„Sozialdemokratische Zukunftsbilder“ – Eugen Richters beklemmender Blick in die Zukunft

8. Dezember 2021 – von Antony P. Mueller

Antony P. Mueller

“Die rote Fahne der internationalen Sozialdemokratie weht vom Königsschloss und allen öffentlichen Gebäuden.“ So beginnt der Kurzroman „Sozialdemokratische Zukunftsbilder“ von Eugen Richter, der 1891 zum ersten Mal erschienen ist. Eugen Richter (1838-1906) war zu seiner Zeit ein prominenter liberaler Politiker, der sich neben seinen Reden im Reichstag durch eine Reihe theoretischer Schriften zum Sozialismus und zur freien Wirtschaft einen Namen machte. Viele davon sind auch heute noch lesenswert. Seine Darstellung der Folgen einer sozialistischen Machtübernahme hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Die sozialistischen Ideen kommen heute nicht mehr mit roten Fahnen und Aufmärschen daher, sondern verstecken sich hinter den Forderungen nach umfassendem Klima- und Gesundheitsschutz. Die Folgen für Land und Leute sind aber nicht viel anders, als Eugen Richter sie schildert. Heute wie damals liegt der Kern des Sozialismus in der Auflösung des Privateigentums. Alle schrecklichen Folgen dieses Regimes folgen daraus.

In seiner romanhaften Darstellung schildert Richter, wie sich eine sozialistische Herrschaft Schritt um Schritt von der Utopie zur Dystopie wandelt. Das Buch beginnt mit dem Triumpf der Sozialisten bei freien Wahlen. Endlich hat die gerechte Sache des arbeitenden Volkes gesiegt und die „morsche Gesellschaftsordnung“ des Kapitalismus mit seinem Ausbeutersystem ist zusammengebrochen.

Der fiktive Erzähler in der Geschichte will „die Auferstehung des neuen Reiches der Brüderlichkeit und der allgemeinen Menschenliebe“ für seine Kinder und Kindeskinder aufzeichnen und ihnen ein Lehrstück zur großen bevorstehenden Zeit vorsetzen. Als Chronist schlüpft Richter in die Rolle eines leidenschaftlichen Sozialisten, der mit besonderer Liebe seinem Parteiführer, August Bebel (1840-1913), verbunden ist.

Als die Sozialisten an die Macht kommen, hat sich der Sohn des Erzählers gerade verlobt und die ganze Familie hofft nun, dass die beste aller Zeiten anbrechen wird. In Berlin „Unter den Linden“ war ein „Jubel ohne Ende“. Kein falscher Ton störte die Feier des Siegestages. Im Lustgarten und auf anderen Plätzen Berlins stand dichtgedrängt die Menschenmenge „wie eine Mauer“. Die Parteileitung der Sozialdemokraten hat die Zügel der Regierung ergriffen. Sobald sich die neuen Regenten am Fenster oder auf dem Balkon zeigten, brach der Jubel des Volkes los.

Kaum an der Macht, hat die Regierung sogleich Bedeutendes beschlossen: anstelle der beiden Gebrüder Humboldt sollen nun die Statuen von Marx und Lasalle stehen und das Denkmal Friedrichs des Großen wird durch die Statue von Karl Liebknecht ersetzt.

Das zweite Kapitel ist mit „Die neuen Gesetze“ überschrieben. Nach der sozialistischen Machtübernahme gilt es als erstes, der Fluchtbewegung Herr zu werden. Das gibt den neuen Herren ausreichend Anlass, die Eigentumstitel auf Obligationen und Aktien für null und nichtig zu erklären und alle Immobilien und Produktionsmittel in Beschlag zu nehmen.

Gleichzeitig fängt die Propagandamaschine an zu laufen. Das Parteiorgan „Vorwärts“ hat nun die Stelle des Reichsanzeigers übernommen. Die zum Staatsorgan erhobene Parteizeitung wird kostenlos jeder Wohnung zugestellt. Die Druckereien sind allesamt Staatseigentum geworden, so dass andere Zeitungen ihr Erscheinen eingestellt haben.

