Carl Menger: Geld (Teil 6)

15. September 2021 – Dies ist der sechste Teil der Reihe über die 1871, vor 150 Jahren, erschienenen „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ von Carl Menger. Nach der Darstellung der Theorie Mengers zum Gut, zur Wirtschaftstätigkeit und zu Wert, Tausch und Preis, beschäftigt sich dieser Teil mit Mengers Konzeption der Rolle des Geldes in der Volkswirtschaft.

von Antony P. Mueller

Antony P. Mueller

Geld als Tauschvermittler

In den historischen Anfängen der Wirtschaftstätigkeit richtet sich das Interesse der Menschen weniger auf den Tauschwert als auf den Gebrauchswert. Man sucht solche Güter, die der unmittelbaren Befriedigung der Bedürfnisse dienen. Aber mit der wirtschaftlichen Entwicklung gerät der Tauschwert eines Gutes zunehmend in das Interesse der Menschen. Dabei entsteht das Problem, dass sich Personen mit gegensätzlichen Schätzungen des Tauschwerts finden müssen, sodass A das Gut X feilzubieten hat, das Y möchte, während B das bestimmte Gut X anbietet, das A begehrt. In einer Wirtschaft ohne Geld ist die Entwicklung behindert, weil der Tauschwillige einen Tauschpartner finden muss, der nicht nur die gesuchte Ware feilbietet, sondern dieser zugleich auch derjenige sein muss, welcher der angebotenen Ware bedarf.

Die Lösung dieses Problems ergibt sich auf der Grundlage, dass die Güter verschiedene Grade der Marktgängigkeit aufweisen. Wie jeder Marktbeobachter weiß, bestehen große Unterschiede in der Leichtigkeit, mit der die verschiedenartigen Waren hinsichtlich ihrer Handelbarkeit getauscht werden können. Neben den Grenzen, die dem Handel hinsichtlich der Personen gesetzt sind, an die ein bestimmtes Gut verkauft werden kann, hängt die Marktgängigkeit eines Gutes darüber hinaus von der Örtlichkeit ab, auf welcher der Handel stattfindet, und von der Menge, die auf dem Markt angeboten und nachgefragt wird. Neben der Marktgröße bestimmt auch die Haltbarkeit des Gutes seine Verkehrsfähigkeit. Diese Aspekte sind für die Verwendung von Geld als Tauschvermittler von grundlegender Bedeutung.

Damit der Austausch stattfinden kann, muss A den Wert des Tauschguts Y höher als das Tauschgut X bewerten, während für B die entgegengesetzte Einschätzung gefordert ist, dieser also das Gut Y höher als das Gut X bewerten muss. Der direkte Tausch ist dadurch gehemmt, dass zu seiner Realisierung eine „doppelte Koinzidenz der Bedürfnisse“ gegeben sein muss.

Wie die folgende Abbildung (Abb. 1) zeigt, käme es ohne Geld zu keinem Gütertausch zwischen A, B und C.  Obwohl A das Gut X anbietet, das B nachfragt, hat B nicht das Gut Y, das A zum Tausch wünscht. Desgleichen hat C zwar das Gut Y, das A nachfragt, aber nicht das Gut X, das B möchte:

Abbildung 1

Naturaltausch

Mit der Einführung von Geld als allgemeinem Tauschmittel wird das Problem der doppelten Koinzidenz gelöst. A verkauft sein Gut X an den Nachfrager B, der mit Geld bezahlt. A kauft mit Geld bei C das Gut Y, und C kann von B gegen Geldzahlung das Gut Z kaufen, das er zu erwerben wünscht (s. Abb. 2).

Abbildung 2

Geldvermittelter Tausch

Quelle: A. P. Mueller (2021)

Die Geldwirtschaft erweitert das Tauschpotenzial. Geld ist produktiv, weil es Tauschhandel, der sonst unterbleiben würde, ermöglicht. Der Einsatz von Geld im Wirtschaftsverkehr ist für die Marktteilnehmer nutzenstiftend. Im Zuge des geldvermittelten Tauschhandels entstehen Märkte, auf denen Preisbildung stattfindet. Durch die geldlichen Marktpreise steigt zudem das Informationsniveau der Marktteilnehmer über die bestehende Marktlage. Dies ist ein weiterer Vorteil, den der Gebrauch des Geldes mit sich bringt.

