Erst Statistiken machen den Staat mächtig

13.5.2016 – von Murray N. Rothbard.

[Entnommen aus dem kürzlich erschienenen Buch „The Rothbard Reader“]

Murray N. Rothbard (1926 – 1995)

Unser Zeitalter ist eines von Statistiken. In einem Land und in einer Ära, in der statistische Daten als höchst „wissenschaftlich“ verehrt werden, als ob sie den Schlüssel zu aller Weisheit offenbaren würden, ergießt sich eine Flut von Daten aller Größe und Form über uns. Meist entstammt diese Flut staatlichen Institutionen. Während private Agenturen und Wirtschaftsverbände einige Statistiken zusammentragen und veröffentlichen, bleiben diese auf bestimmte Bedürfnisse der jeweiligen Branche begrenzt. Der Großteil an Statistiken wird durch staatliche Stellen zusammengetragen und verbreitet.

Die über allem stehende Wirtschaftsstatistik, das bekannte Bruttosozialprodukt, das es jedem Ökonomen erlaubt, Wahrsager über die wirtschaftliche Situation zu werden, stammt von staatlichen Institutionen. Darüber hinaus sind viele Statistiken Nebenprodukte von staatlichen Aktivitäten: von der Einkommenssteuerbehörde kommen Daten über die Steuer, von der Arbeitsagentur kommen Schätzungen zur Arbeitslosigkeit, vom Zollamt Daten zum Außenhandel, von der US-Notenbank entstammen Statistiken zum Bankensektor usw. Und sobald neue statistische Methoden entwickelt werden, werden neue Abteilungen bei staatlichen Stellen geschaffen, um diese Methoden anzupassen und zu verwenden.

Das Aufblühen staatlicher Statistiken offenbart eine Vielzahl von offensichtlichen Übeln für den Libertären. Zum ersten ist es selbstverständlich, dass zu viele Mittel in das Zusammentragen und die Produktion von Statistiken gelenkt werden. Unter den Bedingungen eines freien Marktes würde im Vergleich zu heute der Anteil an verwendeten Ressourcen von Arbeit, Land und Kapital, der für Statistiken aufgewendet würde, stark zusammenschrumpfen. Es wurde geschätzt, dass bundesstaatliche Regierungsstellen für sich genommen mehr als 48.000.000 $ für Statistiken ausgeben und dass die statistische Arbeit den Dienst von mehr als 10.000 staatlichen Zivilangestellten beansprucht.[1]

Die versteckten Kosten erzwungener Berichterstattung

Zweitens, der Großteil der Statistiken wird auf Grundlage von staatlichem Zwang zusammengetragen. Dies bedeutet nicht nur, dass sie Produkte von unerwünschten Aktivitäten sind, sondern auch, dass die wahren Kosten dieser Statistiken für die amerikanische Bevölkerung wesentlich höher sind als nur die reinen Steuerausgaben der staatlichen Behörden. Die Privatwirtschaft und die Konsumenten müssen die drückenden Kosten tragen, die mit der methodischen Notwendigkeit von Aufbewahrung, Archivierung usw. verbunden sind. Aber nicht nur das, diese Fixkosten stellen eine relativ große Hürde für kleine Firmen dar, die schlecht für diese Berge an Bürokratie gerüstet sind. Die so harmlos daher kommenden Statistiken behindern kleine Unternehmen und tragen dazu bei, das aktuelle, amerikanische Wirtschaftsgefüge zu verfestigen. Eine Arbeitsgruppe des Hoover-Ausschusses fand beispielsweise heraus:

Niemand weiß, wie viel es die amerikanische Industrie kostet, die staatlich verordneten Statistiken zu erstellen. Allein die chemische Industrie meldet, dass sie jedes Jahr mehr als 8.850.000 $ ausgibt, um die von drei Ministerien verlangten statistischen Berichte vorzulegen. Die Versorgungswirtschaft gibt mehr als 32.000.000 $ im Jahr für Berichte an staatliche Behörden aus …

Alle nussverarbeitenden Unternehmen müssen ihren Verbrauch an das Landwirtschaftsministerium melden. … Nach einer Intervention der Arbeitsgruppe stimmte das Landwirtschaftsministerium zu, dass fortan nur noch jene Unternehmen berichtspflichtig sind, die einen Verbrauch von mehr als 10.000 Pfund pro Jahr haben …

Nach Angaben der Arbeitsgruppe kann jede Industrie jeweils 800.000 $ bei der statistischen Berichterstattung sparen, wenn kleine Abänderungen bei zwei Berichten gemacht werden würden.

