Dem “Nudging” fehlt die ethische Legitimation

7. März 2022 – Öffentlicher Brief[1] von mehr als 50 in England tätigen Psychologen und Angehörigen der Gesundheitsberufe an Herrn William Wragg, Abgeordneter des englischen Parlaments (MP) und Vorsitzender des Ausschusses für öffentliche Verwaltung und konstitutionelle Angelegenheiten (PACAC), vom 18. Januar 2022.

Verkürzte Wiedergabe aus dem Englischen. Auslassungen werden durch “…” kenntlich gemacht. Die Fußnoten des englischen Originaltextes wurden nicht übernommen. [Hier das englische Original mit den Fußnoten ansehen.]

Ethische Bedenken aufgrund des Einsatzes von verdeckten psychologischen “Nudges” durch die Regierung in ihrer COVID-19 Kommunikationsstrategie

Sehr geehrter Herr Wragg,

wir schreiben Ihnen als eine Gruppe von Psychologen und Angehörigen der Gesundheitsberufe, um auf unsere großen ethischen Bedenken hinsichtlich des Einsatzes verdeckter verhaltenswissenschaftlicher Techniken (gemeinhin als “Nudges” bezeichnet, von nudge, schubsen, stoßen) in der Kommunikationsstrategie COVID-19 der Regierung hinzuweisen. Wir sind der Ansicht, dass der Einsatz dieser Verhaltensstrategien – die oft ohne bewusste Wahrnehmung der Menschen funktionieren und sich häufig darauf stützen, dass emotionale Notlagen aufgebauscht werden, um das Verhalten zu ändern – tiefgreifende moralische Fragen aufwirft.

Hintergrund

Eine umfassende Darstellung der vom BIT (Behavioural Insights Team)[2] empfohlenen psychologischen Techniken findet sich in dem Institute of Government Dokument, MINDSPACE: Influencing behaviour through public policy (Verhaltensbeeinflussung durch politische Maßnahmen), in dem die Autoren behaupten, dass ihre Strategien “kostengünstige und schmerzarme Möglichkeiten bieten, die Bürger … zu neuen Handlungsweisen zu bewegen, indem sie der Art und Weise, wie wir denken und handeln, auf den Grund gehen”.

Seit seiner Gründung im Jahr 2010 wird das BIT von Professor David Halpern geleitet, der derzeit der Geschäftsführer des Teams ist. Professor Halpern und zwei weitere Mitglieder des BIT sitzen derzeit auch in der Scientific Pandemic Insights Group on Behaviours (SPI-B), einer Untergruppe von SAGE, die die Regierung zu ihrer Kommunikationsstrategie für COVID-19 berät. …

Es ist wichtig zu betonen, dass der Einsatz der Verhaltenswissenschaft auf diese Weise eine radikale Abkehr von den traditionellen Methoden – Gesetzgebung, Bereitstellung von Informationen, rationale Argumente – darstellt, die von Regierungen eingesetzt werden, um das Verhalten ihrer Bürger zu beeinflussen. Im Gegensatz dazu wirken viele der vom BIT bereitgestellten “Anstöße” – in unterschiedlichem Maße – automatisch auf uns ein, unterhalb der Ebene des bewussten Denkens und der Vernunft.

Die “Nudges” von Belang

Das BIT und das SPI-B haben den Einsatz vieler Techniken aus der Verhaltenswissenschaft in den COVID-19-Mitteilungen der Regierung gefördert. Es gibt jedoch drei “Nudges”, die uns am meisten beunruhigt haben:

  • die Ausnutzung von Angst (Steigerung der Bedrohungswahrnehmung),
  • Scham (Verquickung von Konformität mit Tugend) und
  • Gruppendruck (Darstellung von Nichtkonformisten als abweichende Minderheit)

oder “Affekt”, “Ego” und “Normen”, um die Sprache des MINDSPACE-Dokuments zu verwenden.

AFFEKT/ANGST

In dem Bewusstsein, dass eine verängstigte Bevölkerung eine gefügige ist, wurde die strategische Entscheidung getroffen, das Angstniveau der gesamten britischen Bevölkerung zu erhöhen. Im Protokoll der SPI-B-Sitzung vom 22. März 2020 heißt es: “Die gefühlte persönliche Bedrohung muss bei denjenigen, die selbstgefällig sind, erhöht werden”, und zwar “durch den Einsatz eindringlicher emotionaler Botschaften”. In der Folge haben die gemeinsamen Bemühungen des BIT und der SPI-B in Verbindung mit den dienstbaren Leitmedien die britische Öffentlichkeit mit einer langanhaltenden und konzertierten Angstkampagne überzogen. Zu den angewandten Methoden gehören:

