Zentralbanken und dysfunktionale Goldmärkte

29.7.2015 – von Marcia Christoff-Kurapovna.

Viele Anleger betrachten Gold weiterhin als einen sicheren Hafen. Aber es herrscht nach wie vor Verunsicherung, wie anfällig Gold für kurzfristige, manipulierende Transaktionen und Zentralbankinterventionen ist. Erstens ist es unklar, ob das meiste Gold, das in Verbriefungen und Zertifikaten vertrieben wird, überhaupt existiert. Zweitens kann Papiergold theoretisch gesehen ebenso wie Papiergeld ins unendliche gedruckt werden – obwohl private Papiergoldhändler sehr viel weniger Spielraum als Zentralbanken haben. Drittens hat sich die neue elektronische Goldpreisbildung – seit diesem Februar der Ersatz für das traditionelle Londoner Goldfixing, das seit 1919 bestand – nicht notwendigerweise als ein vertrauenswürdigeres Modell etabliert. Viertens spielen Zentralbanken eine Rolle, insbesondere da die Börsen ihnen Mengenrabatte geben.

Die komplexe Welt der Goldanlagen

Die Manipulationsfrage führte in den letzten Monaten zu Medienaufmerksamkeit, als zehn Banken bei Prüfungen durch die US-amerikanische Commodity Futures Trading Commission (CFTC) und das US-amerikanische Justizministerium unter Manipulationsverdacht gerieten. Gleichzeitig beendete die Schweizerische Finanzmarktaufsicht FINMA ein Verfahren gegen die UBS wegen Fehlverhaltens im Edelmetallhandel, speziell bei Silber, in dem die UBS beschuldigt worden ist, zu im Vorfeld abgesprochenen Preisen gehandelt zu haben. Dann verlangte die britische Financial Conduct Authority, die Derivate reguliert, von Barclays eine Strafzahlung von ungefähr 40 Millionen Euro wegen eines Traders, der den Goldpreis 2012 künstlich nach unten drückte, um Auszahlungen an Kunden zu vermeiden. Solche Manipulationen beschränken sich nicht nur auf die Edelmetallmärkte: Im November letzten Jahres mussten mehrere Großbanken wegen der Manipulation von Devisenkursbenchmarks, des Referenzzinssatzes LIBOR und anderer Zinsbenchmarks mehrere Milliarden Euro Strafe zahlen.

Diese Fälle traten nach einer Reihe von Klagen auf, die im Mai 2014 in New York City eingereicht wurden. 25 Kläger – unter ihnen Hedgefonds, Privatpersonen und öffentliche Investoren (wie z.B. Rentenfonds) – verklagten HSBC, Barclays, die Deutsche Bank, Bank Scotia und Société Génerale (traditionell die fünf Banken des ehemaligen Londoner Goldfixings) wegen des Verdachts, die Edelmetall- und Außenhandelsmärkte zu manipulieren. „Es stellte sich heraus, dass viele Verschwörungstheorien Verschwörungsfakten waren“, sagte Kevin Maher, ein ehemaliger Goldhändler in New York City und einer der Kläger im Mai. So berichtete es die New York Times.

Zentralbanken im Mittelpunkt der Goldmärkte

Mit der Einbeziehung der London Bullion Market Association (LBMA) am 20. Februar 2015 gewannen diese Klagen mehr Aufmerksamkeit. Sieben Banken beteiligten sich von nun an an der Preisbildung: Goldman Sachs, J.P. Morgan, UBS, HSBC, Barclays, Bank Scotia und Société Génerale. (Am 16. Juni kündigte die Bank of China nach monatelangen Gerüchten ihren Beitritt an.)

Manche Ökonomen sehen die neue elektronische Preisbildung im Vergleich zu einer telefonischen Preisbildung hinter geschlossenen Türen als einen Schritt in die richtige Richtung, andere Ökonomen sind anderer Meinung. Im vergangenen Jahr wurde die Produktbörse CME Group aufgrund ihrer Mengenrabatte für Zentralbanken kritisch hinterfragt und damit begann eine Debatte, wie „offen“ die elektronische Preisbildung in der Praxis ist. Die LBMA selbst ist keine Börse, sondern ein Over-The-Counter-Markt, und veröffentlicht keine umfassenden Daten – muss diese auch nicht veröffentlichen – bezüglich der Menge an Metall, die in London gehandelt wird.

