Zentralbanken heizen die Nachfrage nach Kryptowährungen an

19.6.2017 – von Demelza Hays.

Demelza Hays

Noch vor etwa zwei Jahren wurde Bitcoin als Randtechnologie für Libertäre und Computer-Freaks betrachtet. Inzwischen gewinnen Bitcoin und andere Kryptowährungen wie beispielsweise Ethereum auch im Mainstream immer mehr an Popularität. Allerdings wurde diese Popularität mehr durch Finanzspekulationen anstatt durch die Nachfrage nach einem privat erzeugten und deflationären Tauschmittel getrieben. Nach der Zinserhöhung durch die Amerikanische Notenbank (Fed) in der vergangenen Woche verloren Bitcoin und alternative Kryptowährungen wie Ethereum und Dash sofort im Wert. Bitcoin zum Beispiel sank um etwa 16 Prozent, andere Coins gar um 25 Prozent. Allerdings erholte sich der Bitcoin-Preis innerhalb von 18 Stunden auf sein vorheriges Hoch.

Die Reaktion des Marktes für Kryptowährungen auf die Ankündigung der Fed belegt, dass Kryptowährungen als sicherer Hafen in Zeiten stetiger Papiergeldvermehrung gesehen werden. Wie ich im April für Forbes Austria schrieb, ist dies auch Ursache dafür, dass die Nachfrage nach Bitcoin in den Ländern steigt, die ihre Fiat-Währungen demontisieren, wie beispielsweise Indien und Venezuela. Nach der Abschaffung der 500 und 1.000 Rupienscheine im November des vergangenen Jahres hat der Preis von Bitcoin an Indiens größter Bitcoin-Börse „Unocoi“ auf bis zu 818 USD zugelegt, während an amerikanischen Börsen der Kurs bei 709 USD pro Bitcoin lag. Genauso erlebte Surbitcoin, Venezuelas größte Bitcoin-Börse, einen Anstieg bei der Zahl der Konten von 450 im Jahr 2014 auf über 85.000 im Jahr 2016.

Reaktion auf Fed-Politik

Wenn die Fed jedoch fortfährt, die Zinsen weiter zu erhöhen, kann die Nachfrage nach Kryptowährungen durchaus zurückgehen. Schließt die Fed den Wasserhahn für neu gedrucktes Geld, gibt es natürlich auch weniger neu gedrucktes Geld, das in Vermögensklassen wie Immobilien, Aktien, Kryptowährungen usw. fließen kann. Dann wird es von Seiten der Anleger weniger Nachfrage nach Vermögenswerten geben, mit denen sie sich gegen Inflation abzusichern versuchen.

Bitcoin-Inflation

Im Gegensatz zum verbreiteten Glauben, der Bitcoin sei deflationär, unterliegt die Währung derzeit einer jährlichen Inflationsrate von etwa 4%. Dass es den Anlegern mittels Bitcoin gelingt, sich vor der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken zu schützen, liegt daran, dass die Nachfrage nach Bitcoins in einem Tempo wächst, das höher wiegt als die Zahl neu hinzukommender Bitcoins. Wie in einem Mises Daily Artikel von Frank Shostak im Jahr 2002 zu lesen ist, wurde der Begriff „Inflation“ ursprünglich verwendet, um eine Ausweitung der Geldmenge zu beschreiben. Heute bezieht sich der Begriff „Inflation“ auf einen allgemeinen Preisanstieg.

Wenn man die ursprüngliche Definition von Inflation anwendet, dann ist Bitcoin eine Inflationswährung. Allerdings, wie ich in der Ausgabe 2017 von In Gold We Trust dargelegt habe, folgt die Produktion neuer Bitcoins einer vorhersagbaren Inflationsrate, die im Laufe der Zeit abnimmt. Satoshi modellierte den Zufluss neuer Bitcoins als Poisson-Prozess, der bis 2020 zu einer voraussehbaren Inflationsrate führen wird, im Verhältnis zum Bestand gegenwärtig existierender Bitcoins. Alle vier Jahre wird die Menge an Bitcoins, die jährlich entsteht, halbiert. Die letzte programmierte „Halbierung“ gab es im Juni 2016. Die nächste Halbierung wird im Jahr 2020 stattfinden.