  • Tagesstatistiken ohne Kontext: Die makabere Mono-Darstellung der COVID-19-Todesfälle ohne Erwähnung anderer Todesursachen oder der Tatsache, dass im Vereinigten Königreich unter normalen Umständen jeden Tag etwa 1.600 Menschen sterben.
  • Immer wiederkehrende Aufnahmen von sterbenden Patienten: Bilder von akut kranken Menschen auf der Intensivstation.
  • Beängstigende Slogans: Zum Beispiel “WENN SIE RAUSGEHEN, KÖNNEN SIE ES VERBREITEN, MENSCHEN WERDEN STERBEN”, typischerweise begleitet von erschreckenden Bildern von Rettungskräften mit Masken und Visieren.

EGO/SCHAM

Wir alle sind bestrebt, ein positives Bild von uns selbst zu haben. Unter Ausnutzung dieser menschlichen Tendenz haben Verhaltenswissenschaftler Botschaften empfohlen, die Tugendhaftigkeit mit der Befolgung der Covid-19-Beschränkungen und der anschließenden Impfkampagne gleichsetzen. Folglich bewahrt das Befolgen der Regeln die Integrität unseres Egos, während jede Abweichung Scham hervorruft. Beispiele für diese Nudges in der Praxis sind:

  • Slogans, die denjenigen beschämen, der sich nicht an die Regeln hält: Zum Beispiel “BLEIB ZU HAUSE, SCHÜTZE DAS GESUNDHEITSSYSTEM, RETTE LEBEN”.
  • Fernsehwerbung: Schauspieler sagen uns: “Ich trage einen Gesichtsschutz, um meine Freunde zu schützen” und “Ich halte Abstand, um dich zu schützen”.
  • Klatschen für Pflegekräfte: das vorher orchestrierte wöchentliche Ritual, das angeblich die Wertschätzung für das Gesundheits-Personal zeigen soll.
  • Minister, die Schüler auffordern, “ihre Oma nicht umzubringen”.
  • Scham erzeugende Werbespots: Nahaufnahmen von akut erkrankten Krankenhauspatienten mit dem Begleitkommentar: “Können Sie ihnen in die Augen sehen und ihnen sagen, dass Sie alles tun, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern?“

NORMEN/GRUPPENZWANG

Das Wissen um die vorherrschenden Ansichten und Verhaltensweisen unserer Mitbürger kann uns unter Druck setzen, uns anzupassen, und das Wissen, zu einer abweichenden Minderheit zu gehören, ist eine Quelle des Unbehagens. Die Regierung hat während der COVID-19-Krise wiederholt Gruppenzwang ausgeübt, um die Öffentlichkeit dazu zu bringen, sich den immer strenger werdenden Beschränkungen zu unterwerfen, ein Vorgehen, das bei höherer Intensität in Sündenbockmentalität umschlagen kann. Das deutlichste Beispiel dafür ist, dass die Minister in Interviews mit den Medien häufig darauf verwiesen haben, dass die große Mehrheit der Menschen “die Regeln befolgt” oder dass fast alle von uns konform sind. Um jedoch den normativen Druck zu verstärken und aufrechtzuerhalten, müssen die Menschen in der Lage sein, die Regelbrecher sofort von den Regelbefolgern zu unterscheiden; die Sichtbarkeit der Gesichtsverhüllung bietet diese unmittelbare Unterscheidung. Die Umstellung auf die obligatorische Verwendung von Masken in Begegnungs-Situationen im Sommer 2020, ohne dass neue und belastbare Beweise dafür vorliegen, dass sie die Virusübertragung verringern, deutet stark darauf hin, dass die Maskenpflicht in erster Linie als Konformitäts-Maßnahme eingeführt wurde, um den normativen Druck zu erhöhen.

Ethische Fragen

Im Vergleich zu den typischen Überzeugungsinstrumenten einer Regierung unterscheiden sich die (oben beschriebenen) verdeckten psychologischen Strategien sowohl in ihrer Art als auch in ihrer unbewussten Wirkungsweise. Daher sind wir der Ansicht, dass es drei Hauptbereiche gibt, in denen ihr Einsatz ethische Bedenken aufwirft:

  • Probleme mit den Methoden an sich,
  • Probleme mit der fehlenden Zustimmung und
  • Probleme mit den Zielen, im Hinblick auf die sie angewendet werden.

