Bankenkrise!

27.11.2013 – Der folgende Artikel ist Teil einer umfangreichen Kommentarsammlung, die Murray N. Rothbard mit Blick auf ein breites Publikum zwischen 1982 und 1995 zu aktuellen Ereignissen im monatlichen Magazin des Ludwig von Mises Instituts in Auburn veröffentlicht hat. Dem geneigten Leser wird auffallen, dass uns heute dieselben Ereignisse wieder in den Schlagzeilen begegnen!

Diese klassischen Analysen von Murray Rothbard haben über die Zeit kaum an Gültigkeit eingebüßt, wenn man mal von den Zahlen absieht, die heute deutlich dramatischer aussehen als damals. Trotzdem wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen.

Arne Wolframm (Übersetzer des folgenden Beitrages)

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Bankenkrise!

[Der Beitrag wurde im März 1991 erstmals veröffentlicht.]

Murray N. Rothbard

Die Verfasser von Wirtschaftslehrbüchern, die Finanzmarktkommentatoren und natürlich die Mainstream-Ökonomen von Keynes bis Friedman glauben seit dem Jahr 1933, dass das Geschäftsbankensystem absolut sicher sei. Seit Einführung der staatlichen Einlagensicherung in diesem Jahr würde die Zeit der Bankenanstürme ein für allemal vorbei sein. Das Geld der Kontoinhaber sei sicher, weil es nun von der staatlichen Einlagensicherung beschützt wird. Nur altmodische Spinner vertreten noch die Ansicht, dass das Bankensystem morsch oder sogar insolvent wäre.

Diese paradiesische Sichtweise hat sich seit dem Zusammenbruch der Bausparkassen im Jahr 1985, der den Steuerzahler ungefähr ein Billion Dollar kosten wird, geändert. Das Establishment konnte sich zwar diesmal auf die staatliche Einlagensicherung verlassen, aber die Selbstsicherheit ist weg.

Der angeblich tote Bank-Run war nämlich wieder da  –  und zwar komplett: mit nächtelangen Warteschlangen, verlogenen Beteuerungen der Bankdirektoren, dass alles in Ordnung sei und die Leute doch Bitteschön nach Hause gehen sollen und einer Öffentlichkeit, die trotz dieser Versicherungen darauf beharrte, ihr Geld aus den Banken zu schaffen. Wie schon 1932-33 wurden die Banken dann vom Staat geschlossen, um sie davor zu bewahren, ihre Schuldversprechen einlösen zu müssen.

Die Bankenanstürme begannen mit den Bausparkassen von Ohio und Maryland. Dann traf es die Kreditgenossenschaften von Rhode Island. Diese Banken verfügten über private „Einlagenversichung“. Ein paar Tage später war die Bank of New England dran, nachdem sie nach der Bekanntgabe von Milliardenverlusten Insolvenz anmelden musste. Währenddessen eilte ihr Direktor von Zweigstelle zu Zweigstelle, um den Kontoinhabern fälschlicherweise zu versichern, dass ihr Geld sicher sei. Der Spuk endete schließlich mit der Übernahme der Bank durch die staatliche Einlagensicherung, die nun die teure Abwicklung übernimmt.

Im Verlauf der aktuellen wie auch der historischen Bankstürme konnte folgendes, faszinierendes Phänomen beobachtet werden: Wenn in einer Gegend eine marode Bank gestürmt wurde, so wurden, wie in einem Dominoeffekt, auch die anderen Banken in der Gegend gestürmt und damit ausgelöscht. Ein verdatterter Paul Samuelson, seines Zeichens Chefökonom des Establishments, gestand dem Wall Street Journal: „Ich war mir sicher, dass wir nie wieder richtige Bankanstürme sehen werden. Und wenn dann noch gesunde Banken gestürmt werden, weil ein paar schlechte Banken insolvent gehen … dann ist das ein Rückfall in alte Zeiten.“

In der Tat ein Rückfall in alte Zeiten: Die Banken sind heutzutage wieder gefährdet.

Warum eigentlich? Wir wissen, dass der Immobilienkollaps die Aktiva-Bewertungen der Banken reduziert. Aber es gibt keinen „Sturm“ auf Immobilien. Die Bewertungen fallen einfach, was nicht  mit dem totalen Bankrott aller Immobilienbesitzer gleichzusetzten ist. Selbst wenn Hypothekendarlehen nicht  vollständig bedient werden und die Werte der Sicherheiten, also der Immobilien, sinken, sollte dies kein Grund für den Kollaps aller Banken in der betroffenen Gegend sein.

Andersherum gefragt: Warum gibt es den Dominoeffekt nur bei Banken und nicht bei Immobilien, Energieversorgern, Verlagen, Einzelhändlern oder in jedem anderen Wirtschaftsbereich, in dem Firmen insolvent gehen können? Warum sind immer auch die von den Mainstream-Ökonomen als „gesund“ bezeichneten Banken sofort vom Kollaps bedroht und was bedeutet dann eigentlich „gesund“?

Die schlechten Banken haben die üblichen Sünden begangen: zu viele Hochrisikokredite vergeben, zu viele Investments in argentinische Staatsanleihen, inkompetente Manager, etc. Die schlechten Kredite fressen das Eigenkapital auf. Aber die „gesunden“ Banken haben nicht gesündigt. Sie haben nur vernünftige Darlehen vergeben. Und trotzdem: selbst die „gesunden“ Banken kollabieren fast so schnell wie die maroden Banken. Offensichtlich sind die „gesunden“ Banken nur ein kleines bisschen weniger marode als die schlechten Banken.

