„Eine schmerzhafte wirtschaftliche und sogar politische Bereinigungskrise ist unvermeidbar“

26.3.2018 – Interview mit Markus Krall zu seinem Buch „Der Draghi-Crash“ und die Folgen der Nullzinspolitik der EZB.

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Herr Krall, im vergangenen Jahr haben Sie mit Ihrem Buch „Der Draghi Crash“ ordentlich Staub aufgewirbelt. Jetzt haben Sie kürzlich in einem ausführlichen Interview und der Aussage „In zwei Jahren fliegt uns das Bankensystem um die Ohren“ noch einmal nachgelegt. Sie gehen damit auf Konfrontation zur EU-Kommission, die auf ihrer Internetseite über die Europäische Bankenaufsicht schreibt: „Das funktioniert inzwischen gut: Die europäischen Banken sind heute nach EZB-Angaben stabil, wie der jüngste Stresstest der europäischen Bankenaufsicht EBA gezeigt hat. Auf Druck der EU haben die Banken ihre Ausstattung mit Eigenkapital erheblich verbessert.“ Sie scheinen mehr zu wissen als die EU und die EZB…

Markus Krall

Die EU-Kommission und die EZB mit den ihr angegliederten Aufsichtsorganen leben ganz offensichtlich in einer Art kommunikationsblockierender Symbiose, einem Echoraum gegenseitiger Selbstvergewisserung. Wer sich heute noch auf die vom SSM (Single Supervisory Mechanism), der der EZB zugehörigen Europäischen Bankenaufsicht im Tandem mit der European Banking Authority durchgeführten Stresstests beruft, an dem ist eine öffentliche wissenschaftliche Debatte wohl komplett vorbeigegangen. Auf die methodischen Mängel der Stresstests habe ich in meiner Publikation „Der Draghi-Crash“ detailliert hingewiesen.

Würden Sie uns beispielhaft einige Mängel beschreiben?

Das beginnt schon mit der Tatsache, dass keine der am Stresstest beteiligten Organisationen über Instrumente der Kreditrisikomessung verfügt, die einen Vergleich dieser Risiken über die Banken hinweg auf einheitlicher Basis überhaupt möglich macht. Man hatte diese Instrumente damals nicht und man hat sie auch heute nicht. Diese Leute gehen mit einem Fahrrad zu einem Formel-1 Rennen.

Ohne die Details meiner im Buch geäußerten Methodenkritik an dieser Stelle alle wiederholen zu wollen, muss man sich nur ein paar Fragen stellen, um die Absurdität der Stresstests in ihrer ganzen Totalität nachvollziehen zu können:

Die 4 großen Banken Griechenlands, die gemeinsam ein Kreditportfolio von knapp über 200 Mrd. Euro haben, auf weit über 100 Mrd. Euro faulen Krediten sitzen (NPL-Quote über 50%), zu deren Abdeckung ihnen aber nur ein Eigenkapital von 26 Mrd. Euro zur Verfügung steht, wovon zwei Drittel aus Steuergutschriften des griechischen Staates besteht,  haben alle vier alle Stresstests bestanden. Wie kann das sein? Das geht nur, wenn man ganz offensichtlich an Dyskalkulie leidet.

Nach jedem der bisherigen Stresstests gab es Banken, die diesen bestanden hatten und die kurz danach in Schwierigkeiten geraten sind. Die Italienischen Banken, die der Staat dort in Serie rettet, sind nur die Schlusslichter in einer langen und nicht enden wollenden Kette. Welchen Wert hat ein Stresstest, der bei der Erkennung solcher Kandidaten systematisch versagt?

Das wollte ich Sie eben fragen…

Diese Frage muss man in der Tat stellen. Herr Enria, der Präsident der EBA, äußerte in einem Handelsblattinterview vor einigen Monaten, dass Europa eine Bad Bank brauche, um die 1.000 Mrd. Euro faulen Kredite auf den Büchern der Banken ohne große Einschnitte ins Eigenkapital von den Bilanzen zu bekommen. Das heißt nichts anderes, als dass diese Kredite nicht ordentlich abgeschrieben und bilanziert sind, denn sonst könnte man sie jederzeit von der Bilanz nehmen ohne Verluste. Es findet also Bilanzbetrug im großen Stil statt, denn die Bankaufsicht offensichtlich deckt. Anders können seine Worte kaum interpretiert werden. Dieser Bilanzbetrug wurde sicher auch bei den Stresstests nicht berücksichtigt.

