Geldmengenausweitung – ein Weg der versteckten Besteuerung

25.3.2016 – von Murray N. Rothbard.

[Entnommen aus dem kürzlich erschienenen Buch „The Rothbard Reader“]

Murray N. Rothbard (1926 - 1995)

Geld ist ein entscheidender Dreh- und Angelpunkt in jeder Wirtschaft und daher auch in jeder Gesellschaft. Die Gesellschaft beruht auf einem Netzwerk von freiwilligen Tauschhandlungen, besser bekannt als „freie Marktwirtschaft“. Diese Handlungen setzen eine Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft voraus, die es den Produzenten von Eiern, Nägeln, Pferden, Hölzern und Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit und Konzerten ermöglicht, ihre Güter miteinander auszutauschen. Jeder Teilnehmer profitiert dabei unermesslich, denn wäre jeder gezwungenermaßen auf sich alleine gestellt, würden die wenigen Überlebenden auf einen armseligen Lebensstandard zurückfallen.

Direkter Tausch von Gütern und Dienstleistungen ist hoffnungslos unproduktiv, jenseits des primitivsten Niveaus. Tatsächlich hat jeder „primitive“ Volksstamm früher oder später die enormen Vorzüge erkannt, die mit der Entdeckung eines bestimmten marktfähigen Rohstoffes, der allgemein nachgefragt wird, und seiner Verwendung als „Medium“ des „indirekten“ Tausches einhergehen. Falls ein bestimmter, weitverbreiteter Rohstoff als Tauschmittel in einer Gesellschaft dient, dann wird dieser allgemein als „Geld“ bezeichnet.

Der Geldrohstoff wird zu einer Bedingung in jeder einzelnen der zahllosen Tauschhandlungen innerhalb der Marktwirtschaft. Ich verkaufe meine Dienstleistung als Lehrer für Geld, verwende dieses Geld für Lebensmittel, Schreibmaschinen oder Reisen und die Produzenten dieser Güter verwenden dieses Geld wiederum, um ihre Arbeiter, ihre Ausstattung und Inventar sowie ihre Miete zu bezahlen. Daraus resultiert die immerwährende Versuchung für eine oder mehrere Gruppierungen, die Kontrolle über die vitale Geldangebotsfunktion an sich zu reißen.

Viele nützliche Güter wurden in menschlichen Gesellschaften als Geld gewählt. Salz in Afrika, Zucker in der Karibik, Fische im kolonialen Neuengland, Tabak in der kolonialen Chesapeake Bay Region, Kaurimuscheln, Eisenhacken und viele andere Güter wurden als Geld benutzt. Diese Gelder dienen nicht nur als Tauschmittel, sondern ermöglichen den Individuen und Unternehmen auch die für jede fortgeschrittene Wirtschaft notwendige Wirtschaftsrechnung. Gelder werden in Währungseinheiten, fast immer sind das Gewichtseinheiten, gehandelt und verrechnet. Tabak zum Beispiel wurde in Pfund verrechnet, Preise von anderen Gütern und Dienstleistungen können daher in Tabakpfund ausgedrückt werden; ein bestimmtes Pferd könnte 80 Tabakpfund am Markt einbringen. Eine Firma kann dann ihren Gewinn oder Verlust der letzten Monate kalkulieren; sie könnte feststellen, dass ihr Einkommen im letzten Monat 1.000 Pfund und ihre Ausgaben 800 Pfund betragen haben und darum ein Gewinn von 200 Pfund erzielt wurde.

Geld oder Papier

Im Laufe der Geschichte konnten sich zwei Rohstoffe gegenüber allen anderen Gütern durchsetzen und wurden vom Markt als Geld bestimmt – zwei Edelmetalle: Gold und Silber (Kupfer kam dann hinzu, wenn eines der zwei Edelmetalle nicht verfügbar war). Gold und Silber strotzen geradezu vor „geldfähigen“ Qualitäten, welche sie gegenüber allen anderen Rohstoffen überlegen machen. Sie sind so selten, dass ihr Wert stabil bleibt und sie weisen einen hohen Wert pro Gewichtseinheit auf, weshalb Gold- und Silberstücke leicht zu transportieren und auch in tagtäglichen Transaktionen einfach zu verwenden sind. Aufgrund ihrer Seltenheit ist die Wahrscheinlichkeit plötzlicher Entdeckungen und daraus resultierender Angebotszuwächse gering. Sie sind beständig, halten daher nahezu ewig und sind deshalb eine sichere Wertanlage für die Zukunft. Darüber hinaus sind Gold und Silber teilbar, weshalb man sie ohne Wertverluste in kleine Stücke aufteilen kann. Anders als beispielsweise Diamanten sind sie homogen, sodass eine Unze Gold denselben Wert hat wie jede andere auch.

