Im Sparen liegt die Moral

16.4.2014 – Sparen heißt Konsumverzicht. Es heißt: auch ans Morgen denken statt nur ans Heute, auch an den Nächsten statt nur ans eigene Ich. Doch: warum eigentlich verzichten, wenn der Wert des Geldes ohnehin laufend schwindet?

von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan

Wer heute spart, könnte man sagen, ist eigentlich ein Idiot. Oder ein unverbesserlicher Idealist. Jedenfalls hat er die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Sein Konsumverzicht – denn dies bedeutet Sparen ja: ich hebe Geld für morgen auf, statt es heute zu verkonsumieren – wird ihm nicht vergolten. Im Gegenteil. Die Gefahr ist groß, dass sein angespartes Geld entwertet wird – laufend und unmerklich: durch Inflation. Also entscheidet sich der sparbereite Zeitgenosse vielleicht doch, sozusagen aus höherer Einsicht, aber wider Willen, zum Konsum. Er kauft sich Dinge, die er eigentlich gar nicht braucht. Und irgendwann kauft er sich Dinge, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann. Willkommen im schuldenfinanzierten Konsumismus unserer Tage!

«Konsumismus» klingt negativ. Ist Konsum denn unmoralisch? Weder Konsum noch Kredit sind grundsätzlich mit einem moralischen Makel behaftet. Doch bietet die Geschichte zahlreiche Belege dafür, dass Phasen, in denen Konsum und Schulden das Sparen in den Schatten stellen, mit zynischem Verhalten einhergehen. Der Grund ist einfach: Exzessiver Konsum bedeutet absolute Gegenwartsfixiertheit – nach mir die Sintflut! Alle Hüllen fallen, ebenso alle Hemmungen. Eine besonders eindrückliche Beschreibung von einerseits Konsumanstieg und anderseits moralischer Enthemmung bietet Boccaccio in seinem «Decamerone» – die Leute klammern sich im Angesicht des drohenden Todes durch die Pest an das, was der Tag zu bieten hat: «Sie zogen Tag und Nacht von einer Schenke in die andere und tranken ohne Maß und Ziel. Am tollsten jedoch trieben sie es in fremden Häusern […].» In der Chronik des Matteo Villani wird überliefert: «Die Menschen […] trieben es zügelloser und erbärmlicher als jemals zuvor. Sie ergaben sich dem Müssiggang, und ihre Zerrüttung führte sie in die Sünde der Völlerei, in Gelage, in Wirtshäuser, zu köstlichen Speisen und zum Glücksspiel. Bedenkenlos warfen sie sich der Lust in die Arme.»

Bourgeoise Bigotterie?

Ist die Verurteilung einer höheren Konsumneigung nicht bloß bourgeoise Bigotterie? Die klassische Tugendlehre tadelt den Verlust des rechten Maßes und adressiert damit eine Schieflage im Handeln. Konsum- und Sparneigung verweisen aufeinander: Ich konsumiere heute, aber ich konsumiere kontrolliert, weil ich auch morgen eine Option auf Konsum oder Investition haben möchte. Denke ich nur ans Heute, verschulde ich mich, um zu konsumieren. «Schief» wird der Kredit spätestens dann, wenn er zu einer Verschuldungsspirale führt. Überschuldung bedeutet, dass eine Rückzahlung der Schulden in voller Höhe nicht mehr möglich ist, weil das gesamte Einkommen schon durch die Zinslast aufgefressen wird.

Die Schieflage ist zunächst eine in der Zeit: Das Handeln in der Gegenwart wird gegenüber zukünftigen Folgen stark überbewertet. Ökonomen beschreiben dieses Verhalten als Ausdruck hoher Zeitpräferenz. Eine allzu niedrige Zeitpräferenz kann dazu führen, den Augenblick nicht zu schätzen und damit das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen, weil man stets für ein ungewisses Morgen plant. Das wäre das «ungelebte Leben», wie es Erich Fried poetisch und Carl Gustav Jung psychologisch ausdrückten. Doch bei allem Lob für die Lebendigkeit des Augenblicks dürfen wir nicht vergessen, dass ein großer Teil menschlicher Kultur auf der geistig-abstrakten Überwindung des Augenblicks beruht, die die Grundlage niedriger Zeitpräferenz ist. Zwischen den Polen der Vitalität und der Disziplin, der sinnlichen Bodenhaftung und der geistigen Orientierung, der Immanenz und der Transzendenz ist der Mensch aufgespannt und muss auch hier sein persönliches rechtes Maß finden.

«Sparen» bedeutet «retten» und «bewahren»

Ein Übertreiben des momentbezogenen Lebenstriebes hat für den einzelnen eine kulturelle und eine physiologische Folge. Einerseits sind viele menschliche Ziele, insbesondere die komplexeren, nur auf Umwegen erreichbar. Wie es der österreichische Ökonom Eugen Böhm von Bawerk formulierte, bieten Umwege eine «Mehrergiebigkeit». Rein im Moment müssen wir uns mit dem abfinden, was gerade da ist. Mit entsprechender Genügsamkeit und günstiger oder gnädiger Umwelt reicht das vielleicht noch für die Grundbedürfnisse aus, doch höhere Ziele, die die menschliche Kultur ausmachen, bleiben unerreichbar. Die Wortwurzel von «Kultur» bezieht sich auf die erste größere Kulturleistung, die ein Bewirtschaften der Zeit erforderte: die Landwirtschaft. Dem Menschen bliebe sein Potential weitgehend verborgen, wenn er nicht für höhere Ziele manch Niederes zurückstellen würde. Dies ist das kulturelle Argument gegen eine zu hohe Gegenwartsorientierung.

