Vorsicht vor dem Bitcoin? Vorsicht vor dem Euro?

17. Dezember 2021 – von Gunther Schnabl

Gunther Schnabl

[Ich bedanke mich bei Stefan Kübler und Alexander Herborn für wertvolle Hinweise.]

Otmar Issing – ehemaliger Chef-Volkswirt der EZB – und Klaus Masuch  – Principal Adviser in der EZB – haben am 9. Oktober in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu „Vorsicht vor dem Bitcoin“ geraten. Anlass ist ein neues Gesetz, das es deutschen Investmentfonds erlaubt in Bitcoin anzulegen. Die Autoren verweisen auch auf einen weiteren kritischen Beitrag zu Bitcoin der EZB-Mitarbeiter Ulrich Bindseil und Jürgen Schaaf mit dem Titel „Nicht von Bitcoin narren lassen“. Als Gefahren nennen die Autoren einen fehlenden intrinsischen Wert von Bitcoin, Risiken für die Finanzmarktstabilität, den Gebrauch bei der Finanzierung organisierter Kriminalität, einen hohen Energieverbrauch sowie die Gefahr, dass die Steuerzahler für Finanzrisiken haften müssen. Es ist gut, dass die Autoren vor möglichen Risiken schützen wollen, doch sei in den genannten fünf Punkten ein Vergleich zwischen Bitcoin und Euro erlaubt.

Erstens schreiben die Autoren, dass der Bitcoin keinen intrinsischen Wert habe, also keinen direkten Gebrauchs- oder Verbrauchswert wie etwa bei Gold (siehe auch Thiele 2017). Das ist richtig, aber ein gewisser Gebrauchswert ergibt sich dadurch, dass Bitcoin elektronische Transaktionen ohne Bankkonto möglich macht (Peer-to-Peer). Auch der Euro hat keinen intrinsischen Wert, bestenfalls in Form des Brennwerts der Noten und des Metallwerts der Münzen.

Das Vertrauen in die beiden Währungen hängt damit davon ab, wie glaubwürdig diese sind. Den Bitcoin zeichnet aus, dass durch sein Regelwerk die Menge auf maximal 21 Millionen Bitcoin beschränkt ist. Die Miner müssen mit Strom eine große Arbeit verrichten, bevor ein Bitcoin entstehen kann (Proof-of-Work), wobei der Aufwand mit der Menge der geschaffenen Bitcoins zunimmt. Die Menge der geschaffenen Euros sollte durch das Ziel der Preisstabilität (§127 AEUV) und das Verbot der Staatsfinanzierung durch die Zentralbank (§123 AEUV) begrenzt werden. Doch diese Regeln scheinen ausgehöhlt, so dass die Bilanz des Eurosystems rasant wächst. Darüber hinaus ist zunehmend unklar, ob die Staatsanleihen und Kredite, die auf der Aktiv-Seite der Bilanz des Eurosystems dem Euro-Zentralbankgeld gegenüber stehen, nicht ausfallgefährdet sind. Das Vertrauen in den Euro (Bitcoin) sinkt (wächst), weshalb der Bitcoin gegenüber dem Euro – trotz starker Schwankungen – in der Tendenz an Wert gewinnt.

Zweitens zeigen sich die Autoren besorgt, dass der Bitcoin plötzlich seinen ganzen Wert verlieren und damit das Finanzsystem destabilisieren könnte. Dieses Risiko ist aufgrund des glaubwürdigen Knappheitsversprechens (siehe erstens) gering. Es besteht bestenfalls, wenn Bitcoins ein wesentlicher Teil eines Finanzprodukts sind (siehe auch fünftens). Der Gesetzgeber hat vielleicht deshalb die Anlage in Bitcoins auf Spezialfonds und dort auf einen Anteil von 20% begrenzt.

Hingegen gehen auch von der EZB Risiken für die Finanzmarktstabilität aus. Zum einen drückt die ultra-lockere Geldpolitik die Risikoprämien und begünstigt so Spekulation und hohe Verschuldung, die zu Finanz- und Schuldenkrisen führen können. Zum anderen drückt die EZB mit ihrer Niedrig-, Null- und Negativzinspolitik die Margen und Zinsüberschüsse der Banken, was den Bankensektor destabilisiert. Die Gefahren für die Banken könnten weiter wachsen, wenn die EZB selbst eine digitale Zentralbankwährung emittiert und die Sparer ihre Einlagen von den Geschäftsbanken zur Zentralbank verlagern.

Drittens kritisieren die Autoren, dass der Bitcoin der organisierten Kriminalität dienen kann. Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung gab es auch schon vor den Kryptowährungen, was nicht zu Kritik an oder gar zu Verbot von Dollar oder Euro geführt hat. In Gegensatz zum Fiat-Geld sind Bitcoin-Transaktionen in einer öffentlichen Buchhaltung (Blockchain) einsehbar. Ist man zudem derzeit nicht in Sorge, dass Teile des von der EZB indirekt abgesicherten EU-Wiederaufbaufonds in den Händen der italienischen Mafia landen könnten?

