„Freiwillige Kooperation ist die bessere ökonomische Option“

27.4.2016 – Interview mit Stefan Blankertz über Staat, Freiheit und „Kapitalixmus“.

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Roland Baader schrieb einmal „Warum braucht man Mut, um für die Freiheit einzutreten? Weil man in einem weitgehend verständnislosen und desinteressierten Umfeld systematisch vereinsamt – und manchmal sogar seine Freunde verliert.“. Sie treten seit Jahren für die Freiheit ein, können Sie Baaders Befürchtung bestätigen?

Stefan Blankertz

Ja, ich kann die Erfahrung von Roland Baader bestätigen. Ich bin seit 1970 Anarchist und seit 1980 Anarchokapitalist. Den ersten Aufsatz über Anarchismus, den ich 1971 für eine Schülerzeitung schrieb, habe ich letztens wiedergefunden und erstaunt festgestellt, dass ich den Anarchismus schon damals als eine radikale Form von Wirtschaftsliberalismus bezeichnet habe. Das war bestimmt nicht im Sinne des Zeitgeistes. Was mir den Mut gegeben hat, an meinen freiheitlichen Ideen festzuhalten, war die vorgelebte Toleranz durch meinen Vater, ein überzeugter Sozialdemokrat übrigens. Der Direktor des Gymnasiums, das ich besuchte, meinte, ihn mit einem Brief über die anarchistischen Umtriebe von mir informieren zu müssen. Mein Vater schrieb zurück, dass er über meine politische Position genau informiert sei, sie nicht teile, aber alles dafür täte, damit ich sie frei äußern dürfe. Dieser Brief hat in der Schule viel Aufregung unter den Lehrern hervorgerufen. Ohne eine solche Unterstützung hätte ich vermutlich dem Druck der Umgebung nicht standgehalten.

1970? Da waren Sie doch gerade mal 14 Jahre alt. Wer oder was hatte Sie inspiriert?

Ein Artikel im “Spiegel”. Er ging auf die anarchistischen Quellen der antiautoritären Studentenbewegung ein. Vor ein paar Monaten habe ich im Online-Archiv des Spiegels recherchiert und den Artikel sogar wiedergefunden. Der Artikel war sehr negativ, aber ich fing sofort Feuer: Die Vorstellung, dass Menschen ihre Angelegenheiten untereinander regeln und keine Zwangsinstanz brauchen, hat mich überzeugt. Leider haben die meisten Anarchisten damals mangels einer fundierten ökonomischen Theorie im klassischen Anarchismus auf den Marxismus zurückgegriffen. Das hat mich von Anfang an nicht überzeugt, aber es blieb eine Leerstelle in der Theorie. Als ich 1980 Murray Rothbard entdeckte, war mir klar, dass er bzw. die Austrians diese Leerstelle füllen und zeigen, dass die freiwillige Kooperation auch die bessere ökonomische Option sei. Anfangs kam mir es schwer über die Lippen, die freiwillige Kooperation “Kapitalismus” zu nennen. Na ja, ich hatte inzwischen viel Zeit, es zu üben …

Das Wort „Kapitalismus“ kommt den meisten schwer über die Lippen und bei den allermeisten dürfte der Begriff auch für negative Assoziationen sorgen. Wo liegen die Ursachen hierfür?

Der Kapitalismus ist ein Stricher und verkauft sich an jeden. Das hat sein Gutes. Ob es Lenins Neue Ökonomische Politik, ob es die “drei kleinen Freiheiten” nach Maos großem Sprung in den Hunger waren, ob es irgendein faschistischer Diktator in Asien oder Lateinamerika ist, sobald der wirtschaftlichen Freiheit auch nur einen Spalt weit die Tür geöffnet wird, wirkt sie sich segensreich und wohlstandsfördernd aus. Die Kehrseite: Nachteilige Entwicklungen werden dann gern dem Kapitalismus angelastet, obwohl sie meist nicht auf die wirtschaftliche Freiheit, sondern auf die verzerrenden Eingriffe durch die Staatsgewalt zurückzuführen sind. Das passt denen, die von den staatlichen Eingriffen profitieren, sehr gut ins Konzept. Die alte Leier: Wenn der Bäcker aufgrund der Inflation die Brötchen teuer verkauft, wirft das Volk Steine auf den Bäcker, nicht auf diejenigen, die die Inflation machen, die das Geld »vermehren«.

