Russland, China und die neue Seidenstraße

16.5.2018 – von Marcia Christoff-Kurapovna.

Das auffälligste Merkmal der Geopolitik von Russland und dem Westen ist zeitgleich ein undurchsichtiges Merkmal der Geopolitik von Russland und China. Die US-amerikanischen Hauptstrommedien haben den Bau eines komplexen, 900 Milliarden US-Dollar teuren Geflechtes von strategischen Transportrouten, das allgemein als „Neue Seidenstraße“ oder „Belt Road Initiative“ bezeichnet wird und von Peking im Jahr 2013 angestoßen wurde, nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei handelt es sich um eines der größten Infrastruktur- und Investitionsmegaprojekte der Geschichte, das mehr als 68 Länder mit mehr als 65 % der Weltbevölkerung umfasst, die wiederum 40 % der globalen Wirtschaftsleistung von 2017 erzeugt haben.

Das Projekt war das bestimmende Element in den enger werdenden Beziehungen zwischen Moskau und Peking, obwohl Russland anfangs aus Sorge um die territorialen Ziele Chinas zögerte. Seitdem ist die Partnerschaft stark gewachsen und ein besonderer Segen für den Einflussbereich Moskaus geworden. Eine der unmittelbaren positiven Folgen für Russland war die Annäherung der eurasischen Länder und des Irans an Russland, eine Entwicklung mit potenziell explosiven Auswirkungen auf den Westen, da die Energiegeopolitik im Kaukasus eine Quelle der Spannungen sowohl gegenüber der EU als auch den USA ist. Die Energiegeopolitik bildet jedoch die gesamte Grundlage der Russlandfrage in dem Endspiel zwischen Ost und West, wobei der Mittlere Osten der Ort steigender Spannungen sein wird.

Für China stellt sich die Lage derzeit so dar, dass „mehr als 90 Prozent“ der Containertransporte von China nach Europa auf dem Seeweg abgewickelt werden. Pekings Plan ist es, eine Fülle von verschiedenen Transportmöglichkeiten aus einem Netz von transkontinentalen Landstraßen zu schaffen: Zentralasien und dem Mittleren Osten kommen offensichtlich Schlüsselrollen zu und sie überschneiden sich mit russischen Interessen. China will darüber hinaus Zugang zur Arktis, wo ein großer Teil der geplanten Routen als Ergänzung zum kontinentalen Korridor durch Eurasien (und einer geplanten indopazifischen Seeroute) gebaut wird. Tatsächlich hat sich China zum „Anteilshaber“ an der Arktis erklärt und will eine so genannte „Polarseidenstraße“ errichten.

Diese neue chinesisch-russische Wirtschaftsstrategie – verbunden mit Bekundungen Chinas auf dem ersten chinesischen Goldkongress vergangenen September, den Yuan zukünftig mit Gold zu hinterlegen, als Teil eines größeren russisch-chinesischen Versuches, die Abhängigkeit vom Petrodollar zu überwinden – kommt zu einer Zeit, in der Peking kürzlich den „goldgedeckten Petroyuan“ eingeführt hat. Die starken Verschiebungen auf den globalen Energiemärkten sind kaum zu unterschätzen, da bisher noch jedes Land, das Öl kaufen wollte, zuerst Dollar erwerben musste, um den Handel überhaupt durchführen zu können. Mit dem Start des auf Petroyuan lautenden Ölterminmarkts an der Shanghai International Energy Exchange wird die Börse sieben Arten von Rohöl, insbesondere aus dem Nahen Osten, einschließlich des irakischen Rohöls, Basra Light, sowie Rohöl aus Dubai und Oman handeln. Damit wird ein asiatischer Richtwert bei der Preisgestaltung für Rohöl für den Import in die weltweit führende Importregion Asien geschaffen.

Dieser Schritt soll China mehr Macht bei der Rohölpreisgestaltung verschaffen und den Ruf seiner Währung als global verlässlich fördern. Der gewählte Zeitpunkt ist interessant, vor allem angesichts der Tatsache, dass China offensichtlich wenig Angst vor Vergeltungsmaßnahmen durch die Vereinigten Staaten hat.

Russland begrüßt dies alles nur zu gerne. „Trotz anfänglicher Bedenken in Moskau hat Chinas Durchdringung Zentralasiens unter dem Banner der Seidenstraße den russischen Interessen bisher keinen wesentlichen Schaden zugefügt“, schrieb der russische Gelehrte Artyom Lukin in der Washington Post in einem Artikel vom 8. Februar. Chinas Ambitionen haben in der Tat eher das Gegenteil bewirkt.

Am 9. November letzten Jahres gaben Wladimir Putin und Nursultan Nasarbajew aus Kasachstan Pläne für eine der geplanten Eisenbahnstrecken von China nach Europa über das Gebiet von Russland und Kasachstan bekannt. Durch die Umsetzung dieses Projektes „werden die geopolitischen und wirtschaftlichen Folgen nicht nur Kasachstan und Usbekistan betreffen, sondern auch die anderen Länder im und um den zentralasiatischen Raum“, so Lukin, Professor an der Fernöstlichen Bundesuniversität in Wladiwostok. Der Einfluss des Kremls in Zentralasien und im Südkaukasus wird sich durch die Vorherrschaft Russlands auf den eurasischen Landstraßen weiter verstärken.

