Der Papst vergisst, dass der Weg zurück ins Paradies versperrt ist

20.7.2015 – Interview mit Robert Grözinger, Autor des Buches „Jesus, der Kapitalist“.

Robert Grözinger

Herr Grözinger, Sie sind Autor des Buches „Jesus, der Kapitalist“. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus gelesen haben?

Während der Lektüre der Enzyklika bin ich immer wieder auf Formulierungen gestoßen, die sehr im vagen und ungefähren bleiben. Etwa wenn Franziskus beklagt, dass die Menschen die „Unversehrtheit der Erde zerstören“. Er benennt zwar hier und dort konkrete Schäden, geht aber nirgends darauf ein, wie er sich die „Unversehrtheit der Erde“ vorstellt und welche Rolle die Menschen dabei spielen sollen. Er beklagt immer nur, ohne ernsthafte Lösungswege aufzuzeigen. Oder wenn, laufen sie auf eine weitere Einschränkung der Freiheiten, auf eine Stärkung des Staates oder internationaler Organisationen und auf eine Art Heiligsprechung materieller Armut hinaus.

Woran mag das liegen?

Der Papst hat offenbar ein statisches, nicht-dynamisches Weltbild, gepaart mit einer völligen Unkenntnis über Wirtschaftswissenschaft. Das aber ist nichts neues, das haben wir schon in seinem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ sehen können, in dem er die berüchtigten Worte „diese Wirtschaft tötet“ schrieb. Damals wie heute ist kein Wort darüber zu finden, dass der pro-Kopf-Wohlstand trotz Bevölkerungszunahme weltweit steigt. In „Laudato Si“ behauptet er sogar andeutungsweise das Gegenteil. Auffällig in diesem Zusammenhang ist auch die Sprachregelung, die, abgesehen von obligatorischen Floskeln, die Diskussion wirtschaftlicher, finanz- und geldpolitischer Zusammenhänge meidet und statt dessen anachronistisch das „technokratische Paradigma“ beklagt. Und wenn er dennoch hier und dort versucht, Wirtschaft zu diskutieren, geht das regelmäßig daneben.

Zum Beispiel?

Etwa, wenn er sagt, dass „Märkte“, und nicht etwa Menschen, dafür verantwortlich seien, dass der „Konsum“ immer weiter steigt. Oder wenn er kritisiert, das „Wachstum“ darauf basiere, dass von einer „unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten“ ausgegangen wird. Damit zeigt er lediglich, dass er nichts von der Signalfunktion und -wirkung der Preise versteht.

Fanden Sie auch aus Ihrer Sicht positives?

In einem wichtigen Punkt hat Franziskus meiner Ansicht nach recht. Nämlich wenn er beklagt, dass der Mensch versucht, sich zum absoluten Herrscher über die Erde und die Natur aufzuschwingen, und dass dies eine Grundursache vieler moderner Konflikte und Krisen ist. Nur stochert er auch hier völlig im Dunkeln, wenn er versucht, Lösungen aufzuzeigen.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Das christliche Herz der Marktwirtschaft“ und Sie legen dar, dass Christentum und Kapitalismus absolut kompatibel sind. Geben Sie Papst Franziskus doch mal ein bisschen Nachhilfe …

Eine freie Marktwirtschaft und die daraus resultierende dynamisch zunehmende Effizienzsteigerung bei der Zuführung natürlicher Ressourcen zur wohlstandshebenden Nutzung durch eine immer größere Anzahl von Menschen ist der größte Segen, den die Menschheit je erlebt hat. Wohlstandsmehrung an sich ist keine Sünde, man lese nur mal das Gleichnis von den Talenten nach. Auch wo es in der Bibel um Nächstenliebe geht, wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, erkennt man beim genauen Hinschauen, dass Kapital nötig ist, um anderen wirksam zu helfen. Ohne die Herberge wäre der Überfallene gestorben, der Samariter gibt dem Wirt Geld, und keiner beklagt sich. Entscheidend ist, wie man den Wohlstand nutzt. Und hier wiederum ist die ausschlaggebende Frage: Wer darf entscheiden? Appelle wie die des Papstes sind zwar schön und gut, aber die Lösung beim Staat, sozusagen beim Nachfolger Cäsars zu suchen, ist grundfalsch. Cäsar ist nicht am Wohlergehen der Menschen interessiert. Cäsars Hauptmotivationen, sobald er Cäsar wird, sind Steuereinnahmen und Machtausübung. Diese Grundwahrheit ignoriert Franziskus völlig.

