Ohne Murray N. Rothbard kein Libertarismus
4. März 2026 – von Thorsten Polleit
Am 2. März 2026 war der 100. Geburtstag von Murray N. Rothbard. Er wurde in New York City geboren, seine Eltern waren Einwanderer jüdischer Herkunft aus Osteuropa. Nach eigenem Bekunden wuchs er in einem links-intellektuellen jüdischen Milieu auf, zeigte aber früh eine Abneigung gegen Sozialismus und Kollektivismus – beeinflusst auch durch seinen Vater. Rothbard studierte an der Columbia University (Mathematik und Ökonomik), machte dort 1945 seinen Bachelor und promovierte 1956 mit der Arbeit „The Panic of 1819: Reactions and Policies“. Entscheidend für Rothbards intellektuelle Entwicklung war jedoch ohne Zweifel die Begegnung mit Ludwig von Mises (1881–1973) ab 1949. Rothbard nahm regelmäßig an Mises’ Seminar an der New York University teil, wurde zu Mises’ bedeutendstem amerikanischen Schüler. Rothbards intellektueller Nachfolger, Hans Hermann Hoppe bezeichnet seinen Lehrer als Genie. Zu Recht, blickt man allein auf Rothbards überaus umfangreiches, weitgespanntes Werk – das Wirtschaftstheorie und -geschichte, politische Philosophie, Sozialphilosophie, Ethik und politische Geschichte umfasst.
Rothbard steht vor allem deswegen in direkter Linie zu Ludwig von Mises, weil er dessen wissenschaftlicher Methode, und zwar der Logik des menschlichen Handelns (Praxeologie), nicht nur gefolgt ist, sondern sie auch unbeirrt und unerschrocken in aller erkenntnistheoretischen (extremen) Konsequenz auf die von ihm bearbeiteten Wissensfelder angewendet hat. Der Dreh- und Angelpunkt des handlungslogischen Denkens ist der Satz „Der Mensch handelt“. Er lässt sich nicht widerspruchsfrei verneinen, ist wahr, gilt a priori. Und ansetzend an dieser unumstößlichen Erkenntnis baut Rothbard, wie vor ihm bereits Mises, sein ganzes wissenschaftliches Werk auf. Und das mutig und unverzagt, gegen alle Widerstände und Widrigkeiten.
Wie schon Mises zuvor stellt sich auch Rothbard dem vorherrschenden (und immer noch vorherrschenden) Dogma in der Hauptstrom-Ökonomik mit breiter Brust entgegen: Der historischen Wissenschaftsmethode, die positivistisch-empiristisch (Falsifizierbarkeit) ausgerichtet ist und die Rothbard als ungeeignet für die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zurückwies. Und genau das ist sicherlich auch einer der entscheidenden Gründe dafür, dass Rothbard innerhalb des Wissenschaftsbetriebes keine wirklich große Karriere machen konnte, dass zu Rothbards Lebzeiten die Rezeption seines Schaffens vergleichsweise gering geblieben ist, dass ihm nicht die Wertschätzung und akademische Würdigung zuteilwurde, die ihm zweifelsohne zugestanden hätte.
Rothbard hat sich als intellektuelle Ausnahmepersönlichkeit vielen unterschiedlichen Wissensgebieten gewidmet, hat dabei zahlreiche neue Erkenntnisbeiträge erarbeitet. Nachstehend eine kurze (und sicherlich nicht vollständige) Übersicht:
Wirtschaftstheorie
Mit „Man, Economy, and State“ (1962) legte Rothbard nicht nur ein Lehrbuch zu Mises‘ Human Action (1949) vor, sondern auch eine umfassende, detailliertere Darstellung des Theoriegebäudes der Ökonomik, konsequent auf handlungslogischen Überlegungen aufgebaut.
Bereits 1956 erarbeitete Rothbard in „Toward a Reconstruction of Utility and Welfare Economics“ eine rigorose Rekonstruktion der Wohlfahrtsökonomie. Er zeigte darin, dass interpersonelle Nutzenvergleiche unmöglich sind, und dass staatliche Interventionen nie „wohlfahrtssteigernd“ sein können. Zudem integriert Rothbard die Rententheorie von Frank A. Fetter (1863 – 1949) in die österreichische Kapitaltheorie, widerlegte die Idee, es gäbe Monopolpreise auf freien Märkten, stellte eine detaillierte Analyse des Unternehmertums vor, indem er die Rolle des Unternehmers als Unsicherheitsträger, „Kapitalallokator“ und Wissensvermittler (über Preise hinaus, ergänzend zu Hayek) betont.
