Antikapitalismus: Trendy, aber ein Irrweg

16. Dezember 2019 – von Alexander Hammond

Alexander Hammond

Es ist schwer zu übersehen, der Kapitalismus hat einen schlechten Ruf.

Ende November 2019 demonstrierten Tausende von Kapitalismus-Gegnern in Hauptstädten auf der ganzen Welt gegen ihn. Diese selbsternannten „Anti-Establishment“-Demonstranten, die am jährlichen Million Mask March teilnahmen, trugen vom Film „V wie Vendetta“ inspiriert Guy Fawkes-Masken (die überwiegend in China hergestellt werden) und versuchten, ihrer Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen System und dessen unfairen Ergebnissen, die es angeblich schafft, Ausdruck zu verleihen.

Große antikapitalistische Proteste, wie wir sie in dieser Nacht gesehen haben, sind natürlich nichts Ungewöhnliches. Im August setzte die französische Polizei Wasserwerfer und Tränengas in der französischen Küstenstadt Bayonne ein, um eine Demonstration mit tausenden Kapitalismusgegnern aufzulösen, die gegen den G7-Gipfel in einem nahe gelegenen Ferienort protestierten.

Aber nicht nur bei Protesten tritt die Verachtung für den Kapitalismus zum Vorschein. In jeder Zeitung lassen sich Schlagzeilen finden wie „Der Kapitalismus steckt in der Krise“, „Kapitalismus versagt“ oder zuletzt „Kapitalismus ist tot“. Letzteres ist ein aktuelles Zitat von Marc Benioff, Salesforce-CEO, der sein Milliardenvermögen gerade dank des kapitalistischen Systems erwirtschaften konnte.

Öffentliche Sicht auf den Sozialismus

Die Folgen des beständigen Beschusses des Kapitalismus in den Medien und auf den Straßen hat eine kürzlich durchgeführte YouGov-Umfrage offen gelegt: Die Hälfte aller Millennials und Angehörige der Generation Z haben eine ablehnende Haltung gegenüber dem Kapitalismus. Die gleiche Umfrage ergab auch, dass mehr als 70 Prozent der Millennials [in den USA, Anm. d. Ü.] eher für einen sozialistischen Präsidentschaftskandidaten stimmen würden.

Es ist einfach hip, Sozialist zu sein und die angeblichen Übel des Kapitalismus anzuprangern. Aber hält diese andauernde Verurteilung des Kapitalismus einer Überprüfung stand?

Jedes Jahr veröffentlicht das Fraser Institute, ein kanadischer Think Tank, seinen EFW-Bericht (Economic Freedom of the World), um herauszufinden, welche Länder die freiesten (d.h. kapitalistischsten) Volkswirtschaften haben. Der EFW-Bericht stuft den Freiheitsgrad von 162 Volkswirtschaften anhand von 43 Kennziffern in den wichtigsten Politikbereichen ein: Staatsquote, Rechtssystem und Eigentumsrechte, stabiles Geld, internationaler Freihandel und Regulierungsgrad.

Die Idee hinter dem EFW-Bericht ist, dass – wenn sich ermitteln lässt, welche Länder die kapitalistischsten Volkswirtschaften haben – sich diese Informationen verwenden lassen, um herauszufinden, ob in kapitalistischeren Ländern bessere Lebensbedingungen für die Bürger herrschen als in sozialistischeren (oder zumindest weniger kapitalistischen) Ländern. Um den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Freiheit und menschlichem Wohlergehen zu untersuchen, unterteilt das EFW die 162 Volkswirtschaften auf der Grundlage ihres Freiheitsgrades in vier Teile. Und die Ergebnisse sind beeindruckend.

Das Durchschnittseinkommen in den Ländern im kapitalistischsten Viertel ist real erstaunliche sechsmal höher als das Durchschnittseinkommen in den am wenigsten kapitalistischen Volkswirtschaften (36.770 US-Dollar gegenüber 6.140 US-Dollar). Für die Ärmsten einer Gesellschaft vergrößert sich diese Kluft um ein Vielfaches. Die untersten 10 Prozent der Arbeitseinkommen in den kapitalistischsten Ländern liegen im Durchschnitt siebenmal höher als die niedrigsten 10 Prozent in den am wenigsten freien Volkswirtschaften.