In Regierungskreisen weltweit hat er sich mit „Laudato si“ sicher viele Freunde gemacht …

Davon dürfen wir ausgehen. Insbesondere in den Staaten, die noch immer insofern ein wenig vom Christentum geprägt sind, dass dadurch ihr totalitärer Impuls noch gebremst wird – also hauptsächlich im Westen. In den anderen Weltregionen ist Religion entweder ein fester, integraler Bestandteil der weltlichen Macht oder nur schmückendes, mehr oder weniger toleriertes gesellschaftliches Beiwerk. Entscheidend aber ist die Reaktion im Westen. Hier wurde die individuelle Freiheit erstmals institutionalisiert, hier entstand die moderne Naturwissenschaft, hier fand im Mittelalter eine erste, im 18. und 19. Jahrhundert eine zweite Industrielle Revolution statt. Religion hat die Kraft, weltliche Regierungen wirksam einzuschränken, aber nur das Christentum hat das über Jahrhunderte hinreichend erfolgreich geschafft, dass in „seinem“ Gebiet Freiheit und Wohlstand dauerhaft wachsen konnten. Natürlich haben weltliche Machthaber ständig nach Möglichkeiten gesucht, ihre Untertanen wieder „einzufangen“. Nachdem das Versprechen vom Arbeiterparadies in sich zusammengefallen ist, scheinen sie mit „Rettet die Erde“-Parolen ein neues probates Gegenmittel gefunden zu haben: Eine neue Religion – die in Wahrheit eine sehr alte in neuer Gestalt ist. Da freuen sie sich natürlich, wenn der Pontifex ihre Mantras nachbetet. Das, und die Tatsache, dass in den Jubelmedien sämtliche anderen Äußerungen in Laudato Si – die kulturkonservativen Äußerungen zu Themen wie Familie, Abtreibung, Sexualität und „Relativismus“ – völlig ignoriert werden, sagen mir, dass Franziskus bestenfalls ein wenig naiv ist und nicht merkt, dass er von verschiedenen Gesellschaftsklempnern und Apologeten einer Weltregierung instrumentalisiert wird.

Fällt Franziskus mit Laudato Si dem Phänomen zum Opfer, das Sie in Ihrem Buch als eine Art von „Sucht“ beschreiben, eine Sucht nach einem „Paradies auf Erden“?

Es sieht in der Tat so aus. Diese „Sucht“ ist weltweit verbreitet. Ihr gegenwärtiger „Stoff“ ist das beliebig vermehrbare Fiatgeld der Zentralbanken. Mit ihm, vor allem zusammen mit dem Teilreserve-Bankwesen, lässt sich lange Zeit die Illusion aufrecht erhalten, der Mensch habe unbegrenzte Möglichkeiten, seine Welt nach seinem Gusto zu gestalten. Warum also nicht ein Paradies schaffen? Das geht natürlich regelmäßig schief, aber wer den Zusammenhang mit dem Fiatgeld nicht durchschaut, neigt dazu, dann lediglich einen anderen Weg ins vermeintliche Paradies einzuschlagen, statt die Richtung völlig zu ändern.

