Kapital- oder Liquiditätskrise?

17.1.2014 – von Antony Peter Mueller.

Antony Peter Mueller

Regierungen und Notenbanken bekämpfen die aktuelle Finanzkrise mit einem Feuerwerk an Liquidität. Für die Fiskal- und Geldpolitik ist die gegenwärtige Finanzkrise eine Liquiditätskrise. Demensprechend besagt das Rezept, dass noch mehr Geld geschaffen werden muss, auch wenn genau das der eigentliche Ursprung der Krise ist. Noch schlimmer besagt die perverse Logik des Interventionismus: wenn die Kur nicht wirkt, muss eben die Dosis erhöht werden. Diese Politik hat inzwischen die Staatsschulden in extreme Höhen getrieben. Der Versuch, mehr Geld zu schaffen, hat die Notenbanken in „bad banks“ verwandelt, wo sich der Anleihenschrott ansammelt. Die Geschäftsbanken haben im Zuge dieser Therapie in Rekordhöhe neue Geldreserven akkumuliert. Die als Liquiditätskrise identifizierte Finanzkrise hat zu einer monetären Überschwemmung des globalen Finanzsystems geführt.

Nicht nur die Vereinigten Staaten und Europa betreiben eine Politik massiver Liquiditätsausdehnung. Japan ist schon seit Jahrzehnten dabei, die dortige Wirtschaftsstagnation mit immer neuen Fiskal- und Geldspritzen zu beheben. Obwohl in Japan weder die Erhöhung der Staatsschulden auf über 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, noch die Herabsetzung des Leitzinses auf fast null Prozent die Wirtschaft belebt haben, implementieren inzwischen auch die USA und Europa dieselben Praktiken. Auch hier in Europa sind die Zinsen schon bei nahe null Prozent und die Staatsschulden sind dabei, in Deutschland auf über 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigen.

Diese Geld- und Fiskalpolitik, wie sie heute weithin betrieben wird, besteht aus einem äußerst brüchigen theoretischen Gerüst. Die Kontinuität dieses auch als „Keynesianismus“ bezeichneten Wirtschaftsmodells beruht nicht etwa auf wissenschaftlicher Dignität, sondern auf politischer Popularität. Der Keynesianismus fordert wirtschaftspolitischen Interventionismus, der seinen Widerhall im Populismus wiederfindet, wonach der ungehemmte Aktivismus der Regierung die Wirtschaft richten soll. Die tatsächliche Folge dieser falschen Wirtschaftspolitik jedoch ist, dass erstens die Krise verlängert wird und zweitens, dann, wenn die Krise endlich trotz und nicht etwa wegen der interventionistischen Politik ihrem Ende zugeht, schon erneut Schwierigkeiten auftreten, Probleme, die diese verfehlte Wirtschaftspolitik ihrerseits ebenso verschuldet hat wie den Umstand, dass es überhaupt zur Krise gekommen ist.

Werden Kapitalkrisen fälschlicherweise als Liquiditätskrisen diagnostiziert und wird mit ihrer monetären Alimentierung fortgefahren, verfestigen sich die Fehlanlagen und die Kapitalstruktur der Volkswirtschaft wird noch tiefgreifender verzerrt. Je länger dieser Prozess dauert, umso schmerzlicher werden die nach dem Wendepunkt erforderlichen Anpassungsprozesse. Wenn wir 2014 jetzt möglicherweise am Anfang einer eventuellen wirtschaftlichen Erholung stehen, ist zu fragen, was aus der Staatsschuld werden soll, wenn im Zuge eines Aufschwungs, sollte dieser tatsächlich kommen, die Zinssätze wieder anziehen. Was passiert mit den Staatsanleihen, die direkt und indirekt bei privaten Anlegern als Sparguthaben verbucht sind? Was werden die Geschäftsbanken mit ihren immensen Reserven anfangen, wenn das Geschäftsklima sich wirklich bessert?

Die globale Verschuldung, angetrieben durch die monetären Exzesse der Notenbanken, hat eine extreme Systemfragilität hervorgerufen. Dies hat sich in der jüngsten Finanzkrise mit aller Deutlichkeit gezeigt. Das Eigenkapital der Finanzmarktinstitutionen war zu niedrig, um unerwartete Wertverluste auszugleichen. Dann kam der Schrei nach dem Staat mit dem Argument, wenn die Regierung nicht hülfe, würde das gesamte Finanzsystem zusammenbrechen. In der Folge haben nun die eingreifenden Staaten immense Schulden angehäuft und befinden sich ihrerseits im Zustand der Fragilität.