Viele Angestellte in der Privatwirtschaft sind mit dem Sammeln für staatliche Statistiken beschäftigt. Dies ist vor allem für kleine Firmen belastend. Der Eigentümer eines kleinen Eisenwarenhandels in Ohio schätzte, dass er 29 Prozent seiner Zeit damit verbrachte, solche Berichte zu erstellen. Nicht selten müssen Menschen, die mit staatlichen Institutionen zu tun haben, mehrere Reihen von Büchern vorhalten, um den unterschiedlichen und sich widersprechenden Bestimmungen von bundesstaatlichen Behörden zu entsprechen.[2]

Weitere Einwände

Aber es gibt andere wichtige, nicht so offensichtliche Gründe für den Libertären, sich über staatliche Statistik große Sorgen zu machen. Nicht nur gehen die Sammlung und Herstellung von Statistiken über die staatliche Aufgabe des Schutzes der körperlichen Unversehrtheit und der des Eigentums hinaus; auch werden ökonomische Ressourcen verschwendet und fehlinvestiert und der Steuerzahler, die Industrie, kleine Firmen und der Konsument werden belastet. Noch dazu sind Statistiken in einem entscheidenden Punkt wichtig für alle interventionistischen und sozialistischen Handlungen von staatlichen Institutionen. Der einzelne Konsument in seinem Alltag hat kaum Bedarf an Statistiken. Er entdeckt durch Werbung, den Austausch mit Freunden und durch seine eigenen Erfahrungen, was auf dem Markt um ihn herum abläuft. Dasselbe gilt für Unternehmen und Firmen. Der Geschäftsmann muss ebenfalls seinen jeweiligen Markt abschätzen, die Preise bestimmen, zu denen er kauft oder verkauft, sich mit Kostenrechnung beschäftigen, um seine Kosten zu schätzen, usw. Aber keine dieser Aktivitäten hängt wirklich vom Sammelsurium aus statistischen Fakten über die Wirtschaft ab, die von bundesstaatlichen Regierungsstellen aufgenommen werden. Der Geschäftsmann, genau wie die Konsumenten, weiß und lernt über seinen jeweiligen Markt aus seinen täglichen Erfahrungen.

Bürokraten, genau wie etatistische Reformer, befinden sich aber in einer vollkommen anderen Lage. Sie sind dezidiert außerhalb des Marktes. Daher müssen sie, um „in“ die Situation zu kommen, die sie planen und umgestalten wollen, auf etwas anderes als persönliche Alltagserfahrung zurückgreifen und die einzige Form, die solch ein Wissen annehmen kann, sind Statistiken[3]. Statistiken sind die Augen und Ohren von Bürokraten, Politikern und Sozialreformern. Nur durch Statistiken können sie wissen oder zu mindestens eine Idee davon bekommen, was in der Wirtschaft vor sich geht[4]. Nur mit Hilfe von Statistiken können sie herausfinden, wie viele alte Menschen an Rachitis leiden, wie viele junge Menschen Karies haben oder wie viele Eskimos kaputte Robbenfelle haben. Daher ist es nur durch Statistiken möglich, dass diese Interventionisten erkennen, wer was im Wirtschaftskreislauf „benötigt“ und wie viel bundesstaatliches Geld in welche Richtung gelenkt werden soll. Und ganz sicher nur durch Statistiken kann die Bundesregierung überhaupt den unbeständigen Versuch unternehmen, verschiedene Industriebereiche zu planen, zu regulieren, zu überwachen oder zu reformieren – oder dem gesamten Wirtschaftssystem eine zentrale Planung und Verstaatlichung aufzwingen.

Wenn die Regierung beispielsweise keine Statistiken über die Bahn erhalten würde, wie sollte sie überhaupt dazu in der Lage sein, Fahrpreise, Finanzierung und andere Angelegenheiten zu regulieren? Wie könnte die Regierung Preiskontrollen festsetzen, wenn sie nicht einmal wüsste, welche Güter zu welchen Preisen auf dem Markt verkauft worden sind? Um es zu wiederholen, Statistiken sind die Augen und Ohren der Interventionisten: dem intellektuellen Reformer, dem Politiker und dem staatlichen Bürokraten. Verschließt man diese Augen und Ohren, zerstört man diese wichtigen Einfassungen von Wissen, und die ganze Bedrohung der staatlichen Intervention ist fast vollständig beseitigt.[5]