Der universelle und historische Gebrauch von Gold und Silber als Gelder wurde vom ersten bedeutenden Geldtheoretiker, dem angesehenen französischen Scholastiker Jean Buridan, im 14. Jahrhundert auf den Punkt gebracht und in sämtlichen nachfolgenden Diskussionen über Geld, sowie in Lehrbüchern über das Geld- und Bankwesen nie außer Acht gelassen, bis schließlich die westlichen Staaten den Goldstandard in den frühen 1930er Jahren aufgaben. Franklin D. Roosevelt war wesentlich daran beteiligt, als 1933 der Goldstandard in den Vereinigten Staaten abgeschafft wurde.

Keinem Aspekt der freien Marktwirtschaft ist so viel Hohn und Spott von Seiten der „modernen“ Ökonomen, seien es staatsgläubige Keynesianer oder scheinbar marktgläubige Chicagoer, widerfahren wie Gold. Vor nicht allzu langer Zeit wurde Gold noch als grundlegendes Fundament eines jeden soliden Geldsystems gepriesen, aber heute wird es regelmäßig als „Fetisch“, oder im Fall von Keynes als „barbarisches Relikt“, diffamiert. Nun gut, Gold ist tatsächlich ein „Relikt“ des Barbarismus in einem bestimmten Sinne: Kein Barbar hätte jemals sein Salz gegen einen Fetzen Papier oder einen Bankkredit, also etwas, was wir modernen Besserwisser überzeugt als Geld bezeichnen, eingetauscht.

Jedoch sind „Gold Bugs“ keine Fetischisten und entsprechen auch nicht dem Vorurteil von Geizhälsen, die mit unheilvollem Grinsen ihre vielen Goldmünzen durch ihre Finger gleiten lassen. Gold ist großartig, weil es das einzige Geld ist, das am freien Markt von den Leuten angeboten und nachgefragt wird. Die schwerwiegende Entscheidung ist also: Gold (oder Silber) oder Staat. Gold ist Marktgeld, ein Rohstoff der erst angeboten werden kann, nachdem er aus der Erde geholt und weiterverarbeitet wurde. Im Gegensatz dazu schöpft der Staat gewissermaßen kostenfrei Papiergeld oder Bankschecks aus dem Nichts.

Wir wissen bereits, dass sämtliche Staatseingriffe verschwenderisch und ineffizient sind und den Bürokraten mehr helfen als den Konsumenten. Würden wir lieber Schuhe kaufen, die von im Wettbewerb stehenden privaten Firmen produziert wurden oder von einem einzigen gigantischen Staatsbetrieb? Auch die Funktion der Geldproduktion kann von der Regierung nicht besser bewerkstelligt werden. Hinzu kommt aber, dass die Situation beim Geld noch viel schlimmer ist als bei Schuhen oder jedem anderen Gut. Falls der Staat Schuhe produziert, würden diese wenigstens getragen werden, auch wenn sie teurer und unbequemer wären und die Konsumentenbedürfnisse nicht wirklich befriedigen würden.

Geld aber ist anders als alle anderen Güter. Ceteris paribus profitiert die Gesellschaft von mehr Schuhen, Kupfer oder Ölfunden, da dadurch die natürliche Knappheit verringert wird. Sobald sich aber ein Gut als Geld etabliert hat, benötigt man deswegen nicht mehr von diesem Geld. Da man Geld nur zum Tauschen und Rechnen benutzt, lassen neu zirkulierende Dollar, Pfund oder Mark die Wohlfahrt nicht ansteigen, sondern sie werden lediglich die Kaufkraft jedes bereits existierenden Dollar, Pfund oder Mark vermindern. Es ist also ein wahrer Segen, dass Gold und Silber knapp sind und es sehr kostspielig ist, ihr Angebot zu vergrößern.

