„Die Blockchain-Technologie wird den Mächtigen ihre Macht nehmen“

5.5.2017 – Interview mit dem Bitcoin-Experten Aaron Koenig.

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Hallo Aaron, es ist schon wieder über ein halbes Jahr her, dass Du auf unserer Konferenz „Besseres Geld für die Welt“ gesprochen hast. Der Kurs von Bitcoin strebt inzwischen auf neue Höhen. Gibt es konkrete Gründe hierfür?

Aaron Koenig

Ja, der Bitcoin-Kurs hat sich seitdem mehr als verdoppelt, von rund 600 Euro auf aktuell über 1.400 Euro pro Bitcoin. Der Grund ist einfach: die Nachfrage steigt, das Angebot ist knapp. Seit Juli 2016 hat sich die Menge der täglich neu erzeugten Bitcoins halbiert. Es sollte also selbst für Keynesianer einfach zu verstehen sein, dass bei steigender Nachfrage und knappen Angebot der Preis steigt.

Ein Vorwurf von denen, die Zweifel haben, dass Bitcoin gängiges Zahlungsmittel werden könnte, war und ist, dass die Blockchain nicht leistungsfähig sei bzw. nicht die erforderliche Menge an Transaktionen schnell genug festhalten und verarbeiten kann. Hat sich hier etwas getan?

Es stimmt, die Größe der Blöcke in der Blockchain ist momentan recht willkürlich auf 1 Megabyte festgesetzt. Dadurch können zur Zeit nicht mehr als sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeitet werden. Angesichts der sich jährlich verdoppelnden Zahl der Transaktionen ist absehbar, dass diese Grenze bald erreicht wird. Es gibt daher eine rege Diskussion darüber, wie Bitcoin am besten skalieren soll. Die einen wollen einfach die Blockgröße erhöhen. Die anderen sehen die Gefahr, dass die Blockchain dann zu schnell wächst und weniger Menschen am Bitcoin-Mining teilnehmen können. Sie wollen lieber die Datenmenge jeder Transaktion verringern, so dass mehr Transaktionen in einen Block hineinpassen.

Am vielversprechendsten ist wohl das so genannte Lightning Network, bei dem viele Tausend Transaktionen in sogenannte Payment Channels zusammengefasst und gebündelt in die Blockchain geschrieben werden. Dadurch wären viele Tausend Transaktionen pro Sekunde möglich. Eine Transaktion würde in wenigen Sekunden bestätigt werden, statt in rund zehn Minuten, wie es jetzt der Fall ist.

Die Diskussionen sind manchmal recht heftig, aber ich bin zuversichtlich, dass es bald eine Lösung gibt, auf die sich alle einigen können. Und selbst wenn das bei Bitcoin nicht geschehen sollte, stehen Dash, Litecoin, Monero, Z-Cash und viele anderen Konkurrenten bereit, die an die Stelle von Bitcoin treten können. Der Wettbewerb der Währungen ist in vollem Gang, Hayek hätte seine Freude daran.

Die Winklevoss-Zwillinge wollen einen Bitcoin-ETF auflegen … welche Informationen und Neuigkeiten kannst Du uns zu diesem Thema geben?

Die Winklevoss-Brüder haben bei der US-Aufsichtsbehörde SEC um die Genehmigung gebeten, einen ETF aufzulegen, und haben eine Absage bekommen. Und das ist gut so. Ich halte es für absurd, Bitcoin den Regeln des alten Finanzsystems zu unterwerfen. Wer Bitcoins kaufen will, kann das einfach tun. Es gibt hunderte von Börsen, an denen man Bitcoins handeln kann. Einen ETF halte ich für ein komplett überflüssiges Vehikel.

Die Mehrheit wird Bitcoin aber noch als Anlage betrachten und nicht als alternatives Zahlungsmittel. Ist das auch Dein Eindruck?

Nein, den Eindruck habe ich nicht. Die Zahl der Bitcoin-Transaktionen verdoppelt sich jeden Jahr, und immer mehr Geschäfte akzeptieren Bitcoin. Besonders nützlich sind Bitcoins natürlich bei internationalen Zahlungen. Um einen Kaffee zu kaufen, gebe ich in der Tat lieber meine Euros aus, solange sie noch etwas wert sind.

Es gibt immer wieder die Idee, Bitcoins mit Gold zu hinterlegen. Gibt es hier neue Entwicklungen und wie ist Deine Meinung hierzu?

