Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie – Interview mit Antony P. Mueller

20. Dezember 2021 – Interview mit Antony P. Mueller, Professor für Volkswirtschaftslehre und Autor des Buches „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie: Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“

Antony P. Mueller

Ludwig von Mises Institut Deutschland (LvMID): Herr Mueller, mit ihrem Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie“ legen Sie ein umfangreiches, über 500 Seiten starkes Werk vor, in welchem Sie die Grundsätze der Österreichischen Schule nicht nur heranziehen, um aktuelle ökonomische Entwicklungen zu analysieren, sondern auch historische, politische und soziale Entwicklungen. Hatten Sie einen bestimmten Grund dafür, sich nicht nur ökonomischen Themen im engeren Sinne zuzuwenden? Ich denke da beispielsweise an Ludwig von Mises‘ Aussage, dass man wirtschaftliche Freiheit und gesellschaftliche Freiheit unmöglich voneinander trennen könne. Und hat es einen Grund, dass Sie das Buch gerade in einer so bewegten Zeit, wie in jener, in der wir heute leben, herausbringen?

Mueller: Die Volkswirtschaftslehre ist inzwischen so technisch geworden, dass sich ihre Vertreter sogar einen eigenen inoffiziellen Nobelpreis mit Hilfe der schwedischen Notenbank angeeignet haben. Das sagt alles. Man hat sich den „Mantel der Naturwissenschaft“ übergezogen und ringt um politische Pfründe. Entsprechend gibt es keine Politische Ökonomie mehr, sondern die Volkswirtschaftslehre heißt nun Ökonomik („economics“) entsprechend der Physik („physics“). Je mehr der Staat reglementiert, desto mehr steigt das Angebot an Stellen für Volkswirte. Das Feld der Aufklärung hat man geräumt. Bis in die 1970er-Jahre hinein nahmen akademische Wirtschaftswissenschaftler noch bedeutend Anteil an der gesamtgesellschaftlichen Diskussion. Heute ist das immer weniger der Fall. In diese Lücke will ich stoßen. Die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Diskurs, der „Medienwirklichkeit“ und der Welt als „Lebenswirklichkeit“, in der ja das Wirtschaften eine zentrale Rolle spielt, hat sich immer mehr ausgeweitet, so dass heute selbst elementarste wirtschaftliche Tatbestände ignoriert werden. Aufklärung tut Not. Dazu will ich einen Beitrag leisten.

LvMID: Sie sprechen in Ihrem Buch über „geistige Haltungen“ der Menschen zu Wirtschaft und Politik wie sie heute sind und wie diese Haltungen sein müssten, wenn man künftig freundlich und friedlich miteinander umgehen möchte. Wie erklärt es sich für Sie, dass diese geistigen Haltungen der Menschen heutzutage, also ihre Grundüberzeugungen von Wirtschaft und Gesellschaft, so sehr im Widerspruch zu den a priori Erkenntnissen der Austrians wie Menger, Mises oder Rothbard stehen? Schon einfachste ökonomische und soziale Prinzipien werden umgedeutet und verdreht, beispielsweise dass es keine friedliche oder freundliche Handlung sein kann, andere zu einem Austausch zu zwingen, wenn einem diese anderen nichts angetan haben. Und dass dies ein universelles Prinzip ist, das denknotwendig immer, überall und für alle gilt, also auch dann, wenn politische Akteure solche Zwänge in die Welt setzen. Ich meine, das ist doch nicht „Rocket-Science“, wie man so schön sagt, also eigentlich ziemlich einfach zu verstehen?

Medienwirklichkeit und Lebenswirklichkeit waren immer schon verschieden, aber so extrem wie derzeit war die Kluft selten.

Mueller: Es gibt nicht einen Grund, sondern viele. Aber an erster Stelle steht sicherlich die zunehmende Politisierung aller Lebensbereiche. Wir leben in einer Parteiendemokratie und der politische Parteienwettbewerb bringt es mit sich, dass sich Politiker durch die Forderung von Maßnahmen profilieren. Viele Wähler deuten das als Tatkraft und Engagement, verkennen aber, dass sie es selbst sind, die die Kosten tragen, und dass die propagierten Vorschläge durchwegs die versprochenen Resultate verfehlen. Ein Fehlschlag zieht den anderen nach sich. Die von Mises thematisierte Interventionsspirale kommt im Gang und dreht sich immer schneller.