Falls es dem Staat aber gelingt, Papierscheine oder Bankkredite als Äquivalente zu Goldgramm oder -unzen durchzusetzen, steht es ihm dann als vorherrschendem Geldproduzenten frei, Geld fast gratis und daher nach seinem Willen zu erzeugen. Diese „Inflationierung“ des Geldangebots zerstört den Wert des Dollar oder Pfund, führt zu Preiserhöhungen, beeinträchtigt die betriebswirtschaftliche Kalkulation und beschädigt die Arbeitsweise der Marktwirtschaft schwer.

Sobald der Staat das Geld kontrolliert, tendiert er dazu, die Geldmenge zu inflationieren und damit den Geldwert zu zerstören. Um diese Wahrheit erkennen zu können, müssen wir zuerst das Wesen des Staates sowie der Geldschöpfung beleuchten. Zeit ihrer Geschichte sind Staaten chronisch unterfinanziert. Der Grund dafür sollte jedem klar sein: Staaten produzieren keine nützlichen Güter oder Dienstleistungen, die sie auf dem Markt verkaufen könnten. Anstatt Güter und Dienstleistungen zu produzieren, liegen die Staaten lieber dem Markt und der Gesellschaft auf der Tasche. Im Gegensatz zu jeder anderen Person und Institution der Gesellschaft erlangen Staaten ihre Einnahmen durch Ausübung von Zwang bzw. Besteuerung. In früheren und vernünftigeren Zeiten war der König tatsächlich in der Lage, genug Einnahmen aus seinen privaten Ländereien und Wäldern sowie aus Wegzöllen zu lukrieren. Dem Staat gelang es erst nach jahrhundertelangen Anstrengungen, eine reguläre Besteuerung in Friedenszeiten zu etablieren und selbst danach erkannten die Könige, dass es nicht gerade einfach war, höhere Steuersätze oder gänzlich neue Steuern einzuführen, da sie dadurch jederzeit eine Revolution riskierten.

Die Kontrolle über das Geldangebot

Wenn die Steuern also permanent nicht ausreichen, um die vom Staat ersehnten Ausgaben finanzieren zu können, stellt sich die Frage, wie man die Differenz aufbringen kann? Indem man die Kontrolle über die Geldproduktion an sich reißt oder in anderen Worten: Geldfälscherei. In einer Marktwirtschaft kann man gutes Geld nur erwerben, indem man Produkte oder Dienstleistungen gegen Gold verkauft oder man bekommt etwas geschenkt. Die einzige Alternative dazu besteht darin, Gold unter kostspieligen Umständen selbst aus der Erde zu befördern. Der Geldfälscher wiederum ist ein Dieb, der versucht von seinen Nachahmungen zu profitieren, indem er zum Beispiel ein Stück Messing golden anmalt. Falls die Fälschung sofort auffliegt, entsteht dadurch kein echter Schaden, ansonsten aber haut er nicht nur den Produzenten, dessen Produkte er kauft, übers Ohr. Indem es dem Geldfälscher gelingt, sein Falschgeld in Umlauf zu bringen, bestiehlt er alle, da er jeder Person ein wenig Kaufkraft raubt. Durch die Verringerung des Werts eines jeden echten Dollar begeht der Geldfälscher ein schlimmeres und wahrlich subversiveres Verbrechen als ein Wegelagerer. Ersterer bestiehlt nämlich die gesamte Gesellschaft und der Diebstahl geschieht im Verborgenen, was den Kausalzusammenhang verdeckt.

Kürzlich konnte man folgende schreckliche Schlagzeile lesen: „Die Iranische Regierung versucht, die US-Wirtschaft mit $ 100 Blüten zu zerstören.“ Ob die Ayatollahs wirklich so hoch gesteckte Ziele verfolgen, sei dahingestellt. Geldfälscher benötigen nicht wirklich einen guten Grund, um sich Ressourcen durch Gelddrucken unter den Nagel zu reißen. Jedoch wirkt jede Form der Geldfälschung subversiv, destruktiv und inflationär.

Was aber, wenn der Staat die Kontrolle über die Geldproduktion übernimmt, Gold als Geld abschafft und stattdessen seine gedruckten Papierzettel als einzig gültiges Zahlungsmittel deklariert? Oder anders gefragt, was, wenn der Staat damit beginnt, ein legales Geldfälschungsmonopol zu betreiben?

