Über das Für und Wider von Waffenverboten

11.4.2018 – von Kai Weiß.

Kai Weiß

Am 14. Februar tötete ein Amokläufer 17 Menschen an einer High School in Parkland, Florida. Es war nur das nächste von zahlreichen Massakern, die in den USA in den letzten Jahren passiert sind. 58 Tote gab es im Oktober 2017 in Las Vegas, 28 im November desselbigen Jahres in einer Kirche in Texas, 29 im Juni 2016 in einer Schwulenbar in Orlando – die Liste könnte unendlich weitergehen. Diese Taten schockieren, wie zum Beispiel die Attacke in Newtown, als 2012 ein 20-Jähriger 27 Menschen tötete – davon 20 Kinder. Es handelte sich um einen Amoklauf auf die Sandy-Hook-Grundschule.

In solchen Momenten wirkt es verständlich zu versuchen, solche Übel aus der Welt verschwinden zu lassen; die Möglichkeiten, dass so etwas wieder passieren könnte, auszuräumen. Mehr Sicherheitskräfte, mehr Videokameras, mehr von allem – oder: einfach irgendwas. Irgendwas muss getan werden. In den USA, aufgrund der so „laschen“ Waffengesetze, kommt in fast allen Fällen sofort eine Debatte um eine Verschärfung der Schusswaffengesetze zustande. Bei nahezu allen Amokläufen ist eine Schusswaffe das Instrument des Todes – ergo würde das Verbot dieser das Problem lösen, zumindest so gut wie.

Besonders während der Amtszeit Barack Obamas gab es solche Diskussion en masse, immerhin hatte der Präsident jede Chance genutzt, seine Meinung kundzugeben. Wann immer ein Amoklauf geschah, eines war schon sicher: Nur wenige Minuten später würde der Demokrat vor den Kameras stehen und den Tränen nahe über seine Gegner in der Republikanischen Partei schimpfen, die, weil bei den Waffengesetzen so stur, wieder einmal solch eine Gräueltat zuließen. Die Reaktion auf den letzten Amoklauf in Parkland hätte aber wohl niemand erwartet. Vor zwei Wochen versammelten sich in Washington, DC, etwas mehr als 200.000 Menschen – größtenteils Jugendliche – bei dem Marsch für unsere Leben (March for Our Lives), um für schärfere Waffengesetze einzutreten. Manche der Überlebenden des Amoklaufs sind mittlerweile zu Helden aufgestiegen.

Selbst unter Liberalen sind Waffen ein schwieriges Thema – zumindest ein oft gescheutes Thema, aber vielleicht auch mal eines, wo machner bereit ist, mit seinen Prinzipien zu brechen. Dass die Frage um die Waffen knifflig ist, wurde auch klar, als Dagmar Metzger auf dieser Seite für eine „umsichtige Liberalisierung“ argumentierte:

„Ich bin Jägerin, Waffenbesitzerin, Fleischesserin, rauche Zigarren, trinke Whisky, bin bekennende Kapitalistin und Libertäre – und dennoch bekomme ich bei der Überlegung einer vollkommenen Liberalisierung des Waffenrechts Bauchschmerzen.“

Diese Nervosität ist auch durchaus verständlich. Nicht nur hat man praktisch das ganze Land – wenn nicht sogar den gesamten Kontinent (wenn auch immer weniger) – gegen sich, wenn man für die vollständige Liberalisierung von Schusswaffen eintritt. Doch selbst wenn dies nicht der Fall wäre, scheint das Thema kompliziert: Waffen sind zweifelsohne gefährlich. Der Gedanke, dass jeder Verrückte einfach in ein Geschäft gehen könnte, um sich solch ein Gerät zuzulegen, scheint schon fast absurd (und ist selbst in den USA nicht der Fall). Der Gedanke, dass ein jeder seine Waffe ganz offen auf der Straße tragen kann – am besten gepaart mit Cowboyhut und -stiefel – wirkt lächerlich (auch wenn diese Methode in vielen US-Bundesstaaten verfolgt wird). So mancher überlegt durchaus zurecht, ob die Welt nicht eine bessere wäre, wäre Schießpulver gleich gar nicht erst erfunden worden.

Dass Letzteres nichts weniger als Wunschdenken ist, dürfte klar sein. Schnell zusammengefasst ist den Forderungen für strengere Waffengesetze in den USA beziehungsweise in den Warnungen gegen eine Lockerung des Waffengesetzes hierzulande entgegenzustellen, dass nicht Schusswaffen töten oder der Grund eines Amoklaufes sind. Menschen sind es. Verrückte aller Arten, Verbrecher nehmen sich eine Waffe zur Brust – egal welche, egal von woher – und töten.