Ruth Crowell, die Vorsitzende der LBMA, schreibt folgendes in einem Bericht für die Gruppe: „Das Reporting nach dem Handel ist eine große Barriere, die einer größeren Transparenz im Barrenmarkt im Weg steht.“ Im gleichen Bericht schreibt Crowell: „Es sollte anerkannt werden, dass die Rolle, die Zentralbanken im Barrenmarkt spielen, eine „totale“ Transparenz ausschließt, zumindest auf der öffentlichen Ebene.“ Zumindest wurden mit dem Londoner Goldfixing (1919-2015) Handelsdaten wie die tägliche Nettomenge gehandelter Barren veröffentlicht, was im Gegensatz zu den momentan verfügbaren Informationen der LBMA steht, wie man hier sehen kann (bitte für die Tabellen nach unten scrollen).

Das Problem mit Papiergold

Des weiteren gibt es Probleme mit „Papier“-Gold. Auf dem ersten Blick ist diese Möglichkeit attraktiv. An Börsen gehandelte Goldfondsanteile (Gold-ETFs) haben an der New York Stock Exchange ein beachtliches Jahrzehnt hinter sich – und viele bestärkt das in der Aussage, dass Papiergold eine ebenso gute Anlage sei wie Gold im direkten physischen Besitz. Der Dollarpreis von Gold stieg zwischen 1999 und Dezember 2012 jährlich um mehr als 15,4 Prozent. In dieser Zeit generierten Gold-ETFs eine jährliche Rendite von 14 Prozent (während Aktien Verluste verzeichneten).

Viele bevorzugen diese ETFs, in Form von Forderungen auf in Banktresoren gehortetes Gold, anstelle physischen Goldes. Goldmünzen können beispielsweise einfach gefälscht werden, verlieren mit jedem Kratzer an Wert und Händler haben sehr hohe Aufschläge auf ihre Verkaufspreise. Die Untersuchung von Goldbarren, Transport- und Lieferungskosten mit eingeschlossen, ist für Banken einfacher zu bewältigen als für Einzelpersonen. Viele betrachten sie als vertrauenswürdig: ETF Securities beispielsweise, einer der größten EFT-Verwalter mit 21 Milliarden verwalteter Dollar in Anlagen, bewahrt das Gold in Zürich anstelle von London oder Toronto auf. Laut eines Sprechers des Unternehmens „kann man diesen beiden Städten nicht zutrauen, sich gegen einen Konfiszierungsbefehl, so wie er von Roosevelt 1933 gegeben wurde, zu wehren.“

Des weiteren repräsentieren die Anteile an diesen Geschäften nur einen indirekten Anspruch auf Gold. „Solange man kein großes Brokerhaus ist“, schreibt Ökonom William Baldwin, „kann man dem Händler keine Anteilspapiere im Austausch gegen Metall in die Hand drücken.“ Zu den ETF-Verwaltern gehören u.a. J.P. Morgan und die UBS, die laut Baldwin ebenfalls in den Großhandelsmärkten tätig sind, was zu möglichen Interessenskonflikten führt.

Regierungen und Gold nach 1944: eine Hassliebe

Noch komplizierter ist die Hassliebe zwischen Regierungen und Gold. Der unabhängige Goldanalyst Christopher Powell sagte in einer Ansprache für das Gold Investment Symposium im Oktober 2013 in Sydney dazu folgendes: „Das liegt daran, weil Gold eine wettbewerbsfähige nationale Währung ist, die, wenn sie in einem freien Markt funktionieren darf, den Wert anderer Währungen, die Höhe von Zinssätzen und den Wert von Staatsanleihen bestimmen wird.“ Und weiter: „Daher kämpfen Zentralbanken gegen Gold, um ihre Währungen und Anleihen zu verteidigen.“

Es ist eine Beziehung, die seit der Gründung des Bretton-Woods-Systems in 1944 und bis zum August 1971, als der US-amerikanische Präsident Nixon die Konvertibilität vom Dollar zu Gold aufhob, eine turbulente Geschichte hinter sich hat. In diesen Jahrzehnten lebte Gold in einer seltsamen Doppelwelt als eine halb staatlich kontrollierte und halb freigehandelte Geldware – Nobelpreisökonom Milton Friedman bezeichnete es als „echten vs. Pseudo-Goldstandard“.