Ohne Statistiken würde die Bürokratie verkümmern

Natürlich könnte die Regierung, würde sie allen statistischen Wissens über die Staatsangelegenheiten beraubt, weiterhin versuchen zu intervenieren, zu besteuern, zu bezuschussen, zu regulieren und zu kontrollieren. Sie könnte weiterhin versuchen, die Älteren zu bezuschussen, ohne auch nur die leiseste Idee zu haben, wie viele ältere Menschen es gibt und wo sie vorzufinden sind; sie könnte versuchen eine Industrie zu regulieren, ohne überhaupt zu wissen, wie viele Firmen es gibt oder jegliches anderes Grundwissen über diese Industrie zu besitzen; sie könnte versuchen den Konjunkturzyklus zu regulieren, ohne überhaupt zu wissen, ob die Preise oder die Wirtschaftstätigkeiten steigen oder sinken. Sie könnte es versuchen, sie würde aber nicht sehr weit kommen. Das vollkommene Chaos wäre selbst für den Beamtenapparat allzu offensichtlich, ganz zu schweigen von den Bürgern. Und dies ist im Besonderen wahr, wird doch als ein Hauptgrund für eine staatliche Intervention angeführt, dass sie den Markt „korrigiert“ und sie das wirtschaftliche Geschehen rationaler gestaltet.

Wenn die Regierung nun all ihres Wissens über die wirtschaftlichen Angelegenheiten beraubt wäre, wäre offensichtlich kein Vortäuschen über rationale, staatliche Interventionen mehr möglich. Das Fehlen von Statistiken würde mit unverzüglicher Bestimmtheit jeden Versuch von sozialistischer Planung zunichtemachen. Es ist beispielsweise schwer zu erkennen, was die Zentralplaner im Kreml machen könnten, um die Leben der sowjetischen Bürger zu planen, wenn sie aller Informationen, aller statistischen Daten, über ihre Bürger beraubt wären. Die Regierung wüsste noch nicht einmal, wem sie Befehle geben sollte, viel weniger noch, wie sie eine komplexe Wirtschaft planen sollte.

Von dem Bündel an Maßnahmenvorschlägen, die in den letzten Jahren gemacht wurden, um die staatlichen Stellen zu kontrollieren und zu beschränken oder ihre Interventionen wiederaufzuheben, würde die einfache und unspektakuläre Abschaffung von staatlichen Statistiken wahrscheinlich die gründlichste und effektivste sein. So wichtig Statistiken für die Planwirtschaft auch sind – im Englischen sogar Namensgebend [statism] –, sind sie gleichzeitig auch die Achillesferse des Staates.

[1] Vgl. Neil Macneil and Harold W. Metz, The Hoover Report, 1953–1955 (New York: Macmillan, 1956), S. 90–91; Commission on Organization of the Executive Branch of the Government, Task Force Report on Paperwork Management (Washington, DC: June 1955); sowie ebd., Report on Budgeting and Accounting (Washington, DC: February 1949).

[2] Macneil and Metz, The Hoover Report, S. 90–91.

[3] Über die Defizite von statistischem gegenüber persönlichem Wissen, das durch die Mitwirkung aller auf dem Markt generiert wird, siehe die aufschlussreiche Diskussion in F.A. Hayek, Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft (1945), in: Gesammelte Schriften in deutscher Sprache Abt. A Band 1: Wirtschaftstheorie und Wissen. Aufsätze zur Erkenntnis- und Wissenschaftslehre (Mohr Siebeck) [Englische Originalversion hier abrufbar; Anm. d. Ü.]. Sowie Geoffrey Dobbs, On Planning the Earth (Liverpool: K.R.P. Pubs., 1951), S. 77–86.

[4] Schon 1863 hat Samuel B. Ruggles, ein amerikanischer Delegierter auf dem Internationalen Statistikkongress in Berlin gesagt: „Statistiken sind die Augen des Staatsmannes, die es ihm mit klarer Weitsicht ermöglichen, die Gesamt- und Wirtschaftsstruktur eines Staatswesens zu vermessen und zu durchsuchen.“ Über die Verbindung von Statistik – und Statistikern – und staatlichen Institutionen siehe auch Murray N. Rothbard, “The Politics of Political Economists: Comment,” Quarterly Journal of Economics (November 1960): 659–65 [Online hier abrufbar; Anm d. Ü.]. Sowie Dobbs, On Planning the Earth.

[5] Macneil und Metz, Reports on Budgeting und Accounting, S. 91 -92:
Staatliche Politik hängt von dem detaillierten Wissen über die nationale Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft ab. Die Ausfertigung von Gesetzen und der administrative Prozess … Überwachung … Regulierung … und Kontrolle … müssen von einem breiten Wissen über die relevanten Fakten gelenkt sein. Statistische Daten sind heutzutage, wie niemals zuvor, von entscheidender Bedeutung bei der Überwachung von staatlichen Aktivitäten. Verwalter planen nicht nur unter Berücksichtigung der bekannten Fakten aus ihrem Fachbereich, sondern benötigen darüber hinaus auch Rückmeldungen über den tatsächlich erzielten Fortschritt bei der Umsetzung ihrer Ziele.

Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker.

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Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

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