„Small is beautiful“: Warum Sezession segensreich ist

12.2.2016 – von Ryan McMaken.

Ryan McMaken

Diejenigen, die Ludwig von Mises, im Vergleich zum radikaleren Murray Rothbard, gerne als „moderat“ bezeichnen, betonen oft, dass Mises kein „Anarchist“ war.

Diese Behauptung gerät jedoch ins Wanken, wenn wir die Kommentare von Mises in Liberalismus zum Thema einer radikalen Dezentralisierung betrachten:

„Das Selbstbestimmungsrecht in bezug auf die Frage der Zugehörigkeit zum Staate bedeutet also: wenn die Bewohner eines Gebietes, sei es eines einzelnen Dorfes, eines Landstriches oder einer Reihe von zusammenhangenden Landstrichen, durch unbeeinflußt vorgenommene Abstimmungen zu erkennen gegeben haben, daß sie nicht in dem Verband jenes Staates zu bleiben wünschen, dem sie augenblicklich angehören, sondern einen selbständigen Staat bilden wollen oder einem anderen Staate zuzugehören wünschen, so ist diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Nur dies allein kann Bürgerkriege, Revolutionen und Kriege zwischen den Staaten wirksam verhindern.

Man mißversteht dieses Selbstbestimmungsrecht, wenn man es als “Selbstbestimmungsrecht der Nationen” behzeichnet. Es handelt sich nicht um das Selbstbestimmungsrecht einer national geschlossenen Einheit” sondern es handelt sich darum, daß die Bewohner eines jeden Gebietes darüber zu entscheiden haben” welchem Staatsverband sie angehören wollen…

Das Selbstbestimmungsrecht, von dem wir sprechen, ist jedoch nicht Selbstbestimmungsrecht der Nationen, sondern Selbstbestimmungsrecht der Bewohner eines jeden Gebietes, das groß genug ist, einen selbständigen Verwaltungsbezirk zu bilden. Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, so müßte es geschehen. Nur weil dies nicht durchführbar ist, da die staatliche Verwaltung eines Landstrichs aus zwingenden verwaltungstechnischen Rücksichten einheitlich geordnet sein muß, ist es notwendig, das Selbstbestimmungsrecht auf den Mehrheitswillen der Bewohner von Gebieten einzuschränken, die groß genug sind, um in der politischen Landesverwaltung als räumliche Einheiten aufzutreten.“

„Aber, Halt!“ werden die Anti-Anarchisten sagen. „Mises sagt, dass es nicht durchführbar sei, jeder Person ein totales Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen.“

Auf diese Aussage kann die Antwort nur lauten: „Ja und?“ In der obigen Auswahl stellt Mises klar und deutlich fest, dass er dem Recht auf Sezession bis hinunter auf die individuelle Ebene theoretisch zustimmt. Er hält lediglich fest, dass, aufgrund gewisser praktischer Erwägungen, die konkrete Umsetzung wohl unrealistisch wäre.

Wer würde dem widersprechen? Natürlich gibt es praktische Einschränkungen, falls jedweder Person ihre eigene, laut Mises, „national geschlossene Einheit“ zugestanden werden würde. Tatsächlich ist es schwer vorstellbar, dass die meisten Menschen ihre eigenen, selbständigen Nationen sein wollen. Es ist viel wahrscheinlicher, dass sogar Befürworter von Laissez-faire – unter der Voraussetzung von bestehenden praktischen Ausstiegsmöglichkeiten – die Annehmlichkeiten eines Zusammenlebens innerhalb einer Stadt, Gemeinschaft, Konföderation oder eines Staatenbundes, regiert von einer gewissen Gruppe, bestehend aus gewählten oder ernannten Repräsentanten, bevorzugen. Diese Organisationen hätten den Auftrag, den Frieden zu erhalten und den Handel zu fördern, indem sie verlässliche und vorhersehbare Gesetze zum Gebrauch und Schutz von privatem Eigentum erlassen.

