etwa zur Stabilität, sondern verliert auch diese selbst. Was die Länder des Staatskapitalismus bekommen, ist nicht nur keinen vermehrten Wohlstand, sondern sie verlieren auch Stabilität und beginnen den Marsch in den Niedergang oder zumindest in die Stagnation mit einem politischen System, das zwischen Autoritarismus und Populismus hin- und herschwankt, so wie es seit langem schon Argentinien vormacht.

In Brasilien führte die Falle des mittleren Einkommens dazu, dass das Land seit Jahrzehnten eine völlig verfehlte Wirtschaftspolitik betreibt. Der Versuch, mit expansiver Fiskal- und Geldpolitik aus der Falle zu kommen, erhöhte die Staatsschulden, führte zur Inflation und brachte so weitere wirtschaftliche Schwäche. Als Ergebnis hat Brasilien in den letzten Dekaden mehrere Phasen von fehlgeleiteten Wachstumsschüben erlebt, die letztlich alle in der Katastrophe von hoher Inflation und anhaltender Rezession endeten. Nach dem verlorenen Jahrzehnt der 80er Jahre kehrte nach drastischen Reformen in den 1990er Jahren das Wirtschaftswachstum zurück. Aber auch diesmal sollte es nicht lange dauern. Seit 2011 befindet sich das Land schon wieder auf Rezessionskurs.

Die gegenwärtige Regierung verhindert den wirtschaftlichen Fortschritt zudem noch dadurch, dass es eine umfangreiche Umverteilungspolitik betreibt. Diese Politik ist langfristig zum Scheitern verurteilt, weil dadurch die Mittelschicht ausgeplündert wird. Es wird gerade das verhindert, was die Einkommensverteilung nachhaltig verbessert, nämlich die Expansion der Mittelschicht auf der Grundlage von privater Wirtschaftsinitiative. Stattdessen behindern Bürokratie und hohe Steuern das Wachstum junger Unternehmen. Brasilien bräuchte eine tiefgreifende Veränderung seiner Wirtschaftsstruktur, indem das staatskapitalistische Wachstumsmodell eines Kommandos von oben nach unten abgelöst wird, vom Modell einer dezentralisierten Volkswirtschaft. Um in die Gruppe der Länder mit hohem Einkommen aufzusteigen, müsste Brasilien sein System des Staatskapitalismus aufgeben und unternehmerischen Kapitalismus zulassen.

Es besteht jedoch wenig Aussicht, dass sich das brasilianische Wirtschaftssystem ändern wird. Deshalb ist auch nicht damit zu rechnen, dass Brasilien in die Gruppe der großen Wirtschaftsmächte in absehbarer Zukunft aufsteigen könnte. Im Moment überwiegt sogar die Gefahr, dass man den argentinischen und venezolanischen Weg des Linkspopulismus einschlägt. Dass es in Brasilien dennoch nicht schnell zur großen Katastrophe kommen muss, liegt daran, dass das Land eine schier unerschöpfliche Quelle an Reichtum in Form von Rohstoffen und Agrarprodukten besitzt. Mit China und anderen Ländern in Asien befindet sich Brasilien in einer wirtschaftlichen Symbiose. Wenn die Expansion in Asien anhält, kann Brasilien trotz seiner verfehlten Wirtschaftspolitik seinen Lebensstandard halten und sogar leicht ausbauen. Anders schaut es jedoch aus, wenn auch China in die Falle des mittleren Einkommens geraten sollte.

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Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Dr. Müller ist außerdem Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA und des Mises Institut Brasilien und leitet das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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