Dies verhindern zu wollen, indem man Waffen verbietet, scheint absurd. Nicht nur, dass gerade diese Verrückten und Verbrecher so oder so an Waffen kommen würden, sondern auch, dass sie einfach zu anderen Methoden greifen könnten. Hier in Europa gelten größtenteils äußerst strenge Waffengesetze. Trotz alledem sind Amokläufe und Terroranschläge schon lange keine Seltenheit mehr, egal ob in London, Paris, Brüssel, Berlin – auch hier könnte eine lange Liste erfasst werden. Ein eher obskurer Trend, der sich auf diesem Kontinent entwickelt, ist, dass Terroristen LKWs verwenden. Die Forderungen, diese zu verbieten, kamen komischerweise noch nicht auf.

Doch nicht nur Terroristen sind zu nennen. Als in Großbritannien die Schusswaffen mehr oder minder verboten wurden, war das Resultat nicht Friede auf Erden. Stattdessen wechselten die Menschen einfach auf Messer als favorisiertes Instrument zur Tötung. So ist die Mordrate – wie die Nachrichten aktuell berichten – in London mittlerweile höher als die in New York – und das liegt in erster Linie daran, dass so viele Menschen erstochen werden. In Deutschlang ist derweil mittlerweile ebenfalls eine Debatte über ansteigende Zahlen bei Messerattacken ausgebrochen.

Eine gegenteilige Entwicklung lässt sich derweil in den USA beobachten. Wie Ryan McMaken vom US-amerikanischen Ludwig von Mises Institute kürzlich schrieb, gibt es heute weniger Amokläufe in Amerika als noch in den 1990er Jahren. Auch die Straftaten sind im allgemeinen seitdem merklich zurückgegangen: Obwohl Amerikaner seit 1991 ganze 170 Millionen neue Waffen gekauft haben, ist die Anzahl an gewaltsamen Kriminalfällen um 51 Prozent gesunken. Doch selbst wenn man auf das blickt, was man nicht sieht, statt nur das, was sofort ins Auge fällt (ja, Bastiats und Hazlitts Gedanken sind auch bei Waffen relevant), wirken die so „laschen“ Waffengesetze wie ein Segen: Eine Studie des Center for Disease Control, in Auftrag gegeben von Barack Obama selbst, ergab: Jährlich werden in den USA 300.000 Straftaten mit Schusswaffen begangen, aber eben jene Schusswaffen werden auch mindestens 500.000 Mal zur Selbstverteidigung verwendet.

Tatsächlich ist es interessant, dass fast alle Amokläufe in den Staaten (und alle ähnlichen Attacken in Europa sowieso) in sogenannten „gun-free zones“ geschehen, also Zonen, wo das Tragen von Waffen ausdrücklich verboten ist. Dies war sowohl in Parkland, Orlando, Newtown und vielen anderen Attacken der Fall. Es stellt sich daher die Frage: Wäre all das passiert, hätten die vernünftigen, normalen Menschen an diesen Orten Waffen tragen dürfen? Diejenigen, die bereit wären, ihre Mitmenschen vor solch Wahnsinnigen zu beschützen?

Doch natürlich sollen nicht Waffen vollständig verboten werden, meinen die Paternalisten der Debatte. Es gehe doch nur um halbautomatische Waffen, sagen sie (zumindest fürs Erste). Doch diese gezogene Linie kann von scheinbar niemanden erklärt werden. Das Argument, halbautomatische Waffen würden viel schneller töten als normale Schusswaffen stimmt zwar. Doch andererseits gilt dies für alle Waffen. Mit einer normalen Pistole tötet man deutlich schneller als einem scharfen Messer. Mit einem scharfen Messer tötet man deutlich schneller als mit einem Messer aus der Besteckschublade. Mit dem Besteckmesser tötet man deutlich schneller als mit … einer Gabel? Derweil tötet man sicherlich mit einem LKW schneller als mit einer halbautomatischen Waffe – wie es ja in Europa schon des Öfteren passiert ist. Beginnt man mit den Verboten von manchen Waffen, ist es nur eine Frage der Zeit bis versucht wird, allen Waffen dem Garaus zu machen. Wo hört man auf – und warum gerade bei halbautomatischen Schusswaffen?

Die Gründerväter der USA waren genau deshalb, weil sie solch einen Wettlauf gegen die Waffen nicht starten wollten, so entschlossen, in die Verfassung ein Recht zur Selbstverteidigung mit Waffen zu schreiben. Natürlich hatten sie keine militanten Islamisten oder gestörten Amokläufer im Sinn, als sie den zweiten Verfassungszusatz formulierten. Sie dachten an Tyrannen, an sowohl eindringende wie auch selbst die eigene Regierung, die alle ihre Rechte entziehen könnte und sich dann die Menschen nicht einmal mehr verteidigen könnten. So nahmen die Nationalsozialisten vor Beginn des Holocausts der jüdischen Bevölkerung die Waffen weg. Und wieder stellt sich die Frage: Nein, nicht ob der Holocaust bei bewaffneten Juden nicht passiert wäre (natürlich wäre er es), sondern ob er so viele unschuldige Leben gekostet hätte?