Diese Fakten sind der Europäischen Kommission alle bekannt. Wenn sie also schreibt, dass der Stresstest die Stabilität des Systems beweist, dann handelt es sich entweder um Selbstbetrug oder um eine absichtliche Irreführung der Öffentlichkeit.

Ihre Aussagen decken sich mit denen von Ludwig von Mises, der sagte, dass eine ausufernde Kredit- und Geldschöpfung Boom-Bust-Zyklen auslöst und – gibt man die Geldmengenausweitungen nicht auf und lässt die Rezession nicht zu – am Ende das gesamte Währungssystem zerstört. Haben Sie Mises gelesen?

Die zweite Frage zuerst: Ja, als Freiburger Volkswirt und bekennender Anhänger der Österreichischen Schule habe ich Mises gelesen, nur leider nie genug, weil man immer wieder feststellt, dass man dort eine Fülle neuer Aspekte selbst dann entdeckt, wenn man glaubt, einen Text gründlich gelesen und verstanden zu haben.

Es ist dabei völlig klar, dass der von mir beschriebene Mechanismus der Untergrabung von Bankerträgen und der Ansammlung von versteckten Kreditrisiken durch Zombieunternehmen ein Sonderfall der von Mises dargelegten monetären Konjunkturtheorie darstellen muss. Insofern ist das keine Überraschung, dass die empirischen Befunde, auf die ich meine Warnungen vor einer Währungskrise stütze, seine Theorie bestätigen. Wir haben es hier eben nicht mit einer keynesianischen Welt zu tun, bei der die heilige Kuh der Nachfrage das Geschehen determiniert, sondern wir haben hier ein Musterbeispiel dafür, wie vorher nicht erkannte mikroökonomische Zusammenhänge Ungleichgewichte erzeugen. Diese Ungleichgewichte sind letztlich Ausdruck der Tatsache, dass Investitionen in die falschen Verwendungen fließen und dass dies in einem umso größeren Umfang passiert, je länger die Geldpolitik versucht, eine Korrektur zu vermeiden. Ich bin davon überzeugt, dass die von Mises und ebenso von Hayek erkannten Zusammenhänge, die auf die Fehlallokation von Ressourcen abstellen, das bessere Erklärungsmodell sind.

Diese Ungleichgewichte suchen sich über eben nicht vorhersehbare Kanäle ihren Weg an die Oberfläche des Wirtschaftsgeschehens. Irgendwann werden sie sichtbar wie in diesem Fall.

Das kommt davon, wenn man – wie heute üblich – nationalökonomische Probleme mathematisch behandeln will…

Genau, denn was tut die hinsichtlich ihrer Mittelausstattung führende, weil von den Herrschenden alimentierte Schule des Keynesianismus? Sie schraubt Epizyklen ohne Ende an ihre Kreislaufmodelle, um ex-post zu erklären, was sie ex-ante nicht erkannt hat und hofft dann darauf, dass der Erkenntniswert dieser Modelle steigt. Das passiert aber nicht, so dass eine neue Runde Epizyklen in Form weiterer Komplikationen drangeflanscht wird. Ausufernde Modelle, die wissenschaftlich aussehen, durch lange Formeln beeindrucken und Präzision vorgaukeln sind das Ergebnis. Am Leben gehalten wird das Ganze von der „unbegrenzten Feuerkraft“ der Computer. Aber sie können auch nur ausspucken, was man vorher hinein gegeben hat und in diesem Falle heißt das: Garbage in – Garbage out.