Darüber hinaus ist es schwer vorstellbar, dass Murray Rothbard dieser Feststellung widersprochen hätte. Schließlich erkennen Rothbard und jeder, der sich mit Geschichte und der menschlichen Natur beschäftigt, dass sich Menschen immer schon aus sozialen Gründen zu Gruppen zusammenschlossen, um die Vorteile von Skalenerträgen in der Verteidigung und der wirtschaftlichen Produktion genießen zu können.

Die Frage, welche die Anarchisten ständig umkreist, ist nicht, ob einzelne Menschen innerhalb von Nationen existieren können oder nicht, sondern ob es möglich ist, eine Gesellschaft zu schaffen, innerhalb derer ein Individuum frei ist, um zwischen mehreren praktischen Optionen wählen zu können. Soll heißen, ist es möglich, eine Situation zu gestalten, in der eine Person ihr politisches Regime in einem wahrlich freiwilligen Verfahren wählen kann?

Wir brauchen mehr Staaten

Aufgrund dessen liegt die praktische Antwort auf all den derzeitigen Mangel an Auswahlmöglichkeiten bzw. „Selbstbestimmungsrechten“ nicht in der sofortigen Abschaffung aller Staaten, da niemand diesen Prozess überzeugend beschreiben kann, sondern darin, die bereits existierenden Staaten in immer mehr, immer kleinere Staaten aufzusplittern.

Dies kann entweder de jure, durch formelle sezessionistische Bewegungen, oder de facto, durch Nullifikation und dem Bestehen auf lokaler Autonomie, erreicht werden.

Was Mises oben beschreibt, bezieht sich zwar auf formale Wahlen und Unabhängigkeitserklärungen, aber dasselbe Resultat kann in der Praxis auch durch Nullifikation und Separation erzielt werden, wie Hans Hermann Hoppe hier vorschlägt. Aufgrund praktischer Vorteile ist natürlich die de facto Sezession vorzuziehen.

Indoktrinierte und praxisferne Anarchisten behaupten oft, Sezessionen wären schlimm, da dadurch „neue Staaten entstehen“. Aufgrund der geographischen Realität auf dem Planeten Erde ist das aber eine eher beschränkte Sichtweise. Mit Ausnahme von komplett neuen Staatsgründungen in internationalen Gewässern, der Antarktis oder im Weltall, muss jedwede Entstehung eines neuen Staates auf Kosten eines bereits existierenden Staates gehen. Zum Beispiel würde die Gründung eines neuen Staates Sardinien zu Lasten des bereits existierenden Staates „Italien“ geschehen. Durch Sezession von den Steuereinnahmen und den militärischen Vorteilen des verlorengegangenen Territoriums abgeschnitten, würde dieser bereits existierende Staat notwendigerweise geschwächt.

Zusätzlich zu einer Schwächung von Staaten ergibt sich für das Individuum ein weiterer Vorteil, da es jetzt zwischen zwei Staaten wählen kann. Das Individuum kann nun bestimmen, welcher Ort besser zu seinem Lebensstil, seiner Ideologie, Religion, Ethnie etc. passt.

Mit jeder weiteren erfolgreichen Sezession erhöht sich die Auswahl für jede Person:

Man beachte, dass im Falle eines einzigen Staates eine Person keine Wahl hat. Die Anzahl an tatsächlichen Möglichkeiten ist gleich null, da ein Monopol existiert. Dieses bestünde aus einem einzigen globalen Staat, der mächtigste mögliche Staat, der vollständig ausgebildete Staat im strengsten Sinne. Dieser übt ein komplettes und totales Gewaltmonopol gegenüber der gesamten Weltbevölkerung aus, da sich die Bürger und Bürgerinnen diesem Staat nicht mehr entziehen können. Es gibt keine Möglichkeit mehr irgendwohin auszuwandern.

Andererseits ermöglicht eine Welt, bestehend aus hunderten, tausenden oder gar zehntausenden Staaten (oder Regimen verschiedenster Arten), der Bevölkerung eine breite Auswahl an möglichen Lebenssituationen.

