Carl Menger – Revolutionär der Volkswirtschaftslehre

1.9.2017 – Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der Seminararbeit „Carl Menger – der Revolutionär der Ökonomie“ von Marvin Müller. Er ist Schüler der Zinzendorfschule in Königsfeld im Schwarzwald. Die vollständige Seminararbeit können Sie am Ende des Beitrages herunterladen. [Zur besseren Lesbarkeit wurde im Beitrag auf Fußnoten verzichtet.]

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Marvin Müller

Die subjektive Wertlehre von Menger besagt, dass die Entstehung des Wertes von dem Subjekt abhängig ist. Wert ist demnach nichts den „Dingen Anhaftendes“, keine Eigenschaft oder Absolutes ähnlich wie Gewicht oder Farbe. Es ist nicht etwas, was selbstständig für sich besteht. Vielmehr ist der Wert

ein Urtheil, welches die wirthschaftenden Menschen über die Bedeutung der in ihrer Verfügung befindlichen Güter für die Aufrechthaltung ihres Lebens und ihrer Wohlfahrt fällen.[Menger 1871, S. 86]

Wert ist somit eine Zumessung oder Bewertung eines Individuums gegenüber einer Sache, die beinhaltet, wie bedeutend oder nützlich ein vorhandenes Gut zum eigenen Lebenserhalt ist oder zur Befriedigung anderer Bedürfnisse beitragen kann. Damit ist klar, dass es somit auch nicht außerhalb des Bewusstseins bestehen kann. „Wert“ ist eine ständige Beurteilung oder Wertschätzung eines jeden Menschen gegenüber einer Sache, wie sehr sie ihm persönlich zur Befriedigung seiner Bedürfnisse helfen kann.

Es bedeutet nicht, dass ein Ding in sich selber irgendeine Eigenschaft „Wert“ trägt. Von einer solchen irrtümlichen Vorstellung kommt dann auch der Gedanke des Handelns oder Austausches als Null-Summen-Spiel. Er besagt, dass man nur „Gleichwertiges“ miteinander tauschen würde. Nehmen wir aber an, man bestellt sich im Restaurant eine Mahlzeit und bezahlt dafür 5 Euro. So würde man nach dieser Vorstellung davon ausgehen, dass die Mahlzeit sowie der Geldschein eben objektiv, in sich selbst und für jeden zu jeder Zeit 5 Euro Wert hätte. Doch warum kommt jetzt ein Austausch zustande? Wären für mich und den Gastwirt die Sachen genau gleich viel wert, warum würde ich dann überhaupt den 5-Euro-Schein für die Mahlzeit und der Gastwirt die Mahlzeit für den 5-Euro-Schein hergeben? Damit ich mir die Mahlzeit bestelle und den 5-Euro-Schein eintausche, muss für mich die Mahlzeit mehr Wert besitzen als der 5-Euro-Schein. Damit jetzt ein Austausch stattfindet, muss dem Gastwirt seinerseits für ihn der 5-Euro-Schein wichtiger sein als die Mahlzeit. Somit kommt der Austausch zustande, weil wir den gleichen Gütern – dem 5-Euro-Schein und der Mahlzeit – jeweils zwei unterschiedliche, subjektive Werte zugemessen haben.

Es sind die subjektiv empfundenen Bedürfnisse, die darüber entscheiden, ob ich einen Tausch eingehe oder nicht. Wenn ich hungrig bin, werde ich eher dazu geneigt sein, den Schein einzutauschen als wenn ich satt bin. Somit messe ich jederzeit den Gewinnmöglichkeiten in meinem Umfeld verschiedene Werte bei, die sie zu der direkten oder indirekten Befriedigung meiner Bedürfnisse beitragen können und richte mein Handeln letztendlich danach. Dieses Zumessen von Wert ist von Person zu Person unterschiedlich. Aber auch für mich selber variiert es von Zeit zu Zeit und Ort zu Ort. Natürlich kann man sich dabei auch irren und Dingen einen Grad der Möglichkeit zur Befriedigung von Bedürfnissen zumessen, den sie gar nicht haben.

Wie der Begriff „zumessen“ bereits darauf hinweist, handelt es sich dabei um eine Vermittlung von Wertschätzung, die ich persönlich im Geiste einem Ding gebe. Es geht nicht darum, einen objektiven Wert oder eine Menge an Nützlichkeiten eines Gutes rational zu erschließen oder dass man sich geistlos nach den bereits vorgegebenen, vorgesetzten Wertmaßen eines Gutes richtet. Vielmehr sind es aktive Wertschätzungen von Seiten eines handelnden Menschen. Wertgeben heißt: subjektives Erahnen und Erschließen. Letzten Endes sind Preise dann der Ausdruck der Menge an Austauschmitteln, die ein Individuum bereit ist, für das eine Gut einzutauschen.

Somit ist Wertgeben ein sich ständig erneuerndes, subjektives Urteil über die Fähigkeiten eines Gutes, zu der Befriedigung eines Bedürfnisses beitragen zu können.

