Die Paradoxien des Libertarismus

16.12.2013 – von Llewellyn H. Rockwell Jr.

Llewellyn H. Rockwell Jr.

Wenn Libertäre den Versuch unternehmen, andere von ihrer Position zu überzeugen, begegnet ihnen eine interessante Paradoxie. Auf der einen Seite ist die libertäre Botschaft klar. Sie handelt von moralischen Prämissen und Instinkten, die im Prinzip von allen Menschen geteilt werden. Füge niemandem Schaden zu. Bestehle niemandem. Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.

Ein Kind sagt: „Ich hatte es zuerst!“ Man fühlt intuitiv, dass man als erster Nutzer eines bisher ungenutzten Gegenstandes moralische Priorität gegenüber später kommenden Besitzansprüchen genießt. Und genau dies ist ein zentraler Aspekt der libertären Theorie.

Inspiriert von John Locke, waren Murray Rothbard und andere libertäre Philosophen bestrebt, eine moralisch und philosophisch unanfechtbare Darstellung von der Entstehung von Eigentum zu formulieren. Locke meinte, dass alle Güter der Erde sich anfangs im Gemeinbesitz befanden, wohingegen Rothbard richtigerweise davon ausging, dass sich kein Gut im Besitz befand, da Gegenstände überhaupt erst zu Gütern werden, wenn ein Mensch ihnen einen Nutzen zuweist. Der Unterschied im Ausgangspunkt zwischen Locke und Rothbard ist allerdings für die weitere Analyse unerheblich. Locke versucht zu beweisen, wie jemand ein Gut für den eigenen Nutzen aus dem Gemeineigentum herauslösen kann und Rothbard will zeigen, wie jemand einen freien Gegenstand zu einem eigenen Gut machen kann.

Die Antwort Lockes ist uns vertraut. Zunächst bemerkte er, dass der Mensch im Naturzustand das Eigentum an sich selbst hat. Damit eine Person sich etwas exklusiv aneignen kann, muss es zu einer Verbindung des Gegenstandes mit dem Menschen selbst kommen. Dies geschieht durch den Prozess der Arbeit (z. B. dem Pflücken einer Frucht), bei dem es zu einer Vermischung eines Gegenstandes, der zum kollektiven Eigentum der Menschheit gehört, mit einem Privateigentum kommt, nämlich der Arbeit, die der eigene Körper verrichtet, an dem man ja ein exklusives Eigentum hat. Die Arbeit schafft nach Locke den Unterschied zwischen dem Gemein- und dem privaten Eigentum.

Ist ein Gegenstand einmal von seinem Naturzustand in das Eigentum einer Person übergegangen, muss es der Eigentümer nicht andauernd bearbeiten, um seinen Besitzanspruch zu erhalten. Befindet sich der Gegenstand einmal in jemandes Besitz, können künftige Eigentümer einen Eigentumstitel daran nur durch Kauf oder Schenkung erlangen.

Man spürt instinktiv die in dieser Regel enthaltene Rechtmäßigkeit. Wenn ein Individuum nicht über sich selbst verfügen darf, wer darf es dann? Wenn jemand, der durch seine Arbeit einen Gegenstand in ein Gut transformiert hat, nicht als Eigentümer über das Gut verfügen darf, wer darf es dann?

Weiterhin ist diese Regel nicht nur rechtmäßig, sondern sie dient auch der Konfliktvermeidung. Jeder Mensch kann diese Regel verstehen, denn sie gründet auf einem Prinzip, das für alle Menschen gilt. Sie behauptet zum Beispiel nicht, dass nur Menschen, die einer bestimmten Rasse oder Kaste angehören oder einen bestimmten Intelligenzquotienten haben, Eigentum kreieren dürfen. Es ist eine Regel, die Eigentumsansprüche in einer für alle Menschen verständlichen und klaren Form definiert und die Streitigkeiten auf ein Minimum reduziert.