In „What Has Government Done To Our Money?“ (1963) zeigt Rothbard auf, warum und wie die Staaten das Sachgeld durch ihr eigenes Fiatgeld ersetzt haben. Und in „The Mystery of Banking“ (1983) offenbart er die ganze betrügerische Struktur des heutigen Fiatgeldsystems. Folgerichtig wartet Rothbard mit der Forderung auf, die Zentralbank abzuschaffen, ausgeführt in seinem Buch „The Case Against the Fed“ (1994), verbunden mit der Anleitung, den US-Dollar wieder an das Gold zu binden.
Politische Philosophie
Mises akzeptierte einen minimalen Staat für Polizei, Gerichte und Verteidigung (z. B. in Liberalismus (1927) und Nationalökonomie (1940)). Anders Rothbard: Er lehnte jeden Staat ab, sah den Staat als aggressiven Banditen, der das Nicht-Aggressions-Prinzip (non-aggression principle) verletzt. In „For a New Liberty“ (1973) und „The Ethics of Liberty“ (1982) argumentierte Rothbard, dass alle staatlichen Funktionen (Sicherheit, Recht, Verteidigung) privat und marktmäßig erbracht werden können und sollten – etwa durch Versicherungen, private Schiedsgerichte und Sicherheitsfirmen. Das war die entscheidende Radikalisierung: Mises kritisierte den Interventionismus, Rothbard den Staat als solchen. Und nicht zu vergessen: Rothbard legte in „Power and Market: Government and the Economy“ (1970) eine scharfe Demokratiekritik vor (die Hans Hermann Hoppe dann in „Democracy. The God That Failed“ (2001) vollendete, zum Abschluss brachte).
Ethik der Freiheit
Mises‘ Liberalismus war utilitaristisch und wertfrei – er rationalisierte Freiheit als nützlich für Wohlstand, stellte aber dabei nicht auf ethisch-moralische Überlegungen ab. Rothbard entwickelte eine objektive, naturrechtliche Ethik basierend auf Selbsteigentum und ursprünglicher Aneignung von bisher nicht von anderen beanspruchten Ressourcen. In „The Ethics of Liberty“ (1982) leitet er daraus ein vollständiges libertäres Rechtssystem ab – inklusive Kinderrechte, Vertragsfreiheit und Ablehnung von Zwangsabgaben als Diebstahl.
Geschichte
Rothbard hat sich umfangreich mit der Interpretation geschichtlicher Episoden beschäftigt, hat dabei eine revisionistische Perspektive eingenommen, die wiederum das Ergebnis seiner handlungslogischen Überlegungen war. Rothbard schrieb sogar monumentale revisionistische Werke. Wie etwa „Conceived in Liberty“ (1979, vier Bände), eine libertäre Sicht auf die amerikanische Kolonialzeit und Revolution, dargestellt als Kampf gegen Zentralismus. Oder: „A History of Money and Banking in the United States: The Colonial Era to World War II”, eine Interpretation der Entwicklung des Geldsystems in den USA, der staatlichen Eingriffe und der dadurch verursachten Krisen. Besonders hervorzuheben ist Rothbards „An Austrian Perspective on the History of Economic Thought“ (2 Bände, posthum 1995): Eine umfassende Kritik und Neuinterpretation der Wirtschaftsgeschichte aus österreichischer Sicht (zum Beispiel scharfe Ablehnung von Adam Smith als Plagiator und Rückfall ins Arbeitswerttheorie-Denken; oder die (Wieder-)Entdeckung der spanischen Scholastiker als „Proto“-Österreicher).
Rothbard war aber nicht nur reiner Theoretiker im Elfenbeinturm, nein, er war auch ein Mann der Tat, der sich politisch engagierte, Think Tanks aufbaute, Koalitionen schmiedete, Newsletter herausgab und politische Kandidaten unterstützte. Seine Aktivität war dabei aber immer radikal anti-etatistisch, gleichzeitig pragmatisch-strategisch. Rothbard wollte Libertarismus nicht nur intellektuell durchdringen bis ins letzte Detail, ihn nicht nur lehren, sondern auch gesellschaftlich durchsetzen – oft durch unkonventionelle Allianzen. Und so baute Rothbard die moderne libertäre Bewegung in Amerika auf. Er war beispielsweise Mitbegründer der Libertarian Party (1971).