Je größer der Markt, desto mehr wird Spezialisierung möglich und lohnend. Die Geldwirtschaft ist somit eine fundamentale Voraussetzung für die Zunahme der Produktivität und damit des wirtschaftlichen Wohlstands.

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Ursprung des Geldes

Vom menschlichen Streben angetrieben, das persönliche Wohlergehen zu verbessern, wird das wirtschaftliche Interesse die Individuen veranlassen, ihre Güter gegen ein anderes Gut einzutauschen, auch wenn sie dieses Gut nicht für ihre eigenen unmittelbaren Konsumzwecke zu nutzen beabsichtigen. Die Menschen handeln so in der Erwartung, dieses im Tausch erhaltene Gut wieder zu veräußern, um schließlich ihr gesuchtes Gebrauchsgut zum Verbrauch zu erlangen. Bevorzugt werden dabei als allgemeine Tauschgüter solche Waren, die im Austausch weithin akzeptiert sind und so leicht gegen andere Waren umgetauscht werden können. Dann wird, auch beeinflusst durch Gewohnheit, eine bestimmte Anzahl von Gütern häufiger und bereitwilliger im Austausch verwendet. Schließlich wird sich der Gebrauch eines bestimmten Gutes oder eine begrenzte Anzahl von Gütern als allgemein genutzte Tauschmittel herausbilden.

Historisch entstehen Märkte, um den Tauschhandel zu erleichtern. Ohne Plan oder behördliche Anleitung kristallisieren sich bestimmte Waren als allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel heraus. Dazu, dass dies im Verlauf der Zeit geschieht, bedarf es weder eines gesetzlichen Zwanges noch einer gesonderten Berücksichtigung des öffentlichen Interesses. Die Herkunft des Geldes ist somit im Wirtschaftsprozess selbst lokalisiert und nicht staatlich oder anderweitig legislativ bedingt.

Geld ist nicht das Produkt einer förmlichen Vereinbarung und es wurde nicht von einem staatlichen Gesetzgeber eingeführt. Die Herkunft des Geldes ist wirtschaftlicher Natur und hat sich im Laufe der Zeit je nach herrschender Wirtschaftslage an verschiedenen Orten gezeigt. Der Ursprung des Geldes liegt in der steigenden Einsicht,

dass durch die Hingabe minder absatzfähiger Waren gegen solche von größerer Absatzfähigkeit ihre speziellen ökonomischen Zwecke um einen bedeutenden Schritt gefördert werden, und so entstand das Geld an zahlreichen voneinander unabhängigen Kulturzentren mit der fortschreitenden Entwicklung der Volkswirtschaft. (S. 260)

Die zu Geld werdende Ware (oder Warengruppe) ergibt sich aus der praktischen Nützlichkeit. Wie Menger betont, wäre es ein Irrtum anzunehmen, dass die Funktion des Geldes als solche „ein Wertmaß“ sei oder dem Zweck der „Werterhaltung“ diene. Diese Funktionen sind der Natur des Geldes zufällig und nicht im Geldbegriff enthalten (S. 279). Beim Tausch von Gütern gibt es keine Äquivalente im objektiven Sinne und daher kann Geld nicht als Maßstab für den Tauschwert dienen.

Die tatsächliche Funktion des Geldes liegt in seiner Rolle als Tauschvermittler und darf nicht mit dem Begriff des „gesetzlichen Zahlungsmittels“ gleichgesetzt oder als „Wertaufbewahrungsmittel“ missverstanden werden. Auch die Thesaurierung ist keine dem Geld eigene Funktion. Die Sparfunktion ist dem Gelde nicht innewohnend, sie ist vielmehr von der Tauschmittelfunktion des Geldes abgeleitet. Bei fortschreitender Geldwirtschaft wird die Thesaurierung zudem immer mehr von der Kapitalisierung verdrängt.