Der Ursprung dieser umständlichen Dualität war das zweistufige Nachkriegssystem der Goldpreisbildung. Einerseits gab es ein neues Geldsystem, was einen Preis von 35 US-Dollar pro Feinunze festlegte. Andererseits gab es weiterhin einen freien Goldmarkt. Im Vergleich zu der freigehandelten Variante war der offizielle Preis von 35 US-Dollar lächerlich gering, was dazu führte, dass die Regeln des IWF gegen das Handeln von Gold zu „freien“ Preisen von Banken, die heimlich Gold vom London-Markt kauften, umgangen wurden.

Der künstliche Goldpreis war bis zum Ende der 60er Jahre stabil, bis der Preis des Metalls begann, eine „Zusammenarbeit mit dem Dollar zu verweigern“. Dennoch strebte die Währungspolitik nach einem festgelegten Preis, um die Preise auf dem freien Markt zu beeinflussen. Diese Versuche waren erfolglos. Im März 1968 verloren die Vereinigten Staaten mehr als die Hälfte ihrer Reserven; von 25.000 Tonnen blieben nur noch 8.100 Tonnen übrig. Die Preise anderer Edelmetalle durften sich frei entwickeln.

Gold zieht sich in den Schatten zurück

In dieser Zeit war ein privates Horten von Gold im Gange. Laut der Financial Times vom 21. Mai 1966 stieg zwar die Goldproduktion, aber nicht die offiziellen Goldvermögen. Diese Situation hatte fundamentale Auswirkungen auf die Goldklauseln des IWF im Bezug auf Rückzahlungen, die im gleichen Goldwert wie beim Zeitpunkt des Kredites erfolgen mussten. Das führte zu einem Aufstieg der „Papiergoldplanung“ als Ersatz für weitere Anstiege der IWF-Quoten. (Siehe „The Paper Gold Planners – Alchemists or Conjurers?“ im Financial Analysts Journal vom Nov.-Dez. 1966.)

Ende der 1960er braute sich ein Sturm zusammen, ausgelöst durch Vietnamkrieg, Armut, ansteigende Kriminalität und ansteigende Inflation. Die Fed tat das, was sie am besten kann: „Seit April [1969]“, so schrieb es der Anwalt und Ökonom C. Austin Barker im Artikel „The US Money Crisis“ vom Januar 1969, „erschuf die Fed kontinuierlich ungewöhnlich viel neues Geld.“ Ökonomen flehten den IWF an, einen freien Markt zu erlauben, aber gleichzeitig den offiziellen Preis bei mindestens 70 Dollar pro Feinunze zu setzen. Was war das Fazit dieses albernen Systems? 1969 litten die Amerikaner gleichzeitig an höheren Steuern und höherer Inflation. Der Rest, so kann man das sagen, ist die Geschichte der Gegenwart.

Heute gibt es keinen „offiziellen“ Goldpreis und keine „Golddevisenwährung“, die mit einem halb-unterirdischen freien Goldmarkt konkurriert. Es gibt aber ein Erbe von „echtem vs. Pseudo“-Gold, was eine schlimme Bedrohung ist. Dem Käufer sollte dieser wichtige Unterschied bewusst sein.

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Aus dem Englischen übersetzt von Vincent Steinberg. Der Originalbeitrag mit dem Titel Central Banks and Our Dysfunctional Gold Markets ist am 23.7.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Foto-Startseite: © Steve Dean – Fotolia.com

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Marcia Christoff-Kurapovna schrieb für The Wall Street Journal EuropeThe Economist und The Christian Science Monitor.

 

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