Angesichts der aktuellen Entwicklungen auf der Welt seien auch Rothbards libertäre Überlegungen mit Blick auf den Krieg erwähnt: Rothbard sah Krieg nicht etwa als ein notwendiges Übel, sondern als das ultimative Mittel des Staates, um die Freiheit der Individuen zu zerstören und sich selbst zu stärken. Er unterschied dabei strikt zwischen wirklicher Verteidigung (legitim) und Angriffskriegen (immer kriminell). Er beurteilte fast jeden modernen Krieg (besonders interventionistische Kriege der Vereinigten Staaten von Amerika) als illegitim und aggressiv, als ein Werkzeug zur Unterdrückung der Bürger.
Rothbard lehrte lange am Brooklyn Polytechnic Institute (1960er bis 1980er) in New York und ab 1986 als Distinguished Professor of Economics an der University of Nevada, Las Vegas (UNLV). Im 1982 von Llewellyn H. Rockwell Jr. gegründeten Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama (USA), war Rothbard Vizepräsident für akademische Angelegenheiten, die zentrale intellektuelle Figur. Rothbard war und blieb der geistige Motor und das Gesicht des Instituts bis zu seinem Tode 1995.
Man darf hier spekulieren: Ohne Mises hätte es vermutlich keinen Rothbard gegeben, und ohne Rothbard gäbe es heute keinen Libertarismus – also die rigorose, handlungslogisch hergeleitete und begründete Freiheitslehre. Rothbard hat der Nachwelt in jedem Falle einen unschätzbaren Nachlass übergeben: Wir wissen mit Rothbard (und das mit apodiktischer Gewissheit, wir wissen es a priori), wie eine Welt, wie eine Gemeinschaft von Menschen sich zu organisieren hat, damit sie friedvoll und produktiv gedeihen kann, national wie international. Rothbards Arbeiten sind keine akademischen Wolkenkuckucksheime. Die darin enthaltenen Erkenntnisse sind vielmehr eine handfeste Anleitung und Ermunterung für alle, die der Menschheit Frieden und Wohlstand bringen wollen.
Hans Hermann Hoppe und Stephan Kinsella haben am 100. Geburtstag von Rothbard eine sehr lesenswerte Aufsatzsammlung veröffentlicht, in der die Autoren über ihre persönlichen Erinnerungen an Rothbard berichten, sich aber auch inhaltlich mit Rothbards Werken beschäftigen. Wer also einen raschen Einstieg in Rothbards Leben und Werk quasi aus erster Hand sucht, der wird hier fündig.
Der libertäre Philosoph und Senior Fellow am Mises Institute, David Gordon, sagte zu mir einmal, Rothbard, sein intellektueller Mentor, „wusste alles über alles“. Und im gleichen Atmezug zitierte David aus Shakespeares Hamlet: „I shall not look upon his like again.“ („Ich werde seinesgleichen nicht wiedersehen.“) Wer sich einen ersten Überblick über Rothbards Werk verschafft hat, der ahnt bereits, wie treffend beide Aussagen von David Gordon sind.
Professor Dr. Thorsten Polleit war als Ökonom 15 Jahre im internationalen Investment-Banking tätig und danach 12 Jahre im internationalen Edelmetallhandelsgeschäft. Er ist zudem seit 2014 Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Thorsten Polleit ist Adjunct Scholar Mises Institute, Auburn, Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „ROME“ und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Im Jahr 2012 erhielt er den The O.P. Alford III Prize In Political Economy. Thorsten Polleit ist Autor zahlreicher Aufsätze in referierten Journals, Magazinen und Zeitungen. Seine letzten Bücher sind: „Des Teufels Geld. Der faustische Fiatgeld-Pakt – wie wir ihn kündigen und zu gutem Geld zurückkehren“(*) (Oktober 2023), „The Global Currency Plot. How the Deep State Will Betray Your Freedom, and How to Prevent It“(*) (2023), „Ludwig von Mises. Der kompromisslose Liberale“(*) (2022) und „Der Weg zur Wahrheit. Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“(*) (2022). Seit April 2024 gibt er Dr. Polleits BOOM & BUST REPORT heraus. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.
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Titelbild: Murray N. Rothbard © Mises Institute / Quelle: Independent Institute / Für nicht-kommerzielle Nutzung mit Attribution. Bearbeitung: Mises-Wappen hinzugefügt.