Ja, es gibt einige Kryptowährungen, die mit Golddeckung arbeiten, zum Beispiel der ‘Hayek’ oder der ‘Dinar Dirham’. Interessant finde ich auch die Berliner Firma ‘Vaultoro’, bei der man Bitcoins gegen Gold tauschen kann und umgekehrt. Sie werden sogar eine Art goldgedeckte Debitkarte anbieten.

Ich glaube allerdings nicht mehr, dass es nötig ist, Kryptowährungen mit Edelmetallen zu decken. Gold hat sich ja deshalb als Währung gegen Vieh, Pfeilspitzen und getrocknete Tigerzungen durchgesetzt, weil es mehr Qualitäten aufweist, die es zu gutem Geld machen. Insbesondere sein Knappheit, Haltbarkeit und Teilbarkeit heben es von anderen Währungen der Geldgeschichte ab. Das Interessante an Bitcoin ist, dass es diese Qualitäten ebenfalls besitzt – nicht von Natur aus wie Gold, aber durch das Design seiner Software. Auch Bitcoins sind knapp wie Gold, es kann nur jemals 21 Millionen Bitcoins geben. Satoshi Nakamoto hat Bitcoin also nicht durch Gold gedeckt, sondern eine Art digitales Gold geschaffen.

Wenn man eine Kryptowährung durch Gold deckt, gibt es einen großen Nachteil: das Gold muss irgendwo gelagert und auf Anfrage an die Eigentümer verschickt werden. Es muss also eine Firma geben, die sich darum kümmert. Und so eine Firma kann verboten, ihre Geschäftsführer verhaftet, ihre Bestände beschlagnahmt werden. Wir haben das im Fall der Firma eGold gesehen. Der Vorteil einer Kryptowährung ohne Golddeckung: es gibt keine Angriffspunkte für die Staatsgewalt.

Deshalb denke ich, dass reine Kryptowährungen bessere Chancen haben, sich durchzusetzen.

Während wir das Interview führen, steigt der Kurs von Bitcoin stetig weiter. Der Grund dürfte u.a. auch sein, dass Bitcoin in Japan als offizielles Zahlungsmittel zugelassen wurde. Könnte das andere Länder unter Zugzwang bringen?

In der Tat kommt in letzter Zeit ein großer Teil des Bitcoin-Trading-Volumens aus Japan. Das hat vermutlich mit der positiven Haltung der japanischen Behörden zu tun, aber auch mit den niedrigen Zinsen in Japan. Vielleicht mögen die Japaner Bitcoin einfach gern, weil der Erfinder Satoshi Nakamoto heißt. Vor kurzem haben noch die chinesischen Börsen den Markt dominiert, seit dort strengere Vorschriften herrschen, ist deren Handelsvolumen eingebrochen.

Ich denke nicht, dass es langfristig irgendeine Bedeutung für den Bitcoin-Kurs hat, was irgendeine Regierung tut oder lässt. Wahrscheinlich wird der Kurs demnächst auch wieder fallen, das würde mich nicht überraschen. Solange die Nachfrage schneller steigt als das Angebot, wird der Bitcoin-Kurs auf lange Sicht steigen. Da müsste schon etwas Dramatisches passieren, etwa eine Aufsplittung des Bitcoins in zwei Stränge, damit sich das ändert.

Wie müsste ich mir so eine Aufsplittung vorstellen, wie ein Aktiensplit? Wurde in diese Richtung schon diskutiert?

Ein “Hard Fork”, also eine harte Gabelung, wäre wesentlich einschneidender als ein Aktiensplit. Es würde bedeuten, dass es zwei Versionen der Bitcoin-Software gäbe, die nicht mehr zusammenpassen. Man hätte dann zwei Zahlungsnetzwerke und damit auch zwei Bitcoins.

Bei Ethereum ist ein “Hard Fork” im Juli durchgeführt worden, weil sich die Entwickler nicht darauf einigen konnten, wie sie mit dem Raub einer großen Menge Geldes aus einem Ethereum-basierten Investment-Fonds umgehen sollten. Jetzt gibt es “Ethereum” und “Ethereum Classic”. Dennoch hat sich der Kurs beider Ethers (das ist die systeminterne Währung von Ethereum) sehr gut entwickelt.

