Sozialisten meinen, ihr System sei moralisch überlegen. Damit liegen sie falsch.

20. Januar 2021 – von Bradley Thomas

In einem Artikel, der am 23. Dezember auf mises.org veröffentlicht wurde, hat Lipton Matthews die Meinung vertreten, Befürworter der freien Marktwirtschaft sollten lieber die moralische Überlegenheit des Kapitalismus in den Vordergrund stellen, als mit seiner überlegenen Produktivität zu argumentieren.

„Es ist nötig, zu zeigen, dass der Sozialismus nicht funktioniert, aber es ist auch eine ineffektive Strategie, um Wohlwollen für den Kapitalismus zu wecken, weil Einwände gegen den Kapitalismus gewöhnlich auf moralischen Gründen beruhen“, schrieb er.

In der Tat, beim inneren Kampf zwischen Emotionen und Vernunft siegen stets die Emotionen. Man kann emotionalen Einwänden nicht mit noch mehr Diagrammen und Tabellen begegnen.

Das überzeugendste Argument für wirtschaftliche Freiheit ist nicht ihre wirtschaftliche Effizienz, sondern ihre Übereinstimmung mit grundlegenden moralischen Prinzipien wie freiwilligem Tausch, Eigentum und mehr persönlicher Entscheidungsfreiheit.

Für Libertäre und andere Befürworter des freien Marktes sind die Argumente klar. Aber warum bestehen immer noch so viele darauf, dass der Sozialismus ein moralisch überlegenes System ist?

Der Begriff „Sozialismus“ war am 28. und 29. Dezember auf Twitter in aller Munde, wobei der folgende Tweet exemplarisch für die Argumente vieler Befürworter steht:

Uneigennützigkeit. Erfüllung der Bedürfnisse der Menschen. Das sind die Eigenschaften, mit denen Sozialisten ihr Wunschsystem beschreiben. Niemand spricht von Produktivität oder der Schaffung von Wohlstand. Es ist ein rein emotionaler Appell an das moralische Empfinden.

Es ist unklug, solche Anhänger des Sozialismus einfach als naiv oder ignorant abzutun. Vielmehr lässt die historische Entwicklung der Menschheit darauf schließen, dass der Glaube, der Sozialismus sei das moralische Mittel zur Organisation der Gesellschaft, in unserem Bewusstsein fest verankert sein könnte.

Frühe Moralvorstellungen

In grundlegendsten Sinn werden mit Moral die Prinzipien beschrieben, die „gutes“ oder „schlechtes“ Verhalten definieren. Aber wie kommt eine Gesellschaft dazu, zu verstehen, was „gutes“ oder „schlechtes“ Verhalten ist?

In seinem 2012 erschienenen Artikel The Origins of Envy, der vom American Enterprise Institute veröffentlicht wurde, zitiert Max Borders Max Krasnow, einen graduierten Forscher, der sich an der Universität von Harvard auf Evolutionspsychologie spezialisiert hat und uns darüber informiert, dass Emotionen „die koordinierte Reaktion verschiedener psychologischer und physiologischer Systeme auf eine Klasse von Reizen sind.“

Mit anderen Worten, Ihr Gehirn reagiert auf Dinge in der Welt um Sie herum, und diese Reaktionen haben über Millionen von Jahren Emotionen in unseren Gehirnen heranwachsen lassen. Diese in uns verankerten Emotionen entstanden, um unser Überleben zu sichern. Und da jede neue Generation die richtigen Überlebensinstinkte nicht von Grund auf neu erlernen kann, haben wir ein gewisses Maß an emotionalen Reaktionen und erlerntem Verhalten fest in unser kognitives System übernommen. Denken Sie an Reflexe wie das Springen vor Angst, wenn Sie glauben, eine Schlange zu sehen – diese Reaktion setzt ein, bevor Ihr Verstand die Möglichkeit hat, darüber nachzudenken. Dies ist ein angeborener Instinkt.

Gesellschaftliche Evolution

Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte bestand die Menschheit aus lauter kleinen Stämmen von Jägern und Sammlern. Angeborene Instinkte wurden zu Überlebenszwecken entwickelt – und bildeten die Grundlage für einen Moralkodex.

Es bildeten sich bestimmte moralische Regeln heraus, vor allem weil sie die Überlebenschancen der Gruppe verbesserten. Diese Regeln wurden durch die wesentlichen Merkmale der Umwelt des Menschen geformt. Die kleinen Stämme, in denen die Menschen lebten, waren weitgehend autark und klein genug, um das gleiche Ziel (Überleben) zu verfolgen.