Erstens ist es höchst fraglich, ob eine zivilisierte Gesellschaft wissentlich das emotionale Unbehagen ihrer Bürger erhöhen sollte, um sie zur Einwilligung zu bewegen. Regierungswissenschaftler darauf anzusetzen, Angst, Scham und Sündenbockmentalität zu erzeugen, um eine Änderung der Gesinnung zu bewirken, ist eine ethisch fragwürdige Praxis, die in mancher Hinsicht den Taktiken totalitärer Regime wie China ähnelt, wo der Staat bei einem Teil der Bevölkerung Leid erzeugt, um Überzeugungen und Verhaltensweisen zu beseitigen, die er als regimekritisch ansieht.

Ein weiteres ethisches Problem, das mit diesen verdeckten psychologischen Techniken verbunden ist, betrifft ihre unbeabsichtigten Folgen. Beschämungs-Techniken und Sündenbocksuche haben einige Menschen dazu ermutigt, diejenigen zu schikanieren, die keine Gesichtsbedeckung tragen können oder wollen. Noch beunruhigender ist, dass die gesteigerten Ängste in erheblichem Maße zu den vielen Tausenden von überzähligen Todesfällen beigetragen haben, die nicht durch COVID verursacht wurden, und dass die strategisch geschürten Ängste viele davon abgehalten haben, wegen anderer Krankheiten Hilfe zu suchen. Darüber hinaus sind viele ältere Menschen, die durch die Angst ans Haus gefesselt sind, möglicherweise vorzeitig an Einsamkeit gestorben. Bei Personen, die bereits unter zwanghaften Problemen im Zusammenhang mit Ansteckungsgefahren leiden, und bei Patienten mit schweren Gesundheitsängsten hat die Angstkampagne deren Qualen noch verschlimmert. Selbst jetzt, wo allen gefährdeten Gruppen die Impfung angeboten wurde, werden viele unserer Bürger weiterhin vom “COVID-19-Angstsyndrom” gequält, das durch eine Kombination aus Angst und unangepassten Bewältigungsstrategien gekennzeichnet ist, die zu psychischen Beeinträchtigungen führt.

Zweitens ist die Zustimmung des Empfängers vor einer medizinischen oder psychologischen Intervention eine grundlegende Voraussetzung für eine zivilisierte Gesellschaft. Professor David Halpern (Geschäftsführer des BIT und prominentes Mitglied der SPI-B) hat ausdrücklich die erheblichen ethischen Dilemmata anerkannt, die sich aus dem Einsatz von Beeinflussungsstrategien ergeben, die unbewusst auf die Bürger des Landes einwirken. Im MINDSPACE-Dokument – an dem Professor Halpern als Mitverfasser beteiligt ist – heißt es: “Politische Entscheidungsträger, die diese Instrumente einsetzen wollen, … benötigen dazu die Zustimmung der Öffentlichkeit”. In seinem kürzlich erschienenen Buch Inside the Nudge Unit (Innerhalb der Nudging-Einheit) betont Professor Halpern sogar noch stärker die Bedeutung der Zustimmung:

Wenn Regierungen … verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse nutzen wollen, müssen sie die Zustimmung der Öffentlichkeit einholen und erhalten. Letztendlich müssen Sie – die Öffentlichkeit, der Bürger – entscheiden, was die Ziele und Grenzen von Nudging und empirischer Versuche sein sollen.

Soweit uns bekannt ist, wurde bisher noch kein Versuch unternommen, die Zustimmung der Öffentlichkeit zur Anwendung verdeckter psychologischer Strategien einzuholen.

Drittens kann die wahrgenommene Legitimität des Einsatzes unbewusster “Nudges” zur Beeinflussung von Menschen auch von den angestrebten Verhaltenszielen abhängen. Möglicherweise wäre ein größerer Teil der Öffentlichkeit damit einverstanden, dass die Regierung auf unbewusste Nudges zurückgreift, um die Gewaltkriminalität zu verringern, als mit dem Ziel, noch nie dagewesene, nicht evidenzbasierte Beschränkungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit einzuführen. Hätten die britischen Bürger dem heimlichen Einsatz von Angst, Scham und Gruppenzwang zugestimmt, um die Einhaltung von Abriegelungen, Vermummungsvorschriften und Impfungen zu erreichen? Vielleicht sollten sie vorher befragt werden, falls die Regierung künftig den Einsatz solcher Techniken erneut in Betracht zieht.

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[1] Eine Berichterstattung des The Telegraph über den Brief finden Sie hier: https://www.telegraph.co.uk/politics/2022/01/28/grossly-unethical-downing-street-nudge-unit-accused-scaring/

[2] Staatliche Behörde, die sich mit der Aufgabe der Anwendung der Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften für politische Zwecke befasst.

Bild der Unterzeichner des Offenen Briefes

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto : Adobe Stock

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