Das Problem ist: Die Keynesianische Methode über Kreislaufmodelle die Wirtschaft zu erklären ist letztlich rein deskriptiv, eine erkenntnisfreie Saldenmechanik. Diese Kreislaufmodelle verhalten sich zur Wirtschaft wie eine Uhr zur Zeit: Perfekt in der Lage, sie zu beschreiben, aber keinerlei Ansatz sie zu erklären. Die EZB folgt ihnen in religiösem Eifer, weil sie glaubt damit den heiligen Gral der Planbarkeit gefunden zu haben und weil alles andere dem Offenbarungseid der ökonomischen hohen Priesterkaste dieser Planwirtschaft gleichkäme.

Der notwendige Paradigmenwechsel ist eine Rückkehr zu den Prinzipien, die von Mises, Röpke, von Hayek, Hazlitt und andere beschrieben haben und die zu allererst eine Abkehr von der „Anmaßung des Wissens“ (von Hayek) verlangt.

Lassen Sie uns etwas mehr ins Detail und darauf zu sprechen kommen, was Sie „Geldmengenparadox“ nennen: Die EZB weitet die Geldmenge aus, um Teuerung zu erzeugen, wird aber Ihrer Einschätzung nach das Gegenteil bewirken, nämlich Deflation. Das müssen Sie erklären…

Die Ursache des Geldmengenparadox liegt in der Wirkung der Zinspolitik auf die Banken und damit auf die Giralgeldschöpfung. Um das zu verstehen muss man zwei Elemente beleuchten: Was ist Giralgeld und wie unterscheidet es sich vom Zentralbankgeld und in welchem Größenverhältnis stehen die beiden zueinander. Dann kann man daraus sehr schnell erkennen, warum dieses Wechselspiel so wichtig für die Frage von Inflation oder Deflation ist.

Zentralbankgeld wird, wie der Name schon sagt, durch die Zentralbank geschaffen. In unserem System ist das die EZB. Es entsteht einfach dadurch, dass die Zentralbank Geld druckt (oder elektronisch bucht) und es einer Bank zum Beispiel als Kredit zur Verfügung stellt oder dadurch, dass sie mit frisch geschaffenem (gedrucktem) Geld Vermögenswerte kauft, wie zum Beispiel Gold, Anleihen oder Devisen, also Geld anderer Staaten.

Machen Sie bitte ein Beispiel?

Gerne. An einem Beispiel ist das auch einfacher zu erläutern. Schritt 1: Die Zentralbank leiht einer Bank 1 Mio. Euro. Auf der Aktivseite der Zentralbankbilanz befindet sich dann eine Forderung von 1 Mio. Euro und auf der Passivseite der geschöpfte Geldbetrag von 1 Mio. Euro.

Auf der Bankbilanz sehen wir auf der Passivseite die Verbindlichkeit an die Zentralbank von 1 Mio. Euro und auf der Aktivseite den Geldzufluss von 1 Mio. Euro in den Tresor der Bank.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Zentralbankgeldmenge 1 Mio. Euro. Giralgeld existiert noch nicht.

Jetzt verleiht die Bank die 1 Mio. Euro an einen Kreditnehmer, der es zur Bezahlung eines Einkaufs nutzt und der Verkäufer, der die 1 Mio. Euro erhält, zahlt diese bei der Bank als Sparguthaben wieder ein. Was sehen wir dann? Die Bilanzsumme der Bank hat sich verdoppelt. Die Bank hat jetzt zusätzlich eine Forderung von 1 Mio. Euro an ihren Kreditnehmer und eine Verbindlichkeit von 1 Mio. Euro an den Einleger.

Die 1 Mio. Euro, die der Einleger auf sein Konto eingezahlt hat, sind für ihn jederzeit verfügbar. Er kann damit bezahlen. Es handelt sich also ebenfalls um Geld. Jetzt sehen wir im Gesamtsystem also 1 Mio. Euro Zentralbankgeld und 1 Mio. Euro Giralgeld, also von der Bank geschaffenes Geld.

Die Bank kann diesen Vorgang durch Ausleihen und wieder hereinnehmen des Geldes theoretisch beliebig oft wiederholen, der Giralgeldschöpfung sind also zunächst mal kaum Grenzen gesetzt. In der Realität sehen wir, dass die Menge des Giralgeldes tatsächlich 10-mal so hoch ist wie die des Zentralbankgeldes.