Mit diesen Hinweisen macht Menger auf Aspekte des Geldes aufmerksam, die als Irrtümer über die Funktion des Geldes weit verbreitet sind. Nicht wenige glauben, sie würden durch Geldsparen eine Wertaufbewahrung vornehmen. Nicht zuletzt von der Politik gefördert, kursiert der Irrglaube, dass man z.B. durch Ansparen von Rentenleistungen eine Thesaurierung vornehmen würde. Richtig verstanden kann solches Sparen das Geld aber überhaupt nicht leisten. Es ist vielmehr so, dass sich der „Wert“ des Geldes letzten Endes nur dadurch ergibt, wieviel und welche Güter man mit Geld als Tauschvermittler bekommen kann. Wenn das angesparte Geld seine Vermittlerfunktion ganz oder teilweise einbüßt, weil es nicht mehr allgemein akzeptiert wird, zeigt sich, dass keine Thesaurierung stattgefunden hat. Nur anhand seiner Funktion als Tauschvermittler erweist sich der „Wert“ des Geldes.

Viele weitere Irrtümer zum Geld folgen aus dem Irrglauben, Geld sei eine staatliche Einrichtung. Wie Menger in einer gesondert erschienenen Arbeit zum Thema „Geld“ (1892) weiter erläutert, ist das Geld als Tauschvermittler

ursprünglich nicht durch Gesetz oder Konvention, sondern durch „Gewohnheit“, das ist, durch ein gleichartiges, weil gleichartigen subjektiven Antrieben und Intelligenzfortschritten entsprechendes Handeln gesellschaftlich zusammenlebender Individuen (als das unreflektierte Ergebnis spezifisch-individueller Bestrebungen der Gesellschaftsglieder) entstanden und schließlich durch fortschreitende Nachahmung allgemein gebräuchlich geworden …

Wie andere spontan entstandene Institutionen, kann auch das Geld als Tauschvermittler durch die Gesetzgebung gefördert werden – aber ebenso kann es geschehen, dass der Gesetzgeber ihre automatische Entwickelung behindert.

Das Geld ist keine staatliche Erfindung, nicht das Produkt eines legislativen Aktes und die Sanktion desselben Seitens der staatlichen Autorität ist demnach dem Begriffe des Geldes überhaupt fremd. Auch die Existenz bestimmter Waren als Geld hat sich naturgemäß aus den ökonomischen Verhältnissen herausgebildet, ohne dass die staatliche Einflussnahme hierbei erforderlich gewesen wäre. (Grundsätze, S. 257)

Dieser Umstand der natürlichen Entwicklung schließt wie bei anderen auf ähnliche Art entstandenen Institutionen ihre Beeinflussung durch den Staat nicht aus und kann, so Menger (Geld, S. 41),

durch staatliche Anerkennung und Regelung in ähnlicher Weise vervollkommnet und den vielfältigen und wechselnden Bedürfnissen des sich entwickelnden Verkehrs angepasst

aber auch korrumpiert werden.

Geldmissbrauch

Geld entwickelte sich als allgemeines Tauschmittel, um das Problem der doppelten Koinzidenz der Bedürfnisse zu lösen. Die meisten Waren sind nur eingeschränkt verkehrsfähig. Ohne ein allgemeines Zahlungsmittel wäre ihr Tausch eingeschränkt. Es gibt auch Produkte, die nahezu überall Märkte finden. Von diesen ausgehend entwickelt sich ein bestimmte Gut oder einige davon zum allgemeinen Zahlungsmittel und wird somit „Geld“.

Die dem Gelde eigene Funktion ist die eines allgemein gebräuchlichen Tauschvermittlers. Der in Geld ausgedrückte „Tauschwert“, der sogenannte „Geldwert“ der Güter, welcher als „Preis“ erscheint, stellt lediglich ein Austauschverhältnis zwischen den Kaufgütern und dem Geld dar. Für den allgemeinen Begriff des Geldes ist es irrelevant, ob Geld seine Funktion automatisch oder durch Zwang erlangt. In diesem Sinne gibt es gutes oder schlechtes Geld, gesundes oder pathologisches Geld, automatisch oder staatlich ausgestaltetes und vervollkommnetes oder vom Staat korrumpiertes Geld.

