Vom Elend politischer Anmaßung

21.7.2017 – … am Beispiel des Euro.

von Andreas Tögel.

Andreas Tögel

Im Jahre 1998 veröffentlichten 155 namhafte Wirtschaftswissenschaftler in der „FAZ“ einen Aufruf mit dem Titel: „Der Euro kommt zu früh!“. Das für die langfristigen Ziele der politischen Eliten unabdingbare Lieblingsprojekt wurde dennoch – ohne Rücksicht auf Verluste, wie wir seither erleben – ins Werk gesetzt.

Von Anbeginn an ging es nicht ums Geld, nicht um die grundsätzlich sinnvolle Idee einer gemeinsamen Währung. Der Euro war niemals ein monetäres, sondern stets ein lupenrein politisches Projekt, das der Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“, eines neuen Imperiums nach US-Vorbild, Vorschub leisten sollte. Den Herrschenden war klar, dass ein derart größenwahnsinniges Projekt auf direktem Wege – also nach Referenden in den einzelnen Mitgliedsstaaten – unmöglich zu realisieren gewesen wäre. Niemals würden die so grundverschiedenen Völker der Alten Welt der Aufgabe ihrer Eigenarten, der Beseitigung ihrer Selbstbestimmungsrechte und ihrer Fernsteuerung durch Brüssel freiwillig ihre Zustimmung erteilt haben.

Denn Europas Stärke lag stets in seiner Buntheit und Vielfalt. Europa drückte der Welt nicht als zentral verwalteter und regierter Monolith seinen Stempel auf, sondern als Sammelsurium miteinander konkurrierender Völker und Ideen. Den Bürgern Europas war und ist auch heute noch bewusst, dass die Stärke ihres Kontinents in der Vielfalt liegt und nicht in der Einfalt – in einer von Zentralbürokraten erzwungenen Nivellierung. Europa hat am Beginn der Neuzeit den Wettbewerb mit der zu dieser Zeit technologisch noch überlegenen Großmacht China gewonnen, weil die Vielfalt seiner Völker so ungemein befruchtend wirkte.

Weil die Nomenklatura sich all dessen bewusst war, spannte sie listig den Ochsen hinter den Karren und führte zunächst die Gemeinschaftswährung ein – in der nicht unberechtigten Erwartung, dass diese ohne die – seit der Einführung des Esperantogeldes in Umsetzung befindliche – Gleichschaltung der Provinzen des neuen Reiches keinen Bestand haben könnte.

Die Einführung des Euro wurde und wird – kontrafaktisch – zu einer Frage von Krieg und Frieden hochstilisiert: Helmut Kohl meinte etwa: „Der Euro ist ein Friedensprojekt“; Von höchsten Vertretern der Union wurden wiederholt Verschwörungstheorien lanciert, wonach wir es angeblich mit „Angriffen“ finsterer Mächte (der den Politikern die Gefolgschaft verweigernden perfiden Märkte nämlich) auf das heilige Brüsseler Reich zu tun hätten. „Ohne Gemeinschaftswährung hat Europa keine Zukunft“ – so oder so ähnlich tönt es daher wieder und wieder aus den EU- und Staatskanzleien. Und so trommeln es auch die regierungshörigen Medien von Finnland bis Malta. Alle nicht in das angeblich alternativlose Konzept eines zentralistisch geführten Imperiums passenden Fakten, werden verharmlost oder totgeschwiegen.

Friedensprojekt Euro? Wurde darauf vergessen, dass Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg miteinander Frieden schlossen und auch hielten – und zwar ohne gemeinschaftliche Währung? Wie der französische Liberale Frédéric Bastiat bereits vor rund 200 Jahren meinte, bildet nämlich allein der Freihandel und der daraus resultierende Wohlstand eine tragfähige Grundlage für den Frieden zwischen den Völkern: „Wenn Güter die Grenzen nicht passieren, werden es Armeen tun!“ Wozu es dafür jedenfalls nicht bedarf, ist ein politisch zwangsverordnetes Geld, das von Regierungen und Notenbanken nach Belieben und politischer Opportunität manipuliert werden kann.

