Sind wir schon Rom?

20.12.2013 – von Jeffrey Tucker.

Jeffrey Tucker

[aus "Freiheitskeime 2014 - ein libertäres Lesebuch", Hrsg. Henning Lindhoff]

Im letzten Sommer in Rom verweilend, umgeben von Ruinen aus allen Jahrhunderten konnte ich mich nicht dagegen wehren, mir ausschweifende Gedanken über den derzeitigen Stand der Welt zu machen.

Keine Generation während des langen Zerfalls des Römischen Reiches war sich wirklich ihrer Lage bewusst. Jede Generation akzeptierte die Bedingungen, die sie erbte, und arbeitete, um so gut wie möglich zu überleben. Und so ging es Hunderte von Jahren lang. Der Untergang des Römischen Reiches wurde erst den Historikern offensichtlich. Es hatte vorher sich niemals nach Untergang angefühlt.

Europäer und Amerikaner sollten sich darüber bewusst werden. Seit Mitte der 1970er Jahre hat es keinen nennenswerten Zuwachs der durchschnittlichen US-Haushaltseinkommen mehr gegeben. Wir arbeiten härter und länger für weniger. Zwei Einkommen in jeder Familie sind zur Notwendigkeit geworden. Junge Menschen fürchten sich vor der Zukunft.

Auch für Italien ist das dritte Jahrtausend ein Desaster des unnachgiebigen Abstiegs.

Damals und heute zog und zieht uns der gleiche Kram herunter: massive öffentliche Verschuldung, ungesundes Geld, imperiale Bestrebungen, Korruption, Schmarotzertum, Kapitalauszehrung und, wichtiger als alles andere, das Hochgefühl der Machthaber, die ihre Untertanen, die eigentlich die Zivilisation erst erschufen und aufrechterhalten, plündern und zerstören.

Ich war eine Woche lang in Rom, um ein Seminar zu besuchen. Ich flanierte über die Straßen, traf alte Freunde, tourte auf eigene Faust durch den Vatikan und fühlte den sich verstärkenden Konflikt.

In der Nahansicht erhält man ein differenziertes Bild. Die offizielle Wirtschaft versagt, doch die inoffizielle ist geschäftiger denn je.

Es ist sehr einfach zu vergessen, dass das wirtschaftliche Leben unserer Zeit nicht mit Schlagzeilen gemacht wird, dass es nicht den großen Trends der internationalen Agenturen folgt, oder den politischen Tendenzen, die anzeigen, wer gerade in der Wählergunst steigt oder fällt.

Auf der Straße ist ein Teil des wirtschaftlichen Lebens zu beobachten, den die Daten nicht preisgeben.

Auf den von der Piazza Navona abgehenden Straßen ist ein Land voll aufregender geschäftlicher Aktivitäten zu finden. Geld wechselt seine Besitzer noch in antiker Art und Weise. Doch die Produkte sind modern. Dort gibt es haufenweise sogenannter Piratengüter – Markenfälschungen, die Verkäufern und Käufern bewusst sind. Vergiss Kreditkarten! Dort will sie niemand. Es ist eine Bargeld-Welt.

Nicht anders verhält es sich auch in den unzähligen Bars und Restaurants in den belebten Teilen Roms. Die Leute dort wollen kein Plastikgeld. Manche akzeptieren es, verabscheuen es aber. Warum? Am Ende geht es auch hier um Steuereintreibung, Regulierungen und den massiven Kontrollapparat der modernen Politik. Hier möchte niemand Teil dieses Apparates sein. Wenn Du die Möglichkeit hast, dem zu entkommen, wärst Du ein Narr, sie nicht zu nutzen. Und es gibt eben nicht allzu viele Narren in Rom.

Die Mehrwertsteuer ist ein wütender Bär und ein Unternehmenskiller. Sie wird eingetrieben auf dem boshaftesten aller denkbaren Wege. Die Steuerpolizei fährt herum und stürmt die Restaurants. Sie fordert ohne Ankündigung die Kassenbelege und kontrolliert, ob die Mehrwertsteuer auch wirklich eingetrieben wurde. Ich behaupte, so ist das eben in Italien, aber das Ganze sieht mehr nach einer Einschüchterung des Pöbels als nach seriöser Politik aus. Doch wer kann hier schon den Unterschied erkennen?

Diese Szene erinnert daran, wie wenig wir eigentlich mit Gewissheit über die Struktur der Weltwirtschaft wissen. Manche Schätzungen zeigen, dass 50 bis 70 Prozent der Arbeitnehmer weltweit ihr Einkommen dem informellen Sektor, dem Schwarzmarkt verdanken. Sie wirtschaften außerhalb der offiziellen Wege.