Das physiologische Argument erkennt an, dass Menschen altern: Unsere Erwerbsfähigkeit nimmt ab. Träfen wir dafür keine Vorsorge, würde entweder unser Leben elendiglich verkürzt oder die Erwerbsfähigkeit der Jungen so überlastet, dass deren Leben in unverantwortlicher Weise eingeschränkt würde.

Doch recht bedacht, sind Sparen, Konsum und Kredit gar keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Die etymologische Wurzel des Wortes «Sparen» bedeutet «retten» und «bewahren». Im Niederdeutschen erhielt sich noch die Wendung «Gott spare dich gesund!». Recht verstandenes Sparen ist ebenso wie recht verstandener Konsum auf das Leben ausgerichtet. Die politische Zerrüttung des ökonomischen Zusammenhangs zwischen Sparen und Konsum verkürzt die Perspektive unseres Handelns und raubt der Wirtschaft ihren Sinn. Roland Baader, der unermüdliche Mahner gegen die Geldentwertung, beklagte in seinem Werk «Geldsozialismus»: «Alle Beteiligten sind auf endloser Renditejagd, um dem Kaufkraftverlust ihres Geldes entgegenwirken zu können. Damit fallen auch die moralischen Schranken der Menschen gegen Staatsverschuldung, gegen Kreditfinanzierung des ganzen Lebens und gegen unverantwortliche Finanzakrobatik.» Besonders gut dokumentiert sind die Verhältnisse im Zuge des großen Inflationsexperiments der Französischen Revolution, als auf der Grundlage enteigneter Kirchengüter die Papierwährung der Assignaten emittiert wurde. Der amerikanische Historiker Andrew D. White schildert die Korrelation zwischen wirtschaftlichen und moralischen Verwerfungen in seinem Buch «Fiat Money Inflation in France» in blumigen Worten: «Aus der Preisinflation erwuchs eine Spekulantenklasse und […] jedes Geschäft wurde zum Glücksspiel, alle Geschäftsleute wurden Spieler. […] Als dann dazu die Werte immer unsicherer und unsicherer wurden, sah man keinen Grund mehr dafür, sorgfältig und sparsam zu wirtschaften, aber jeden Grund, unmittelbare Ausgaben zu tätigen, um sich gleich in der Gegenwart zu vergnügen. So kam es im ganzen Land zur Vernichtung der Sparsamkeit. […] Sinnloses und verschwenderisches Luxusleben stellte sich ein […]. Um diesem Luxusleben Nahrung geben zu können, begingen im ganzen Land die Menschen Betrügereien, und die Beamten und Vertrauensträger ließen sich bestechen.»

Ansichhalten und Sichgehenlassen

Das rechte Maß zwischen Ansichhalten und Sichgehenlassen zu finden, ist schon für Individuen nicht leicht. In Gesellschaften ist es besonders schwierig, weil es durch unser Imitationsverhalten zu massiven Verstärkungseffekten kommt. Die Entwertung des Sparens führt zur übertriebenen Betonung von Kräften der Verausgabung. Solche Kräfte sind die Jugend, die Lust, die Leidenschaften und die Linke. Auf Übertreibungen folgen freilich zuverlässig Gegenübertreibungen. Wird der Wohlstand als Scheinwohlstand durchschaut, gilt die Jugend plötzlich als lotterhaft, wird harte Erziehung eingefordert, setzt sich eine lustfeindliche Lebenshaltung durch, steht die Linke am Pranger.

Der altmodische Ausdruck von der «Sittlichkeit» verweist ebenso wie das lateinische Wort «Moral» auf die bewährten Gepflogenheiten des Zusammenlebens – das Remedium gegen Übertreibungen auf beide Seiten. Damit ist gemeint: eine Orientierung nicht nur am Heute, sondern auch am Morgen und Übermorgen, nicht nur am eigenen Ich, sondern auch am Nächsten und Übernächsten, es bedeutet Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Selbstbeschränkung, Mut und Augenmaß. Ohne eine Grundstabilität von Erwartungen gegenüber dem Nächsten kann keine Gesellschaft überdauern. Droht sich die Gesellschaft aufzulösen, folgt die panische Reaktion auf die vorherige Überdehnung. Die letzte große Entwertungsphase beschrieb Stefan Zweig so: «Welch eine wilde, anarchische […] Zeit, jene Jahre, da mit dem schwindenden Wert des Geldes alle andern Werte […] ins Rutschen kamen! Eine Epoche begeisterter Ekstase und wüster Schwindelei, eine einmalige Mischung von Ungeduld und Fanatismus.» Niemand hätte gedacht, dass die damals aufgekommene Jugendbewegung letztlich in den Nationalsozialismus münden sollte. Kurz zuvor wähnte man sich noch im «goldenen Zeitalter der Sicherheit». Kaum waren die Ersparnisse unsicher, fielen auch alle anderen Sicherheiten. Zuerst das Sparen, dann die Moral?

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen im „Schweizer Monat“, der Autorenzeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur (Ausgabe April 2014).

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Rahim Taghizadegan ist Wirtschaftsphilosoph und Gründer des unabhängigen Instituts für Wertewirtschaft in Wien. Er lehrte unter anderem an der Universität Liechtenstein, der Wirtschaftsuniversität Wien, der Universität Halle und der SMC University. Zudem veröffentlichte Taghizadegan zahlreiche Publikationen zum Thema und hält Vorträge zur Österreichischen Schule der Ökonomie im In- und Ausland.

Im Juni erscheint sein neues Buch „Österreichische Schule für Anleger“ im FinanzbuchVerlag – mehr Informationen hier.

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