Inflation ist unmoralisch

1.5.2017 – Vor wenigen Wochen ist das Buch „Was Sie über Inflation wissen sollten“ von Henry Hazlitt erschienen. Damit ist der seit Jahren vergriffene Klassiker von 1968 endlich wieder lieferbar.

Nachfolgend lesen Sie ein fiktives Interview mit Henry Hazlitt. Seine Antworten sind ausnahmslos dem Buch entommene Zitate. Zusammengestellt wurde das Interview von Andreas Marquart.

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Henry Hazlitt (1894 – 1993)

Herr Hazlitt, es scheint, als gäbe es hinsichtlich des Begriffes „Inflation“ einige Irrtümer …

Ursprünglich bezog sich der Begriff »Inflation« ausschließlich auf die Geldmenge. Er bedeutete, dass das Volumen an Geld anschwoll oder aufgeblasen wurde (vom lateinischen inflare: aufblasen, anschwellen). Es ist keine bloße Pedanterie, darauf zu beharren, das Wort möge nur in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet werden. Indem man behauptet, Inflation bedeute einen »Preisanstieg«, lenkt man die Aufmerksamkeit von ihren wirklichen Ursachen und vom geeigneten Gegenmittel ab.

Wie ist es möglich, die Öffentlichkeit derart zu täuschen?

Leider müssen wir feststellen, dass die breite Öffentlichkeit die wahre Ursache der Inflation und das richtige Heilmittel für sie nicht nur nicht versteht, sondern sich der Inflation auch nicht geschlossen entgegenstemmt. Die Inflation weckt widersprüchliche Empfindungen. Der Grund dafür ist, dass sie wie Janus zwei Gesichter hat. Ob wir sie begrüßen oder fürchten, hängt davon ab, welches dieser beiden Gesichter wir gerade sehen. Wir können es auch anders ausdrücken: Jeder von uns ist in seiner Beziehung zur Inflation manchmal Dr. Jekyll und manchmal Mr. Hyde, je nachdem, wie sie sich gerade auf unsere persönlichen Interessen auswirkt … Die Inflation ist eine verbogene Lupe, durch die wir alles verzerrt und unscharf sehen, so dass kaum noch jemand in der Lage ist, die tatsächlichen Zusammenhänge zu erkennen.

Inflation – also Geldmengenausweitung – macht eine Volkswirtschaft nicht reicher. Aber dennoch profitieren einige davon…

Diejenigen, die von der Inflation profitieren, tun dies zwangsläufig auf Kosten anderer. Die Gesamtverluste durch die Inflation sind genauso hoch wie die Gesamtgewinne. Das führt zu Konflikten zwischen Klassen oder Gruppen: Die Opfer der Inflation hegen Groll gegen die Gewinner – ja sogar jene, die in geringem Maß davon profitieren, beneiden die großen Gewinner. Die Allgemeinheit begreift, dass die Neuverteilung von Einkommen und Vermögen in einer Inflation nicht das Ergebnis von Verdienst, Anstrengung oder Produktivität ist, sondern von Glück, Spekulation oder politischer Begünstigung.

Kann man Inflation demnach als „unmoralisch“ bezeichnen?

Sie ist an sich ein unmoralischer Akt des Staates. Wenn moderne Regierungen die Inflation anheizen, indem sie direkt oder indirekt die Geldmenge erhöhen, tun sie im Grunde dasselbe, was die Könige einst taten, als sie die Münzen beschnitten. Die Verwässerung der Geldmenge mit Papiergeld ist das moralische Äquivalent zur Verdünnung von Milch mit Wasser. Die Regierungen mögen behaupten, die Inflation sei eine von außen kommende Heimsuchung, aber in Wahrheit ist sie fast immer das Ergebnis einer bewusst betriebenen Politik der Regierung.

Was schlagen Sie vor?

Es gibt nur eine Lösung. Es gibt nur einen wirklichen Schutz gegen die Inflation, der alle Bürger einbezieht: Man darf keine Inflation zulassen. Und wenn es zu einer Inflation kommt, muss man sie möglichst rasch stoppen.

Sie bringen in einigen Kapiteln auch den Goldstandard ins Spiel … in der Geschichte hatte er die Regierungen diszipliniert…

Dieser internationale Goldstandard war die wichtigste Versicherung gegen Versuche von Politikern und Bürokratie, die Währung ihres Landes zu manipulieren. Sie war der beste Schutz gegen Inflation. Jede Kreditinflation löste eine rasche Kettenreaktion aus: Die inländischen Preise stiegen, was Importe begünstigte und Exporte erschwerte. Die Handelsbilanz (oder Zahlungsbilanz) verschob sich zu Ungunsten des Landes mit Inflation. Das Gold begann ins Ausland abzufließen. Die Folge war eine Verknappung der auf dem Gold beruhenden Bankkredite. Die Inflation kam zum Stillstand.