Wie das abläuft, beobachte ich seit den 1970er Jahren, als ich mich zu dieser Zeit mit Sozialpolitik beschäftigte. Das hat mich zur Österreichischen Schule hingeführt. Schon damals konnte man beobachten, wie der staatliche Interventionismus die Probleme nicht löst, sondern verschärft. Im Verlauf des vergangenen halben Jahrhunderts hat sich die Mentalität, dass der Staat für alles zuständig sein soll, verfestigt. Interventionismus wird nicht als Irrweg begriffen, sondern als alternativlos. Aufklärung tut also Not.

Lange Zeit hat die freiheitliche Alternative kein Gehör gefunden. Es ging ja vielen Menschen noch „relativ gut“. Aber was im Zusammenhang mit der Pandemiebekämpfung geschieht, muss doch vielen die Augen öffnen, spätestens wenn die wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen dieser verfehlten Politik unübersehbar geworden sind. Es ist eben tatsächlich so, dass es erst schmerzlich werden muss, bevor die meisten zu denken beginnen und eine geistige Neuorientierung einsetzt.

Im Moment rennt man noch mit Vollgas in die falsche Richtung. Noch dominiert in den meisten Köpfen die „Medienwirklichkeit“. Medienwirklichkeit und Lebenswirklichkeit waren immer schon verschieden, aber so extrem wie derzeit war die Kluft selten. Wird der Bogen jedoch überspannt, wird der Geblendete, ob er will oder nicht, in den Abgrund schauen müssen. Dies ist dann auch der Punkt, wo sich die Geisteshaltung ändert. Auch wenn die praxeologische Denkweise heute noch keine weite Resonanz findet, müssen jetzt die Konzepte, Theorien und Analysen in diesem Sinne bereitgestellt werden, so dass die Menschen später in der Krise auf diese Ideen zurückgreifen können.

LvMID: Heute ist das Narrativ vom Sozialismus, der mehr und reichhaltigeren Wohlstand für die Masse schaffe, in den Hintergrund getreten. In der „Medienwirklichkeit“ wird mit dem Narrativ des menschengemachten Klimawandels heute eher propagiert, „den Gürtel enger zu schnallen“. Und das Narrativ der „Rechtfertigung“ von Zwangsmaßnahmen bei Krankheitswellen, so wie es sich bis heute darstellt, kehrt das friedliche medizinische Prinzip „primum non nocere!“, also „zuallererst füge kein Leid zu“, quasi um in ein medizinisch-politisches Vorsorgeprinzip, das etwa heißen könnte „im Zweifel füge Leid zu“.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklungen und wie könnte Ihrer Meinung nach ein Ausweg aussehen? Und liegt darin nicht auch ein Versuch, den Ökonomen und Soziologen argumentativ „den Boden unter den Füßen wegzuziehen“, indem man sich vorgeblich auf „reine Naturwissenschaften“ oder die medizinische Forschung beruft?

Man sucht nach „objektiven“ Maßstäben, wo es keine gibt. Die marktwirtschaftliche Lösung überlässt die Entscheidung so weit wie möglich den Individuen …