Sinnvolle Alternativen zur Eigentum-durch-Erstnutzungs-Regel gibt es nicht. Wenn nicht der erste Nutzer Eigentümer ist, welcher dann? Der vierte Nutzer? Der zwölfte Nutzer? Aber wenn nur der vierte oder zwölfte Nutzer der rechtmäßige Eigentümer ist, dann darf auch erst der vierte oder zwölfte Nutzer vollständig über das Eigentum verfügen. Denn schließlich bedeutet Eigentum, dass man mit einem Gut alles machen kann, was man will, solange man damit nicht das Eigentum eines anderen beschädigt. Weiterhin würde  zum Beispiel eine Aneignung von Eigentum durch einfache verbale Deklaration Konflikte potenzieren, weil sich die Menschen nun vergeblich anschreien würden, um ihr Eigentumsrecht an einem Gegenstand zu begründen. Eine friedliche Lösung der hieraus entstehenden Konflikte scheint nicht möglich.

Die genannten Prinzipien sind für Menschen leicht zu verstehen und sie gehen, wie ich schon oben andeutete, mit moralischen Einsichten einher, die von den allermeisten Menschen geteilt werden.

Nun kommen wir zur libertären Paradoxie. Libertäre gehen von solchen grundlegenden, alltäglichen Prinzipien aus und beabsichtigen nur, diese Prinzipien konsistent und einheitlich auf alle Menschen anzuwenden. Aber, obwohl die meisten Leute behaupten, diese Prinzipien zu befürworten  und obwohl die meisten Leute behaupten, an die Gleichberechtigung der Menschen zu glauben – welche der Libertäre aufrechterhält, wenn er moralische Prinzipien ausnahmslos auf alle Menschen anwendet – wird die libertäre Botschaft plötzlich als extrem, unvernünftig und unakzeptabel hingestellt.

Warum ist es so schwierig, die Menschen von etwas zu überzeugen, woran die meisten von ihnen eigentlich vorbehaltlos schon glauben?

Der Ursache hierfür ist leicht auszumachen. Sie liegt in der intellektuellen Bewusstseinsspaltung, die die Menschen vom Staat übernehmen, durch den sie erzogen wurden,  die sie von den Medien übernehmen, von denen sie unterhalten werden, und die von den Intellektuellen bewusst propagiert wird.

Als Murray Rothbard die Beziehung zwischen Staat und Intellektuellen untersuchte, stieß er auf genau diese Bewusstseinsspaltung. „Die herrschende Elite,“, schrieb Rothbard, „seien es die Monarchen vergangener Zeiten oder die sozialistischen Parteien von heute, suchen händeringend nach Apologien für die Ausübung von Staatsgewalt. Der Staat herrscht durch göttlichen Erlass; der Staat sichert das Allgemeinwohl oder die allgemeine Wohlfahrt; der Staat garantiert Vollbeschäftigung; der Staat löst den Multiplikatoreffekt aus; der Staat garantiert die soziale Gerechtigkeit und so weiter und so fort. Die Apologien ändern sich über die Jahrhunderte; die Wirkung bleibt die gleiche.“

Warum dienen die Intellektuellen dem Staat in dieser Weise? Warum wetteifern sie darum, den Staat zu verteidigen, zu legitimieren und Entschuldigungen für sein Handeln zu finden?

Rothbard antwortet hierauf so: „Es ist klar, was den Herrschern ihre Allianz mit den Intellektuellen bringt, aber was bringt sie den Intellektuellen? Nun, ein Intellektueller ist die Art von Mensch, die glaubt, dass sie in der freien Marktwirtschaft deutlich weniger Einkommen erhält, als ihr auf Grund ihres intellektuellen Genies zusteht. Der Staat, auf der anderen Seite, ist willens, ihnen ein großzügiges Einkommen zu gewähren, damit sie sich als Apologeten der Staatsmacht betätigen und die Unzahl der vom modernen Staat geschaffenen Stellen im Wohlfahrts- und Regulierungsapparat füllen.“

Hinzukommt, dass es die intellektuelle Klasse, mit der wir es zu tun haben, drängt, der Gesellschaft ihre Vision, ihren Plan, aufzuzwingen. Dieser Impuls beschäftigte schon Frédéric Bastiat in seinem Aufsatz Das Gesetz aus dem Jahr 1850; die Konzipierung des Intellektuellen und Politikers als Töpfer und der menschlichen Rasse als bloßen Klumpen Lehms.