Die Umkehrung der Inflationsrate, das Stock-to-Flow-Ratio (StFR), zeigt auch den abnehmenden Zufluss neu geminter Coins in die Bitcoin-Wirtschaft an. Das StFR von Bitcoin beträgt derzeit 25 Jahre, wird jedoch auf etwa 56 Jahre ansteigen. Das bedeutet, dass das StFR von Bitcoin in den nächsten fünf Jahren das von Gold übertreffen sollte. Vor dem 3. Januar 2009 gab es kein Bitcoin. Daher war die StFR von Bitcoin effektiv Null. Jedoch führt die rasche Verringerung der Menge neu erzeugter Bitcoins im Laufe der Zeit zu einem ansteigenden StFR. Bis 2024 werden alle zehn Minuten nur 3,125 Bitcoins „gemint“, was schließlich zu einem StFR von circa 119 Jahren führen wird.

Wenn man die heutige Definition von „Inflation“ anwendet, dann ist Bitcoin deflationär, weil die Kaufkraft jeder Einheit im Laufe der Zeit ansteigt. Als ich im Jahr 2014 in Bitcoin investierte, kostet ein Tesla Model S im Wert von 70.000 US-Dollar 230 Bitcoin. Heute kostet ein Tesla Model S im Wert von 70.000 US-Dollar 28 Bitcoin. Am 11. Juni dieses Jahres erreichte der Bitcoin-Preis ein neues Allzeithoch über 3.000 US-Dollar nach etwa 2.300 US-Dollar zwei Wochen zuvor. Darüber hinaus wird erwartet, dass die Bitcoin-Marktkapitalisierung von 40 Milliarden Dollar weiter steigen wird, da die Unsicherheit hinsichtlich der Technologie sinkt. Bitcoin-Preisdaten decken nur die letzten sechs Jahre ab, d.h. es liegen grundsätzlich keine Daten zur statistischen Analyse vor.

Risikobewertungen

Das Ellsberg-Paradoxon zeigt, dass Menschen Ereignisse mit bekannten Wahrscheinlichkeitsverteilungen im Vergleich zu Ereignissen bevorzugen, bei denen die Wahrscheinlichkeiten unbekannt sind. Der Schätzfehler, der mit den Prognosen der Risiken und Renditen von Bitcoin verbunden ist, kann den Preis nach unten negativ beeinflussen. Im Laufe der Zeit werden die Menschen mit Bitcoin „erfahrener“ werden, was die Unsicherheit und den daraus resultierenden Risikoabschlag auf den Preis von Bitcoin verringern wird.

Einen wirtschaftlicher Abschwung in den USA erleben wir etwa einmal alle zehn Jahre  – der letzte finanzielle Zusammenbruch 2007/2008 liegt nun ein Jahrzehnt zurück. Wenn die Wirtschaft mit den Zinsanhebungen durch die Fed nicht klarkommt, wird diese gezwungen sein, ihre Entscheidungen zu revidieren, worauf der Preis von Bitcoin und anderen Kryptowährungen wahrscheinlich positiv reagieren wird.

Obwohl der Markt für Kryptowährungen nach der zweiten Zinserhöhung von Janet Yellen im Jahr 2017 zunächst scharf korrigierte, erholten sich die Preise innerhalb eines Tages. Der schnelle Rebound unterstreicht den Mangel an Vermögenswerten, die es Investoren ermöglichen, Reichtum sicher zu akkumulieren.

Negative Zinsen in Europa und die Abschaffung von Banknoten in Entwicklungsländern sind nach wie vor treibende Faktoren für die Nachfrage nach Bitcoin und anderen Kryptowährungen. Obwohl Bitcoin zunächst als Geld für Computer-Nerds und als Instrument für illegale Aktivitäten verspottet wurde, beginnen die Investoren das Potenzial dieser Technologie zu erkennen, als integralen Bestandteil des Vermögensmanagements aus der Perspektive der Portfolio-Diversifizierung.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel Central Banks Are Driving Many to Cryptocurrencies ist am 16.6.2017 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Demelza Hays ist Doktorandin am Department of Economics der University of Liechtenstein. Zuvor absolvierte sie ein Masterstudium in Economics an der Toulouse School of Economics. Als Summer Fellow am Mises Institute in Auburn beschäftigte sie sich mit Kryptowährungen im Vergleich zum Teilreservebanksystem.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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