Es gibt durchaus Bestrebungen, die schon lange dauernde Debatte um die Skalierung des Bitcoins ebenfalls durch einen “Hard Fork” zu lösen. Jede Gruppe könnte dann ihre Lösung auf einer eigenen Blockchain ausprobieren. Es mag sein, dass das dem Bitcoin insgesamt schadet. Vielleicht ist es aber auch überhaupt kein Problem. Mir persönlich wäre es lieber, man würde eine gemeinsame Lösung finden, aber wenn das nicht geht, ist eine saubere Trennung durchaus machbar.

Lass uns auch noch über die Blockchain selbst sprechen. Gibt es hier bemerkenswerte Entwicklungen aufgrund der Verwendung der Blockchain-Technologie?

Es gibt zur Zeit unglaublich viele Projekte, die die Blockchain-Technologie nutzen. Zum Beispiel wird an Prognosemärkten gearbeitet, an digitalen Grundbüchern, an der Vermietung ungenutzter Speicherplätze oder Rechenleistungen und und und. Die meisten Projekte befinden sich noch in der Entwicklung, so dass es schwer zu beurteilen ist, welche am interessantesten sind.

Auf jeden Fall gibt es zur Zeit eine Welle von sogenannten ICOs, also Initial Coin Offerings. Das bedeutet, das Unternehmen vorab “virtuelle Münzen” an Investoren verkaufen, die man später brauchen wird, um das entwickelte Produkt zu benutzen. Dabei werden immer neue Rekorde gebrochen. Zum Beispiel hat die Berliner Firma Gnosis, die einen Prognosemarkt auf Ethereum-Basis entwickelt, gerade in 10 Minuten rund 12 Millionen Dollar eingesammelt. Seit dem ICO hat sich der Preis verdreifacht, die Investoren haben also bisher einen guten Gewinn erzielt.

Ich denke, dass der ICO-Markt im Moment ein wenig überhitzt ist. Wahrscheinlich wird es bald auch wieder eine Ernüchterungsphase geben und viele hochgehandelte Blockchain-Projekte sich als Flops erweisen. Aber das ist ja ganz normal, wenn eine wirklich disruptive Erneuerung stattfindet. Das war zur Zeit der ersten Eisenbahnen nicht anders.

Don und Alex Tapscott übertreiben also nicht, wenn sie in ihrem Buch „Die Blockchain Revolution“ schreiben, die Blockchain würde uns unerbittlich in ein neues Zeitalter treiben?

Das ist eine blöde Formulierung. Die Blockchain treibt niemanden und kann auch nicht “unerbittlich” sein. Es sind immer Menschen, die Entwicklungen vorantreiben. Die Vorstellung, Menschen direkt miteinander zu verbinden und damit Mittelsmänner wie Banken, Großunternehmen und Staaten überflüssig zu machen, ist für viele sehr attraktiv. Ich denke tatsächlich, dass Blockchain-Technologie die Welt zum Besseren verändern wird. Sie wird den Mächtigen ihre Macht nehmen und wirklich freie Märkte ermöglichen.

Du arbeitest gegenwärtig auch wieder an einem Buch. Wann wird es erscheinen und womit beschäftigst Du Dich darin?

Mein neues Buch “Cryptocoins – Investieren in digitale Währungen” wird im September beim Finanzbuchverlag erscheinen. Es wendet sich an Leute, die noch wenig Ahnung von Kryptowährungen haben. Ich erkläre darin alles, was man wissen muss, um in diese spannende neue Welt einzusteigen. Das ist eine recht sportliche Deadline. Ich müsste eigentlich Vollzeit am Buch arbeiten. Daher wäre es großartig, wenn mich möglichst viele Leute bei diesem Projekt unterstützen könnten. Man bekommt dafür handsignierte Exemplare und andere Exklusivitäten.

Klingt spannend, danke, Aaron.

Das Interview wurde im Mai 2017 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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„Bitcoin und Blockchain – eine technologische Revolution“ – der Vortrag von Aaron Koenig auf der Konferenz 2016 „Besseres Geld für die Welt“.


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Aaron Koenig ist seit 2011 in der Bitcoin-Wirtschaft engagiert. Er hat mit seiner Firma Bitfilm zahlreiche Filme für Bitcoin-Start-ups produziert. Er organisiert ein Bitcoin-Filmfestival sowie eine monatliche Bitcoin-Tauschbörse in Berlin. Er ist Diplom-Kommunikationswirt und seit 1994 in der kreativen Internetbranche tätig. Im Mai 2015 erschien im FinanzBuchVerlag sein Buch „Bitcoin – Geld ohne Staat“.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.