Folgerichtig klingt die offizielle Lehre ungefähr so: Zum Wohlergehen und Fortschritt der Menschheit müssen einige Individuen Macht über andere haben. Wären wir uns selbst überlassen, bliebe uns kaum ein menschenfreundlicher Zug. Wir würden die übelsten Verbrechen begehen. Der Handel würde zusammenbrechen, Innovation würde unterbleiben, Künste und Wissenschaften würden vernachlässigt werden. Die menschliche Rasse würde auf einen Zustand herabsinken, der jeglicher Beschreibung spottet.

Deshalb muss eine Institution ein Gewaltmonopol haben und die Fähigkeit besitzen, Individuen zu enteignen. Diese Institution wird dann dafür sorgen, dass die Gesellschaft nach dem richtigen Muster geformt wird, dass „soziale Gerechtigkeit“ erreicht wird und dass vielleicht sogar die tiefsten Sehnsüchte der Menschheit erfüllt werden.

Man hat diese Ideen so tief in unseren Köpfen verankert, dass die meisten Menschen nicht einmal auf den Gedanken kommen würden, dass es sich dabei um Propaganda handeln könnte. Man glaubt einfach, dass dies die Wahrheit über die Welt ist. Es ist eben so und anders kann es nicht sein.

Aber was, wenn doch? Was wäre, wenn es doch eine andere Form des Lebens gibt? Wenn die Freiheit nicht begrenzt sein muss, sondern unendlich weit sein darf? Was wäre, wenn man das allgemeine Misstrauen, das man gegenüber Monopolisten hegt, auch dem Staat entgegenbringt? Was wäre, wenn der Markt, der größte Wohlstands- und Wissenserzeuger, den wir je kannten, der zuverlässigste und effizienteste Verteiler knapper Ressourcen, auch diejenigen Güter besser herstellt, deren Herstellung der Staat, angeblich „naturgegeben“, exklusiv für sich beansprucht? Was wäre, wenn der Staat, der größte Massenmörder der Geschichte, die größte Bremse ökonomischen Fortschritts und die Institution, die uns in einem Nullsummenspiel des gegenseitigen Ausplünderns aufeinanderhetzt, die Wohlfahrt der Menschheit nicht vergrößert, sondern verringert?

Wie befreiend diese Philosophie ist, wird einem erst klar, wenn man sich ihrer Konsequenzen bewusst wird.

Sie bedeutet, dass Steuern moralischer Frevel sind, da es sich um die gewalttätige Enteignung friedlicher Individuen handelt.

Sie bedeutet, dass Wehrpflicht und Schulpflicht Fantasienamen für Versklavung und Freiheitsberaubung sind.

Sie bedeutet, dass die Kriege des Staates schlicht Massenmord sind und dass die Aufhebung normaler Moralmaßstäbe, auf die der Staat zu Kriegszeiten immer drängt, ein durchsichtiger Versuch ist, von denjenigen moralischen Fragen abzulenken, die diejenigen Menschen stellen könnten, die nicht in der neuesten staatlichen Propaganda unterrichtet wurden.

Und sie bedeutet, dass der Staat eben nicht der glorreiche Garant des Allgemeinwohls ist, sondern ein Parasit, der die von ihm beherrschten Individuen aussaugt. Der wohl bizarrste Denkfehler der linken Anarchisten war es, den Staat als Beschützer des Privateigentums zu verurteilen. Ohne den andauernden Angriff auf Privateigentum könnte der Staat gar nicht überleben. Der Staat selbst produziert nichts. Er überlebt nur wegen der produktiven Arbeit derer, die er enteignet.

Der Staat stellt in seiner Ethik und seinem Verhalten das genaue Gegenteil zum freien Markt dar und dennoch gibt es unter den „Verfechtern“ des Marktes kaum einmal jemanden, der seine Grundannahmen gewissenhaft prüft. Der übliche „Verfechter“ des Marktes glaubt nämlich folgendes:

  1. Die beste Form des sozialen Zusammenlebens ist die, in der Privateigentum geachtet wird, Menschen frei miteinander Handel treiben dürfen und  Gewaltanwendung nicht legitim ist.
  2. Das gilt aber nicht für die Herstellung ganz bestimmter Güter. Dann nämlich brauchen wir Monopole, Gewaltzwang, Enteignung und bürokratische Entscheidungsfindung – also das genaue Gegenteil der Prinzipien, denen wir uns im Absatz 1 angeblich verschrieben haben.