Mehr noch: je kleiner die Staaten, desto praktischer ist es, umzuziehen und zwar aufgrund der Tatsache, dass Nähe und Distanz eine wichtige Rolle spielen. Ein Staat, dem man erst nach 1.000 Kilometern entkommen kann, unterscheidet sich deutlich von einem Staat, den man schon nach 50 Kilometern hinter sich lässt.

Die Gegebenheiten von Raum und Zeit bedeuten, dass die Auswanderung in weit entfernte Gebiete die Möglichkeiten eines Individuums, Ressourcen und Zeit mit Familie und Freunden zu teilen, limitiert sind. Wandert man aber nur eine Halbtagesreise weit weg, muss man sehr viel weniger Veränderungen im Lebensstil auf sich nehmen.

Das ist mitunter ein Grund dafür, warum es Staaten bevorzugen, lieber größer als kleiner zu sein. Große Staaten erschweren die Emigration für Leute, denen die Nähe zu Familie und Freunden wichtig ist.

Ähnlich erschwerend ist es, wenn die Auswanderung voraussetzt, sich an grundlegend verschiedene Kulturen mit anderen Sprachen anzupassen, da dies die Emigration für Leute, die diese Sprachen nicht fließend beherrschen, einschränkt. Darum haben Staaten immer von der Tatsache profitiert, dass viele von ihnen ein Monopol in einem Sprachraum durchsetzen können. Spricht beispielsweise jemand nur Schwedisch, ist für ihn der Anreiz groß, in Schweden zu bleiben und wenn jemand lediglich die griechische Sprache beherrscht, ist derjenige mehr oder weniger an Griechenland gebunden. Das betrifft sogar Englisch, was international ja sehr verbreitet ist. Es ist bemerkenswert, dass 80% der englischen Muttersprachler in nur einem Staat – den Vereinigten Staaten – leben. Die potentiellen Auswirkungen für das Auswanderungspotential sind evident.

Viele dieser Beschränkungen menschlicher Entscheidungen können reduziert oder gar überwunden werden, wenn man kulturelle und linguistische Staatsmonopole in mehrere Gebiete aufbricht.

Würde man zum Beispiel die Vereinigten Staaten entlang des Mississippi in zwei Teile aufspalten, entstünde sofort eine zusätzliche Wahlmöglichkeit für potentielle amerikanische Emigranten, die es vorziehen würden, unter einem anderen Regime zu leben. Ihnen würde die Möglichkeit eröffnet, in einen neuen politischen Verwaltungsbereich mit sehr ähnlicher Kultur und Sprache zu ziehen. Je mehr die USA in kleinere Stücke zerteilt würden, umso mehr Auswahlmöglichkeiten würden dadurch entstehen. (Gegenwärtig kann ein andauernder Verbleib in den USA wohl kaum als Beweis einer „freiwillig“ getroffenen Entscheidung, für ein Leben unter dem amerikanischen Regime, gelten.)

Dasselbe gilt auch für andere Staaten. Würde beispielsweise Mexiko in ein „Nordmexiko“ und „Südmexiko“ aufgeteilt, hätten Mexikaner zwei unterschiedliche Regime zur Auswahl, ohne diesen Teil der Welt, welcher aus kultureller Sicht als „Mexiko“ bezeichnet wird, verlassen zu müssen.

Ralph Raico elaboriert über die Rolle und Wichtigkeit von kulturell ähnlichen, politisch aber unterschiedlichen, Gegenden hier.

Wenn wir uns also die von Mises beschriebene Welt vorstellen, in der die Selbstbestimmung geprägt ist von einem dynamischen und lokalen System, basierend auf der Auswahl und Sezession von politischen Regimen, erkennen wir ein System, das im Kern statt von Monopolen von Auswahl bestimmt wird und nicht das derzeitige System von großen Flächenstaaten.

Beschränkte Auswahl, sogar in einer staatenlosen Welt

Einige Anarchisten mögen selbst diesem Argument widersprechen, indem sie einwenden, dass einem Individuum eine unlimitierte Auswahl an Gesellschaften und Regierungen angeboten werden muss. Falls jemandem eine solch unlimitierte Auswahl an Regierungen zur Verfügung stehen würde, wäre es jedoch das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass jemand die Möglichkeit einer unendlichen Auswahl genießt.