Viertens gibt es Kritik hinsichtlich der Klimaverträglichkeit des Bitcoins, der bei der Produktion (dem Schürfen) einen hohen Energieverbrauch hat. Allerdings ist die Produktion von Bitcoin geographisch unabhängig. Bitcoins können dort geschürft werden, wo Stromkapazitäten brach liegen (und deshalb billig sind). Da Strom nur schwer gespeichert werden kann, ist Bitcoin eine Möglichkeit, das Problem von zu viel Strom (Netzschwankungen) zu lösen.

Auch um Euros zu schaffen und zu verteilen – sei es in Papier oder elektronischer Form – braucht es Energie und Ressourcen. Im Gegensatz zu dem dezentralen Bitcoin steht hinter dem Euro ein riesiger vollklimatisierter Eurotower und 19 nationale Zentralbanken mit einer großen Anzahl hoch bezahlter Mitarbeiter. Ein weit verzweigtes Netz von Geschäftsbanken verteilt und lagert Euros in Papier und elektronischer Form. Aus dieser Sicht scheint der Bitcoin hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs schlank.

Zudem ist die ultralockere Geldpolitik der EZB in der Wirkung nicht nachhaltig, da die anhaltend niedrigen Zinsen Verschuldung und Konsum befördern (Schnabl und Sepp 2020). Der Vertrauensverlust in den Euro hat eine Flucht in Sachwerte ausgelöst, die einen Bauboom nach sich gezogen hat. Bereits zwischen 2003 und 2007 haben niedrige Zinsen der EZB zu Immobilienblasen in Spanien und anderen Euroländern beigetragen, die viele Bauruinen hinterlassen haben. Die anhaltend lockere Geldpolitik der EZB bewirkt aus der Sicht der Überinvestitionstheorie von Hayek eine beispiellose Fehlallokation und Verschwendung von Ressourcen (Schnabl 2019). Da der Bitcoin knapp ist, wirkt er nachhaltig.

Schließlich werden, fünftens, Bedenken geäußert, dass eine durch einen starken Wertverlust des Bitcoins ausgelöste Finanzkrise die Politik zwingen könnte Verluste auszugleichen, um einer Systemkrise im Finanzsystem vorzubeugen. Die Warnung vor einem Aussetzen des Haftungsprinzips ist berechtigt! Jeder sollte auf eigenes Risiko investieren und spekulieren. Diesem Prinzip entsprechend entstehen beim Bitcoin-Netzwerk aufgrund der Dezentralität Ausfallrisiken auf individueller Ebene. Es gibt bei Kursverfall keine Finanzkrisen, sondern nur individuelle Krisen. Hingegen wurde im Euro-Finanzsystem das Haftungsprinzip schon mit der Rettung der Banken und hoch verschuldeter Eurostaaten im Zuge der europäischen Finanz- und Schuldenkrise (2008-12) ausgesetzt. Seit Mario Draghis „Whatever it takes“ erhält die EZB mit umfangreichen Staatsanleihekäufen eine wachsende Anzahl von hoch verschuldeten Eurostaaten fiskalisch stabil. Individuelle Risiken werden so anhaltend sozialisiert, was das Wachstum lähmt.

Fazit: die anhaltende lockere Geldpolitik der EZB und anderer Zentralbanken hat zu einen Vertrauensverlust in den Euro geführt, der sich nicht nur in steigenden Bitcoinkursen widerspiegelt, auch Aktien-, Immobilien- und Goldpreise etc. sind nach oben geschossen. Die anhaltende Niedrig-, Null- und Negativzinspolitik der EZB führt zu einer immensen Fehlallokation und Verschwendung von Ressourcen, die den Energieverbrauch beim Schürfen von Bitcoin weit in den Schatten stellen dürfte. Trägt der Bitcoin dazu bei im Wettbewerb mit dem Euro die Geldpolitik der EZB zu disziplinieren (Herborn und Schnabl 2021), dann leistet er einen wichtigen Beitrag sowohl für die Finanzmarktstabilität als auch für die Nachhaltigkeit in der EU. Das sollte man anerkennen!

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei Wirtschaftliche Freiheit.

Literatur

Herborn, Alexander / Schnabl, Gunther 2021: Kryptowährungen und Renminbi greifen den Leitwährungsstatus von Dollar und Euro an. Wirtschaftliche Freiheit 18.6.2021.

Schnabl, Gunther 2019: Central Banking and Crisis Management from the Perspective of Austrian Business Cycle Theory. In Mayes, David / Siklos, Pierre / Sturm, Jan-Egbert (eds.): The Oxford Handbook of the Economics of Central Banking 2019, Oxford University Press, Oxford, 551-584.

Schnabl, Gunther / Sepp, Tim 2019: Die EZB und der Klimawandel. Die Welt 7.12.2019.

Thiele, Carl-Ludwig 2017: From Bitcoin to Digital Central Bank Money – Still a Long Way to Go. Keynote bei OMIFIF Roundtable Diskussion, 20.7.2017.

Gunther Schnabl ist Professor für Wirtschaftspolitik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Leipzig. Er leitet dort das Institut für Wirtschaftspolitik.
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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

 

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