Ganz so einfach ist es in der Praxis aber nicht, sonst würden die Geldmengen noch viel schneller wachsen…

Natürlich nicht. In der Realität gibt es eine Grenze, nämlich die Risikotragfähigkeit der Bank. Die Bank kann nicht unbegrenzt Kredite ausreichen, schon gar nicht an Schuldner, die vielleicht nicht zurückzahlen, denn wenn es zu Kreditverlusten kommt, ist die Bank sonst schnell überschuldet und geht Pleite.

Die Nullzinspolitik führt aber, wie ich in meinem Buch darlege, dazu, dass die Fähigkeit der Banken, Kredite zu vergeben, untergraben wird. Das passiert durch die Erosion der Erträge und durch die Verschlechterung der Kreditqualität von Firmenkunden durch das Heranziehen von „Zombie“-Unternehmen.

Die daraus sich ergebende Einschränkung der Kreditvergabefähigkeit reduziert auch die Schöpfung von Giralgeld. Weil aber die Inflation oder Deflation von der Entwicklung der GESAMTEN Geldmenge abhängt, führt diese Kreditschrumpfung zu Deflation, weil zwar die Zentralbankgeldmenge wächst, die Giralgeldmenge aber schrumpft.

Dieser Schrumpfungsprozess hat zwei Phasen: In der aktuellen Phase kommen die Erträge der Banken unter Druck. Die flache Zinsstrukturkurve führt dazu, dass alle drei Zinsmargeneinkommen, die 80% der Erträge der kommerziellen Banken ausmachen, wegfallen oder schrumpfen. Das beginnt mit der Sparmarge: Die Bank, die früher Spareinlagen entgegennahm und zum Beispiel mit 1% verzinste, konnte das Geld am Kapitalmarkt in Tagesgeld zu 2% reinvestieren und so eine Marge von 1% erzielen.

Der zweite Beitrag kommt aus der Transformationsmarge. Anstatt es zu 2% in Tagesgeld anzulegen, verleiht die Bank das Geld zum Beispiel zu 4% in einem langlaufenden Baukredit auf 10 Jahre und gewinnt so weitere 2% Marge aus der sogenannten Fristentransformation hinzu.

Und weil die Bank das Geld nicht an die Bundesrepublik Deutschland verleiht, sondern an einen Kreditnehmer ohne AAA-Bonität, bekommt sie als dritte Komponente eine Kreditmarge, die sie für das Kreditrisiko und den Verwaltungsaufwand der Kreditvergabe entschädigt. Diese Marge lag in der Vergangenheit je nach Sektor und Segment bei 1 bis 3%.

Wie sieht das in der Welt einer bei null flach gedrückten Zinsstrukturkurve aus?

Die Sparmarge ist negativ vor Kosten, weil die Banken die Spareinlagen zu 0% hereinnehmen und 0,4% Strafzins zahlen müssen, wenn sie das Geld liquide bei der Zentralbank parken.

Die Transformationsmarge ist vor Risikokosten null und nach Risikokosten negativ, weil die Vergabe eines 10-jährigen Kredites nur knapp über 0% Zinsen erbringt, die die Bank aber nicht vereinnahmen kann, weil sie sonst ein zu großes Zinsänderungsrisiko auf sich nimmt. Verleiht sie nämlich die Spareinlagen mit einer Kündigungsfrist von 0 Tagen auf 10 Jahre und steigt dann irgendwann der Zins am kurzen Ende an, so wird der langlaufende Kredit zu einem gigantischen Verlustgeschäft, weil er keine Zinsen bringt, aber 10 Jahre lang zu höheren Zinskosten refinanziert werden muss.

Die Kreditmarge schließlich ist der letzte Rettungsanker, auf den sich alle Banken stürzen. Sie versuchen dort durch eine Geschäftsausweitung zusätzliche Deckungsbeiträge zu erwirtschaften, um ihre rigiden Fixkosten bezahlen zu können. Diese sind aufgrund unseres Arbeitsrechtes starr und können kaum nach unten gesteuert werden. Da aber alle Banken das Gleiche tun, passiert mit dem Preis der Kreditmarge was in jedem Markt passiert, wenn das Angebot sich erhöht und die Nachfrage starr ist: Der Preis fällt und so auch die Kreditmargeneinkommen der Banken.