Alle Banken, ob Bausparkassen, Genossenschaftsbanken oder Geschäftsbanken, müssen also etwas gemein haben, was sie alle gleich anfällig macht. Dieses ‚Etwas‘ ist eigentlich offensichtlich, doch es wird selten darüber gesprochen: Es ist das „Teilreservesystem“. Alle Banken verpflichten sich vertraglich gegenüber ihren Einzahlern (Sparern), jederzeit die eingezahlten Geldsummen auf Anfrage auch wieder auszuzahlen. Aber nur wenn sämtliche Spareinlagen jederzeit zu 100% liquide bei der Bank vorrätig sind, kann die Bank dieses vertragliche Versprechen einhalten.

Der Staat ermuntert die Banken aber dazu, an Stelle einer 100%-igen und somit nicht-inflationären Reserve, nur einen Bruchteil der Einlagen in der Größenordnung von 10% als Mindestreserve vorzuhalten. Dies führt dazu, dass die Banken das Geldangebot mit dem Zehnfachen ihrer Einlagen inflationieren, was wiederum zu dem uns gut bekannten System aus permanenter Inflation, Boom-und-Bust-Phasen und schlussendlich zu Bankanstürmen führt, sobald die Öffentlichkeit die systemische Insolvenz des Bankensystem nicht länger zu ignorieren vermag.

Deshalb ist das Bankensystem, im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsbereichen, so stark vom „öffentlichen Vertrauen“ abhängig. Deshalb fühlt sich das Establishment dazu bemüßigt, öffentlich Vertrauensbekundungen abzugeben, deren Verlogenheit man sich vollkommen bewusst ist. Und deshalb forderten Ökonomen und Finanzmarktakteure sofort die staatliche Haftungsübernahme sämtlicher Einlagen bei der Bank of New England, und nicht nur der ‚versicherten‘ Konten bis 100.000 Dollar. Der Staat „musste“ schließlich die Gesamthaftung übernehmen, „weil sonst das Finanzsystem kollabieren würde“. Oder genauer gesagt, weil sonst jeder merken würde, dass das gesamte Mindestreservesystem nur aus Schall und Rauch besteht – ein Taschenspielertrick des Establishments.

Sobald die Öffentlichkeit herausbekäme, dass ihr Geld gar nicht in den Banken ist und dass die staatliche Einlagenversicherung auch kaum Geld hat, würde das Bankensystem schnell zusammenbrechen. Ja, sogar die Ökonomen sorgen sich, dass die staatliche Einlagenversicherung nur 0.7 % der Gesamteinlagen versichert. Aber sie glauben, dass ein „sicheres“ Rücklagenniveau erreicht wäre, wenn man stattdessen 1.5 % der Einlagen versichern würde. Kurz gesagt: das Bankensystem ist ein Kartenhaus.

Viele Befürworter freier Märkte fragen sich, warum ich, als Vorkämpfer allumfassender Privatisierung und Deregulierung, gegen die Deregulierung im Bankensystem bin. Nun, die Bankindustrie ist kein legitimer Wirtschaftsbereich, der legitime Dienstleistungen anbietet, solange sie auf dem Teilreservesystem aufbaut, das heißt, solange die Banken in betrügerischer Absicht Verträge abschließen, an die sie sich unmöglich halten können.

Die Befürworter von „Free Banking“ schlagen vor, das Problem mit privater Einlagenversicherung zu lösen. Das ist absurd, denn die private Einlagenversicherung würde als erste zusammenbrechen, weil jeder weiß, dass sie nicht genug Geld hat um alle Einlagen zu versichern. Außerdem steht weiterhin die Frage im Raum, warum andere Wirtschaftsbereiche diese Art von „Versicherung“ überhaupt nicht brauchen. Muss sich die Automobilindustrie gegen ihren eigenen Kollaps versichern, damit die Leute Autos kaufen?

Der einzige Grund, warum die Menschen an die staatliche Einlagenversicherung glauben ist, dass, selbst wenn das ‚Versicherungsfinanzpölsterchen‘ erschöpft ist, der Staat im Zweifelsfall eben einfach das Geld drucken und der Einlagenversicherung geben wird. Die Einlagenversicherung gibt das Geld dann den Banken und nicht einmal der Steuerzahler muss bluten. Und so wird also alles gut. Oder?

Nun, es gibt da einen kleinen Haken. Sagen wir, die staatliche Einlagenversicherung erhält frisch gedruckt eine Billion Dollar und zahlt diese an die geschädigten Sparer aus. Die Sparer würden das Geld wieder in anderen Banken einzahlen. Deren Reserven würden sich nun um besagte Billion vergrößern und somit können die Banken Dank des  Mindestreservesystems 10 Extrabillionen in Umlauf bringen. Das Ergebnis wäre eine sofortige Hyperinflation á  la Weimarer Republik. Deswegen ziert sich das Establishment, diese ultimative Sicherungslösung auch nur zu diskutieren. Und deswegen wäre es deutlich besser, den auf einen Bankenkollaps folgenden einmaligen Deflationsschock zu ertragen, um dann zu einem stabilen 100%-Reservebanksystem zurückzukehren.

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Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

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