Jeder ist verpflichtet, über sein noch verbleibendes Privateigentum, angefangen bei den Haushaltsgeräten über die gebrauchten Kleider bis zu Wertgegenständen, ein Inventar zu erstellen. Goldmünzen sind sofort abzuliefern.

Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel geht mit einer allgemeinen Arbeitspflicht einher. Es gibt freie Erziehung für Kinder und Jugendliche, und die älteren Bürger werden auf Staatskosten verpflegt. Jeder ist verpflichtet, über sein noch verbleibendes Privateigentum, angefangen bei den Haushaltsgeräten über die gebrauchten Kleider bis zu Wertgegenständen, ein Inventar zu erstellen. Goldmünzen sind sofort abzuliefern. Es gibt keine Steuern mehr, da die Regierung sich direkt aus der sozialisierten Wirtschaft finanzieren will. „Wir gehen einer neuen herrlichen Zeit entgegen“ jubelt der imaginäre Erzähler.

Das dritte Kapitel handelt von den „Unzufriedenen Leuten“. In der eigenen Familie fängt es an. Der Sohn und seine Verlobte fürchten um ihre Aussteuer, die sie sich für ihre Heirat erspart haben. Aber die Sparkonten sind gesperrt. Vor dem Bankgebäude sammelt sich eine jammernde Menschenmasse. Die Menschen fürchten um ihre Notgroschen. Die meisten von ihnen hatten nicht erwartet, dass mit den Wertpapieren der so genannten Kapitalistenklasse auch die Sparbücher des einfachen Volkes für null und nichtig erklärt würden.

In den folgenden Kapiteln zeigt Eugen Richter, wie schnell es mit der sozialistischen Herrschaftsübernahme voran- und mit der Freiheit und dem Wohlstand bergabgeht. Alle arbeitsfähigen Männer und Frauen werden der Arbeitsplicht unterworfen, auch Mütter, denn die Kinder werden in staatliche Anstalten untergebracht und alle Pflegedürftigen in öffentlichen Krankenhäusern.

Im Reichstag kommt es vereinzelt zu Protesten bei der Aussprache zur Konfiszierung der Sparbücher, aber die Rufer „Wir sind das Volk“ werden von der Tribüne entfernt. Auf der Straße protestierende Bürger werden verhaftet. Die Schutzmannschaften machen von ihren Schlagstöcken unbarmherzig Gebrauch.

Weder Ehe noch Elternrechte gelten nunmehr. Mit der freien Arbeitsplatzwahl ist es auch vorbei. Alles hat sich der „planmäßigen Organisation der Produktion und Konsumtion“ zu unterwerfen. Das Spiel von Angebot und Nachfrage hat ausgedient. Auch für die Entlohnung soll das nun gelten.

Die Sozialisierung der Produktion und die Kontrolle des Konsums gehen mit dem Aufbau einer „Volkswehr“ einher, zu der alle tauglichen Männer verpflichtet werden. Für diese gibt es einiges zu tun, denn vor allem auf dem Land herrscht noch die Gegenwehr von Bauern, die ihr Höfe verteidigen.

Kapitel zehn behandelt „Das neue Geld“. Die Entlohnung erfolgt in Form von personalisierten Geldzertifikaten. Das neue Geld hat keine andere Wertgrundlage als die Anweisung auf den Staat als den alleinigen Besitzer aller Verkaufsgegenstände. Jeder Arbeiter im Dienst des Staates erhält halbmonatlich ein Geldzertifikat ausgestellt, das auf seinen Namen lautet und sein Lichtbild enthält, um interpersonellen Austausch zu verhindern. Es gilt die Lohngleichheit und weiterhin wird soziale Gleichheit dadurch besiegelt, dass Sparen nicht erlaubt ist. Das Zertifikat enthält Coupons, die je nach der Art des Verbrauchs vorbestimmt sind – sei es eine Essensmarke für das Mittagsmahl oder eine Fahrkarte für den Transport. Der Staat behält so die Übersicht darüber, wer was wann wo konsumiert. Dies ist für die zentrale Wirtschaftsplanung notwendig.