Wesentliche Merkmale dieses auf Stammesinstinkten basierenden Moralkodex waren:

  • Selbstaufopferung (sich selbst schlechter stellen, um einem anderen zu helfen; ein Nullsummentausch)
  • Absichtlich anderen helfen
  • Hilfe für identifizierbare Nutznießer mit gemeinsamen Zielen (z.B. das Überleben der Gruppe)

In dieser Welt der kleinen Stämme war es durchaus vernünftig zu glauben, dass jeder, der Reichtum anhäufte, dies nur auf Kosten anderer tat. Jäger und Sammler konnten nur eine begrenzte Menge an Nahrung anhäufen, um die Gruppe zu erhalten. Wenn es Hans also gelang, mehr als seinen „Anteil“ an der Tagesration an Nahrung zu nehmen und anzuhäufen, konnte er dies nur auf Kosten von Johannas Anteil tun. Johannas Überleben wäre bedroht, weil sie möglicherweise nicht genug Kalorien zum Überleben bekommt.

Stammesinstinkte legten fest, dass Hans zum Wohle des Überlebens der Gruppe (ein gemeinsames Ziel) sein Geflügel mit Johanna teilt (absichtliche Hilfe für einen identifizierbaren Nutznießer) und im Gegenzug nichts erhält (Nullsummentausch).

So wurde ein moralischer Kodex unter den frühen, in Stämmen lebenden Menschen etabliert.

Die Ökonomen J.R. Clark und Dwight R. Lee haben in ihrem 2011 erschienenen Aufsatz Markets and Morality im Cato Journal diese Art von Moralkodex „Moral der Großherzigkeit“ genannt.

Sie wählten diese Terminologie, weil es sehr einfach ist, diese Art von moralischem Verhalten zu loben, und es ist leicht, die Vorteile einer solchen Selbstaufopferung zu beobachten und nachzuvollziehen.

Die Instinkte, die sich aus solchen Szenarien entwickelten, formten Emotionen wie Schuldgefühle und bildeten die Grundlage für den Kodex der Moral der Großherzigkeit. Stämme, die diese emotionalen und moralischen Anpassungen entwickelten, überlebten mit größerer Wahrscheinlichkeit als solche, die dies nicht taten.

Beachten Sie, wie sehr sich dieser urtümliche Moralkodex mit der Betonung der „Selbstlosigkeit“ und „Erfüllung der Bedürfnisse der Menschen“ durch die Twitter-Sozialisten deckt.

Die „erweiterte Ordnung“

Als sich die Menschheit zu größeren Gesellschaften entwickelte, die eine wachsende Vielfalt individueller Ziele, Arbeitsteilung, Handel und neue moralische Verhaltenskodizes ausbildeten, entstanden neue Moralvorstellungen.

Sie entstanden, weil diejenigen, die sie praktizierten, in der Lage waren, zu wachsen und im Vergleich zu anderen Gesellschaften in der sich verändernden sozialen Umgebung zu prosperieren. Diese Verhaltenskodizes wurden nicht bewusst von Individuen angenommen oder erlassen – sie entwickelten sich über unzählige Generationen hinweg.

Der neue Moralkodex bestand aus:

  • Selbsteigentum (d. h. individuelle Rechte)
  • Unterlassung der Schädigung anderer
  • Eigentumsrechte
  • Niemand hat ein Anrecht auf das Eigentum oder die Leistung eines anderen
  • Gleichheit vor dem Gesetz
  • Freier, freiwilliger Austausch

Die geschriebene Geschichte der letzten Hunderte von Jahren ist glasklar: Die Gesellschaften, die die oben genannten Prioritäten angenommen haben, sind bis in die heutigen Tage viel erfolgreicher als die, die dies nicht taten.

Kurz gesagt, um den Übergang von kleinen Stämmen zu einer hoch entwickelten Zivilisation erfolgreich zu gestalten, muss sich die Gesellschaft an neue Regeln der Interaktion anpassen, d.h. an einen neuen Moralkodex.

Diejenigen, die immer noch darauf bestehen, dass der Sozialismus ein moralisch überlegenes System ist, appellieren an angeborene moralische Instinkte, die in urtümlichen Zeiten entwickelt wurden. Nicht wenige erkennen, dass das Ausleben dieser Instinkte in der heutigen „erweiterten Ordnung“ der Gesellschaft eine Katastrophe bedeuten würden. Inspiriert von Marx und Engels (unter anderem), klammern sich die heutigen Sozialisten an eine romantisierte Version früher Stammeseinheiten, die bewusst Güter von Wert teilen mussten, um zu überleben.

