Gesetzliches Arbeitsverbot: Der Mindestlohn

2.10.2013 – von Murray N. Rothbard.

[Der nachfolgende Beitrag erschien erstmals 1988 in der Dezember Ausgabe von ‚The Free Market‘ und ist auch in der Essay-Sammlung Making Economic Sense enthalten.]

Murray N. Rothbard

Es gibt keinen klareren Hinweis auf die grundsätzliche Gleichheit der beiden politischen Parteien als ihre Position zum gesetzlichen Mindestlohn. Die Demokraten empfehlen ein Anheben des gesetzlichen Mindestlohns, der 1981 unter der vermeintlich marktwirtschaftlichen Reagan-Regierung auf 3,35 $ pro Stunde erhöht wurde. Die Antwort der Republikaner darauf war ein „Mini-Mindestlohn“ für Jugendliche, die als geringfügig Beschäftigte tatsächlich am härtesten von einem Mindestlohn betroffen sind.

Ihren Standpunkt haben die Republikaner im Kongress allerdings schnell verändert, in dem sie weiter für einen „Mini-Mindestlohn“ eintraten, der aber nach gerade einmal 90 Tagen auf das höhere Niveau der Demokraten steigen sollte (auf 4,55 $ pro Stunde). Ironischerweise überließ man es Senator Edward Kennedy, auf die hanebüchenen wirtschaftlichen Folgen dieses Vorschlags hinzuweisen: die Arbeitgeber würden ermuntert, Jugendliche einzustellen und sie nach 89 Tagen wieder zu entlassen, um einen Tag später andere einzustellen.

Letzten Endes half bezeichnenderweise George Bush den Republikanern aus dem Loch, in dem er kapitulierend das Handtuch warf und auf den demokratischen Kurs umschwenkte. Das Ergebnis war, dass die Demokraten unverblümt für einen noch höheren Mindestlohn eintraten und die Republikaner nach einigem leeren Geschwätz letztlich deren Forderungen zustimmten.

Tatsächlich kann es aber nur eine Sicht auf den gesetzlichen Mindestlohn geben: er ist erzwungene Arbeitslosigkeit, Punkt! Das Gesetz sagt: es ist illegal, und folglich kriminell, jemanden unterhalb eines bestimmten Stundenlohns von x Dollar einzustellen. Das bedeutet schlicht und einfach, dass viele freiwillig geschlossene Arbeitsverträge plötzlich gesetzeswidrig werden und dadurch Arbeitslosigkeit entsteht. Man muss bedenken, dass ein Mindestlohn keine neuen Arbeitsplätze schafft; er verbietet sie nur; und die Verdrängung von Arbeitsplätzen in die Illegalität ist eine unvermeidliche Folge.

Alle Nachfragekurven fallen, und jene für Arbeit bildet keine Ausnahme. Daher führen zwangsläufig alle Gesetze für marktrelevante Mindestlöhne (ein Mindestlohn von 10 Cent pro Stunde hätte keinen Einfluss)  zur Kriminalisierung von Beschäftigung und folglich zu Arbeitslosigkeit.

Kurz gesagt: wenn der Mindestlohn von 3,35 $ auf 4,55 $ pro Stunde steigt, führt dies zu dauerhafter Nichtbeschäftigung derjenigen, die sonst zu Löhnen irgendwo zwischen diesen beiden Werten eingestellt worden wären. Weil die Nachfragekurve für Arbeit (wie für jeden anderen Produktionsfaktor auch) durch die wahrgenommene Grenzproduktivität der Arbeit bestimmt wird, werden durch dieses Verbot genau jene „Grenzarbeiter“  (Niedriglohnempfänger) geschädigt und ruiniert, welche die Befürworter der Mindestlöhne besonders fördern und schützen wollen, z.B. Migranten und Teenager.

Die Befürworter des Mindestlohns behaupten regelmäßig lauthals, dass dies alles nur Panikmache sei und der Mindestlohn nie und nimmer Arbeitslosigkeit verursachen würde. Für das richtige Gegenargument muss man lediglich noch einen draufsetzen: Alles klar, wenn der Mindestlohn also ein so wunderbares Mittel zur Armutsbekämpfung ist und keine Auswirkungen auf steigende Arbeitslosigkeit hat, wieso seid ihr dann solche Geizkragen? Warum helft ihr den armen Arbeitern nur mit solchen Kleckerbeträgen? Warum bei 4,55 $ die Stunde aufhören? Warum nicht 10 $ die Stunde? 100 $? 1000 $?