Immer noch gläubiger Sozialist, bleibt der imaginäre Erzähler der Geschichte nicht betrübt. „Es gilt, in der neuen Gesellschaft an Stelle einer beschränkten kümmerlichen Privatexistenz ein großartiges öffentliches Leben zu organisieren, das mit seinen auf das vollkommenste eingerichteten Anstalten für leibliche und geistige Nahrung jeder Art, für Erholung und Geselligkeit allen Menschen ohne Unterschied dasjenige zu Teil werden lässt, was bis dahin nur eine bevorzugte Klasse genießen konnte.“ (Kapitel 11)

Es werden staatliche Küchen für die Massenverpflegung eingerichtet. Die Portionen sind strikt gleich bemessen. Auf den Arbeitsplätzen in den Werkstätten gilt inzwischen die Parole „immer langsam voran, damit es der Nebenmann auch schafft mitzukommen“. Allerdings führt die Gleichheit der Löhne dazu, dass Arbeitseifer nun als dumm, borniert und unsolidarisch gilt. Auch macht sich in der Arbeiterschaft Unruhe bemerkbar. Anstatt des versprochenen vierstündigen Arbeitstages sind acht Stunden angesetzt, die später auf zwölf erhöht werden.

Zwar gibt es wie früher immer noch Meister und Vorarbeiter in den Werkstäten, aber diese werden jetzt von den Arbeitern gewählt und entsprechend wieder abgesetzt, wenn sie den Untergebenen nicht genehm sind. Genauso werden die Direktoren gewählt und auch sie dürfen es sich mit ihren Wählern nicht verderben.

Das neue Regime sorgt für Volksbelustigung. Auf allen öffentlichen Plätzen Berlins finden jetzt Musikaufführungen statt, wodurch sich der neue Reichskanzler sehr beliebt macht. In den Theatern gibt es werktäglich zwei unentgeltliche Vorstellungen und am Sonntag drei. Allerdings werden nur solche Stücke aufgeführt, welche die Neuordnung verherrlichen und die früheren Ausbeuter anprangern. Als bei der Aufführung dieser Stücke allerdings die Bänke meist leer bleiben, wird den betroffenen Vorstellungen von Staats wegen das Publikum zugewiesen.

Schluss ist es mit den religiösen Veranstaltungen. Grund und Boden der Kirchen und Religionsgemeinschaften sind in Gemeingut überführt worden und als solches darf es dem Gesetz gemäß nicht zu kirchlichen und religiösen Zwecken verwendet werden.

Als große Errungenschaft feiert das Regime die kostenfreie Rechtspflege. Als Folge hat sich die Zahl der Richter und Anwälte drastisch erhöht, da sich die Klagen häufen. Gesonderte Maßnahmen zur Zensur sind aber nicht nötig, da die Regierung im Besitz aller Druckereien ist. Auch ein Versammlungsverbot für die Opposition muss nicht extra ausgesprochen werden, da sämtliche Versammlungslokale dem Staat gehören.

Allerdings dauert es nicht lange, so machen sich erste Versorgungsstörungen bemerkbar – nicht etwa, weil die Nachfrage zugenommen hätte, sondern aufgrund des knapper werdenden Angebots. Auch der Staatshaushalt gerät unaufhaltsam ins Defizit. Der Bau von Wohnungen lässt nach und die notwendigen Reparaturen werden hinausgeschoben – von Verbesserung und Erneuerung der Maschinen und Geräte ganz zu schweigen. Auch die Erweiterung der Produktionsanlagen oder der Bau neuer Verkehrswege findet kaum noch statt. Allenthalben schrumpfen die Vorräte und die Schlangen vor den Läden werden länger.

