Freihandel nützt allen

6.6.2018 – von Antony P. Mueller.

Antony P. Mueller

Laut einer kürzlich von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie über die Einstellung der Menschen zum internationalen Handel ergab eine Umfrage, dass durchweg mehr als die Hälfte der Befragten in den jeweiligen Ländern der Meinung sind, dass die Regierung die heimischen Unternehmen besser gegen die ausländische Konkurrenz schützen solle. Für Deutschland beträgt der Prozentsatz 57 Prozent, für Frankreich gar 75 Prozent. In Mexiko und der Türkei sind es 89 bzw. 90 Prozent der Befragten, die mehr Protektionismus fordern.

Gemäß der Umfrage haben viele Menschen den Eindruck, Globalisierung würde mehr Ungleichheit schaffen. Die Mehrheit der Befragten ist der Meinung, dass die Globalisierung nicht zu höheren Löhnen führe. Etwa 40 Prozent sind der Auffassung, der internationale Handel sei für die Sicherheit der Arbeitsplätze ungünstig.

Es zeigt sich also, dass der neue Protektionismus, wie er derzeit zum Beispiel von der US-Regierung verkündet wird, durchaus populären Rückhalt hat. Diese Haltung kommt allerdings dadurch zustande, dass vielen Menschen offenbar die Einsicht in die Wirkungsweise des internationalen Handels fehlt.

Freihandel oder mehr Protektionismus?

Bei der Erörterung des Freihandels befürworten die Menschen Protektionismus, weil sie denken, dass dies der Weg sei, „unserer“ Wirtschaft zu helfen und „unsere“ Arbeitsplätze zu retten. Was die Protektionisten nicht sehen, ist, dass der internationale Handel zu höherer Produktivität führt, und dass Produktivität der Schlüssel zu steigenden Löhnen ist. Wirtschaftliches Wachstum kommt durch Produktivität zustande, und höhere Produktivität kann es nicht ohne Handel geben.

Der Widerstand gegen den Freihandel ist gleichbedeutend mit dem Widerstand gegen andere Formen des wirtschaftlichen Fortschritts, wie er zum Beispiel mit dem technologischen Fortschritt einhergeht. Der Widerstand gegen den Freihandel hat viel gemeinsam mit den Maschinenstürmern zu Beginn der industriellen Revolution.  Hätten sich die Gegner der industriellen Revolution durchgesetzt, wären die Arbeiter heute noch so arm wie vor zweihundert Jahren.

Der internationale Handel erweitert die lokalen, regionalen und nationalen Märkte. Die einzelnen Firmen haben mehr potentielle Kunden, und die Firmen können die Spezialisierung intensivieren und produktiver werden. Höhere Produktivität bedeutet höhere Löhne. Die handeltreibenden Volkswirtschaften werden reicher, während die isolierten, autarken Länder arm bleiben. Für die Entwicklungsländer ist die Öffnung für den internationalen Handel ein wichtiges Instrument, der Armut zu entkommen. Für die industrialisierten Länder ist internationaler Handel umso bedeutsamer je mehr die bloße Kapitalakkumulation mit sinkenden Grenzerträgen einhergeht.

Expandierende Märkte verändern die Wirtschaftsstruktur. Die Produktion steigt in jenen Produktionsbereichen, wo die Produktivität relativ hoch ist, und fällt, wo die relative Produktivität geringer ist. In den Ländern, die am Freihandel teilnehmen, steigt so das allgemeine Produktivitätsniveau, da die Produktion auf die leistungsfähigeren Betriebe verlagert wird. Die weniger effizienten Unternehmen weichen auf die Aktivitäten aus, bei denen die Produktivitätsdistanz zu den Unternehmen mit der höheren Leistung geringer ist. Im Hinblick auf eine höhere Produktivität kommt der internationale Handel allen Beteiligten zugute. In jedem der Länder, die miteinander Handel treiben, findet eine Umverteilung entsprechend den komparativen Vorteilen statt.

Mit der steigenden Produktivität geht ein höheres Lohnniveau einher. Dieser Effekt ist schwerer auszumachen als sein Gegenteil. Um den Lohneffekt des internationalen Handels zu verstehen, ist es leichter zu beobachten wie die Löhne in einem Land fallen, dem strikte Handelssanktionen auferlegt werden und den Umkehrschluss aus dieser Tatsache zu ziehen. Wäre es anders, würden die Länder, denen internationale Sanktionen drohen, jubeln.