Es ist gerade unter diesem Gesichtspunkt so ironisch, dass „Anti-Trump“-Anhänger besonders laut strengere Waffengesetzen fordern. Sie sehen Donald Trump als Tyrann, der furchtbare Dinge geplant hat und das Land zerstören könnte. Doch im selben Atemzug fordern sie eben jenen auf, ihnen die Waffen wegzunehmen und sie verteidigungslos zurückzulassen.

All den Argumenten gegen strengere Waffengesetze zum Trotz stellt sich natürlich die Frage, was die Lösung ist. Es kann wohl nicht sein, dass diese Angriffe einfach weitergehen, dass Menschen weiterhin grundlos sterben müssen. So nett Vorschläge wie das Bewaffnen von Lehrern, das Aufstellen von Sicherheitskräften, das Abschaffen von waffenfreien Zonen und vieles mehr auch sind, sind es doch nur Zwischenlösungen, die sicherlich zu einer Verbesserung führen würden, doch am echten Problem vorbeigehen.

Stattdessen sollte man seinen Blick nicht lediglich auf Waffen beschränken. Die Verrückten, Irren, Wahnsinnigen, Mörder, Vergewaltiger, Amokläufer und Terroristen kann man nicht mit strengen Waffengesetzen verhindern. Man kann diese Phänomene jedoch verhindern, wenn man sich stattdessen fragt, warum diese Menschen überhaupt erst zu solchen Mitteln greifen. Woher kommt die Aggressivität, der Hang zu solchen Verzweiflungsakten?

Erklärungsgründe gibt es dafür genug. Beispielsweise gab eine Überlebende des Parkland-Amoklaufs zu, dass eben jene Jugendliche, die heute in Washington gegen Waffen protestieren, den Amokläufer von Parkland über Jahre hinweg gemobbt hatten. Das soll seine Taten keineswegs entschuldigen, doch statt Waffen zu verbieten, wäre es sicherlich ein effizienterer Weg gegen Mobbing zu arbeiten. Ein Gemobbter, der keinen Ausweg aus seinem depressiven Frust mehr sieht, wird immer an eine Waffe kommen. Es geht darum, dass es den Gemobbten gar nicht erst gibt – zumindest nicht in diesen Zustand, sondern als normaler Jugendlicher, der von seinen Mitmenschen respektiert wird.

Wie kann man diese Probleme, die einen Menschen zu solchen Taten bewegt, verhindern? Antworten gibt es viele und die meisten sind wahrscheinlich ungenügend. Was jedoch festzustellen ist, ist, dass eine freie, wohlhabende Welt zumeist friedlicher ist als eine despotische, eine arme – und dass die Bewohner der ersteren Welt glücklicher sind als die der zweiten. Wenn die Menschen mehr Möglichkeiten vor sich haben wie sie ihr Leben führen wollen, haben sie – ceterus paribus – weniger das Verlangen, ihr Leben – und das anderer – wegzuwerfen. Es gibt ja noch Grund zum (normalen) Leben.

Wie hoch ist die Kriminalität (trotz „läppischer“ Waffengesetze) beispielsweise in den freiesten Ländern der Welt? In der Schweiz? Liechtenstein? Singapur? Wie dramatisch ist die Lage derweil in anderen Regionen der Welt wie Südamerika, wo die Kriminalität inmitten von Armut, Drogenkriegen und autoritären Regimen astronomisch hoch ist – trotz (oder gar wegen?) strengen Waffengesetzen?

Sind Freiheit und Wohlstand die endgültigen Antworten gegen Gewalt? Sicherlich nicht. Aber eine liberale Welt wäre eine Präkondition für eine Welt, in der Amokläufe, Morde und andere Gewalttaten wieder Seltenheit statt Normalität werden. Weiter wäre eine „Civitas Humana“, eine gesunde Gesellschaft vonnöten. Wie würde diese aussehen? Wie würden wir dort hinkommen? Universelle Antworten, geltend überall auf der Welt, gibt es dafür nicht. Doch es sind die Fragen, die in der derzeitigen Debatte gestellt werden sollten. Nicht, ob eine AR-15 gefährlich ist. Die Antwort dazu kennen wir. Doch sie wird uns keinen Deut weiterhelfen.

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Kai Weiß studiert Internationale Beziehungen in Regensburg. Er ist ein wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Austrian Economics Center und Vorstandsmitglied des Hayek Institut, Wien.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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