Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – Gegenpol zur Hauptstrom-Volkswirtschaftslehre

27.3.2017 – von Andreas Tiedtke.

Andreas Tiedtke

Der große österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) erkannte früh, dass die Anwendung einer falschen Ökonomie zu gesellschaftlichem Chaos führt:

„Es hängt von den Menschen ab, ob sie von dem Geistesgut, das sie in der Nationalökonomie besitzen, den zweckmäßigsten Gebrauch machen wollen, oder ob sie es unbeachtet und ungenutzt brachliegen lassen werden. Wenn sie aber darauf verzichten sollten, in ihrem Handeln den Ergebnissen des wissenschaftlichen Denkens Rechnung zu tragen, werden sie nicht die Nationalökonomie zertrümmern, sondern die Gesellschaft, die Kultur und das Menschentum.“

Ludwig von Mises, Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, 1940, S. 751.

Veranstaltung ausgebucht

Das diesjährige Seminar des Ludwig von Mises Instituts Deutschland stellte deshalb der „Hauptstrom-Volkswirtschaftslehre“ die besseren ökonomischen Theorien der Österreichischen Schule gegenüber. Das dritte Seminar des Instituts fand vom 17. bis 18. März 2017 in Kronberg i. T. statt. Wie in den Vorjahren war die Veranstaltung erneut bis auf den letzten Platz ausgebucht – mit 120 Teilnehmern aus vielen verschiedenen europäischen Ländern. Unter den Teilnehmern fanden sich sowohl Praktiker aus der Finanzbranche als auch Studenten und arrivierte Akademiker aus vielen Disziplinen.

Zu Beginn der Veranstaltung erklärte Vorstand Andreas Marquart, wieso sich die Österreichische Schule einer immer größeren Beliebtheit erfreue: Das Vertrauen der Bevölkerung und der Studenten in die Hauptstrom-Ökonomie sei erschüttert, besonders seit der Weltwirtschaftskrise 2008/2009. Die Hauptstrom-Lehre habe die Krise nicht kommen sehen und auch die Rezepte leuchteten nicht ein: Durch Gelddrucken, Niedrigzins und Subventionen könne kein Wirtschaftswachstum geschaffen werden, sondern es finde nur eine Umverteilung statt. Heute sei meistens die Aufgabe eines professionellen Ökonomen, staatliche Eingriffe in den Markt zu planen oder zu rechtfertigen. Die Ökonomie habe einen großen Einfluss auf die öffentlichen Meinung und die Politik. Deshalb sei es so wichtig, der Hauptstrom-Ökonomie die besseren Lehren entgegen zu setzen, die Ludwig von Mises und die anderen Ökonomen der Österreichischen Schule entwickelt hätten.

Die umfangreiche Agenda umfasste insgesamt 12 Vorlesungen. Die Referenten waren: Der Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland: Professor Dr. Thorsten Polleit, aus der Schweiz Professor Dr. David Dürr, aus Frankreich Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann, aus Spanien Professor Dr. Philipp Bagus und Dr. Eduard Braun von der Technischen Universität Clausthal.

Schutz privaten Eigentums – Gibt es „öffentliche Güter“?

Professor Dr. Philipp Bagus

Zu Beginn des Seminars standen private Eigentumsrechte und öffentliche Güter im Fokus. Philipp Bagus referierte über das Eigentum in der Wirtschaft und staatliche Eingriffe. Die Feinde der Freiheit hätten den Kampfbegriff des Marktversagens eingeführt, und ein beliebtes Beispiel der Etatisten für Marktversagen sei der Umweltschutz. Externe Kosten des privaten Produktionsprozesses würden der Umwelt aufgebürdet. Ein Beispiel: Die Fabrik lagere externe Kosten auf die Nachbarsfrau aus, deren im Garten aufgehängte Wäsche vom Qualm grau werde. Schuld hieran sei aber nicht Marktversagen, so Philip Bagus, sondern Staatsversagen: In einer ökonomisch sinnvollen Rechtsordnung könnte die Frau gegen die Fabrikbetreiber klagen, da ihr Eigentumsrecht durch den Qualm verletzt sei. Erst der Staat erlaube mit Regulierung und Umweltgesetzen solche Eingriffe in das Eigentum anderer und rechtfertige dies regelmäßig mit dem hohlen Begriff des Allgemeinwohls. Umweltverschmutzung stelle sich so als die Folge falscher Staatseingriffe und unzureichenden Schutzes privaten Eigentums dar.

