Die Forderung nach „auskömmlichen Löhnen“ lässt sich moralisch nicht begründen

23.9.2015 – von Ryan McMaken.

Ryan McMaken

Am „Labor Day“ erscheinen für gewöhnlich Zeitungskommentare, die verbindliche „Löhne, von denen man leben kann“ fordern, sowie allgemein höhere Löhne. In vielen Fällen fordern Befürworter auskömmlicher Löhne staatliche Lohnvorgaben, also einen Mindestlohn, den die politisch Verantwortlichen willkürlich festsetzen, um Wohnung, Nahrung und medizinische Versorgung „bezahlbar“ zu machen.

Hinter dieser Bestrebung steckt die philosophische Behauptung, Arbeitgeber seien moralisch dazu verpflichtet, ihren Angestellten „auskömmliche Löhne“ zu zahlen, so dass diese ihren Bedarf (wie immer man diesen auch bestimmen mag) mit der Lohntüte aus einer 40-Stunden-Woche abdecken können. Diese moralische Überlegung pickt Arbeitgeber als moralisch Verantwortliche in der Frage „auskömmlicher Löhne“ heraus, obgleich die Faktoren, die für „auskömmliche Löhne“ maßgeblich sind, weit über die Lohnhöhe hinaus gehen.

Beispielsweise hängt ein „auskömmlicher Lohn“, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, nicht einfach von der Lohnhöhe ab, sondern von den Kosten für Wohnung, Nahrung, medizinische Versorgung, Mobilität sowie zahlreichen anderen Faktoren. Wo etwa die Wohnkosten niedrig sind, ist der „auskömmliche Lohn“ ebenfalls niedriger, als er es an Orten mit hohen Wohnungskosten ist.

Also kommt es nicht auf den Nominallohn an, den der Arbeitgeber zahlt, sondern auf den Reallohn, welcher von den Kosten aller Dinge abhängt, die man mit dem Lohn kauft.

Warum ist nur der Arbeitgeber schuld?

Wenn es also auf den Reallohn ankommt, warum gibt es dann überhaupt eine Festlegung des Nominallohns? Schließlich könnten die Reallöhne enorm steigen, indem man niedrigere Kosten für Nahrung und Miete erzwingt. Warum hackt man also nicht ständig auf den Lebensmittelhändlern herum, damit sie ihre Preise senken, um den Bedarf bezahlbar zu machen? Warum protestieren Aktivisten nicht vor Gemüseständen gegen hohe Preise? Warum stehen sie nicht vor dem Hauptsitz eines Baulöwen, um dessen unmenschliches Bestreben anzuprangern, Wohnungen zu den höchsten Preisen zu verkaufen, die der Markt hergibt? Warum prangern die Leute keine Gebrauchtwagenhändler dafür an, dass sie ihre Preise nicht senken, um Mobilität für Arbeiterfamilien bezahlbar zu machen? Und warum verschont man die Tankstellen merkwürdigerweise mit Protesten wegen des hohen Benzinpreises? All diese Händler tragen sicherlich ebenso klar zum Reallohn bei wie jeder Arbeitgeber. Gemüsehändler, Immobilienbesitzer, Wohnungsverkäufer und der Tankstellenpächter von nebenan können ein großes Loch ins Familienbudget reißen, wenn ihre Gier sie dazu treibt, die höchsten Preise zu verlangen, die der Markt hergibt.

Und ja, es stimmt, dass viele Aktivisten Hausbesitzer als „Miethaie“ oder raffgierige Kapitalisten zu verurteilen pflegen, dafür, dass sie die höchsten Mieten kassieren, die der Markt hergibt. Und es gibt immer noch viele Aktivisten, die sich für eine Preisbegrenzung bei Mieten und Lebensmitteln einsetzen. Doch diese bilden heutzutage eine kleine Minderheit. Die überwältigende Mehrheit der Wähler und Entscheidungsträger erkennt, dass staatlich verordnete Preise für Nahrung und Wohnraum zur Verknappung führen. Eine Deckelung der Miet- oder Immobilienpreise bedeutet schlicht, dass in Zukunft weniger Wohneinheiten entstehen, während eine Preisdeckelung für Eier, Milch oder Brot bedeutet, dass weniger von diesen Grundnahrungsmitteln die Märkte erreichen.