Anstatt jedoch die planwirtschaftlichen Eingriffe rückgängig zu machen, greift die Regierung mit Härte gegen Oppositionelle durch. Die Zahl der Mitglieder der staatlichen Schutzkommandos wird aufgestockt.

Entgegen der versprochenen Steigerung der wirtschaftlichen Leistung, zeigt sich nun, dass der Produktionswert schrumpft, und es stellt sich für die Regierung die Frage, wie hier Abhilfe zu schaffen sei. Anstatt jedoch die planwirtschaftlichen Eingriffe rückgängig zu machen, greift die Regierung mit Härte gegen Oppositionelle durch. Die Zahl der Mitglieder der staatlichen Schutzkommandos wird aufgestockt.

Die Arbeiter fordern nun, was die sozialistische Propaganda ihnen vor dem Umsturz versprochen hat: den vollen Lohn ihrer Arbeit. Sie müssen aber feststellen, dass nun die Regierung ihnen noch weniger als Lohn vom Gesamtertrag lässt als früher die Kapitaleigner. Während die Kapitalisten von einst aber immer wieder neues Kapital bildeten und so der Reallohn der Arbeiter stieg, müssen die Arbeiter im Sozialismus nun feststellen, dass ihr Lebensstandard sinkt. Die Regierung nimmt nicht nur mehr vom Ertrag, sie gibt auch weniger davon an Kapitalbildung zurück. Hat früher die Konkurrenz und das Eigeninteresse den Scharfsinn und die Erfindungsgabe jedes Einzelnen herausgefordert, lassen nun solche Anstrengungen nach. Die Regierung zwingt die Arbeiter dazu, immer länger zu arbeiten, aber diese erhalten immer weniger.

Je mehr das aus der früheren Ordnung verbliebene Bildungs- und Sachkapital aufgebraucht ist, desto mehr greift die Regierung zu Zwangsmitteln.

Schließlich kommt es zu Massenstreiks. Die Regierung entzieht den Streikenden den Zugang zu den öffentlichen Küchen. Die Beamten sind angewiesen, die Geldzertifikate der Streikenden nicht als Zahlung anzunehmen. Es kommt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den Streikenden und den Schutzmannschaften. Das Land versinkt im Chaos und auch die außenpolitischen Spannungen nehmen zu. Es kommt zu gewaltsamen Zusammenstößen. Das sozialistische Experiment ist gescheitert und endet im kompletten Zusammenbruch.

Der fiktive Erzähler in der Geschichte Eugen Richters gesteht schließlich (Kap. 34): „Auch ich muss mich verfluchen, dass ich so viele Jahre hindurch dazu beigetragen habe, Zustände, wie wir sie in diesen Monaten erlebt, heraufzubeschwören. Ich tat es aber nur, weil ich davon eine glücklichere Zukunft für Kinder und Kindeskinder erhoffte. Ich verstand es nicht besser. Aber werden mir meine Söhne es je vergeben können, dass ich mitgewirkt zu den Ereignissen, deren Folgen ihnen die Mutter und die Schwester geraubt und unser ganzes Familienglück vernichtet haben?“

Werden die heutigen radikalen Klimaaktivisten in Zukunft ein ähnliches Klagelied anstimmen? Sollten sie ihre extremen Vorstellungen durchsetzen, wird es nicht anders als beim Sozialismus von einst zu Massenelend und Unterdrückung kommen. Auch dann werden wohl nicht wenige eingestehen müssen, dass guter Wille nicht davor schützt, eine Tragödie mitzutragen und in dem Sinne mitschuldig zu werden, wie man es versäumt hat, über die Konsequenzen der verfolgten Politik nachzudenken.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

 

 

 

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