Würden natürliche Ressourcen privatisiert und hätte jeder Eigentümer Abwehrrechte gegen Eingriffe, würde Umweltverschmutzung wirksamer bekämpft als heute. Ein prominentes Beispiel sei der Schutz von Elefanten in Afrika: Als Kenia den Elfenbeinhandel verboten habe, nahm der Bestand der Tiere rapide ab – trotz des Verbotes. In Zimbabwe hingegen, wo der Elfenbeinhandel legal blieb und Privateigentum an den Tieren möglich war, nahm der Bestand im gleichen Zeitraum zu. Die Eigentümer schützten die Tiere effektiver und hatten auch kein Interesse an einer Abnahme des Bestandes. Dort wo kein Privateigentum bestünde, ereigne sich die Tragik der Allmende: Der Rücksichtsloseste gewinnt am meisten und am Ende kommt es zur Zerstörung der natürlichen Ressource, wie dies auch Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom (1933 – 2012) festgestellt habe. Dabei müsse Privateigentümer der Natur natürlich nicht immer ein Unternehmen sein, sondern auch ein Verein, ein Verband oder eine Genossenschaft kämen in Frage.

Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann

Jörg Gudio Hülsmann entzauberte in seiner Vorlesung den Mythos der öffentlichen Güter. Nach John Maynard Keynes (1883 – 1946) tue der Staat die Dinge, die Private freiwillig nicht tun wollten. Dieses schwache Argument, mit denen das staatliche Bereitstellen von „öffentlichen Gütern“ legitimiert werden soll, entkräfte sich praktisch von selbst, denn wenn niemand diese Dinge getan haben möchte, also keine Nachfrage nach solchen öffentlichen Gütern bestünde, dann hätten diese Güter keinen demonstrierten Nutzen. Ähnlich sei das Argument Adam Smith (1723 – 1790): Der Staat sollte die Dinge produzieren, die Private nicht kostendeckend produzieren könnten. Auch hier gilt: Wenn freiwillig niemand die Mittel aufwenden möchte, ein bestimmtes Gut herzustellen, ist das Gut weniger dringlich als andere Güter, die freiwillig nachgefragt und produziert werden. Die Menschen möchten ihre knappen Mittel dann eben anders einsetzen.

Die moderne Theorie der öffentlichen Güter stamme von Paul Samuelson (1915 – 2009): Entscheidendes Kriterium sei danach die Nicht-Ausschließbarkeit: Ein öffentliches Gut sei ein solches, von dessen Nutzung andere nicht ausgeschlossen werden könnten. Dies sei aber niemals der Fall, so Hülsmann: Die Ausschließbarkeit sei keine physikalische, sondern eine wirtschaftliche Eigenschaft. „Ich schließe nur dann aus, wenn es sich wirklich lohnt.“ Privates Eigentum könne an allem bestehen: an Straßen (Maut), Energienetzen, Schulen und Universitäten, Versicherungen, sogar an Teilen des Meeres; dies gebe es heute schon in Form der Fischzucht. Im Ergebnis könnten alle öffentlichen Güter privat produziert werden, durch Individuen, Gruppen oder Firmen, und das sei historisch auch so gewesen: Zum Beispiel sei die Polizei Londons bis zum Ende des 18 Jahrhunderts privat gewesen, und es habe auch private Armeen gegeben. Der Staat, der sich in alles einmische, also so wie wir ihn heute kennen, sei eine relativ späte Erscheinung der Neuzeit. Und was ein öffentliches Gut sei, lege der Staat heute rein willkürlich fest.

Was bedeutet ein Negativzins, und sind die Finanzmärkte effizient?

Professor Dr. Thorsten Polleit

Thorsten Polleit legte in seinem ersten Vortrag dar, dass es nicht nur naturwissenschaftliche, sondern auch ökonomische Gesetzmäßigkeiten gibt, an die sich das menschliche Handeln anzupassen hat, wenn es seine Ziele erreichen will. Die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten erschließen sich auf praxeologischem Weg im Zuge der wissenschaftlichen Methode, die Ludwig von Mises für die Nationalökonomie vorgelegt hat: die Praxeologie. Ihr zufolge lässt sich die Nationalökonomie als a priori Handlungswissenschaft widerspruchsfrei verstehen. Sie stellt denknotwendige Kategorien bereit, die es erlauben, richtige von falschen ökonomischen Theorien zu unterscheiden.