Sicher, es mag zunächst nicht immer leicht sein, sich die Herstellung bestimmter Güter in einem freien Markt vorzustellen. Und brauchen wir nicht sowieso immer jemanden, der sagt, wo es langgeht?

Aber genauso ließe sich behaupten, dass es schwierig ist, sich den Erfolg des freien Marktes an sich vorzustellen: wie können privat Handelnde das produzieren, was die Menschen wollen, ohne dass es einen allmächtigen Produktionsbeauftragten gibt, besonders angesichts der fast unendlichen Kombinationsmöglichkeiten von Ressourcen, die in unendlich vielen verschiedenen Mengen und Qualitäten in einer unvorstellbaren Vielfalt von Produktionsprozessen benötigt werden? Nun, genau dies geschieht jeden Tag, ganz selbstverständlich, am Markt.

Ich wurde nicht nur von der Ausbreitung des Anarchokapitalismus  überrascht – eine erstaunliche Entwicklung, richtet er sich doch gegen alles, woran zu glauben man die Menschen erzogen hat – sondern auch von den Attacken gegen den Anarchokapitalismus. Man könnte denken, dass sich keine der großen Publikationen an uns abarbeiten würde, weil wir doch nur eine winzige Minderheit sind. Und doch haben sie sich die Mühe gemacht. Der Grund? Sie haben erkannt, wie Sie und ich auch, was diese Philosophie bedeutet.

Die Libertären haben die radikalste Staatskritik aller Zeiten vorgebracht. Es ist wahr, dass die Marxisten behaupteten, das Verschwinden des Staates zu favorisieren, aber das muss man nicht ernst nehmen. Die Gewaltmacht des Staates spielt eine viel zu zentrale Rolle in der marxistischen Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus. Rothbard wies darauf hin, dass „es absurd ist, einen Zustand der Staatslosigkeit durch die Maximierung von Staatsgewalt in einer totalitären Diktatur des Proletariats (oder in Wirklichkeit der Diktatur einer ausgesuchten „Vorhut“ des Proletariats) erreichen zu wollen. Das Ergebnis ist maximale Staatsgewalt und somit maximale Sklaverei.“

Und wie würden Produktionsentscheidungen ohne Privateigentum getroffen werden? Natürlich vom Staat. Die Marxisten würden es nur nicht Staat nennen. Murray Rothbard formuliert dies so:

„Nachdem man auf geheimnisvolle Weise das Privateigentum abgeschafft hat, wäre die darauf folgende „Abschaffung“ des Staates notwendigerweise nichts weiter als die Verschleierung eines neuen Staates, der sich entwickeln muss, um über die Verwendung der Gemeinschaftsgüter zu entscheiden. Der Staat würde sich allerdings nicht mehr als Staat bezeichnen, sondern unter Titeln wie „volkseigenes statistisches Büro“ firmieren. Die künftigen Opfer staatlicher Gewalt, eingesperrt oder ermordet, weil sie in gegenseitigem Einvernehmen kapitalistische Handlungen begangen haben, wird es wenig trösten, dass ihr Unterdrücker nun nicht mehr der Staat ist, sondern das volkseigene Statistikbüro. Den Staat erkennt man an seinem Mief, egal wie er sich verkleidet.“

Die konservativen Befürworter eines institutionell beschränkten Staates – die natürlich in Wirklichkeit einen enorm großen Staat favorisieren – möchten andauernd das System reformieren. Wir müssten nur noch dieses oder jenes ausprobieren und schon verwandelt sich ein Gewalt- und Enteignungsmonopolist in die Urquelle von Ordnung und Zivilisation.

Von beiden Sichtweisen sind wir Libertäre Lichtjahre entfernt. In unseren Augen sind „öffentlich Bedienstete“ nicht die Diener der Öffentlichkeit. Es macht uns traurig, wenn wir hören, wie naiv Konservative davon träumen, zu Zeiten zurückzukehren, in denen der Staat auf die Menschen einging und dessen gewählte Funktionäre sich für das Gemeinwohl aufopferten. Leider ist die Situation, in der wir uns jetzt befinden, im Gegensatz zum konservativen Wunschglauben, nicht eine zufällige Fehlentwicklung. Es ist, zwingend, die Normalität.