Was spricht noch für den Goldstandard?

Solange die Länder den Goldstandard aufrechterhielten, genossen sie eine Reihe von Vorteilen. Manipulationen der heimischen Währung und alles, was über eine moderate Inflation hinausging, waren unmöglich. Da die Konvertibilität des Papiergelds in Gold jederzeit garantiert sein musste, musste das Vertrauen in die Währung nicht nur über das Jahr, sondern an jedem einzelnen Tag aufrechterhalten werden. Eine unsolide Geld- und Wirtschaftspolitik, ja bereits der Vorschlag destabilisierender Maßnahmen wirkten sich augenblicklich auf die Wechselkurse und das Verhältnis zum Gold aus. Das zwang die Regierungen, eine unvernünftige Politik rasch zu korrigieren oder aufzugeben.

Ein Goldstandard gilt heute allgemein als antiquarisch. Warum?

Die Währungshüter brüsten sich damit, den Goldstandard durch eine »verantwortungsbewusste Währungssteuerung« ersetzt zu haben. Aber es gibt keine historischen Belege dafür, dass es so etwas wie eine verantwortungsbewusste Währungssteuerung je gegeben hätte. Hier und da war eine vorübergehende »Stabilisierung« zu beobachten, aber derartige Phasen waren stets instabil und von geringer Dauer. Insgesamt blicken wir auf eine Geschichte von Hyperinflation, Abwertung und monetärem Chaos zurück.

Das klingt irgendwie nach fadenscheinigen Argumenten von Währungshütern und Regierungen…

Es drängt sich der Verdacht auf, dass viele Politiker und Experten, die das Ausmaß des Problems ahnen, einen Gedanken oder einen Wunsch hegen, den sie nicht auszusprechen wagen: Sie denken, dass eine fortgesetzte Inflation die reale Schuldenlast gemessen am Bruttosozialprodukt verringern wird … und das Problem auf diese Art auf ein »beherrschbares Ausmaß« verringert. Natürlich würden sie empört bestreiten, eine solche Politik zu verfolgen. Aber genau in diese Richtung führt unsere verantwortungslose Ausgabenpolitik. Leider hat dieser Taschenspielertrick eine ebenso lange wie schändliche Geschichte.

Regierungsvertreter würden Ihnen jetzt antworten, dass die Staatsschulden – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – jüngst nicht mehr gestiegen sind …

Diese Antwort lässt die Tatsache außer Acht, dass das Sozialprodukt (gemessen in Dollar) vor allem deshalb gewachsen ist, weil die Preise gestiegen sind, und dass die Preise infolge der Geldentwertung gestiegen sind, die teilweise auf eben jene Defizitfinanzierung zurückzuführen ist, die den Schuldenberg hat wachsen lassen. Diese Rechtfertigung läuft also auf darauf hinaus, dass die Staatsschulden nicht gestiegen sind …

Würden Sie bitte noch ein Fazit für uns ziehen?

Zusammenfassend können wir feststellen, dass die Inflation ein Anstieg der Geld- und Kreditmenge im Verhältnis zur Menge an Gütern ist. Die Inflation ist schädlich, weil sie den Wert der Währungseinheit verringert, die Lebenshaltungskosten erhöht, den Ärmsten (ohne Ausnahme) de facto eine ebenso hohe Steuer auferlegt wie den Reichen, den Wert der Ersparnisse auslöscht, den Menschen den Anreiz zum Sparen nimmt, Vermögen und Einkommen ungerecht umverteilt, die Spekulation anheizt und belohnt, während sie Sparsamkeit und Arbeit bestraft, das Vertrauen in die Gerechtigkeit der freien Marktwirtschaft untergräbt und die öffentliche und private Moral schwächt. Aber die Inflation ist nie »unvermeidlich«. Wir können sie immer über Nacht stoppen, wenn wir es nur wirklich wollen.

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Henry Hazlitt (1894 – 1993) war vertraut mit nahezu allen relevanten Denkern im Bereich der Wirtschaftswissenschaften und gilt als der populärste Intellektuelle und prinzipientreueste Vertreter der Österreichischen Tradition von Ludwig von Mises, Friedrich A. Hayek und Murray N. Rothbard – all jenen, die als die Vordenker ihrer Zeit angesehen werden. Hazlitt gilt als einer der brillantesten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und schrieb u.a. für so bedeutende Medien wie The Wall Street Journal, The New York Times, The American Mercury, Century, The Freeman, National Review und Newsweek. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Bücher sowie Artikel in anderen Werken. Sein umfassendes Wissen im Bereich Ökonomie und seine Begabung für die elegante “populäre” Darstellung mündeten in dem Buch “Economics in one Lesson”, das 1946 im Original in den USA erschienen ist und seither in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.