Regierungen neigen dazu, die zentrale Funktion des Geldes für den wirtschaftlichen Wohlstand zu missachten. Sie behandeln das Geld so „als wäre es tatsächlich lediglich ein Produkt der menschlichen Konvenienz im Allgemeinen und ihrer legislativen Willkür insbesondere.“ Die legislativ-interventionistische Haltung, mit der der Staat dem Geld gegenübertritt, hat auch die Geldtheorie beeinflusst und „nicht wenig dazu beigetragen, den Irrtümern über das Wesen des Geldes Vorschub zu leisten.“ (S. 283)

Der Staatseingriff verschlechtert die Qualität des Geldes, wenn es für Zwecke missbraucht wird, die über seine eigentliche Funktion als Tauschvermittler hinausgehen. Menger konnte noch nicht ahnen, in welch gigantischem Ausmaß schon weniger als ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung seiner „Grundsätze“ der Missbrauch des Geldes einsetzte als zu Beginn des ersten Weltkrieges 1914 die Goldbindung aufgehoben wurde.

Wenig mehr als dreißig Jahre nach dem Ende des Goldstandards hat der Keynesianismus dann zudem noch die Korruption des Geldes theoretisch legitimiert. So begeistert wie diese Theorie des Geldmissbrauchs von der Politik aufgegriffen wurde, geschieht es derzeit mit der sogenannten „Modernen Geldtheorie“ (MMT). Mit dem Geld Schindluder zu treiben, ist seit mehr als einem Jahrhundert zum Standard geworden. In Verkennung der eigentlichen Geldfunktion wird dem für eine kurze Frist auftauchenden scheinbaren Vorteilen der Geldinflationierung in ihrer Folge immenser Wohlstand geopfert.

Zusammenfassung

Ohne Geld als Tauschvermittler steht man vor dem Problem, einen Tauschpartner ausfindig zu machen, der nicht nur das Gut, das man zum Verkauf anbietet, haben möchte, dieser potenzielle Käufer müsste auch im Besitz eines spezifischen Gutes sein, das man seinerseits nachfragt.

Ohne Geld können nicht alle nutzenstiftenden Transaktionen realisiert werden. Der Gebrauch des Geldes als Tauschvermittler eröffnet nicht nur die Möglichkeit, dass der Verkaufswillige für sein angebotenes Gut mehr potenzielle Nachfrager vorfindet, sondern zudem, dass die Käufer mit der höchsten Zahlungswilligkeit ausfindig gemacht werden können. Geld ist somit Voraussetzung der Preisbildung und diese wiederum ermöglicht, dass die durch Zahlungswilligkeit bekundete Befriedigung dringlicherer Bedürfnisse Priorität erhält. Durch Geld findet auf den Märkten eine konzentrierte Preisbildung und somit ein ökonomischeres Austauschgeschehen statt.

Geld ist nicht durch Gesetz entstanden. Es ist seinem Ursprung nach keine staatliche, sondern eine gesellschaftliche Erscheinung. Von der Geldqualität hängt es ab, in welchem Ausmaß das Geld seine wohlfahrtsfördernde Funktion leisten kann. In Verkennung dieser Tatsache kommt es zum Geldmissbrauch für Zwecke, die der eigentlichen Funktion des Geldes als Tauschvermittler fremd sind. Aus der Perspektive der Geldtheorie von Carl Menger muss man aus heutiger Sicht feststellen, dass der Geldmissbrauch zu einer lasterhaften Gewohnheit der modernen Politik geworden ist.

Antony P. Mueller ist promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor für Volkswirtschaftslehre an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Er unterhält das Webportal Continental Economics und eine Autorenseite bei Facebook. Vor kurzem ist sein jüngstes Buch unter dem Titel „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie: Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“ bei Amazon Deutschland erschienen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

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