So auch bei Franziskus, der zwar erkennt, dass die Menschheit irgendwie erkrankt ist, aber die Ursache, das rücksichtslose Vermehren ungedeckten Geldes entweder nicht erkennt oder nicht zur Kenntnis nehmen will. Infolgedessen empfiehlt er nicht etwa die Abstinenz von diesem „Stoff“, sondern allenfalls dessen „bessere“, „gerechtere“ Verteilung im vergifteten Körper. Etwas anderes kann man nicht erwarten von einem Papst, der intellektuell im Umfeld der sozialistisch geprägten Befreiungstheologie groß geworden ist.

Einerseits ist er sich zwar der Unvermeidbarkeit des Leidens in dieser Welt bewusst und somit ein Realist. Indem er aber den Umverteilern und den vermeintlichen Weltrettern rhetorisch hinterherläuft, trägt er dazu bei, dass das Leid vergrößert wird. Die Tragik dabei ist, dass der Papst zu vergessen scheint, dass laut Bibel die Rückkehr ins Paradies durch einen mit „flammendem Schwert“ bewaffneten Erzengel versperrt ist. Wie viel mehr könnte er erreichen, wie viel mehr Glaubwürdigkeit würde er gewinnen, wenn er darauf hinweisen würde. Wie viel mehr auch, wenn er auf das Einhalten der Gebote Gottes bestehen würde, und darauf hinweisen würde, dass die Herstellung von Fiatgeld massiver Betrug ist und somit ein Bruch der Gebote gegen das Lügen und Stehlen. Aber das würde bedeuten, dass er sich mit der modernen Machtreligion anlegen würde. Und dann hätten wir wohl ganz schnell zwei Päpste in Rente.

Sie meinen, wenn sich Franziskus ähnlich verhalten würde wie Jesus, als er die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel geworfen hat …

Ja. Die Händler und Geldwechsler nutzten ein von den Hohepriestern erteiltes Privileg, im Vorhof des Tempels Opfertiere gegen Schekel zu tauschen, und Schekel gegen „profanes“ Geld, indem sie überhöhte Preise forderten. Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Tempel wird von Antikapitalisten oft als Vorwand benutzt, Jesus als Proto-Sozialisten darzustellen. Dabei hat er, wenn man schon ökonomische Kategorien heranzieht, gegen das künstlich erzeugte und geschützte Oligopol protestiert – und vor allem gegen die darin stattfindende Ausbeutung der Pilger beziehungsweise Konsumenten. Nicht gegen Händler und Kapitalisten im Allgemeinen – ich erinnere nochmal an den Wirt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein Oligopol mit Preisabsprachen, das ist auch unser staatlich geschütztes Bankensystem. Mit dem Unterschied natürlich, dass dieses Oligopol ganze Volkswirtschaften und Kontinente beherrscht und nicht nur einen Tempelvorhof. Die Nutznießer des Tempelhandels – die Hohepriester – haben Jesus seine direkte Aktion nicht verziehen. Unser betrügerisches Geldsystems, das Wohlstand von unten nach oben, von privater in die öffentliche Hand umverteilt, Kapital vernichtet, Fehlinvestitionen, Rohstoffverschwendung und Umweltverschmutzung fördert, hat natürlich auch seine Nutznießer. Und die gehen mit ihren Gegnern auch nicht gerade zimperlich um – man schaue sich zum Beispiel an, wie die Herrscherkaste mit dem US-Präsidentschaftskandidaten, Befürworter einer goldgedeckten Währung und bekennenden Christen Ron Paul und seinen Anhängern umgesprungen ist. Da braucht man schon eine besondere Portion Mut, wenn man sich mit solchen Leuten direkt anlegen will. Franziskus will das ganz offenbar nicht.

Vielen Dank, Herr Grözinger.

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Das Interview wurde im Juli 2015 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Foto-Startseite: NBC News

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Robert Grözinger ist Diplom-Ökonom, Wirtschaftslehrer, Übersetzer und Publizist. Er ist Autor der Bücher „Jesus, der Kapitalist – Das christliche Herz der Marktwirtschaft“ (2012) und „Wer ist Ron Paul? – Der Kandidat aus dem Internet“ (2008).

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