Die Herrschaft der Ökonomen

22.12.2017 – von Matthew McCaffrey.

Matthew McCaffrey

Die globale Finanzkrise von vor zehn Jahren hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Berufsstandes der Ökonomen in der Öffentlichkeit. Vor der Krise schienen sich die meisten Menschen kaum bewusst zu sein, dass dieser Beruf überhaupt existiert, geschweige denn, dass er Einfluss auf ihr Leben hat. Doch seither wurden die Ideen und Institutionen, die die Mainstream-Ökonomie umgeben, verunglimpft, und die Ökonomen wurden selbst dafür verantwortlich gemacht, dass es ihnen nicht gelungen sei, Katastrophen vorherzusagen oder diese gar verschärft zu haben.

Aber möglicherweise ist es am bedeutsamsten, dass die Krise eine tiefe und wachsende Kluft zwischen dem Berufsstand der Ökonomen und der Öffentlichkeit hervorbrachte. Das alte Bild der Ökonomen als eine Art interessierter „Buchhalter-Typ“ ist einer Sichtweise gewichen, die die Ökonomen nun als eine priesterliche Klasse betrachtet, die Regierungen bei der göttlichen Politik unterstützt, deren obskure Weisheit und geheimnisvolle Rituale jedoch der breiten Öffentlichkeit verschlossen sind.

The Econocracy (verfasst von Joe Earle, Cahal Moran und Zach Ward-Perkins (2017)) ist eine Studie über den Beruf des Ökonomen und darüber, wie es dazu kam, dass sie die Expertenmeinung in der Politik monopolisiert hat. Es gibt viel, was man über dieses Buch sagen könnte, deshalb werde ich mich hier auf einige allgemeine Punkte beschränken (eine ausführlichere Rezension finden Sie hier).

Die Hauptthese ist, dass die Volkswirtschaftslehre nicht mehr eine vielfältige Gemeinschaft des Forschens ist, sondern ein losgelöster Beruf, der die Welt nur noch im Licht seiner eigenen Werkzeuge und Ziele sieht. Tatsächlich, so die Autoren, ist die Welt auf dem Weg zur „Herrschaft der Ökonomen“, definiert als „Eine Gesellschaft, in der politische Ziele in Bezug auf ihre Wirkung auf die Wirtschaft definiert werden, die als ein eigenständiges System mit eigener Logik gilt, das von Experten verwaltet werden muss“ (S. 7). Die Idee ist, dass Ökonomen sich selbst zu einem unverzichtbaren Teil des politischen Prozesses gemacht haben, den sie durch die Definition ihrer politischen und sozialen Ziele (die in der Regel ökonomische Ziele sind, wie zum Beispiel ein erhöhtes Wachstum), durch die Gestaltung der Politiken, um diese zu erreichen, und durch das Ausschließen konkurrierender Ansichten bewältigen.

In diesem Umfeld ist Ökonomie für die meisten Menschen eine Fremdsprache, in der wichtige Gesellschafts- und Politikfragestellungen behandelt werden. Diese Barriere erhöht den Einfluss der Ökonomen auf den politischen Prozess und funktioniert genau wie die meisten anderen Marktzugangsbarrieren. Beispielsweise sind die meisten Menschen ohne ökonomische Ausbildung nicht in der Lage, sich kritisch mit aktuellen Debatten über Handel, Wachstum, Ungleichheit, Finanzkrisen und Umwelt auseinanderzusetzen, um nur einige relevante Themen zu nennen.

Ökonomen definieren und interpretieren derartige Fragestellungen für die übrige Gesellschaft und übernehmen damit die Rolle von technokratischen Experten. Ohne „Übersetzer“ werden die meisten Menschen auf diese Weise aus dem politischen Prozess herausgehalten und ihrer Entscheidungsbefugnis als Bürger beraubt. Diese Kluft zwischen Wirtschaft und Öffentlichkeit wird durch die universitäre Lehre weiter vertieft, die ein standardisiertes Curriculum bereitstellt, um die Monokultur des Berufsstandes zu unterstützen. Darüber hinaus wird auch jede ernsthafte Diskussion über alternative Denkschulen und sogar über andere nützliche Disziplinen wie Geschichte oder Philosophie beseitigt. Das Ergebnis ist die Dominanz des Mainstream-Wirtschaftsdenkens und der Niedergang demokratischer Institutionen.

Das Hauptziel dieses Buches ist es, die akademische Ökonomik der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie im Sinne einer öffentlichen Diskussion über ihre Ideen und ihre (manchmal versteckten) Ziele zu „demokratisieren“. Zu diesem Zweck unterstützen die Autoren eher den Geist des Pluralismus und der offenen Untersuchung als die Ideen einer bestimmten Denkschule; Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie werden jedoch erfreut feststellen, dass die Ideen der ‘Austrians’  zu denjenigen gehören, die die Autoren gerne weiter erforscht sehen würden (S. 62-63).

Es gibt noch mehr Argumente in The Econocracy, die die Leser interessieren könnten. So stellen die Autoren fest, dass Ökonomen wie John Maynard Keynes eine Schlüsselrolle bei der Förderung der Idee gespielt haben, die Volkswirtschaft müsse von Experten umfassend gesteuert werden (S. 15). Ebenso beobachten sie die wachsende Bedeutung der Regierung bei der Schaffung eines modernen Beruftstandes der Ökonomen, wie er sich größtenteils aus der Notwendigkeit der Wirtschaftsplanung während des Zweiten Weltkriegs ergab (S. 14-17).