In Ihrem Buch „mit Marx gegen Marx“ verwenden Sie den Begriff „Kapitalixmus“. Das müssen Sie erklären…

Mit dem Wortspiel habe ich Marx in den Kapitalismus eingeschmuggelt. Marx hat schon ein gutes halbes Jahrhundert vor Ludwig von Mises analysiert, dass das, was “Kapitalismus” genannt wurde (und von den meisten auch heute noch genannt wird), eine Mischung aus freiem Markt und staatlichen Interventionen darstellt. Das hieß für ihn: Die Voraussetzung der klassischen liberalen Ökonomen, dass es einen freien Markt gebe, ist so falsch wie die Voraussetzung der Sozialphilosophen, dass dem bürgerlichen Staat ein Gesellschaftsvertrag zugrunde liegt. Was das für die ökonomische und politische Theorie heißt, damit hat Marx gerungen, ohne zu einem letztendlich (auch für ihn) befriedigenden Ergebnis zu kommen. Aber die Behauptung der Marxisten, Marx habe gezeigt, der Kapitalismus würde zwingend den Staat hervorbringen und zusammenbrechen, ist eine Verzerrung, die sowohl Sozialdemokraten als auch Leninisten vorgenommen haben, um ihre jeweiligen etatistischen Konzeptionen auf Marx zurückführen zu können. So will das Wort »Kapitalixmus« eine Mahnung an die Verfechter des Kapitalismus sein, nicht zu vergessen, in welch tiefgreifender Weise der Kapitalismus vom Staat überformt ist, und an die Marxisten, zu realisieren, dass Marx nicht primär gegen den Kapitalismus, sondern gegen den Etatismus geschrieben hat.

Mit dieser „Verzerrung“, wie Sie es nennen, ist es der herrschenden Klasse quasi gelungen, sich die Opposition in Form der Massen vom Hals zu halten …

Genau. Wir sehend das ja gerade wieder in der Tragödie von Venezuela. Obwohl inzwischen ein Teil der Bevölkerung begriffen hat, dass die zunehmende Mangelwirtschaft etwas mit dem Staatssozialismus von Hugo Chávez und seinem Nachfolger zu tun hat, richtet sich doch immer noch viel Volkszorn gegen die profitgeilen Geschäfte, die entweder »zu teuer« verkaufen oder gar nichts im Regal haben. Und dann wird oft unterstellt, die Kapitalisten würden Waren aufhäufen und zurückhalten. Es hat mir nie eingeleuchtet, wie man mit Nichtverkaufen von etwas Profit machen kann. Doch selbst wenn es Zurückhaltung gibt, begreifen die wenigsten, dass das die zukünftige Versorgung, wenn die Not noch größer wird, sicherstellt. Alles Vorhandene staatlich zu beschlagnahmen und zu verteilen, führt zu einer momentanen Entlastung und zu mehr Schwierigkeiten in der Zukunft, jedenfalls wenn nicht effektiv produziert wird. Mengistu Haile Mariam in Äthiopien und Robert Mugabe in Simbabwe haben das ja vorexerziert. In der Verteidigung des Kapitalismus und damit des Wohlstands ist es also vordringlich, gerade die Armen und Schwachen zu gewinnen, indem wir ihnen klarmachen, wer in Wirklichkeit sie arm macht und ihre Schwäche ausnutzt. Ohne sie als Hauptzielgruppe hat die Freiheit keine Chance.

Das wird sicher ein schwieriges Unterfangen. Man müsste ja die Leute auffordern, „in die Hand zu beißen, die sie füttert“, schließlich sind immer mehr abhängig vom Staat. Würde uns dabei vielleicht einer vom Schlage eines „Ron Paul“ helfen können?