In Wirklichkeit ist jede Auswahl immer limitiert, sei es durch materielle Verfügbarkeit, durch Zeit oder der freiwilligen Bereitschaft eines Handelspartners. Niemand hat die Möglichkeit, den „perfekten“ Hamburger zum günstigsten, gewünschten Preis zu erlangen. Nicht einmal in einer komplett freien Marktwirtschaft. Obwohl uns Unternehmer eine umfassende Auswahl an Hamburgern präsentieren, kann sich jemand nur für einen Hamburger von dieser Auswahl entscheiden. „Unbeschränkte Freiheit“ (im Sinne von jeder ist jederzeit frei, zu tun, was immer er oder sie möchte) gibt es nicht.

Dasselbe gilt für die Auswahl eines politischen Regimes, unter dem man leben möchte. Selbst wenn jemand die Möglichkeit hätte, seinen eigenen, persönlichen Staat zu erschaffen, ist man der real existierenden Knappheit unterworfen. Die inhärente Problematik eines solchen autarken Unterfangens (inklusive der Probleme von Skalenerträgen, Arbeitsteilung, Vertragsdurchsetzung), ist schließlich auch der Grund dafür, warum die meisten Menschen einfach die Mitgliedschaft in irgendeiner Form von staatlicher oder ziviler Regierung bevorzugen, idealerweise nach dem sie eine Reihe von möglichen Alternativen in Betracht gezogen haben. (Für eine genaue Unterscheidung zwischen staatlichen und zivilen Regierungen, bitte hier klicken.)

In jedem realistischen Szenario ist es natürlich so, dass gewisse Formen von Regimen unverfügbar oder unerschwinglich bleiben. Das wäre sogar auf einem komplett freien Markt für Regime so und zwar aus dem gleichen Grund, warum es Mitte der 80er Jahre nahezu unmöglich war, einen Film im Betamax Format auszuleihen: Ressourcen tendieren dazu, in Produkte und Dienstleistungen einzufließen, welche die am weitesten verbreitete Nachfrage bedienen. Das ist kein Marktversagen, sondern einfach das Werk von Unternehmern, die versuchen, das meiste aus diesen knappen Ressourcen herauszuholen.

Es wird also, ganz nach Mises, immer praktische Beschränkungen für die Umsetzung einer „perfekten“ Anarchie geben. Jedoch wäre im Szenario von Mises, in welchem eine Austrittsmöglichkeit immer gegeben ist, der Aufwand, sich einer bestimmten politischen Gruppierung anzuschließen, wesentlich geringer. In einer solchen freiwilligen Situation würden Steuern zu „Gebühren“ werden, da sie auch quasi freiwillig bezahlt würden. Sie wären auch freiwillig für den Fall, dass eine Person nicht die Jurisdiktion finden kann, die perfekt zu ihren Bedürfnissen passt. Wenn ein Konsument ein Produkt oder eine Leistung wählt, die seine Bedürfnisse am besten erfüllt, bezeichnen wir diesen Bezug ebenfalls als freiwillig, obwohl man das Produkt, welches das gewünschte Ideal perfekt erfüllt, nicht finden konnte.

Das Problem mit der Verteidigung

Jeder, der mit den Arbeiten von Mises vertraut ist, weiß, dass er bezüglich Außenpolitik alles andere als naiv war. Mises verstand auch, dass – im Gegensatz zu der oft wiederholten Behauptung, dass zentralisierte und „starke“ Staaten auch die diplomatisch mächtigsten sind – je liberaler und dezentralisierter ein Staat organisiert ist, dieser oftmals auch der wirtschaftlich mächtigere ist, und deshalb auch über die meiste politische Stärke in der internationalen Arena verfügt. Dies ist von sich aus bereits ein Grund dafür, Regime zu liberalisieren bzw. dezentralisieren, um dadurch eine effizientere Selbstverteidigung erreichen zu können.