Es liegt vielmehr auf der Hand, dass ein barrierefreier Wirtschaftsraum und ein von anmaßenden Geldalchemisten oktroyiertes Zwangsgemeinschaftsgeld nicht zusammenpassen! Wie sollte denn auch ein planwirtschaftlich organisiertes Geldwesen mit den Zielen einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in Einklang zu bringen sein? Derlei Überlegungen werden indes ausgeblendet. Stattdessen wird der Euro geradezu zur Religionsfrage erhoben. Von den Politbüros der Eurozone wird – entgegen der historischen Evidenz – so getan, als ob ein gemeinsamer Wirtschaftsraum nicht auch ohne einheitliche Währung zu verwirklichen wäre. Aber schon vor dem Ersten Weltkrieg funktionierte der weltweite Freihandel prächtig – und von Währungshegemonie oder -einheit war zu dieser Zeit noch keine Rede.

Dass eine europäische Freihandelszone bereits vor mehr als 100 Jahren – in der Zeit vor 1914 – längst existierte, und zwar ohne Gemeinschaftswährung (die allerdings durch die damals allseits gegebene Goldbindung der verschiedenen Währungen faktisch bestand), scheinen heute nur noch wenige zu wissen. Und die Politnomenklatura hat größtes Interesse daran, diese Tatsache auch gar nicht erst zu thematisieren, um die Fadenscheinigkeit ihrer Argumente für das hochproblematische Esperantogeld Euro nicht offenbar werden zu lassen.

Wer sich mit der Problematik der europäischen Gemeinschaftswährung eingehend auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch „Die Tragödie des Euro“ aus der Feder des Ökonomen Philipp Bagus empfohlen. Der Autor beschreibt darin den Weg von der Vorbereitung des Währungscoups bis zu dessen Konsequenzen – der schwersten Krise, in welche die EU seit ihrer Gründung geraten ist und deren Ausgang heute nicht absehbar ist. Link zum Buch: https://www.amazon.de/Die-Trag%C3%B6die-Euro-System-zerst%C3%B6rt/dp/3898796701

Angesichts der offensichtlichen Fehlkonstruktion des Euro, der seit Jahren im Monatsrhythmus „gerettet“ werden muss (etwas Vergleichbares hat es in der Geschichte der Währungen Europas bisher noch nicht gegeben), mutet es geradezu skurril an, wenn einer der beamteten Vertreter des staatlich verordneten Geldsozialismus´ ein alternatives Währungskonzept angreift. Der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny, hielt es kürzlich für angebracht, massive Kritik an der Kryptowährung „Bitcoin“ zu äußern. Ohne hier auf die Vor- und Nachteile dieses rein virtuellen Zahlungsmittels eingehen zu wollen, ist doch das von Nowotny ins Treffen geführte Argument bemerkenswert: Er warnte in diesem Zusammenhang nämlich ausdrücklich vor der Gefahr von „Blasenbildungen“. Als ob der Euro, der ja nach dem unermesslichen Ratschluss von EZB-Chef Mario Draghi seit Jahr und Tag in aberwitzigen Mengen produziert wird, dieses Problem nicht hätte. Als ob durch die politisch motivierte Euroschwemme nicht der Erwerb von Immobilien in Europa für Normalverdiener zunehmend unerreichbar würde. Eine „Blase“ bei Bitcoin zu beschwören, klingt daher verdächtig nach „Haltet den Dieb!“

Fazit: Schulden durch neue Schulden zu finanzieren, ist ein Konzept mit Ablaufdatum. Eine Währung dadurch retten zu wollen, dass man immer mehr davon in Umlauf bringt, ebenfalls. Die Tage des Euro sind wohl gezählt, wie namhafte US-Ökonomen schon vor vielen Jahren feststellten – und zwar ausgerechnet solche, die den Herren Draghi und Nowotny (geld-)politisch sehr nahestehen…

*****

Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin „Frank & Frei“ 02.

—————————————————————————————————————————————————————————–

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter “Austrian”.

*****

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.