Freihandel macht die Menschen freundlicher

18.10.2017 – Neueste Daten zeigen eindeutig, dass Freihandel nicht nur für höhere Lebensqualität sorgt, sondern auch für mehr Großherzigkeit und bessere Zusammenarbeit.

von Matt Ridley.

Das „Ultimatum-Spiel“ ist eine teuflische Erfindung von Ökonomen, um zu testen, wie egoistisch die Menschen sind. Ein Teilnehmer wird gebeten, ein Geldgeschenk mit einem anderen Teilnehmer zu teilen. Allerdings gibt es überhaupt kein Geldgeschenk, wenn dieser das Angebot ablehnt. Wie viel sollte man nun abgeben? Angehörige des peruanischen Machiguenga-Stammes zeigten bei diesem Spiel sehr egoistisches Verhalten – sie wollten fast nichts von dem Geschenk abgeben. Die nicht weit entfernt lebenden ecuadorianischen Achuar zeigten sich da weit großzügiger. Sie boten an, fast die Hälfte des Geldes abzugeben – und reagierten damit ungefähr so, wie die Menschen in der entwickelten Welt.

Wie erklärt sich dieser Unterschied? Die Machiguenga sind fast vollständig von Märkten und Handel abgeschnitten. Die Achuar dagegen sind es gewohnt, auf Märkten mit Fremden Handel zu treiben. Das selbe Muster zeigt sich bei 15 kleinstaatlichen Gesellschaften in der ganzen Welt in einer faszinierenden Studie des Harvard-Anthropologen Joe Henrich und seiner Kollegen. Je besser Menschen in die Welt des Handels eingebunden sind, desto großzügiger sind sie. Einer der Autoren, Herb Gintis, fasst das Ergebnis der Studie so zusammen:

„Gesellschaften, die regen Gebrauch von Märkten machen, entwickeln eine Kultur geprägt von Zusammenarbeit, Fairness und Respekt vor dem Individuum.“

Freihandel ist gleich Zusammenarbeit

Das hätte weder Montesquieu überrascht, der von „süßem Handel“ sprach, noch Voltaire, der sich über die friedliche Zusammenarbeit „des Juden, des Mohammedaners und des Christen“ an der Londoner Börse freute, noch Adam Smith, David Ricardo oder Richard Cobden, den radikalen Verfechter des Freihandels während der frühen Jahre der industriellen Revolution.

Cobden sagte:

„Freihandel ist die Diplomatie Gottes, und es gibt kein besseres Mittel, um die Menschen in Frieden zu vereinen.“

Er hatte recht. Neueste Studien haben bewiesen, dass Handel der Hauptgrund für Frieden ist. „In den Entwicklungsländern führt wirtschaftlicher Fortschritt zu Frieden zwischen den Staaten, und nicht etwa Demokratie“, so die Schlussfolgerung von Faruk Ekmekci von der türkischen Ipek-Universität. Die Beweislage spricht eindeutig dafür, dass die Märkte die Menschen nicht nur wohlhabender, sondern auch freundlicher, weniger kampflustig und hilfsbereiter machen.

Wie konnte nun das vorgebliche Allgemeinwissen entstehen, dass jede Entwicklung hin zu freieren Märkten die Menschen selbstsüchtiger, konfliktfreudiger und gieriger macht, während der Staat die Quelle aller Güte sei? Als Daniel Hannan letzte Woche das Freihandelsinstitut des Außenministeriums gründete, beschuldigten Kritiker dies zu Unrecht als „harte Brexit“-Initiative, obwohl sich die britische Regierung den Freihandel seit 1846, mal mehr und mal weniger, auf die Fahnen geschrieben hat. So sagte Liam Fox bei der Gründung: „Das Vereinigte Königreich war schon lange vor dem Brexit und schon lange vor der EU ein Vorreiter des weltweiten Freihandels.“

Hannans Kritiker, zum Beispiel die irreführend benannte „Open Britain“-Kampagne, unterstellen, dass Freihandel auf eine andere Art und Weise unfreundlich sei: Er führt zu geringeren Wohlfahrtsleistungen, was aber erwiesenermaßen Unsinn ist. Wo sind die Wohlfahrtsleistungen schlechter? Im freihandelnden Neuseeland oder im protektionistischen Venezuela? In Süd- oder in Nordkorea? In Singapur oder in Burma? Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Freihandel und einem hohen Lebensstandard, inklusive hoher Wohlfahrtsleistungen, und ersteres ist die Ursache von letzterem. Staatliche Eingriffe in die Sozialpolitik gehen einher mit wirtschaftlichem Fortschritt.