Als Beispiel für die Nuancen in Mises‘ Ansichten über die Angelegenheiten von Selbstbestimmung und Sezession, gilt seine Erkenntnis, dass abtrünnige und unabhängige Regionen sich eventuell „einem anderen Staate anschließen“ möchten.

Warum würde sich ein Staat einem anderen anschließen wollen? Weil mit einer Mitgliedschaft innerhalb einer mächtigen politischen Vereinigung auch Vorteile kommen können. Diese Vorteile ergeben sich auf dem Gebiet der militärischen Verteidigung, aber auch des Handels, im Falle von Zollunionen oder der Garantie des Freihandels innerhalb von Staaten.

Die Vereinigten Staaten – ursprünglich vorgesehen als Zollunion und militärische Konföderation – wurden genau aus diesem Grund gegründet, mit dem spezifischen Hintergedanken, dadurch neue Territorien durch freiwillige Mitgliedschaft zu erlangen. Tatsächlich waren die USA, bis zum Jahr 1860, ein sehr schwacher Staat, in dem die politische und militärische Macht stark dezentralisiert war – bis hinab auf die Jurisdiktion ihrer Mitglieder.

Wahrscheinlich war sich Mises diesem Beispiel genauso bewusst wie der Tatsache, dass Europa selbst einige historische Beispiele an, auf Mitgliedschaft basierende, Regimen hervorbrachte, die gegründet worden waren, um Verteidigung und Verwaltung bereitzustellen.

Auf Mitgliedschaft basierende „Staaten“

Das beste Beispiel hierfür ist die Hanse – eine Art Handelsverbund – welche von dem Experten für internationale Beziehungen, Hendrik Spruyt, beschrieben wird als „interessanten Fall, da dieser eine alternative Logik von Organisation im Gegensatz zum souveränen Staat vorschlägt.“ Als eine auf Mitgliedschaft basierende Organisation war die Hanse imstande, „eine Armee aufzustellen, Gesetze zu verabschieden, sich mit sozialen Normen zu beschäftigen und Einnahmen zu lukrieren.“

Im Gegensatz zu einem Staat, konnte die Hanse – bestehend aus kommerziellen und urbanen Zentren verteilt über Nordeuropa – weder zur Mitgliedschaft verpflichten (obwohl Mitglieder ausgeschlossen werden konnten), noch hatte sie eine Hauptstadt oder eine direkte Beziehung zu den Steuerzahlern ihrer Mitglieder. Die Vertreter der Hansestädte, jeder hatte eine Stimme, trafen sich bei Gelegenheit, um über Politiken und Ziele der Hanse abzustimmen.

Wie von Spruyt beschrieben, strebten Städte und Gemeinden eine Mitgliedschaft in der Hanse an, um von einer gemeinsamen Verteidigung gegenüber fremden Staaten oder Piraten zu profitieren. Die Mitgliedschaft erleichterte auch den Handel, sowohl mit anderen Hansestädten, als auch mit Städten außerhalb der Hanse, welche deren Diplomaten, durch Verhandlungen, für den Handel geöffnet hatten.

Die Hanse bot also die Leistungen eines Staates an, ohne ein Monopol über die internen Regierungen ihrer Mitglieder auszuüben. Die Angelegenheiten, welche nicht einer Hanse-weiten Involvierung bedurften, wurden auf regionaler oder lokaler Ebene geregelt.

In einem solchen Szenario ist es offensichtlich, dass es echte Vorteile einer Mitgliedschaft gab, da die Kosten im Umgang mit fremden Staaten oder Piraten sehr hoch ausfallen konnten. Staaten mit einem größeren Bedürfnis nach diesen Leistungen waren aktivere Mitglieder, während weniger verbundene Mitglieder sich auch weniger einbrachten. Die Komplexität, Flexibilität und Freiwilligkeit der Mitgliedschaft in der Hanse erlaubte es, lokale Selbstbestimmung mit den Vorteilen einer gemeinsamen Verteidigung und Gewährleistung von Handel zu kombinieren.