Mueller: Das Narrativ der Sozialisten hat sich immer wieder geändert. Als allgemeine Armut herrschte, versprachen die Sozialisten materiellen Wohlstand, als dann die Marktwirtschaft Massenwohlstand schuf, beklagte die Linke den Konsumterror. Jetzt wird die Klimakarte aus der Tasche gezogen in völliger Leugnung der Tatsache, dass es unter dem Sowjetregime die schlimmsten Umweltkatastrophen gegeben hat. Das Pferd, auf dem nun geritten wird, die „Rettung des Klimas“ in Kombination mit dem „Pandemieschutz“ enthält alle Elemente der Apokalyptik. Wenn die beiden Angstmacher nicht ausreichen, kommen noch weitere dazu, um die Quadriga der apokalyptischen Reiter komplett zu machen. Krieg, Tod und Hunger werden angedeutet, „wenn wir nichts dagegen tun“. Nicht Christus ist aber der Retter in diesem Narrativ, sondern der Sozialismus. Dazu passt dann gut die Wissenschaftsgläubigkeit des Marxismus. Hier wird nun vollends verkannt, dass es im Kern gar nicht um die Wissenschaftlichkeit der Problemlösung geht, sondern um Abwägungen. Hier ist nun des Pudels Kern: Der Staat ist notorisch unfähig, klug abzuwägen. Man sucht nach „objektiven“ Maßstäben, wo es keine gibt. Die marktwirtschaftliche Lösung überlässt die Entscheidung so weit wie möglich den Individuen und hat oft genug gezeigt, dass dies der bessere Weg ist.

LvMID: In Ihrem Buch beschreiben Sie den pluralistischen Anarchokapitalismus als ein Leitbild im Denken orientiert auf das Ziel eines friedlichen und freundlichen Zusammenlebens hin. Am Ende des Buches machen Sie auch konkrete „Reformvorschläge“ innerhalb des „bestehenden Systems“. Würde dies nicht erfordern, dass die Menschen bereit wären, ihre – oft unbewussten – Einstellungen zu sich und der Welt kritisch zu hinterfragen und zu ändern? Wer feindselige Haltungen zu sich und der Welt hegt, wird diese ausagieren, würde ein Psychologe erwarten. Wer sich beispielsweise ungenügend findet oder sich schuldig oder beschämt fühlt, wird dieses Ungenügen und Schuldig-Sein auf andere projizieren. Wie könnte man die Menschen in einer ausreichenden Vielzahl „auf der Sachebene“ erreichen und argumentativ „überzeugen“, wenn diese die Argumente von ihrem Denken und Fühlen her (noch) gar nicht annehmen können?

Die Österreichische Schule hat in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren enorm dazugewonnen. Wir sind bereits ein bedeutender Teil des Angebots.

Mueller: Man spricht vom „Markt der Ideen“, vergisst aber, dass es kein freier Markt ist. Es hat stets sehr hohe Eintrittsbarrieren gegeben. Erst in der jüngsten Zeit hat sich das durch das Internet geändert. Für die europäische Geistesgeschichte kann man sagen, dass bis zur Reformation der „Markt der Ideen“ monopolistisch war und nachher oligopolistisch.

Die Wissenschaft hat heute noch oligopolistische Strukturen. Die Charakteristiken, welche die Modelle der Wirtschaftstheorie diesen Markformen zusprechen, gelten auch für das Geistesleben. Derzeit bewegen wir uns in Richtung auf ein Modell zu, das in der Markttheorie „monopolistischer Wettbewerb“ genannt wird. Die Eintrittsbarrieren sind niedriger geworden, was jetzt zählt, ist vermehrt Innovation, Produktvariation und, ja, Marketing.

Die Österreichische Schule hat in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren enorm dazugewonnen. Wir sind bereits ein bedeutender Teil des Angebots. Damit ist schon ein wichtiger Schritt getan. Unser „Produkt“ wird immer bekannter. Zum Teil herrschen noch Vorurteile, aber diese lassen sich immer weniger aufrecht erhalten.

Ob eine kritische Masse heranwächst, die das Ziel eines „friedlichen und freundlichen Zusammenlebens“ mitträgt, hängt nur zu einem Teil von der Qualität des Angebots ab. Es muss auch eine Bereitschaft entstehen, diese Einsichten anzunehmen. Große Katastrophen können das bewirken, aber nicht immer. Aus der Katstrophe des Ersten Weltkrieges folgte noch Schlimmeres. Aber wenn man Deutschland anschaut, so erwuchs – mit etwas Glück – nach dem Zweiten Weltkrieg eine durchaus freiheitliche Gesinnung.