Die Vorteile für Moskau könnten angesichts der wirtschaftlichen Lage des Landes gegenüber dem Westen in den letzten zehn Jahren zu keinem besseren Zeitpunkt kommen: der erste „Energiekrieg“ mit Europa wegen der Orangenen Revolution in der Ukraine 2006, die Unterbrechung der Gaslieferungen an den Kontinent nach dem Bürgerkrieg in der Ukraine nach 2014, die umkämpfte Energiegeopolitik im Kaukasus, Sanktionen und seit diesem Wochenende neue Sanktionen. Das Augenmerk liegt nun auf dem Osten und es läuft gut: Chinesische Güter, die nach Europa sollen, müssen durch Kasachstan und dann per Transit durch das russische Eisenbahnnetz. Die zentralasiatischen Republiken sind jedoch skeptisch gegenüber Chinas Wunsch nach einer Freihandelszone, da sie befürchten, „lebendig verspeist zu werden“. Die Bewohner in Zentralasien, insbesondere in Kasachstan und Kirgisistan, sind China gegenüber traditionell kritisch eingestellt, „und zwar in einem Ausmaß, die ihre Vorbehalte gegenüber dem russischen Imperialismus bei weitem übersteigen“, schreibt der oben zitierte Gelehrte Lukin. Kurzum: Die zentralasiatischen Staaten werden Russland nicht zugunsten Chinas aufgeben und sie werden Moskau noch mehr brauchen, um sich gegen den immer größer werdenden wirtschaftlichen Einfluss Pekings abzusichern. All dies ist zu Russlands Vorteil.

Dann ist da noch der Iran, der seinerseits auch ein wichtiger Bestandteil des Seidenstraßenprojektes ist. Dabei dreht es sich vor allem um eine etwa 3.200 Kilometer lange Verbindung zwischen Urumqi, der Hauptstadt der westlichen Provinz Xinjiang in China, und Teheran, durch die Entwicklung von Eisenbahnstrecken vom südlichen Iran in Richtung Aserbaidschan. Vom iranischen Netz soll diese Verbindung durch die Türkei nach Osteuropa und schließlich in den Rest Europas münden. Die Route „wird zu einem Schub beim Warenverkehr und Energietransport zwischen dem Iran und China sorgen, die sich ein langfristiges bilaterales Handelsziel von 600 Milliarden Dollar pro Jahr gesetzt haben“, so die englischsprachige iranische Zeitung Financial Tribune. Für den Iran ist die Strecke Teil eines breiteren Schienenentwicklungsplans, der die Elektrifizierung aller Eisenbahnen bis 2025 vorsieht. Das Land ist sich seiner globalen Transport- und Logistikkapazitäten bewusst: Iran, Russland und die Türkei gelten in der Region als die Keimzellen für die Zukunft Eurasiens.

Es versteht sich von selbst, dass der Energiesektor die höchste wirtschaftliche Priorität für Russland hat. Die Einnahmen aus dem Energiesektor waren entscheidend für die Erholung der Wirtschaft und ermöglichten damit die internationale Stellung Moskaus. Gewinne aus dem Energiegeschäft „ermöglichten es dem russischen Staat, alle sowjetischen und post-sowjetischen Auslandsschulden zurückzuzahlen, den Stabilisierungsfonds des Landes und die Währungsreserven der Zentralbank Russlands zu vergrößern und über viele Jahre ein nicht defizitäres Budget aufrechtzuerhalten“, so ein Weißbuch der Universität Leeds, was wiederum eine teilweise Unabhängigkeit auf der Weltbühne ermöglichte.

Der Verlust der Ukraine, der zweitgrößten post-sowjetischen Wirtschaft, einem Markt mit rund 44 Millionen Einwohnern, mit dem Moskau einen Wirtschaftsblock zu schaffen suchte, der wirtschaftlich der Europäischen Union gleich gekommen wäre, hat zur Ostausrichtung geführt. „In Ermangelung eines Marktes von ausreichender Größe, um einen eigenen lebensfähigen geoökonomischen Raum zu schaffen, blieb Russland nur die Möglichkeit, in die wirtschaftliche Umlaufbahn einer anderen Nation einzutreten“, schreibt Lukin. Im Jahr 2015 trat Russland zögernd der von China kontrollierten Asian Infrastructure Investment Bank bei. Doch der entscheidende Schritt kam einige Monate später im Mai, als sich Xi und der russische Präsident Wladimir Putin in Moskau trafen, um auf eine „Verbindung“ zwischen der Eurasischen Wirtschaftsunion Russlands und dem Wirtschaftsgürtel der Seidenstraße hinzuarbeiten.

US-Aktionen und neue Sanktionen gegen Russland werden in Moskau so verstanden, dass sie letztendlich darauf abzielen, diese wachsende geostrategische Energiepolitik mit China und dem Nahen Osten zu stören. Zusammen mit zunehmend provozierenden Aussagen aus Washington über Aktionen gegenüber dem Iran im Hinblick auf die Überprüfung des „Atomabkommens“ von 2015 im nächsten Monat (Hinweis der Redaktion: Der Beitrag wurde bereits im April auf mises.org veröffentlicht), könnte sich das nächste Jahrzehnt als das bisher schlechteste in den Beziehungen zwischen Russland und den USA erweisen (wenn das überhaupt noch möglich ist). Wie sich dieses Geschehen auf dem regionalen Spielbrett mit Pipelines und unterschiedlichen Drahtziehern entwickelt, wird sich zeigen. Möglicherweise wird es kein cleveres, mulitdimensionales Schach, denn die Spieler machen die gleichen, vorhersehbaren Züge im gleichen, vorhersehbaren Spiel, in dem sich Könige nicht von ihren Bauern unterscheiden.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel Russia, China and the Geopolitics of the Silk Road ist am 20.4.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.


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Marcia Christoff-Kurapovna schrieb für The Wall Street Journal EuropeThe Economist und The Christian Science Monitor.

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