Es ist klar, dass die Advokaten des Mindestlohns nicht ihrer eigenen Logik folgen, denn wenn sie ihn auf solche Höhen trieben, würde praktisch die gesamte Erwerbsbevölkerung arbeitslos werden. Kurzum, man kann so viel Arbeitslosigkeit haben, wie man möchte, indem man einfach den gesetzlichen Mindestlohn hoch genug ansetzt.

Um höflich zu bleiben, ist es unter Ökonomen üblich, anzunehmen, dass ein ökonomischer Irrtum nur aus einem Denkfehler heraus entstehen kann. Aber es gibt Zeiten, in denen Schicklichkeit ernsthaft irreführend sein kann, oder wie Oscar Wilde einst schrieb: „wenn das Sagen der eigenen Meinung zu mehr als nur einer lästigen Pflicht wird, wird es zum wahren Vergnügen“. Denn wenn die Befürworter des höheren Mindestlohnes nur verbohrte Gutmenschen wären, würden sie nicht bei 3 $ oder 4 $ pro Stunde aufhören, sondern ihn stattdessen – ihrer törichten Logik entsprechend – auf astronomische Höhen schrauben.

Tatsächlich sind sie schlau genug, um ihre Mindestlohnforderungen an dem Punkt aufzugeben, an dem nur geringfügig Beschäftigte davon betroffen sind, und an dem noch keine Arbeitslosigkeit für z.B. erwachsene, weiße, männliche Arbeiter mit langjähriger Gewerkschaftsmitgliedschaft droht. Wenn man bedenkt, dass die eifrigsten Verfechter des Gesetzlichen Mindestlohns Gewerkschaftsfunktionäre sind (AFL-CIO[1]) und dass die konkrete Auswirkung des gesetzlichen Mindestlohns die Benachteiligung der geringfügig Beschäftigten im Wettbewerb mit den besserverdienenden Arbeitern und langjährigen Gewerkschaftsmitgliedern bedeutet, wird die wahre Motivation der Forderung nach Mindestlöhnen offensichtlich.

Das ist nur einer von vielen Fällen, bei denen scheinbar kurzsichtiges Beharren auf ökonomischen Trugschlüssen nur als Vorwand für spezielle Privilegien dient, auf Kosten derjenigen, denen man angeblich zu „helfen“ vorgibt.

Unter der gegenwärtigen Aufregung hat die Inflation – angeblich durch die Reagan-Regierung zum Stillstand gebracht – die Wirkung der letzten Anhebung des Mindestlohnes im Jahre 1981 abgeschwächt, indem sie den realen Mindestlohn um 23 % reduziert hat. Als Folge fiel die Arbeitslosigkeit von 11 % 1982 auf unter 6 % im Jahre 1988. Wahrscheinlich durch diesen Rückgang verärgert, drängen die Gewerkschafter und ihre Verbündeten nun darauf, diesen Zustand zu bereinigen und das Mindestlohnniveau um 34 % anzuheben.

Gelegentlich werden sich die gewerkschaftsnahen Ökonomen und andere sachkundige Sozialdemokraten die Maske vom Gesicht reißen und offen zugeben müssen, dass ihr Vorgehen Arbeitslosigkeit verursacht. Um sich selbst zu rechtfertigen werden sie dann behaupten, dass es für einen Arbeiter „würdiger“ sei, von Sozialleistungen zu leben, statt für einen niedrigeren Lohn zu arbeiten. Das ist natürlich die Rechtfertigungslehre von Sozialleistungsempfängern selbst. Und es ist wahrlich eine verrückte Vorstellung von „Würde“, die durch das sozialstaatliche Mindestlohnsystem befördert wird.

Unglücklicherweise gewährt dieses System den zahlreichen Arbeitern, welche lieber Produzenten als bloße Parasiten wären, nicht das Recht ihrer eigenen freien Entscheidung.

[1] Die American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations (AFL-CIO) ist der mitgliederstärkste Gewerkschaftsdachverband der USA und Kanadas.

Aus dem Englischen übersetzt von Uwe Werler. Der Originalbeitrag mit dem Titel Outlawing Jobs: The Minimum Wage ist am 15.2.2013 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

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