Nicht nur ist die Geldfälschung für jeden ersichtlich, aber anstatt den größten Geldfälscher, in den Vereinigten Staaten das Federal Reserve System, als massiven Dieb und Schädling zu entlarven, wird er gefeiert und umjubelt als kluger Manipulator und Steuermann der „Makroökonomie“, als die Institution, die uns vor Rezession und Inflation beschützt und auf die man sich verlässt, wenn es darum geht, die Zinssätze, Kapitalmarktpreise und Arbeitslosenquote festzusetzen. Anstatt den Vorsitzenden des Federal Reserve Boards, sei es der tatkräftige Paul Volcker oder der eulenhafte Alan Greenspan, permanent mit faulen Eiern und Tomaten zu bewerfen, wird dieser als unverzichtbar für das Wirtschafts- und Finanzsystem gepriesen.

Tatsächlich kann man die Mysterien, die das moderne Geld- und Bankwesen umgeben, am besten verstehen, wenn man realisiert, dass sich der Staat und die Zentralbank wie Geldfälscher im großen Stil aufführen, was sehr ähnliche soziale und wirtschaftliche Konsequenzen mit sich bringt. Vor vielen Jahren, als die Cartoons im New Yorker Magazin noch lustig waren, wurde eine Karikatur einer Gruppe von Geldfälschern veröffentlicht, die gespannt auf ihre Druckerpresse starrten und während der erste gefälschte $ 10 Schein daher rollt, sagt einer von ihnen: “Junge, ich hoffe der Einzelhandel ist bereit für eine kräftige Finanzspritze.”

Und er war es. Sobald die Geldfälscher neue Blüten drucken, steigen die Ausgaben für alles, was sie begehren, an: persönliche Handelswaren für sich selbst, sowie Darlehen oder ganz allgemein die „Wohlfahrt“ im Falle des Staates. Der daraus resultierende „Wohlstand“ ist jedoch ein trügerischer. Alles was passiert ist, dass mehr Geld auf die bereits existierende Gütermenge trifft und dadurch deren Preise ansteigen. Des Weiteren ersteigern die Geldfälscher und diejenigen, die als erstes ihre Blüten erhalten, Ressourcen, welche ansonsten die armen Trottel nachgefragt hätten, die das Falschgeld erst später oder gar nicht erhalten.

Das neu unter die Leute gebrachte Geld erzeugt unausweichliche Folgewirkungen. Die frühen Empfänger des Geldes geben mehr aus und erhöhen dadurch die Preise, während spätere Empfänger oder Leute mit festem Einkommen diese unverantwortlich höheren Preise bezahlen müssen, während sich ihr eigenes Einkommen weniger schnell erhöht oder gar stagniert. Monetäre Inflation führt also nicht nur zu steigenden Preisen und zur Zerstörung des Geldwertes, sondern fungiert auch als ein gigantisches System zur Zwangsenteignung – weg von den späteren Empfängern und hin zu den früheren Empfängern bzw. Geldfälschern. Monetäre Expansion ist also ein massives Umverteilungsprogramm.

Wenn sich der Staat als Geldfälscher betätigt, kann man diesen Prozess sehr leicht beobachten, obwohl der Staat behauptet, er fungiere als monetärer Steuermann im öffentlichen Interesse. Die monetäre Expansion verkommt dabei zu einem gigantischen Programm der versteckten Besteuerung. Diese Steuer wird getragen von Gruppierungen mit fixem Einkommen, Gruppierungen fernab von Staatsausgaben und Subventionen und fleißigen Sparern, die naiv genug sind, um Geld zu halten und auf den gleichbleibenden Wert dieses Geldes vertrauen.

Ausgaben und Verschuldung werden gefördert, Fleiß und harte Arbeit bestraft. Und nicht nur das: Die Gruppen, die davon profitieren, sind die Interessensvertretungen, die am engsten mit dem Staat verbunden sind und Druck auf ihn ausüben können, um das neue Geld als erstes zu erhalten, sodass ihre Einkommen schneller als die Preisinflation ansteigen. Auftragnehmer von Regierungsaufträgen, politisch vernetzte Unternehmen, Gewerkschaften und andere Interessensverbände profitieren also auf Kosten der unwissenden und unorganisierten Öffentlichkeit.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding.

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Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.