In seinem zweiten Referat stellte Polleit die verschiedenen Zinstheorien dar: die Zinstheorie der Klassiker, die Keynesianische Zinstheorie und die Zeitpräferenztheorie des Zinses, wie sie vor allem von Ludwig von Mises ausgearbeitet wurde. Danach erklärt sich der Zins widerspruchsfrei aus der Zeitpräferenz: Gegenwartsgüter werden (denknotwendig) höher wertgeschätzt als Zukunftsgüter. Der Wertabschlag, den Zukunftsgüter gegenüber Gegenwartsgütern erleiden, ist der Urzins. Zeitpräferenz und Urzins können niemals verschwinden, können nicht auf null, geschweige denn darunter fallen. Ökonomische Theorien, die danach trachten, den Marktzins in den Negativbereich zu drücken, nannte Polleit zerstörerisch. Denn ein negativer Realzins führt dazu, dass – aufgrund des stets positiven Urzinses, den jeder Handelnde quasi in sich trägt – nicht mehr gespart und investiert wird, sondern nur noch konsumiert wird. Mit anderen Worten: Das Verschwinden des Urzinses wäre das Ende der arbeitsteiligen Marktwirtschaft.

Abschließend unterzog Polleit die moderne Finanzmarkttheorie einer kritischen Überprüfung. Er zeigte, dass die zwei tragenden Säulen dieser überaus einflussreichen Theorie – die Theorie der effizienten Märkte und die Theorie der rationalen Erwartungen – unter logischen Inkonsistenzen und Widersprüchen leiden. Folglich sind auch die Empfehlungen der modernen Finanzmarkttheorie mit großer Vorsicht zu genießen. Das gilt sowohl für Anleger als auch für die staatliche Regulierungspraxis. Polleit argumentierte zudem, dass die moderne Finanzmarkttheorie geradezu ahnungslos sei, wenn es gelte, volkswirtschaftliche Entwicklungen wie die Ausgabe von Fiat-Geld oder die Zinsmanipulationen der Zentralbanken bei der Erklärung von Finanzmarktpreisen zu berücksichtigen.

Ein Blick ins Auditorium

 

Widerspruch: Wirtschaftswachstum durch Ankurbeln der Wirtschaft oder durch Sparen?

Dr. Eduard Braun

Eduard Braun, Universität Clausthal-Zellerfeld, brachte in seiner Vorlesung Licht ins Dunkel des Hokuspokus um die Wirtschaftswachstumstheorien. Er deckte einen populären Widerspruch in der Argumentation Angela Merkels in Bezug auf die Weltwirtschaftskrise auf: In Deutschland sei es notwendig, die Nachfrage zu stärken, also mehr auszugeben, um die Wirtschaft „anzukurbeln“, hingegen müsse Griechenland sparen, also weniger ausgeben, damit es wieder zu Wirtschaftswachstum komme. Die herrschende Lehre unterscheide die kurze und die lange Frist. In der langen Frist sei Sparen die Voraussetzung für das Wachstum des Kapitalstocks. In der kurzen Frist könne es jedoch zu Unterauslastung kommen bei zu geringer Nachfrage. Doch was bedeutet Unterauslastung letztlich? Dass die Kunden die Produkte zu den angebotenen Preisen nicht erwerben möchten, ihre knappen Mittel also anders einsetzen wollten. Das „Ankurbeln“ der Wirtschaft führt also immer dazu, dass knappe Mittel nicht gemäß Kundenwunsch, sondern gemäß Politikerwunsch eingesetzt werden, um Produktionsstrukturen zu erhalten, die sich bei freiwilliger Nachfrage verändern müssten. Ein Wachstum könne so nicht erzeugt werden, sondern nur eine Umleitung der Mittel.

Die Österreichische Schule kenne keine Wachstumstheorie an sich, was schon eine logische Folge dessen sei, dass sich Wirtschaftswachstum nicht messen lasse, weil Nutzen immer subjektiv sei. Die Österreichische Schule könne jedoch die Voraussetzungen für Wachstum erklären: Vor allem müssten zwei Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum gegeben sein: Erstens privates Eigentum an den Produktionsmitteln, und zweitens müsse der Staat es unterlassen, in den Markt einzugreifen, und zwar weder durch Gelddrucken und Niedrigzinsen, was zu den verheerenden Boom- und Bustzyklen führte, noch durch Regulierung oder Subvention oder dergleichen.