Freihandel bedeutet mehr Wohlstand

Der erstaunliche, weltweite Wohlstandszuwachs der letzten 50 Jahre, in denen die absolute Armut von über 50 Prozent auf unter 10 Prozent gefallen ist, wäre ohne Freihandel und die damit verbundenen Innovationen nicht möglich gewesen. Kein ernstzunehmender Ökonom streitet dies ab. Die Liberalisierung des Welthandels in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist dafür verantwortlich, dass die Welt nicht nur wohlhabender, sondern auch gesünder, glücklicher und freundlicher geworden ist. Sollte das für jüngere Generationen unglaublich klingen, so sollten sie ihren Professor darum bitten, sie weniger Marx-gläubige Autoren lesen zu lassen.

„Ja, schon“, sagen die „Remainer“, „aber was ist mit dem Fall Bombardier?“ Mit Hilfe merkantilistischer amerikanischer Vorschriften bedrängt der Riese Boeing den konkurrierenden kanadischen Flugzeughersteller mit einem profitablen Werk in Belfast, und erinnert uns daran, dass wir in der Europäischen Union bleiben sollten, um uns gegen solche Taktiken zur Wehr setzen zu können. Dieses Argument ist mit vier Problemen behaftet: Erstens befinden wir uns zur Zeit in der EU; zweitens, in der EU zu sein, hat Airbus nicht vor ähnlichen Konflikten mit Boeing geschützt; drittens kann Großbritannien mit seiner engen Zusammenarbeit in Rüstungsdingen mit den USA mehr Einfluss ausüben als Brüssel; und viertens – das wohl wichtigste Argument – überflügeln kleine Länder regelmäßig große Länder im Welthandel. Man denke nur an Neuseeland, Island, Singapur und die Schweiz.

Außerdem führen die USA und die EU schon seit einem Drittel Jahrhundert Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen. Protektionistische Interessen auf beiden Seiten verhindern stets das Zustandekommen: Italienische Textilhersteller, Französische Filmproduzenten, amerikanische Flugzeughersteller. Wäre Großbritannien, die am wenigsten protektionistische aller bedeutenden Wirtschaftsmächte, nicht in der EU, hätte es schon lange eine bilaterale Übereinkunft mit Amerika erreicht und die einseitige Verhängung von Zöllen auf Waren für illegal erklärt.

Der Fall Bombardier zeigt, dass der alte Anti-Dumping-Ansatz in einer Welt vernetzter internationaler Zulieferketten, in der es zu weltweiten Kettenreaktionen zum Schaden der Konsumenten kommt, nicht mehr funktioniert. Handelsblöcke lassen sich nicht mehr rechtfertigen – der Causa des weltweiten Freihandels, mit der es zur Zeit nicht voran geht, werden noch mehr Argumente geliefert. Gemäß der OECD gab es 2010 innerhalb der G20-Länder über 300 Handelsbeschränkungen, Zölle nicht mit eingerechnet. Fünf Jahre später hatte sich diese Zahl schon vervierfacht.

Die Verfechter der Märkte und des Handels müssen in der Innenpolitik wieder zu dem Radikalismus von Cobden, Ricardo und Smith finden. In den letzten Jahren haben wir zugelassen, dass die Autoritären Freihandel zu etwas Rückschrittlichem umdefinieren, das die Arbeiter unterdrückt, wo doch Freihandel Arbeitsplätze schafft und für steigende Löhne sorgt. Das ist die radikalste und befreiendste Idee überhaupt: Dass die Menschen ohne Einschränkungen Güter und Dienstleistungen austauschen dürfen, wie es ihnen gefällt, egal ob sie in verschiedenen Dörfern, Städten oder Ländern leben, und ohne dass Staaten sie aufhalten können.

Die Konservativen können es nicht mit Labour aufnehmen, in dem sie ein blasses Abbild von deren herablassendem Paternalismus bieten. Sie sollten den Jungen stattdessen etwas revolutionäreres, befreienderes, gleichmachenderes, disruptiveres, kooperativeres und demokratischeres als den alten Etatismus bieten – und das nennt sich Freiheit.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Free Trade Makes People Nicer ist am 14.10.2017 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

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Matt Ridley ist Journalist und Autor. Der Titel seines neuesten Buches lautet „The Evolution of Everything: How Ideas Emerge’ (Fourth Estate).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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