»In die Hand beißen, die sie füttert«, das gilt ja für alle Teile der Bevölkerung. Oder kennen Sie einen Unternehmer oder Selbständigen, der nicht wenigstens indirekt irgendwie vom Staat zu profitieren meint oder staatliche Leistungen wie beispielsweise Infrastruktur in Anspruch nimmt? Diese Situation nenne ich »Spätetatismus«. Jeder meint, vom Staat abhängig zu sein. Die letzten, für die das anders aussah, waren die Anarchisten in den ländlichen Gegenden von Russland und Spanien Anfang des 20. Jahrhunderts, die dachten, wenn sie das Rathaus in die Luft jagen, sind sie den Staat los, der nicht, aber auch gar nichts für sie tut, außer ihnen die Steuern abzuknöpfen. Genau darum wird der Staat immer stärker: Um jeden Wunsch nach Widerstand abzuwehren, tritt er immer mehr Gruppen der Bevölkerung als angeblicher Wohltäter gegenüber. Dass er damit ihnen auch die Freiheit nimmt, Krisen produziert und das ganze Leben bis ins kleinste Detail bestimmt, merken sie erst viel zu spät. Da hilft leider auch kein Ron Paul. Denn er zeichnet ein zu simples Bild vom Staat, bezieht genau den Mechanismus nicht in die Analyse ein, mit dem der Widerstand gebrochen wird. Und dann strebt er das höchste Amt genau in dem Leviathan an, den er zu besiegen vorgibt. Das ist unglaubwürdig. Es muss uns was Besseres einfallen.

Was schlagen Sie vor?

Die Frage habe ich befürchtet, aber sie drängt sich wohl auf. Es gibt zwei wesentliche Ansatzpunkte, so wie ich es sehe. Zum einen halte ich die Verachtung des Intellektuellen, die in der libertären Szene verbreitet ist, für sehr gefährlich. Die Verfechter staatlicher »Lösungen« für alles und jedes haben heute die intellektuelle Deutungshoheit erlangt, sie stellen sich als für denkende und vernünftige Menschen »alternativlos« dar. Das war nicht immer so. Sowohl auf der linken wie der rechten Seite der Kritik am System hat es auch starke anti-etatistische Strömungen von großer intellektueller, wissenschaftlicher und philosophischer Tiefe gegeben. Hier gilt es, Terrain zurückzugewinnen. Und dazu sind die Voraussetzungen eigentlich gut, denn der Etatismus hat sich intellektuell derart verflacht, dass er banal und unattraktiv ist. Er setzt sich nur noch mit “political correctness” durch, nicht mehr durch intellektuelle Anziehungskraft. Aber natürlich reicht es nicht, dagegen eine genauso primitive “polical incorrectness” zu setzen und oft genug “Genderwahn!” oder »Neger!« zu rufen, auf den Shitstorm zu warten und sich dann in seinem Opfer-Dasein bestätigt zu fühlen. Also, “für einen neuen Typus von Intellektuellen”, um Ayn Rand zu zitieren, das ist die eine Seite. Die andere, praktische Seite stellt für mich dar, außerstaatliche Betätigungs- und Beziehungsfelder zu entwickeln. Die Untergrundökonomie zu stärken und sie dann auch politisch und intellektuell als das Richtige und Gerechte zu verteidigen. Staatsunabhängige Schule zu gründen. Die privaten Wachdienste zu stärken. Nichtstaatliche Mediatoren gegenüber Gerichten zu bevorzugen. Alles das, was Samuel Edward Konkin III “Agorismus” genannt hat.

Der Kreis der Libertären in Deutschland und Europa ist … sagen wir mal so, „überschaubar“. Macht „Agorismus“ nicht auch wieder einsam, also genau das Problem, das viele Libertäre haben und wir eingangs besprochen haben?

Eigentlich sollte “Agorismus” dazu gut sein, viele Kontakte zu knüpfen, auch mit Personen, die nicht so viel mit politischen Programme oder ökonomischen Theorien am Hut haben. Aber natürlich haben Sie recht: In einer Umgebung, die jeder privaten Initiative feindlich gesonnen ist, muss private Initiative im Verborgenen stattfinden. Darum lege ich ja auch so großen Wert darauf, auch die intellektuelle und moralische Deutungshoheit der Etatisten zu brechen. Nichts ist wichtiger als das.

Vielen Dank, Herr Blankertz.

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Das Interview wurde im April 2016 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Stefan Blankertz, 1956, Wortmetz, Lyrik und Politik für Toleranz und gegen Gewalt. Rothbardero seit 1980. www.stefanblankertz.de

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto Stefan Blankertz: fotografa/Marten 2015

Foto Stefan Blankertz (Startseite): youtube/sonsoflibertas

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