In Hongkong gibt es keine Armut

15.12.2017 – Wenn wir dafür sorgen, dass es der Wirtschaft gut geht, wird jeder Einzelne im weltweiten Vergleich wohlhabend sein.

von Tim Worstall.

Tim Worstall

Eine der größten Ungerechtigkeiten unserer Zeit besteht laut einem Artikel des Guardian darin, dass 20 Prozent der Menschen in Hongkong, einem der reichsten Orte der Erde, in Armut leben.

Es ist allerdings nicht alles so, wie es zu sein scheint. Genauer gesagt ist Hongkong nicht nur einer der reichsten Orte der Erde, sondern auch ein Ort, an dem der Reichtum eher ungleich verteilt ist. Das klingt schon nicht mehr ganz so schlimm.

Die Zahlen verstehen

Das hat den Guardian jedoch nicht davon abgehalten, sich über Dinge zu empören, von denen er nichts versteht. Nehmen wir zum Beispiel diesen Satz: „Die Zahl der Armen ist gestiegen, obwohl die Regierung letztes Jahr die Armutsgrenze angehoben hat.“ Nun, das ist wenig überraschend.

Letztes Jahr wurde es als Armut definiert, weniger als £ 250 in der Woche zu Verfügung zu haben. Dieses Jahr gilt jeder mit weniger als £ 500 als arm (die Zahlen sind natürlich frei erfunden). Welche Auswirkungen wird diese Definitionsänderung wohl auf die Zahl der Armen haben? Ein Anstieg ist zu erwarten, richtig?

Aber Scherz beiseite, es geht um etwas Wichtiges: hier wird Ungleichheit – nicht Armut – gemessen. Die internationale Definition von Armut lautet, weniger als 1,90 USD pro Tag zur Verfügung zu haben. Das trifft auf niemanden in Hongkong zu, also gibt es dort auch keine Armut. Es gibt in Hongkong allerdings Menschen, die sehr viel weniger besitzen als andere. Und es ist vollkommen richtig, dass in Hongkong die Ungleichheit sehr viel größer ist als in den meisten Teilen der entwickelten Welt. Aber trotzdem sind relative Armut und Armut nicht dasselbe.

So wird uns beispielsweise erzählt, dass die Armutsgrenze in Hongkong bei 4.000 HKD im Monat (ca. 430 Euro) für eine Person liegt, was zunächst nicht nach viel klingt. Vergleichen wir diese Summe allerdings mit den weltweiten Einkommen, so stellen wir fest, dass sie weltweit im obersten Fünftel liegt, wenn man örtliche Preisunterschiede berücksichtigt. Mit anderen Worten, die ärmsten 20 Prozent in Hongkong gehören immer noch zu den reichsten 20 Prozent aller Menschen weltweit.

Das Wirtschaftswachstum ist von Bedeutung

Womit wir beim wichtigen, grundsätzlichen Punkt wären. Der Artikel im Guardian zitiert einen Sprecher der Society for Community Organisation, einer NGO, die sich mit Armut beschäftigt: „Wirtschaftswachstum kann nicht dafür sorgen, dass die unteren Schichten an den wirtschaftlichen Erfolgen teilhaben.“ Hongkong dient als gutes Gegenbeispiel. Eine Wirtschaft, in der jemand unterhalb der Armutsgrenze im weltweiten Vergleich eher als reich gilt, kann nicht ganz schlecht sein.

Gemäß Weltbankstatistiken lag Hongkong 1960 mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von etwas über 400 USD (in USD von 1960 gemessen) in etwa im weltweiten Durchschnitt. Heute liegt das BIP pro Kopf bei etwas über 40.000 USD, während der weltweite Durchschnitt nur bei etwa 10.000 USD liegt. Eine Vervierfachung innerhalb eines halben Jahrhunderts klingt nicht schlecht, oder? Und dies hat auch deutliche Auswirkungen auf die Einkommen der relativ Armen, wie wir gesehen haben.

Mit anderen Worten, es ist gerade das Wirtschaftswachstum, welches auch die Ärmsten am wirtschaftlichen Fortschritt teilhaben lässt. Wenn wir nämlich dafür sorgen, dass es der gesamten Wirtschaft gut geht, wird es auch jedem Einzelnen innerhalb dieser Wirtschaft, gemessen am weltweiten Durchschnitt, gut gehen.

Man sollte auch darauf hinweisen, dass Hongkongs Regierung erst 2009 damit begann, „Armutsstatistiken“ (also Ungleichheitsstatistiken) zu veröffentlichen. Sir John Cowperthwaite, der britischen Beamte, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Verwalter nach Hongkong geschickt wurde, fand eine Stadt vor, der es auch ohne seinen Einfluss nicht schlecht gegangen war. Also verbrachte er den Rest seiner Zeit in Hongkong damit, nicht mehr zu tun als das, was die Menschen von einer Regierung absolut erwarten. Das war der Meinung nicht weniger Leute nach (unter anderem auch Milton Friedman) die Grundlage des überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums.

Sir John war unter anderem der Meinung, dass man besser keine Wirtschaftsstatistiken erheben sollte. Er weigerte sich sogar, BIP-Statistiken zu erheben. Seiner Theorie nach konnte die Erhebung nur dazu führen, dass irgend ein Schlaumeier sich dazu berufen fühlen würde, an der Wirtschaft herumzudoktern – ein Rat, den man vielleicht auch in Bezug auf Armutsstatistiken beherzigen sollte.

Und selbst wenn das niemand tun sollte: Können wir uns zumindest darauf einigen, dass es sich um Messungen von Ungleichheit, und nicht von Armut an sich handelt?

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel There Is No Such Thing as Poverty in Hong Kong ist am 4.12.2017 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

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Tim Worstall ist Fellow des Adam Smith Institute in London. Er veröffentlicht zu verschiedenen Themen und ist weltweit ein Experte für das Metall Scandium. Er schrieb für The Times, Daily Telegraph, Express, Independent, City AM, Wall Street Journal, Philadelphia Inquirer und online für die ASI, IEA, Social Affairs Unit, Spectator, The Guardian, The Register und Techcentralstation.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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