Immer, wenn ich mit einem Römer über Politik spreche, stelle ich ihm zwei Fragen: Worin besteht das Tagesgeschäft der italienischen Regierung? Die Antwort ist immer die gleiche: Die Regierung raubt den Menschen in jeder möglichen Art und Weise das Geld. Was unternimmt die Regierung mit all dem Geld? Die Antwort ist immer die gleiche: Das Geld unterstützt die Politiker und die Bürokraten.

Und dies beschreibt in kurzen Worten, wie das gesamte System funktioniert. Geld rein, Geld raus. Warum das System nicht verschrotten? Sicher, doch niemand weiß, wie dies anzustellen wäre.

Wie in jeder anderen Demokratie schlagen sich die Bürger alle paar Jahre mit Wahlen herum und geben ihre Stimme irgendeinem dramatischen politischen Wechsel – jedes Mal, ausnahmslos. Doch der Wechsel tritt nie ein. Ein paar Jahre später dann passiert das Gleiche wieder. Nur dass diesmal der Staat noch größer und noch korrupter geworden ist. So geht es immer weiter. Und weiter. Und weiter.

Ein Römer sagte mir, die einzig wahre Lösung des parasitären Staates sei undenkbar. Was er meint, kann in vielen verschiedenen Shakespeare-Dramen gelesen werden. Darüber zu sprechen ist jedoch sehr gefährlich. Nebenbei: Die Menschen sind zu beschäftigt damit, zu überleben, als dass sie sich mit Gedanken an Revolution auseinandersetzen könnten.

Rom ist sicherlich einer der eifrigsten Geschäftsorte der Welt. Marketing ist hier eine Lebensart. Kaufen und Verkaufen sind die Essenz jeder Aktivität. Die Römer sind die Meister im Abschwatzen des Geldes von Touristen, speziell von naiven Amerikanern, die nichts von den gewieften Wegen der traditionellen Händler wissen.

Doch wo bleibt bei all dieser Geschäftstüchtigkeit die aufkeimende Prosperität? Gemessen an historischen Standards, machen es die Römer sehr gut. Doch gemessen an den amerikanischen, kanadischen oder asiatischen Standards eher nicht. Warum können Italien und Europa den Verfall nicht aufhalten und wieder einen Weg des Wachstums beschreiten? Warum führt all die beschriebene Geschäftstätigkeit nicht zu einem wahren wirtschaftlichen Wachstum?

Wachsender Wohlstand ist schlicht und einfach nicht möglich ohne die viel geschmähte aber dennoch essentielle Institution namens Privatkapital. Privates Kapital erlaubt langfristige Investitionen und komplexe Mechanismen der Arbeitsteilung und Spezialisierung. Es kreiert die Infrastruktur für ein dauerhaftes ökonomisches Erblühen.

Doch in ganz Europa wird der Kapitalstock aufgezehrt. Er wird getötet von der Mehrwertsteuer, von aufdringlichen Politikern, doch vor allem von der verzweifelten Sucht der herrschenden Elite, alles sichtbare rauben zu müssen. Die meisten Menschen machen Einwanderer für den Fall des antiken Roms verantwortlich. Doch das ist Unsinn.

Sie waren und sind nicht das Problem. Das wahre Problem sind Einheimische, die das System gut genug kennen, um es zu ihrem eigenen Nutzen und dem Schaden aller anderen auszunutzen.

Aus dem Englischen übersetzt von Henning Lindhoff.

Auch im Jahr 2014 werden Freiheitskeime auf sicherlich fruchtbaren Boden fallen. Initialfunken der Freiheit und Individualität. Leuchtfeuer gegen jede Form des Kollektivismus. Nicht mehr und nicht weniger hatten die Autoren im Sinn, als sie sich für das Lesenbuch zusammenfanden. Ihre Aufsätze sind freisinnige Bestandsaufnahmen unserer Gesellschaft. Sie sind Salz in den Wunden des Zentralismus. Sie sin der literarische Rost an den anziehenden Daumenschrauben der Planwirtschaft. Und stets auch Beiträge zu einer lebhaften Debatte.

Die Verfasser blicken zurück auf ein turbulentes Jahr 2013. Und sie blicken voraus auf ein womöglich noch turbulenteres Jahr 2014. Doch was die kommenden zwölf Monate auch bringen werden – fremde Welten werden Inspiration, unendliche Weiten werden Kraft spenden. All dies vereint in den Freiheitskeimen 2014.

Mit Beiträgen von Ron Paul, André F. Lichtschlag, Oliver Janich, David D. Friedman, Stefan Blankertz, Ulrich Schacht, Lew Rockwell, Michael von Prollius und vielen anderen.

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Jeffrey Tucker ist Geschäftsführer von Laissez Faire Books, Mitglied der Foundation for Economic Education und der Acton University. In der Vergangenheit engagierte er sich als Vizepräsident des US-amerikanischen Ludwig von Mises Institute und als Redakteur der dazugehörigen Internetseite.