Warum der Kapitalismus nötig ist, um die Ziele der Moral der Großherzigkeit der Sozialisten zu erreichen

Wenn sich die Menschheit zu komplexen Gesellschaften entwickelt, brechen die Eigenschaften der Moral der Großherzigkeit – als Mittel zur Organisation der Gesellschaft als Ganzes – aus mehreren Gründen zusammen:

  • Die Zahl der Menschen, für die wir sinnvoll sorgen können, ist im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung klein (d.h. es gibt eine begrenzte Zahl von identifizierbaren Nutznießern)
  • Eine große Vielfalt an Fähigkeiten und spezialisierten Bemühungen bedeutet eine große Vielfalt an individuellen Zielen – nicht an gemeinsamen Zielen wie in einem kleinen Stamm
  • Nullsummen-Selbstaufopferung (d.h. Geben, ohne etwas zurückzubekommen) kann sich nicht auf zu viele andere ausweiten, ohne den eigenen Untergang herbeizuführen. Wenn man immer weiter gibt und nichts zurückbekommt, wird man irgendwann verhungern.
  • Menschen können anderen nicht absichtlich helfen, ohne zu wissen, was sie brauchen
  • In einer größeren Gesellschaft gibt es einfach zu viele Menschen, um zu verstehen, was die Bedürfnisse jedes Einzelnen sind
  • Wenn der wirtschaftliche Austausch nur auf diejenigen beschränkt wäre, mit denen wir persönliche Bindungen teilen, würden entgangene Gewinne aus nie stattfindenden Geschäften das Wirtschaftswachstum drastisch hemmen

Stattdessen ermöglicht ein wettbewerbsfähiger Markt, der auf Privateigentum basiert, den Unternehmern es besser, die Bedürfnisse anderer Individuen in einer großen und komplexen Gesellschaft zu erfüllen:

  • Individuen erwerben Wohlstand durch die Produktion und den Austausch von Waren und Dienstleistungen, die andere nachfragen
  • Um zu empfangen, muss man zuerst geben
  • Deshalb müssen sie zuerst berücksichtigen, was andere brauchen
  • Preise, ermittelt durch den freien Austausch von Privateigentum, kommunizieren die Bedürfnisse derer, die wir nicht kennen. Die Verbraucher erhöhen die Preise der am meisten nachgefragten Güter, was den Unternehmern signalisiert, dass sie absichtlich Güter anbieten, die von anderen geschätzt werden
  • Menschen werden wohlhabend, indem sie andere besser stellen, nicht indem sie andere schlechter stellen. Der Austausch auf dem Markt ist definitiv keine Nullsumme.
  • In einer Marktwirtschaft muss man anderen in der Gesellschaft dienen, wenn man Reichtum erlangen will, auch denen, die man vielleicht nicht mag
  • Rinderzüchter in Wyoming, die vielleicht New Yorker nicht mögen, stehen trotzdem früh morgens auf, um Rindfleisch zu produzieren, das von New Yorkern genossen wird, weil der Rinderzüchter Einkommen erzielen will
  • Mit reiner Selbstaufopferung würden wir diese Ergebnisse nicht erreichen; solche Opfer zu erzwingen, würde nicht nur unsere Rechte verletzen, sondern auch Ressentiments und Spannungen fördern

Fazit

Um im Wettstreit der Ideen zu gewinnen, ist es entscheidend zu verstehen, was unsere Gegenpartei motiviert. Sozialisten werden durch einen moralischen Kodex motiviert, der in urtümlichen Zeiten biologisch in unseren Gehirnen verankert wurde, und sie übersetzen ihn fälschlicherweise in ein Mittel zur Organisation einer viel komplexeren Gesellschaft als der, in der dieser moralische Kodex entstanden ist.

Selbst wenn man die von Sozialisten hochgehaltenen Ziele der „Erfüllung der Bedürfnisse der Menschen“ und der „Selbstlosigkeit“ anerkennt, können wir argumentieren, dass eine wettbewerbsfähige, eigentumsbasierte Marktwirtschaft diese Ziele in der modernen Zivilisation viel eher erreicht, als ein von oben nach unten gesteuertes, zentralisiertes sozialistisches System.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Socialists Claim Their System Is Morally Superior. They’re Wrong. ist am 9.1.2021 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Bradley Thomas ist der Initiator der Website EraseTheState.com. Er ist libertärer Aktivist und Autor mit fast fünfzehn Jahren Erfahrung in der Forschung und als Autor über politische Philosophie und Wirtschaft.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock Foto

 

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