Es gibt zwei, und wirklich nur zwei, Versionen der Geschichte von Freiheit und Macht. Die eine Version sieht als Quelle von Fortschritt, Ordnung und Wohlstand die Staatsmacht. Die andere Version sieht die Freiheit als Ursprung dieser schönen Dinge, zusammen mit Handel, Innovation, Kunst, Wissenschaft und Überwindung von Krankheit und Entbehrung. Für uns Libertäre ist die Freiheit nicht die Tochter der Ordnung, sonder ganz eindeutig die Mutter der Ordnung.

Nun werden einige einwenden, dass auch ein dritter Weg möglich wäre; dass für das Gedeihen der Menschheit eine vernünftige Kombination von Staat und Freiheit notwendig sei. Aber dies ist lediglich eine Apologie für den Staat, denn man nimmt schon das als erwiesen an, was wir Libertäre bestreiten: dass der Staat die unabdingbare Quelle von Ordnung ist, in der die Freiheit blüht. Im Gegenteil, die Freiheit gedeiht trotz des Staates und die Früchte der Freiheit, die wir überall um uns herum sehen können, wären noch reichlicher vorhanden, gäbe es nicht die Erblast des Staates.

Vorläufer des Anarchokapitalismus finden sich an mehreren Stellen der intellektuellen Geschichte des Westens – da wären Gustave de Molinari und in den Vereinigten Staaten Lysander Spooner, Benjamin Tucker und einige andere. Als Erster aber hat Murray Rothbard den Anarchokapitalismus als vollständiges und kohärentes System entwickelt. Es war Rothbard, der die erste umfassende und systematische Argumentation für eine Anarchie des Privateigentums lieferte. Wir können dankbar sein, in einem Zeitalter zu leben, in dem das Werk von Rothbard – verachtet und unterdrückt von den Vertretern des Staates – leicht verfügbar ist.

Nur wenige verfügen über genug Mut und Originalität, um sich radikal von existierenden Systemen abzuwenden und darüber hinaus noch ein eigenes zu entwickeln. Mut und Originalität waren das Markenzeichen von Murray Rothbard. Hätte er sich damit zufrieden gegeben, Staatspropaganda wiederzukäuen, hätte ein Mann seines Kalibers lehren können, wo auch immer er wollte, um so Prestige und Privilegien der höchsten akademischen Weihen zu genießen. Er weigerte sich. Stattdessen arbeitete er daran, uns ein elegantes und umfangreiches Wissenschaftssystem zu hinterlassen, von dem wir lernen und zum dem wir hinzufügen können, während wir vorwärtsdrängen, um eine wirklich freie Gesellschaft in Murray’s Sinne zu errichten.

Und hier ist noch eine andere Seite der libertären Paradoxie: obwohl unsere Philosophie einer einzigen Proposition entspringt, nämlich dem Gewaltausschlussprinzip, ist dessen Entfaltung und Ausarbeitung – zu erforschen, wie die verflochtenen Aspekte der menschlichen Gesellschaft harmonisch zusammenarbeiten – eine unerschöpfliche Quelle intellektuellen Vergnügens.

Die intellektuelle Klasse hat ihre Aufgabe und wir haben unsere. Deren Aufgabe ist es, zu verwirren und zu verschleiern; unsere ist es, Klarheit zu schaffen. Deren Aufgabe ist es, den Geist zu verdunkeln; unsere, ihn zu erhellen. Deren Aufgabe ist es, den Mensch unter die Herrschaft derer zu zwingen, die sämtliche moralische Prinzipien verletzen, die zivilisierte Menschen zu schätzen vorgeben. Es ist unsere Aufgabe, den Menschen von dieser Unterwerfung zu emanzipieren.

Ich verabschiede mich von Ihnen mit einer letzten, libertären Paradoxie: obwohl wir die Philosophie der Freiheit lehren, werden wir, solange wir diese große Idee schätzen und lieben, immer auch Schüler sein. Hören Sie nie auf, zu forschen und zu entdecken, zu lesen und zu schreiben, zu diskutieren und zu überzeugen. Gewalt ist das Werkzeug des Staates. Wissen und Verstand sind die Werkzeuge freier Menschen.

Aus dem Englischen übersetzt von Arne Wolframm. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Libertarian Paradox ist am 25.7.2013 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

—————————————————————————————————————————————————————————-

Llewellyn H. Rockwell Jr. ist Gründer und Präsident des Ludwig von Mises Institute in Auburn, US Alabama.