Auf jeden Fall müssen wir weitermachen und unser Angebot laufend verbessern und aktiv Werbung betreiben. Es hängt dann von glücklichen oder unglücklichen Umständen ab, ob der Weg zu einer friedfertigen Gesellschaftsordnung früher gegangen wird oder sich weiter verzögert. Dass wir auf eine Katastrophe zusteuern bzw. schon mittendrin sind, ist ziemlich klar. Unklar ist, welche Folgerungen die Menschen daraus ziehen. Vielleicht braucht es wirklich einen Stromausfall, bis so manchem das Licht aufgeht.

LvMID: Zum Abschluss noch eine Frage über den Autor Antony Mueller, wenn Sie gestatten. Sie leben und lehren seit längerer Zeit in Brasilien. Wie und wann sind Sie darauf aufmerksam geworden, dass in Europa im Allgemeinen und in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Österreich im Besonderen „die Segel wieder in Richtung Sozialismus gesetzt werden“ – wenn auch mit neuen Begründungen? Und was motiviert Sie, Zeit, Kreativität und Herzblut zu investieren, um auch und gerade im deutschsprachigen Raum die Lehre der Austrians zu verbreiten und auf neo-sozialistische politische Entwicklungen aufmerksam zu machen?

Mueller: Was in der letzten Zeit geschah, hat sich schon vorher angekündigt. Die Werteumkehr ging schleichend vonstatten, so dass es die breite Masse gar nicht richtig gespannt hat. Was mich bestürzte, war die Welle der political correctness, die seit einiger Zeit über Deutschland schwappt. Das kam zwar aus den USA. Aber diese Sprechverbote, die ja entsprechende Denkverbote nach sich ziehen, fassten in Deutschland noch gründlicher Fuß. Da läuteten bei mir die Alarmglocken.

Ich musste beobachten, dass es in Deutschland wenig Widerstand gegen die Welle an offenkundigen Unsinnigkeiten gab, die im Laufe der Zeit immer gefährlicher wurden. Die Einschränkung der Redefreiheit betrifft nicht nur ein Freiheitsrecht neben anderen, sondern richtet sich gegen die Grundlagen der Freiheit schlechthin. Wie sollen sonst andere Individualrechte zu behaupten sein? Die Stimme ist die Waffe der Freiheit. Wenn diese weggenommen wird, ist es mit allen anderen Freiheiten auch vorbei.

Das exorbitante Ausmaß an Einschränkungen der Redefreiheit wie es derzeit herrscht, war in der Tat vor wenigen Jahren noch unvorhersehbar, obwohl es sich vorher bereits angekündigt hat. Ich liebe mein Vaterland und meine Muttersprache. Ich stehe aber dem Staat skeptisch gegenüber und den meisten seiner Repräsentanten. Diese Haltung hat in den letzten Jahren nicht abgenommen.

Viele Menschen unterschätzen die Gefahr, die von einer Regierung, gleich welcher Couleur, ausgeht, wenn ihre Macht nicht von der öffentlichen Meinung in Zaum gehalten wird. Es gibt viele äußerst mutige Männer und Frauen in Deutschland, die inzwischen ihre Stimme erheben. Es wäre für mich unverzeihlich, wenn ich nicht auch meinen Beitrag leisten würde. Vor allem dann, wenn man bedenkt, dass ich, von meiner Warte und meiner persönlichen Situation aus betrachtet, weniger riskiere als viele der Kritiker, die in Deutschland leben und in einer abhängigen Position sind – und das betrifft auch Kollegen. Es ist deshalb selbstverständlich, dass ich mein Anliegen in Büchern, Artikeln und Gesprächen vorbringe und dabei auch manchmal eine deutlichere Sprache spreche als ich es möglicherweise tun würde, wenn ich in der alten Heimat weiter beruflich tätig wäre. Ganz in diesem Sinne danke ich herzlichst dem Ludwig von Mises Institut Deutschland für die gewährte Plattform und für unser Gespräch.

LvMID: Sehr geehrter Herr Müller, herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

 

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