Spezialisierung ist Sache der Unternehmen

Nicht Länder spezialisieren sich, sondern Unternehmen. Nicht Länder exportieren und importieren, sondern Firmen und Verbraucher. Der Importeur eines ausländischen Gutes ist der heimische Käufer, nicht das Land, wo er zuhause ist. Nicht Deutschland exportiert den Golf, sondern Volkwagen. Internationaler Handel bringt Größenvorteile für die Unternehmen. Für die Kunden wächst die Vielfalt und die Qualität der Güter, und die Unternehmen können günstiger produzieren. Neben der Spezialisierung können die Produzenten die Größenvorteile nutzen, die mit der Erweiterung des Marktes einhergehen. Je intensiver der Wettbewerb in einem Land, desto schneller werden diese Vorteile zu den Kunden gelangen.

Höhere Produktivität bedeutet, dass man mehr Output bei gleichem Einsatz von Arbeit und Kapital erzielt. Auf diese Weise führt die Steigerung der Produktivität zu höheren Gewinnen. Höhere Gewinne fördern die Ausweitung der Produktion. Je intensiver der Wettbewerb ist und je mehr Unternehmen am Wettbewerb teilnehmen, desto schneller breiten sich die Produktivitätsgewinne in der gesamten Wirtschaft aus und desto mehr profitieren die Verbraucher von den Produktivitätsgewinnen in Form niedrigerer Preisen, besserer Qualität und einer größeren Gütervielfalt.

Je mehr die Unternehmen eines Landes am Welthandel teilnehmen, desto mehr konzentrieren diese Unternehmen ihre Aktivitäten auf die Nischen, wo sie eine höhere Leistung erzielen können. Dies führt zu einem steigenden allgemeinen Produktivitätsniveau im Land und dann zu höheren Löhnen. Das Endresultat der Ausweitung des internationalen Handels ist die Stärkung der Kaufkraft.

Da der Welthandel die Märkte vergrößert und den Wettbewerb intensiviert, verringert sich die Marktmacht nationaler Unternehmen, da ihr relativer Marktanteil sinkt. Der Freihandel wirkt so auch als ein Gegenmittel gegen die Monopolisierung der Wirtschaft.

Freihandel schafft Wohlstand

Freihandel hat Auswirkungen wie der technische Fortschritt. Die weniger produktiven Firmen schaffen Platz für die wettbewerbsfähigeren Unternehmen. Es gibt eine Verschiebung der Produktionsfaktoren zu den Produktionsbereichen höherer Produktivität auf Kosten der weniger produktiven Betriebe. Dieser Prozess legt die Grundlage für höhere Einkommen. Auf diese Weise dient der internationale Handel dem Verbraucher durch eine größere Produktvielfalt, niedrigere Preise und eine bessere Qualität der Waren und Dienstleistungen.

Wie der Handel auf lokaler und nationaler Ebene, so ist der Welthandel ein Wechselspiel von Wettbewerb und Kooperation. Dieser Assoziationsprozess beginnt mit dem Individuum in der Familie und setzt sich in der lokalen und regionalen Ebene fort, bis hin zu den Bereichen der nationalen Wirtschaft, den internationalen Beziehungen und schließlich der Weltwirtschaft.

Die Protektionisten nehmen den Nationalstaat als ihre Einheit für die Grenzen des Freihandels. Sie erkennen nicht an, dass sie, wenn ihre Argumente für Protektionismus richtig sind, auch regionale und lokale Kriterien anwenden sollten. Wenn der Protektionismus für die Nation so gut wäre, warum nicht auch Zölle für eine bestimmte Region oder Stadt innerhalb eines Landes verhängen? Was im Handel zählt, ist nicht die Stadt, Region oder Nation, sondern die Produktivität der einzelnen Unternehmen in einer Stadt, in der Region und der Nation.

Schlussbetrachtung

Internationaler Handel bedeutet größere Märkte, und größere Märkte erweitern den Bereich der Spezialisierung der Firmen. Bei Handelsbarrieren passiert das Gegenteil. Der Grad der Spezialisierung muss sinken, die Produktivität fällt und damit die Einkommen. Protektionismus ist eine schlechte Wahl, die mit einem hohen Preis einhergeht, weil sie den Weg zu steigender Produktivität und zu einem höheren Einkommen versperrt. Nicht der Protektionismus schafft Wohlstand, sondern der Freihandel. Die Auswirkungen des globalen Handels auf den Wohlstand kommen durch Spezialisierung der Unternehmen zustande. Die Kaufkraft steigt. Freihandel erhöht die Produktivität. Die Einkommen wachsen, die Preise werden günstiger, während die Qualität besser wird und die Gütervielfalt zunimmt.

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Vor Kurzem hat der Autor bei Amazon Deutschland das Taschenbuch: „Feinde des Wohlstands. Wie Sozialismus, Interventionismus und der Wohlfahrtsstaat uns arm und unfrei machen“ veröffentlicht.

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Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Dr. Müller ist außerdem Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA und des Mises Institut Brasilien und leitet das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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