Nicht der Markt, sondern der Staat schafft Monopole und Kartelle

Professor Dr. David Dürr

David Dürr beschäftigte sich in seinen Vorlesungen zum einen mit dem Eigentum als ökonomische und rechtliche Kategorie, zum anderen mit der Frage, wie der Staat Kartelle und Monopole möglich macht. Einleitend zeigte er die Sichtweise von Ludwig von Mises auf, der in seinem Buch Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus (1922) darauf hinwies, dass der Eigentumsbegriff der Nationalökonomie und der Rechtslehre verschieden sei: „Eigentümer ist, wer über ein wirtschaftliches Gut verfügt.“ Dürr arbeitete heraus, dass Monopole und Kartelle in der Regel nicht Marktphänomene sind, sondern vom Staat geschaffen werden: Durch die Privilegierung der Gewerkschaften komme es zum Beispiel zu Lohnkartellen. Der Staat schaffe Kartelle, Oligopole und Monopole zum Beispiel auch durch Berufszulassungsvorschriften (z. B. Rechtsanwälte), Lizenzen, Regulierung, die Pflichtversicherung in staatlichen Kranken- und Rentenkassen, Patente und Urheberrechte – und letztlich für sich selbst, indem er sich zum Monopolisten für eine Vielzahl von Sicherheits- und Justizdienstleistungen erkläre und sich das Recht der voraussetzungslosen Besteuerung gewähre. Staatliche Marktbeschränkungen führten dazu, dass Wettbewerber ausgeschlossen würden. Dadurch entscheide nicht der Bürger darüber, wer was zu welchen Kosten produziert, sondern letztlich der Staat.

Dürr, Titularprofessor für Rechtswissenschaft an der Universität Zürich, stellte im Rahmen seiner Ausführungen auch dar, was Rechtsnormen im Unterschied zu Anstandsnormen oder moralischen Normen bedeuteten: Nämlich dass letztlich jedes staatliche Ge- und Verbot mit Gewalt sanktioniert werde. Dies würde in der öffentlichen Debatte aber selten thematisiert. Widersetzt sich ein Bürger irgendeiner staatlichen Anordnung, so werde unmittelbarer Zwang angewendet; im schlimmsten Fall, wenn sich ein Bürger ernsthaft wehre gegen die Zwangsmaßnahme, würde auch von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Man kann also sagen, dass auf das Sich-Wehren letztlich die Todesstrafe steht.

Diskussionsrunde: Stopp falscher Wirtschaftspolitik und mehr Selbstbestimmung von unten nach oben

Im Anschluss an die Vorlesungen bestand die Möglichkeit, Fragen an die Referenten zu stellen. Eine beliebte Frage war, wie die Österreichische Schule in der Praxis Anwendung finden könnte. Hülsmann hatte daraufhin eine passende Empfehlung für die Politik: „Wenn man merkt, dass man im Loch sitzt, dann ist es zunächst einmal gut, wenn man aufhört zu graben.“ Da die Probleme durch den Staat verursacht würden, sei es notwendig, dass kleinere staatliche Strukturen entstünden. Der Trend zum Zentralismus und zum Interventionismus müsse umgekehrt werden: Dezentralisierung und freiwillige Kooperation statt Kommando von oben seien nötig. Kleinere Staaten wie die Schweiz oder Liechtenstein seien netter zu ihren Bürgern, wie die Erfahrung zeige. Kleinere Staaten könnten nicht autark sein, sondern müssten Handel treiben, was die internationale Arbeitsteilung verstärke und so Wohlstand und Frieden mehrte. Zudem stünden sie bei der Besteuerung im Wettbewerb und bei Freizügigkeit könnten die Bürger mit den Füßen abstimmen. Wenn man diesen Gedanken der Selbstbestimmung von unten nach oben prinzipiell akzeptiere, so Philipp Bagus, dann gebe es auch kein Halten mehr bei der Frage: wie klein?

Geselliges Beisammensein

Während der erholsamen Kaffeepausen zwischen den Vorlesungen bestand die Möglichkeit zur Diskussion mit den Referenten. Am Abend fand ein gemeinsames Essen im Gewölbekeller eines hessischen Traditionslokals statt, das bis in die späten Abendstunden dauerte und reichlich Gelegenheit für das Knüpfen von Freundschaften und den Gedankenaustausch bot.

Jahreskonferenz am 21.Oktober 2017: „Small is beautiful“

Am Schluss der Veranstaltung wies Andreas Marquart noch auf die anstehende Jahreskonferenz des Ludwig von Mises Instituts Deutschland hin, die am 21. Oktober 2017 im Hotel Bayerischer Hof in München stattfinde und die diesmal unter dem Motto stünde: „Small is beautiful – vom Vorteil kleiner politischer Einheiten.“ Die Anmeldung zur Konferenz wird in Kürze möglich sein.

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Dr. Andreas Tiedtke ist Rechtsanwalt und Unternehmer.