Derlei Behautungen werden kaum noch in Frage gestellt, was sich darin zeigt, dass neue Vorstöße zur Mietpreisdeckelung im Feld der Politik praktisch nicht mehr vorkommen. Sie werden schwerlich Kommentare zum Tag der Arbeit finden, die für eine Preisdeckelung bei Obst, Benzin und Wohnungen plädieren. Sie werden keine Kommentare finden, die Hausbesitzer dafür verurteilen, dass sie ihre Häuser zum höchsten Preis verkaufen, den sie kriegen können, wo sie doch Schnäppchenpreise verlangen sollten, damit Wohneigentum für jene erschwinglich wird, die noch keines haben.

Aus irgendeinem Grund bleiben Hausbesitzer, Gemüsehändler usw. vom Zorn der Aktivisten dafür verschont, dass sie die Reallöhne nicht niedrig halten. Dagegen bleiben mit den Arbeitgebern jene im Visier der Aktivisten, die den Nominallohn auszahlen, da sie aus irgendeinem willkürlichen Grund die volle moralische Verantwortung dafür tragen, dass die Löhne auskömmlich sind.

Angenommen die Lebensmittel im Umkreis von Arbeitgeber X werden um 10 Prozent teurer, wer ist dann verantwortlich? „Na der Arbeitgeber natürlich!“, würden Verfechter auskömmlicher Löhne behaupten. Schließlich steht nach ihrer Vorstellung nur der Arbeitgeber in der moralischen Pflicht, bei steigenden Lebenshaltungskosten konstante oder steigende Reallöhne zu bieten.

Während also Preiskontrollen bei Nahrung, Wohnraum und Benzin allgemein als Holzweg gelten, finden Preiskontrollen bei Löhnen Anklang. Wie an anderer Stelle ausgeführt, besteht das Problem natürlich darin, dass ein Mindestlohn, der die Wertschöpfung eines gering qualifizierten Arbeiters übersteigt, dazu führt, dass Arbeitgeber beschließen, schlicht keine gering qualifizierten Arbeiter einzustellen.

Ein niedriger Lohn ist inakzeptabel, doch ein Lohn von Null geht in Ordnung

Und dies führt zu der Tatsache, dass Arbeitgeber angesichts hoher Löhne Arbeitsplätze wegrationalisieren wollen – mit Kassenautomaten bei McDonalds oder anderen arbeitssparenden Maschinen.

Doch dieses Phänomen wird von Verfechtern auskömmlicher Löhne schlicht ignoriert. Angesichts von Arbeitern, die nichts mehr verdienen, verstummt merkwürdigerweise die Rede von einer moralischen Pflicht der Arbeitgeber, keine niedrigen Löhne zu zahlen.

Tatsächlich sehen wir einige Vorstöße, den Arbeitgebern gesetzlich vorzuschreiben, dass sie Menschen statt Maschinen einsetzen. Obwohl dem zweifelsohne einige neuzeitliche Maschinenstürmer entgegenfiebern, vertritt nahezu niemand die Auffassung, dass es Arbeitgebern nicht gestattet sein soll, arbeitssparende Maschinen einzusetzen. Natürlich wird jemand, der ein solches Argument vorträgt, wohl ausgelacht, weil nahezu jeder sofort erkennt, wie absurd Gesetze wären, die einem Straßenbauer vorschreiben, Leute mit Schaufeln anzustellen, statt Planierraupen und Teermaschinen einzusetzen.

Indessen treiben Erfolge der Verfechter auskömmlicher Löhne in anderen Branchen, die sich nicht ohne weiteres automatisieren lassen, nur die Konsumgüterpreise nach oben. Ja, auskömmliche Löhne in der Lebensmittel-, Energie- und Immobilienwirtschaft mindern den Profit und erhöhnen die Löhne derjenigen, die glücklicherweise ihre Arbeitsplätze behalten, doch die Vorschrift neigt dazu, die Verbraucherpreise zu erhöhen. Dies wiederum bedeutet, dass die Realeinkommen der Gesamtwirtschaft eigentlich gesunken sind, aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten.

Insgesamt gesehen haben sich die Verfechter auskömmlicher Löhne auf eine recht bizarre Strategie verlegt. Sie besteht darin, die Konsumgüterpreise durch höhere Lohnkosten in die Höhe zu treiben. Die Reallöhne sinken daraufhin, und zugleich verlieren viele Arbeiter ihre Stelle aufgrund von Rationalisierungen, weil Kapital im Verhältnis zu den steigenden Lohnkosten billiger wird. Auch wenn das Ziel, den Lebensstandard von Arbeitern und ihren Familien zu erhöhen, löblich ist, haben die Verfechter auskömmlicher Löhne offensichtlich nicht zu Ende gedacht.

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Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Leske. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Failed Moral Argument for a “Living Wage” ist am 4.9.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Ryan McMaken ist Editor von Mises Daily und The Free Man.