Dringender denn je ist es, vom bisherigen makroökonomischen Leitkonzept Abschied zu nehmen und sich auf eine solide Theorie zu besinnen, wie sie von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie angeboten wird. Gegenüber dem wirtschaftspolitischen Modell des Keynesianismus kommt die Österreichische Schule der Nationalökonomie zu einem ganz anderen Erklärungsmodell und dementsprechend zu anderen politischen Handlungsanweisungen, als es heute an der Tagesordnung ist.

In Fortsetzung der theoretischen Ansätze von Böhm-Bawerk haben vor allem Friedrich A. von Hayek (Preise und Produktion, 2. Aufl., Wien 1927) und Ludwig von Mises (Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, Genf 1940) in ihren Arbeiten das Problem thematisiert, dass durch Kreditexpansion und -kontraktion nicht nur kurzfristige Liquiditätseffekte induziert werden, sondern auch die Kapitalstruktur einer Volkswirtschaft verändert wird. Geld und Kredit induzieren somit nicht nur einen “Liquiditätseffekt”, sondern auch einen “Kapitaleffekt.

So unterscheidet bereits Max Wirth (Geschichte der Handelskrisen, Frankfurt 1873, S. VII ff.) zwischen “Krisen der Umlaufsmittel” und “Krisen des Kapitals”. Im Unterschied zu dem aus einem ins Stocken geratenen “Übermaß der Emission von Credit-Umlaufsmitteln”, betreffen Kapitalkrisen die wirtschaftliche Produktion selbst und zeigen sich als Absatzkrisen und im Niedergang der Börsen- oder Immobilienwerte.

Im Unterschied zur angelsächsischen Kapitaltheorie, die die heute vorherrschenden Vorstellungen prägt, wird Kapital als “Kapitalstock” thematisiert. Diesem Kapitalstock werden durch Investitionen weitere Teile zugefügt, so dass der Vorgang sich als “Kapitalakkumulation” darstellt. Im Unterschied zur Idee, dass der Kapitalstock homogen sei und sich Investitionen als bloße Ausdehnung des bestehenden Stocks begreifen ließen, betrachtet die österreichische Schule “Kapital” als Prozess im Sinne eines Produktionsstroms. Aus Sicht der österreichischen Schule besitzt Kapital eine spezifische Struktur, die durch neue Investitionen verändert wird.

Sowohl die Neoklassik, die Fehlanlagen durch die Annahme eines vollkommenen Wettbewerbs ignoriert, als auch die gesamtwirtschaftliche Nachfragtheorie, die das Problem der Knappheit wegdefiniert, indem Wirtschaftskrisen im Sinne eines Gleichgewichts bei Unterbeschäftigung als Nachfragelücke erklärt werden, erweisen sich als wenig hilfreich bei der Diagnose den aktuellen Krisenerscheinungen. Die Gegenposition zu diesen „mainstream“ Theorien findet sich in der subjektivistischen Kapitaltheorie in der Tradition von Menger, Mises und Hayek, wonach Wirtschaftskrisen als Kapitalkrisen thematisiert werden, deren Entstehen von übermäßiger Kreditschöpfung ausgeht.

Folgt man der Darstellungen von Mises und Hayek, so beinhalten Kapitalkrisen massive Fehlanlagen, bedingt durch die Fehlallokation des Kapitals, deren Symptom eine Liquiditätskrise ist. Gemäß der Österreichischen Schule besteht die Sequenz darin, dass die übermäßige Schöpfung von Liquidität zu Fehlinvestitionen führt, die die Kapitalstruktur verzerren, was sich dann als Liquiditätskrise zeigt.

Die hauptsächliche Ursache wie es zu größeren Fehlanlagen in diesem Sinne kommen kann, besteht in Kreditschöpfung und staatlicher Investitionslenkung. Ludwig von Mises hat herausgearbeitet, wie Fehlanlagen durch anhaltende Kreditexpansion zustande kommen. Dieser durch übermäßige Geldschöpfung ausgelöste Boom, der sich in der ersten Phase in höherem Wirtschaftswachstum, steigenden Investitionsquoten und dem Anstieg der Vermögenspreise äußert, offenbart sich nach dem Wendepunkt als eine Finanz- und Wirtschaftskrise, die ihrem Wesen nach eine “Kapitalkrise” darstellt.