Diese Ertragserosion untergräbt die Risikotragfähigkeit der Banken, und damit auch ihre Fähigkeit, Kredite zu vergeben. Damit ist eine Stagnation und spätere Schrumpfung vorprogrammiert, wenn die Erträge soweit gefallen sind, dass eine immer größere Zahl von Banken operativ rote Zahlen schreibt. Nach unseren Schätzungen wird das 2020 der Fall sein.

Und dazu kommen noch die Zombie-Unternehmen…

Ja, das ist der zweite Effekt: Die Ansammlung der Zombieunternehmen in den Kreditbüchern der Banken. Sie führen dann zu Verlusten, wenn ihre Ausfälle in einer Pleitenwelle nachgeholt werden. Dieses Ereignis kann unterschiedliche Ursachen haben, wie zum Beispiel eine Zinserhöhung (die aus genau diesem Grund von der EZB nicht kommen wird), eine Kreditrationierung (die aufgrund der oben beschriebenen Ertragserosion unaufhaltsam ist und mit Sicherheit kommen wird) oder ein externer konjunktureller Schock. Die dann einsetzende Pleitenwelle erodiert das Eigenkapital der Banken mit einer vielfach höheren Geschwindigkeit, als die oben erläuterte Ertragserosion das tut. Das führt zu einer schnellen und nicht erwarteten Kontraktion des Kreditvolumens, damit der Giralgeldmenge und das wiederum löst einen deflationären Schock aus.

Ergebnis: Die Nullzinspolitik, die Inflation schaffen sollte, schafft Deflation. Die Dynamik der Giralgeldschöpfung und Giralgeld-Vernichtung erklärt das Paradox.

Das sind wahrhaft keine rosigen Aussichten, die Sie da beschreiben. Angenommen, Sie säßen auf Draghis Stuhl oder könnten Gesetze verabschieden, was würden Sie tun?

Das ist eine schwierige Frage, weil wir in gewisser Weise aufgrund der falschen Politik in einer Zwickmühle sitzen. Was immer wir tun, eine schmerzhafte wirtschaftliche und sogar politische Bereinigungskrise ist unvermeidbar. Wenn wir also über Maßnahmen zu ihrer Bewältigung nachdenken, so müssen zwei Ziele miteinander vereinbart werden: Das wichtigste, um nicht zu sagen überragende Ziel ist die Wiederherstellung der Marktkräfte in unseren Volkswirtschaften, weil nur durch die Selbstheilungs- und Selbststeuerungskräfte des Marktes ein Pfad des Wohlstands eingeschlagen werden kann. Das zweite Ziel muss es sein, den Übergang dorthin, also das Durchschreiten der Krise so zu bewältigen, dass der Zusammenbruch bestehender Strukturen nicht zu einem Verlust von Demokratie und Freiheit insgesamt führt. Das geht nur, wenn man das Ausmaß der Krise zu begrenzen versucht. Beide Ziele stehen leider nicht so zueinander, dass die für ihre Erreichung erforderlichen Maßnahmen gleichgerichtet sind.

In Summe brauchen wir ein Bündel von sieben Maßnahmenfeldern. Diese stehen in einem wechselseitigen Zusammenhang, wie wir gleich sehen werden. Diese Maßnahmen sind:

  • Aufbau eines Kapitalpuffers im Bankensystem, zu finanzieren mit umfassenden Privatisierungen in ganz Europa
  • Durchführung eines Bankenstresstests
  • Massive Kostensenkung der Banken und Versicherungsunternehmen: Restrukturierungsgesetz
  • Teilkonsolidierung des durch politische Eingriffe zersplitterten Bankensystems
  • Abschaffung der überbürokratisierten Regulierung des Sektors, Fokus auf das Wesentliche
  • Rückkehr zu einer marktorientierten Zinspolitik
  • Reform der Governance der EU und der Eurozone