Der „Geldwert“

Wichtig ist zu verstehen, dass auch Geld keinen eigenen, inhärenten Wert besitzt. Wert ist, wie wir erkannt haben, eine subjektive Einstellung zu etwas, ein Urteil über ein Gut. Man kann allerdings eine solche Einstellung bzw. so ein Urteil nicht irgendwie in eine Münze, ein Aktienpapier oder einen Goldbarren „hineingießen“. Daher ist die Bezeichnung von diesen als Wertanlagen oder Wertpapiere irreführend. Man kann natürlich einen Barren Gold oder ein Aktienpapier aufbewahren, aber nicht die Wert-Einstellung darüber. Man kann aber bei der Veräußerung derselben natürlich darauf hoffen, dass es andere geben wird, die dem Barren oder den Aktien einen hohen Wert zumessen werden. Außerdem ist es irrtümlich, Geld als Wertmesser zu bezeichnen. Auch hier ist es der Fall, dass nicht die Euro-Münze oder der Geldschein selber in sich „so und so viel“ Wert besitzen und wir sie deshalb als Zahlungsmittel verwenden. Vielmehr messen wir nun auch dieser Münze oder diesem Papierschein einen Wert bei, da sie ein allgemein-anerkanntes Austauschmittel sind und dadurch zu dem Befriedigen unserer Bedürfnisse beitragen können.

Vergleich zu den vorherigen Theorien

Aristoteles

Es war Aristoteles, der den Gedanken des Null-Summen-Spiels vertrat. Er meinte in seinem Werk Nikomachische Ethik, dass Geld der notwendige Maßstab der Gleichheit zweier Mengen Güter sei, der einen Austausch erst möglich mache. Somit geht er davon aus, dass nur bei Wertegleichheit von Gütern ein Austausch stattfindet, wobei Geld lediglich als Maßstab dieser Werte dient. Das heißt allerdings, dass eine Gleichheit bereits vor dem Austausch bestanden haben muss, dass also den Gütern eine Eigenschaft angehängt sein muss, dass X-Einheiten des ersten Gutes vom Wert her Y-Einheiten des zweiten Gutes objektiv gleich sind. Für ihn war Wert also abhängig von objektiven Faktoren. Diese könnten zum Beispiel Land oder Arbeit sein. Aber ein solcher Gedanke führt weitergedacht in eine Endlos-Spirale. Wenn der Wert z.B. einer Mahlzeit von dem Land, auf dem die Zutaten wuchsen, oder von der Arbeit der Herstellung abhängt, wie bestimmt man den Wert dieses Landes oder dieser Arbeit?

Wert kommt durch die subjektive Beurteilung der Fähigkeit eines Gutes zu Stande, ein Bedürfnis zu befriedigen bzw. ein Ziel zu erreichen. Es kommt nicht dadurch, dass die Dinge von sich aus einen objektiven, allgemein gültigen Wert für alle Individuen besitzen.

Vorgänger der subjektiven Wertlehre

Diesbezüglich gab es schon vor Menger Personen, die die subjektive Natur der Wertschätzung erkannt hatten. Vor allem sind hier die Scholastiker von Salamanca zu nennen, die sich in ihren Werken schon mit der subjektiven Natur ökonomischer Werte befassten. Auch die französischen Ökonomen Étienne Bonnot de Condillac oder Jean-Baptiste Say sahen im subjektiven Wert den Ursprung der Marktpreise. Zu erwähnen ist auch Abbé Ferdinando Galiani als Entwickler einer subjektiven Werttheorie. Er bestimmte den Wert eines Gutes durch sein Verhältnis zu einem anderen Gut. Die Bewertung erfolgt dabei stets durch eine bestimmte Person. Um ihren Nutzen zu steigern, tauscht sie dann ein subjektiv weniger wertvolles Gut gegen ein Wertvolleres aus. In Deutschland gab es auch eine Tradition, den Wert als subjektiv anzusehen. Bedeutend für Menger war dabei Gottlieb Hufeland, der den Wert als eine subjektive Bewertung eines Individuums sah.

Die Arbeitswerttheorie

Doch in der damals vorherrschenden Hauptdenkrichtung, der englischen klassischen Ökonomie, wurde der Wert nicht als subjektives Urteil gesehen, sondern man war der Meinung, dass der Wert eines Gutes von den Kosten des Herstellungsvorgangs, den aufgewendeten Produktionsmitteln und dem benötigten Arbeitsaufwand abhängen würde. Es wurde somit von einem objektiven Wertmaßstab ausgegangen, der besagte, dass sich der Wert eines Produktes durch das Zusammenrechnen aller Faktoren, die in seine Herstellung geflossen sind, zusammensetzen würde. Demzufolge müsste auch der Wert eines Gutes zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jeden gleich sein. Auf dieser Auffassung bauten später dann Marx und seine Anhänger die „Ausbeutungstheorie“ auf.