Kapitalkrisen in diesem Sinne sind nicht mit den älteren Überinvestitions- und Unterkonsumtionstheorien zu verwechseln. Kapitalkrisen resultieren nicht aus “Überinvestitionen” bzw. “Unterkonsumtion”, sondern haben ihren Ursprung “in Investitionen am unrechten Ort” (Ludwig von Mises, Nationalökonomie, 1940, S. 509). Kapitalkrisen sind das Resultat von Fehlinvestitionen. Sie kommen zustande, weil die scheinbar im Übermaß zur Verfügung stehende Liquidität die wirtschaftlichen Akteure dazu verführt, den tatsächlich verfügbaren Bestand an Investitionsmitteln zu überschätzen. Exzessive Geldexpansion und die dadurch mögliche Kreditschöpfung lösen einen kollektiven Irrtum im Handeln der einzelwirtschaftlichen Akteure, insbesondere bei den Investoren, aus:

“Sie planen Produktionserweiterungen von einem Umfang, für die der verfügbare Bestand an Kapitalgütern nicht hinreicht… Früher oder später müssen sie an dem Fehlen der erforderlichen Kapitalgüter scheitern. Dann gibt es Anlagen, die nicht verwendbar sind, weil die komplementären Anlagen fehlen; Anlagen, die nicht vollendet werden können; Anlagen, deren Produkte keinen Absatz finden, weil die Verbraucher andere Produkte dringender begehren, die nicht erzeugt werden können, weil die erforderlichen Produktionsanlagen nicht bereit sind. Die Hausse ist nicht Überinvestition, sie ist Fehlleitung der Investitionstätigkeit.” (Mises, Nationalökonomie, 1940, S. 510 – eine „Scholars‘ Edition der englischen Version ist 1999 beim Mises Institute USA erschienen)

Wenn, wie heute üblich, die Manager der internationalen Banken und Fonds, sowie die Leiter der Rating-Agenturen, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds hauptsächlich auf Wachstumsraten, Investitionsquoten und Preisniveaus achten, um die Solidität einer Volkswirtschaft zu diagnostizieren, werden sie immer wieder gravierenden Fehlurteilen unterliegen. Aus der Sicht der hier vorgestellten Kapitaltheorie ist es gerade das augenfällige Merkmal der Hausse, dass es zu einer Steigerung der Produktion von Produktionsmitteln kommt und dass der Aufschwung dann nicht eine Preishausse auslösen muss, wenn neue Produktionsverfahren bei unverändertem Geldstand einen Rückgang der Warenpreise auslösen würden.

So wie die Aufsichtsbehörden und Notenbanken aufgrund ihrer unzulänglichen Theorien unfähig sind, den Boom als Fehlentwicklung zu erkennen, so falsch liegen sie danach, wenn sie daran gehen, die Krise zu bekämpfen. Ohne langes Überlegen wird die Kapitalkrise als Liquiditätskrise definiert und der Schluss gezogen, dass die auftretende Liquiditätsverknappung mit noch mehr Geld und Kredit kuriert werden muss. Der Staat und seine Notenbank als unbegrenzte Kreditgeber der letzten Instanz werden dann auf den Plan gerufen. Der Staat wird als Retter willkommen geheißen, obgleich es die staatlichen Instanzen waren, die durch ihre expansive Geldpolitik die Grundlagen für das Entstehen der Krise selbst gelegt haben.

Eine der großen Tragödien unserer Zeit ist, wenn wirtschaftliche Krisen als „Kapitalismuskrisen“ fehlinterpretiert werden und der „freie Markt“ als Ursache benannt wird, wenn tatsächlich erstens heute alles Geld staatliches Geld ist und zweitens die Finanzmärkte mit zu den am höchsten regulierten wirtschaftlichen Bereichen zählen. Tatsächlich gibt es nur dann einen Ausweg aus dem zerstörerischen Zyklus von Boom und Krach, wenn sich der Staat sowohl aus der Investitionslenkung, als auch aus der Festlegung von Geld als gesetzlichem Zahlungsmittel zurückzieht.

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Dr. Antony Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Dr. Müller ist außerdem Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA und des Mises Institut Brasilien und leitet das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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