Die Herrschaft der Ökonomen hängt stark davon ab, dass Institutionen wie die Zentralbanken zur Gestaltung der Politik beitragen. Dabei ist die Unabhängigkeit der Zentralbank ein besonderes Problem: Die Währungsbehörden üben eine außerordentliche Macht über die Wirtschaft aus, während sie gleichzeitig kaum zur Rechenschaft verpflichtet sind (S. 12-13, 22-24). (Obwohl dies sicherlich zutreffend ist, möchte ich hinzufügen, dass das eigentliche Problem darin besteht, dass solche Institutionen der Demokratie des Marktes gegenüber nicht rechenschaftspflichtig sind und keinen Test hinsichtlich ihres sozialen Nutzens zu bestehen haben.)

Einige der Reformvorschläge der Autoren sind ebenfalls aufschlussreich. Natürlich gehört es zum „Kampf um die Seele der Ökonomik“ (wie die Autoren es bezeichnen), die herrschende Orthodoxie herauszufordern, aber es ist auch wichtig, dass Ökonomen jeder Fachspezialisierung über die engen Grenzen der Disziplin hinausgehen und in anderen Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften nach Inspiration und Motivation Ausschau halten. Dieser Vorschlag fügt sich gut in die Forschung der ‚Austrians‘ ein, die stets die Bedeutung multidisziplinärer Bemühungen betont haben. Wie Hayek sagte:

Der Ökonom, der nur ein Ökonom ist, wird leicht zum Ärgernis, wenn nicht gar zu einer regelrechten Gefahr.

Es gibt auch einige wichtige Parallelen zu diesem Thema zwischen der Herangehensweise der Autoren und Joseph Salerno’s herausragendem Essay „Economics: Vocation or Profession?“

Ein großer Teil des Buches ist einer Studie über den aktuellen Stand der universitären Volkswirtschaftslehre gewidmet. Diese Kapitel konzentrieren sich auf das Vereinigte Königreich, aber viele der Argumente sind auch für andere Länder relevant. Außerdem lassen die Autoren ihre persönliche Geschichte in das Buch einfließen. Als Studenten an der University of Manchester, einige Jahre nach der Krise, stellten sie frustriert fest, dass der Lehrplan wenig über Wirtschaftsgeschichte, Finanzkrisen, praktische Politik oder fast jedes andere Thema außerhalb der Mainstream-Wirtschaftsinteressen zu sagen hatte.

Stattdessen tauchten sie in abstrakte und unrealistische Übungen ein, die wenig mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu tun zu haben schienen, die sich um sie herum (und vor ihren Augen) entfalteten. Daraufhin gründeten sie 2013 die Post-Crash Economics Society, eine Gruppe, die sich der Reform der Wirtschaftslehrpläne und der Förderung des Pluralismus in der Wirtschaftslehre widmet. Die Gruppe hat seitdem internationale Aufmerksamkeit erregt, und in mehreren Kapiteln wird die Geschichte der Organisation aufgezeichnet sowie einige aktuelle Trends in der britischen Wirtschaftslehre untersucht.

Eines der Schlüsselthemen in diesen Abschnitten ist die Vorstellung, dass Verwaltungen und Lehrkräfte gleichermaßen wenig Anreiz haben, sich um eine qualitativ hochwertige Lehre oder Forschung zu kümmern, die sich gegen den Strom stemmen. Nur wenn der Unterricht reformiert wird und der Bürger die Ökonomen versteht und sich mit ihnen auseinandersetzt, kann er sie und andere Behörden zur Rechenschaft ziehen, so die Autoren. Ludwig von Mises würde dem zustimmen. Tatsächlich ist der Geist dieses Buches in einigen seiner letzten Bemerkungen in Human Action. Theory. A Treatise of Economics  gut eingefangen:

Die Ökonomie darf nicht in Klassenzimmer und Statistikämter verbannt werden, und sie darf nicht esoterischen Kreisen überlassen werden. Es ist die Philosophie des menschlichen Lebens und Handelns und betrifft alle und alles. Es ist das Mark der Zivilisation und des menschlichen Daseins… In solch lebenswichtigen Dingen kommen blindes Vertrauen auf “Experten” und die unkritische Akzeptanz populärer Schlagworte und Vorurteile dem Verzicht auf Selbstbestimmung und dem Nachgeben gegenüber der Herrschaft anderer Menschen gleich. Unter den heutigen Bedingungen kann für jeden intelligenten Menschen nichts wichtiger sein als die Ökonomie… Ob es uns gefällt oder nicht, es ist eine Tatsache, dass die Ökonomie kein esoterischer Wissenszweig bleiben kann, der nur kleinen Gruppen von Wissenschaftlern und Spezialisten zugänglich ist. Die Ökonomie beschäftigt sich mit den grundlegenden Problemen der Gesellschaft, sie betrifft alle und gehört allen. Sie ist die wichtigste und angemessene Studie für jeden Bürger.

Letztlich ist The Econocracy mehr ein Manifest als eine Forschungsschrift. Ich empfehle das Buch vor allem Studenten, die hieraus viel über den Beruf des zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaftlers lernen können, und die es genießen werden, die Argumente des Buches durchzuforsten, von denen einige noch kontroverser sind als die, die ich oben skizziert habe.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel The Tyranny of the Econocracy ist am 20.12.2017 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Matt McCaffrey ist Assistenzprofessor an der University of Manchester.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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