Obwohl sie nicht die einzige Organisation dieser Art war, war die Hanse doch die einfluss- und erfolgreichste. So wie andere Städtebünde, schreibt Spuyt, hatte auch die Hanse keine „klare hierarchische Autorität und formelle territoriale Grenzen.“

Hinzu kommt, dass die Hanse auch oft militärisch erfolgreich war, und dadurch in der Lage war, mit den traditionelleren monopolistischen Staaten, von denen sie umgeben war, zu konkurrieren. Sie bestand vom 13. bis ins 17. Jahrhundert und überlebte viele konkurrierende Regime.

Die Hanse war auch in diesem Zusammenhang kein Einzelfall dieser Art politischer Regime. Spruyt ergänzt:

„die Bürger gründeten diese Städtebünde mit dem expliziten Zweck, die Städte gegen die Übergriffe des Adels zu schützen. Sie versprachen sich gegenseitigen militärischen Beistand gegen den gemeinsamen Feind… sie musterten Truppenkontingente, die von jeder Stadt gestellt werden mussten… Auf juristischer Ebene verteidigten die Städtebünde das Recht der Städte auf Selbstregierung… Es gab eine beachtenswerte Anzahl an solchen Städtebünden.

Der Süddeutsche Städtebund bewies im Jahr 1385, dass solche Städtebünde eine beachtenswerte militärische Macht darstellen konnten. Der Bund bestand aus 89 Städten und konnte eine Armee von 10,000 Soldaten zu Felde führen.“

Die Städtebünde erfanden natürlich nicht das Konzept der gemeinsamen Verteidigung. Die Idee selbst ist so alt wie Politik, jedoch verschwanden diese freiwilligen, sich gegenseitig beistehenden Nicht-Staaten wie die Städtebünde zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit dem Triumph pro-staatlicher Ideologien. Nichtsdestotrotz besteht dieses Konzept gegenseitiger Verteidigung, welches von den Städtebünden angewendet wurde, noch heute, gerade weil es funktioniert.

Das Charakteristikum von Anarchie und radikaler Dezentralisierung ist die Auswahlmöglichkeit

Selbst in einer Welt, in der jeder einen Anbieter von Verteidigung und Justiz frei wählen kann (z.B. auf einem Markt für zivile Regierungen), gäbe es keine unlimitierte Anzahl an Auswahlmöglichkeiten. Was Märkte jedoch besser macht als Staaten, ist die Tatsache, dass sie freiwillig, dynamisch, flexibel und ständig darauf bedacht sind, wünschenswerte Leistungen im Austausch für die freiwillige Kooperation von Konsumenten zu gewährleisten.

Diese Art von freiwilliger Gesellschaft kann entweder, so wie von Mises vorgesehen, durch freie Zusammenschlüsse und Sezessionen, oder, wie von Hoppe argumentiert, durch eine Art von lokaler Nullifikation und zivilem Ungehorsam, gestärkt und ausgebaut werden. In jedem Fall kommt es zu einer Verschiebung weg vom staatlichen Zwang und hin zu Verhandlungen, Kompromissen, Vermittlungen und Konsens. Während auch diese Methoden zu Gewalt führen können, wenn sie versagen, sind sie dem Modell der Staatsregierung vorzuziehen, welches auf Zwangsgewalt beruht, diese legitimiert und auch regelmäßig anwendet.

Die Regime, die mehr Freiheit bieten, dem privaten Eigentum mehr Respekt zollen und vermehrt auf Selbstbestimmung setzen, werden auch die ökonomisch erfolgreichsten sein. Im Grunde genommen kann die Macht der Staaten nur von Menschen kontrolliert werden, welche Ideologien übernehmen, die die Vorrechte und Legitimation der monopolistischen Staaten in Frage stellen. In Abwesenheit solcher Ideologien kann weder eine organisatorische Struktur, ein Dokument oder ein historisches Ereignis von selbst die notwendigen Bedingungen schaffen, die eine erfolgreiche Ausübung von Selbstbestimmung ermöglichen.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel Anarchism and Radical Decentralization Are the Same Thing ist am 29.1.2016 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Ryan McMaken ist Editor von Mises Daily und The Free Man. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft an der University of Colorado.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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