Doch die Vertreter der subjektiven Wertlehre zeigten auf, dass nicht der Vorgang der Entstehung für den Wert eines Gutes verantwortlich ist, sondern das Verhalten von Individuen gegenüber diesem Gut. Die Wertschätzung eines Verbrauchers ist vollkommen unabhängig davon,

ob ein Diamant zufällig gefunden, oder mit einem Aufwande von tausend Arbeitstagen in einer Diamantengrube gewonnen wurde.[Menger, 1871, S. 119]

Seine Wertschätzung wird die gleiche sein, da für ihn der Wert daher kommt, dass er mit den verfügbaren Mengen an Diamanten nur die wenigsten, ausgewählten Bedürfnisse befriedigen kann. Ebenfalls stellt sich die Frage, wie sonst immaterielle Dinge wie Dienstleistungen oder Dinge, in denen keine menschliche Arbeit steckt, wie z.B. unbebautes Land, der Apfel eines Apfelbaums oder ein junger Wein im Vergleich zum einem gealterten Wein ihren Wert bekommen. Verbraucher kümmert es letztlich nicht, wie schwierig es ist, ein Produkt herzustellen. Sie schätzten es nicht „um des Dinges willen“ wert, sondern immer „um ihrer selbst willen“, d.h. in wie weit ein Gut dabei helfen kann, ihr Leben aufrechtzuerhalten oder ihre Wohlfahrt zu verbessern. Es wäre bestimmt schwierig, für einen Journalisten einen Artikel mit dem Kopf unter Wasser die Luft anhaltend zu schreiben, aber das wird seinen Lohn – außer für Spektakelzwecke – nicht wirklich erhöhen.

Ebenfalls hat man generell durch den Gedanken eines objektiven Wertes wieder das Problem des Null-Summen-Spiels vor sich, dass Menschen bei für sie gleichwertigen Dingen nicht zu einem Austausch schreiten.

Somit kann die klassische Arbeitswertlehre das Wesen des Wertes und das Zustandekommen von Preisen nicht befriedigend erklären. Wie Menger darlegt, sind die Produktionskosten nicht die Wurzel der Marktpreise, sondern lediglich ein Bindeglied in einem gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang. Allerdings war die englische, klassische Auffassung damals die vorherrschende, was Menger als ein Hemmnis für die Weiterentwicklung der ökonomischen Theorie empfand.

Auffassung der anderen Grenznutzentheoretiker

Auch in Hinblick auf die Frage, was Wert ist, unterscheidet sich Menger von Gossen, Jevons und Walras. Wie schon erwähnt, war bei den drei die psychologische Auffassung vorherrschend.

Besonders bei Jevons war die Betrachtung des Wertes vom Utilitarismus mit dem Lust-Unlust-Prinzip geprägt, deren Berechnung mit mathematischer Methode der Ausgangspunkt seiner subjektiven Wertlehre war. Er setzte Wert mit Nutzen oder Genuss gleich, deren Einheiten messbar seien. Er dachte, dass ein Ding eine bestimmte Nummer an Genusseinheiten in der Psyche eines Menschen herstelle, wenn dieser mit dem Ding in Kontakt trete. Die Person selber hätte in dieser Hinsicht in dem Wertschätzungsvorgang wenig zu tun. Was auch immer mehr Genusseinheiten hervorbringt – eine strikt objektive Angelegenheit – wäre eben wertvoller.

Menger beschreibt den Wertschätzungsvorgang allerdings als aktiven Urteilsakt. Er sah Wert nicht als Menge von Gefühlen des Genusses oder Schmerzens, welches jemandem automatisch in den Sinn kommt, wenn man ein Objekt wahrnimmt. Ein Ding mehr wertzuschätzen bedeutet für ihn eine Bewertung, ein Akt der Bevorzugung, ein Urteil, ob ich etwas mag oder nicht mag, eine Einstufung in der eigenen Werteskala. Im Vergleich zu den dreien hatte nur Menger diese Auffassung des Wertes als einen Urteilsakt.

Was war das Revolutionäre?

Das Konzept der subjektiven Wertschätzung besagt, dass der Wert eines Gutes von einer subjektbezogenen, individuellen Einstellung und Beurteilung abhängt. Wert entsteht somit nicht unabhängig von einem Akteur, sondern ist eine aktive Wertschätzung einer Person, die einem Gut entgegengebracht wird. Alle Marktpreise lassen sich letztlich aus den subjektiven Wertschätzungen von Personen gegenüber der Endprodukte ableiten. Basierend auf einer subjektiven Tradition entwickelte Menger die Idee der subjektiven Wertschätzung weiter. Im Vergleich zum Beispiel zu seinen französischen Vorgängern zeigte er, dass diese Wertschätzung der einzige Ursprung des Preises ist.

Menger erkannte, dass sowohl Aristoteles als auch Adam Smith mit ihrem objektiven Ansatz irrten. Der Wert eines Produkts ist ihm nicht anhaftend, keine Eigenschaft, die z.B. durch die Kosten der aufgewendeten Produktionsmittel und Arbeitsleistungen feststeht.

Hier können Sie die Seminararbeit als PDF-Datei herunterladen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.