Schwarzmärkte retten Leben

17.11.2017 – von Richard Mason.

Richard Mason

Nordkorea könnte man wohl als das nationalstaatliche Äquivalent einer Zeitkapsel betrachten; eine Gesellschaft, die sich fortwährend in der Ära des Kalten Krieges befindet. Wann immer über diesen Einsiedlerstaat gesprochen oder berichtet wird, es geht selten (wenn überhaupt) um Fortschritt, Wachstum oder Veränderungen irgendeiner Art.

Umso überraschender ist es, dass Nordkorea im Grunde eine der faszinierendsten Wirtschaftsentwicklungsgeschichten überhaupt ist.

Von der Staatsbildung 1948 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts waren die Dinge (relativ) unverändert; alle Industrien wurden von der Regierung übernommen und verstaatlicht, Güter zur Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Treibstoff wurden vom Staat bereitgestellt. All dies änderte sich nach dem Fall des Kommunismus und der Arduous March-Hungersnot der 1990er Jahre.

Weil der Staat seine Bevölkerung nicht mehr ernähren konnte, trat ein neues System an die Macht. Schwarzmärkte begannen sich im ganzen Land zu etablieren – dort, wo das Versagen des Verteilernetzes die Menschen besonders hart traf – und versorgten Tausende von Nordkoreanern mit Nahrung.

Die Jangmadang Generation

Der Anstieg der Schwarzmarkttätigkeit in Nordkorea führte dazu, dass die Generation Y als „Jangmadang (장마당)“-Generation bezeichnet wurde, benannt nach dem koreanischen Begriff für „Marktplatz“. Anfangs bestanden diese Märkte aus unorganisierten Händlern, die sich auf den Feldern trafen und der Beschlagnahme ihrer Waren durch die Polizei gegenüberstanden, wenn sie keine Bestechungsgelder gezahlt hatten.

Inzwischen hat die Jangmadang-Praxis zu vollwertigen Märkten geführt, mit Straßenküchen, geschmuggelten Elektronik-Geräten, Zubehör und Kleidung; einige Märkte wuchsen angeblich auf über tausend Stände an.

Heute sind die Märkte für viele Nordkoreaner nach wie vor ein überlebenswichtiges Element. Schätzungen zufolge sind rund 5 Millionen Menschen (etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung) „direkt oder indirekt von den Märkten abhängig“.

Natürlich war das Verhältnis zwischen den Märkten und dem Staat schwierig. Das Regime schwankte zwischen der offiziellen Genehmigung für bestimmte Anbieter (solange sie den Staat für das Privileg bezahlen) und dem Auferlegen strenger Restriktionen.

Dennoch sprießen die Märkte weiter über das ganze Land und versorgen weiterhin Millionen von Nordkoreanern.

Kann der „Markt“ Nordkorea retten?

Einseitige Wirtschaftssanktionen aus den meisten Teilen der Welt, gepaart mit einer totalen staatlichen Kontrolle über fast jeden Bereich der Wirtschaft, haben zu einem sehr geringen Wirtschaftswachstum in der Demokratischen Volksrepublik Korea geführt.

Obwohl der Staat im Rahmen der Byungjin-Politik des jetzigen Regimes neben der nuklearen Entwicklung auch wirtschaftliches Wachstum anstrebt, sind die Fortschritte eher urzeitlich geblieben.

Unterdessen hat sich mit der steigenden Zahl der Jangmadangs im Land nicht nur eine wirkungsvolle Alternative zum gescheiterten staatlichen Verteilungssystem entwickelt, auch das Verhalten der Nordkoreaner hat sich verändert. Seit sich viele bei der Versorgung mit Essen jetzt auf den Markt verlassen statt auf den Staat, brechen alte Loyalitäten zum Regime nach und nach von unten her langsam auf.

Hinzu kommt, dass mit dem verstärkten Schmuggel aus China auch immer mehr Medien wie amerikanische und südkoreanische Filme und Musik ins Land gelangen. Damit bekommen immer mehr Nordkoreaner Zugang zu Informationen, die nicht vom Regime stammen und die ihnen einen Einblick in die Außenwelt ermöglichen.

Langsam aber stetig zerlegt die Jangmadang-Generation die aufwändige Propagandaluftblase, die sich in der kurzen Geschichte der Nation gebildet hat.

Dennoch stoßen „Märkte“ in solch einem isolierten Land an ihre Grenzen. Obwohl die relative Toleranz des derzeitigen Regimes darauf hindeutet, dass Nordkorea auf dem richtigen Weg ist, ist das Land von einem wirklich freien Markt natürlich weit entfernt. Das Eingreifen der Regierung in die Jangmadangs, wie z. B. durch Korruption, Bestechungsgelder und unnötige Regulierungen, hindern die Marktkräfte daran, das Land wirklich voranzubringen.

Sanktionen gegen Nordkorea sowie internationale Spannungen, die sich aus der Politik der nuklearen Aufrüstung des Landes ergeben, haben es ausländischen Investoren außerordentlich schwergemacht, die nordkoreanische Wirtschaft anzukurbeln.

Abgesehen von einigen ausländischen Unternehmen – wie dem Wiener Kaffeehaus am Kim Il-Sung Platz in Pjöngjang – sieht es nicht so aus, als würde Nordkorea seine Abschirmung bald lockern.

Dennoch sollten wir optimistisch bleiben. Der Fortschritt mag langsam von statten gehen, aber vorwärts ist vorwärts. Die Märkte verändern die Haltung der jungen Nordkoreaner. Mit der Zeit werden wir vielleicht erleben, dass die nächste Generation ein völlig neues Nordkorea vorantreiben wird.

Zumindest die Tatsache, dass die Jangmadangs in einer so totalitären Nation wie Nordkorea eine so positive Wirkung entfalten konnten, gibt uns allen Grund, optimistisch zu bleiben. Märkte, Handel und Kooperation können nicht unterdrückt werden – egal wie groß der Staat ist.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel In North Korea, Black Markets Are Saving Lives ist am 15.11.2017 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

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Richard Mason ist freiberuflicher Blogger und Co-Editor bei SpeakFreely.today.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Fotos: Foundation of Economic Education