1.        Eine massive vorbeugende Stärkung des Eigenkapitals der europäischen Banken um 1.000 bis 1.200 Milliarden Euro ist notwendig. Dann sind die Banken in der Lage den Schock der Insolvenzwelle  zu überleben. Wartet die Politik damit bis die Krise eintritt, braucht sie aller Erfahrung nach ein Mehrfaches der Mittel. Die wird sie dann im Zweifel bei diesen Größenordnungen nicht haben. Diese Stärkung des Eigenkapitals werden die Märkte in der aktuellen Lage nicht leisten wollen, weil das Verlustrisiko für die Investoren zu hoch ist. Es muss daher von den Mitgliedsstaaten der Eurozone geleistet werden. Dies ist möglich, wenn die Staaten zu einer umfassenden Privatisierung ihrer Vermögenswerte bereit sind. Diese sind sogar so hoch, dass nicht nur eine Bankenrettung möglich ist, sondern auch eine Teilentschuldung der Regierungen. Die Privatisierung würde zudem Wachstumskräfte in den betreffenden Ländern wecken und die Staatsquote zurückdrängen. Was einzig fehlt ist der politische Wille, weil an diesen Staatsvermögen das Wohlergehen einer korrupten politischen Elite und der mafiosen oligarchischen Strukturen hängt.

2.        Durchführung eines Stresstests, um festzustellen, in welche Banken dieses Geld vor allem geleitet werden soll. Das macht auch deutlich, wie sich der Aufwand nach Ländern verteilt. Die einzelnen Länder sollten dann ein Privatisierungsprogramm auflegen, um die Last selbst schultern zu können. Aber Vorsicht: Lassen sie den Stresstest nicht die EBA und den SSM machen. Die haben jetzt vier Mal in Reihe bewiesen, dass sie das nicht können. Das Versagen dieser Institutionen ist vollkommen evident, wenn man das Beispiel Griechenland heranzieht, das ich eingangs bereits beschrieben habe. Im SSM und in der EBA geht es nicht um Transparenz, sondern um Politik und die Verschleierung der tatsächlichen Verhältnisse.

3.        Die Banken müssen ihre Kosten um 30 – 50% senken, um nachhaltig überlebensfähig zu werden. Das können sie im aktuellen arbeitsrechtlichen Umfeld nicht tun, weil die dann für Abfindungen notwendigen Restrukturierungsrückstellungen ihr Eigenkapital in katastrophaler Weise erodieren würden. Es braucht ein Bankenrestrukturierungsgesetz, das diese Restrukturierungskosten um mindestens 80 – 90% senkt. Das ist schmerzhaft, vor allem für die Banken und ihre Mitarbeiter, aber nicht so schmerzhaft wie kollabierende Banken. Diese Restrukturierungsprinzipien müssen auch auf die Lebensversicherungsindustrie angewendet werden, die ein ähnliches angestautes Großproblem hat wie die Banken, nur dass darüber niemand redet.

4.        Das Bankensystem muss konsolidieren, um Skaleneffekte bei den Kosten zu realisieren. Ziel muss es sein, Einheiten zu schaffen, die groß genug sind, zu überleben, und klein genug, um das too-big-to-fail Problem zu vermeiden. Das betrifft in Deutschland vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken, deren Vorständen das Problem längst klar ist. Diese Konsolidierung zu befördern ist deshalb kein marktfremder Eingriff, weil die Fragmentierung bisher politisch gewollt war, der Status Quo also gar nicht das Ergebnis frei wirkender Marktkräfte ist. Sie wird sich daher schon einstellen, wenn die Politik ihre bisher geübte Intervention einfach nur unterlässt.

5.        Massive Senkung der Regulierungskosten. Seit 2007 haben wir die Banken mit einer riesigen Flut an unsinnigen, kostspieligen und wenig effizienten Vorschriften überzogen. Sie haben ihr Ziel, das System transparenter und stabiler zu machen, mehr oder weniger komplett verfehlt. Dafür haben sie die Kostenbasis um 10 – 15% gesteigert und es durch bürokratische Vorschriften verhindert, dass Banken ihre Prozesse effizient und schnell an neue Bedingungen, Technologien und Herausforderungen anpassen konnten. 90% dieser Vorschriften sind ein reines Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Bürokratie der EU, die sich hier eine riesige neue Spielwiese geschaffen hat. Das kann man einsparen, indem man die Banken vor die Wahl stellt: Regulierung light und dafür keinerlei staatliche Garantien mehr. Dann werden die Märkte die Transparenz erzeugen, die die Regulierungen nicht erreicht haben.

6.        Nach der Sanierung des Bankensystems kann die Deflation der Asset- und Kreditblase durch stufenweisen Ausstieg aus der marktfremden Zinspolitik erfolgen. Das beinhaltet Abschaffung der Negativzinsen, schrittweise Anhebung der Zinsen und kontrollierte langsame Herbeiführung der notwendigen gesamtwirtschaftlichen Anpassungen. Dies wird leider zu einer großen Rezession führen, weil ca. 10% aller Unternehmen, die wir seit Jahren künstlich am Leben erhalten haben, in die Pleite schlittern werden. Es wird dann darauf ankommen, durch Schrumpfung des Staatsanteils an der Wirtschaft, Rückbau überflüssiger Regulierungen, Abschaffung planwirtschaftlicher Schemata wie die Sowjet-inspirierte sogenannte Energiewende und Steuersenkungen die Dynamik der Wirtschaft schnellstmöglich auf marktwirtschaftlicher Grundlage wiederherzustellen.

7.        Zugleich brauchen wir eine Reform der Governance der Eurozone: Stimmrecht und Haftung müssen im Einklang stehen, Abschaffung oder vollwertige Besicherung von Target-2-Salden zur Wiederherstellung einer Politik des Verantwortungsbewusstseins in allen Euroländern sowie die Herstellung einer echten Unabhängigkeit des Zentralbankrates durch Auswahl nach Qualifikation statt nach Nationalität sind dringend erforderlich. Auch die anderen EU-Institutionen müsse dringend reformiert werden: Subsidiarität, demokratische Kontrolle, Rückbau der protektionistischen Außenzölle, Beschneidung der Regulierung um 90% sind nötig, damit sich die Marktkräfte in Europa wieder entfalten können. Lassen sich diese Reformen nicht durchsetzen, ist eine Auflösung der Eurozone und die Rückkehr zu nationalen Währungen der unvermeidliche, schmerzhafte und richtige Schritt. Für die EU gilt bei Reformunwilligkeit, dass Deutschland sich aus der Finanzierung solange zurückziehen und den Haushalt blockieren sollte, bis die Bereitschaft zu solchen Reformen erreicht ist.

Das klingt nach einer Herkulesaufgabe. Vielen Dank, Herr Krall.

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Das Interview wurde per email geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Dr. Markus Krall leitet als Managing Director die Financial Practice von goetzpartners Management Consultants. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Finanzindustrie sowohl als Berater, als auch in Top Management Verantwortung und fokussiert sich dabei auf Banken, Versicherer und regulatorische Fragen. Nach Beginn seiner Karriere im Vorstandsstab der Allianz AG spezialisierte er sich auf Risikomanagement in der Finanzindustrie zunächst bei Boston Consulting, später als Partner und Director bei Oliver Wyman und als Senior Partner und Leiter der Risikopraxis bei McKinsey & Company. Er hat erfolgreich ein globales Portfolio von Projekten zu Risikomanagement und Strategie für Banken und Versicherungsunternehmen in Kontinentaleuropa, Großbritannien, den USA, dem Mittleren Osten, Asien und Australien geführt. Unter seinen Klienten finden sich mehrere der weltweiten Top-20 Finanzdienstleister, Aufsichtsbehörden, Regierungen und supranationale Organisationen. Markus Krall ist Autor mehrerer Bücher, u.A. des Bestsellers „Der Draghi-Crash“ und regelmäßiger Kolumnist bei mehreren führenden deutschen print- und online-Medien. Er schreibt dort zu Geld- und Europapolitischen Fragen. Er ist Inhaber eines Diploms und des Doktorgrads in Volkswirtschaftslehre der Universität Freiburg im Breisgau und arbeitete im Rahmen seiner Dissertation zu Fragen des japanischen Kapitalmarktes an der Kaiserlichen Universität Nagoya/Japan.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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