Außerdem leben mehr als 27 Prozent der Menschen in den sozialistischsten Volkswirtschaften in extremer Armut (wie von der Weltbank mit einem Einkommen von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag festgelegt), während nur 1,8 Prozent der Menschen in den freiesten Volkswirtschaften in extremer Armut leben. Diese Zahl ist immer noch zu hoch (die optimale Zahl ist Null), aber weitaus besser als das Niveau, das in den am wenigsten freien Ländern vorherrscht.

Vergleich kapitalistischer und sozialistischer Volkswirtschaften

Abgesehen von wirtschaftlichen Maßzahlen leben Menschen in den kapitalistischsten Ländern auch im Durchschnitt 14 Jahre länger, haben eine sechsmal niedrigere Kindersterblichkeit, genießen größere politische und bürgerliche Freiheiten und mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern und in dem Maße, in dem man solche Dinge messen kann, sind sie glücklicher – im Vergleich zu den am wenigsten kapitalistischen Volkswirtschaften.

Als Beispiel eignet sich Hongkong, das laut EFW-Bericht die freieste Volkswirtschaft der Welt ist. 1941 besuchte die Journalistin und Reiseschriftstellerin Martha Gellhorn mit ihrem Ehemann Ernest Hemmingway den Stadtstaat und hielt fest:

Das wahre Hongkong … war die grausamste Armut, schlimmer als jede andere, die ich zuvor gesehen hatte. Schlimmer noch wegen eines Hauches von Ewigkeit. Das Leben hier war immer so gewesen und würde es immer sein.

Doch nur wenige Jahre nach Gellhorns Besuch bedeutete die japanische Kapitulation im Jahr 1945 die Rückkehr der Briten auf die Insel und damit einen weitgehenden laissez-faire-Ansatz  für die Wirtschaft der Stadt.

Eines ist offensichtlich, die Zahlen sprechen klar gegen die Antikapitalisten. 1950 verdiente der Durchschnittsbürger in Hongkong nur 36 Prozent des Durchschnittsbürgers in Großbritannien. Aber als Hongkong die wirtschaftliche Freiheit übernahm (nach Angaben des EFW hatte Hongkong seit 1970 jedes Jahr die kapitalistischste Wirtschaft mit nur einer Ausnahme), wurde es wesentlich reicher. Heute ist das Pro-Kopf-BIP in Hongkong um 68 Prozent höher als in Großbritannien. Wie Marian Tupy, Herausgeber von HumanProgress.org, feststellt, „ist die Armut, die Gellhorn beklagt hat, verschwunden – dank der wirtschaftlichen Freiheit.“

Es lassen sich noch viel größere Abstände feststellen, wenn man ein weitgehend kapitalistisches Land einem ansonsten ähnlichen sozialistischen Land gegenüberstellt: Chile gegen Venezuela, West- gegen Ostdeutschland, Süd- gegen Nordkorea, Taiwan gegen das maoistische China, Costa Rica gegen Kuba und so weiter. (Ja, ich weiß: Nichts davon war „echter“ Sozialismus. Aber es ist immer echter Sozialismus, bis er es nicht mehr ist.)

Die Übel des Kapitalismus auf Plakaten oder in Zeitungsschlagzeilen anzuprangern, ist ein Trend, bei dem es kaum Anzeichen dafür gibt, dass er bald abflaut, aber wenn man solche unbegründeten Behauptungen sieht, sollte man sich erinnern: Die Zahlen sprechen klar gegen die Antikapitalisten.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel Anti-Capitalism: Trendy but Wrong ist am 30.11.2019 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

Alexander C. R. Hammond ist Forscher an einem Washington D.C. Think Tank und Senior Fellow von African Liberty. Darüberhinaus engagiert er sich bei Young Voices und schreibt regelmäßig zu den Themen Wirtschaftliche Freiheit, zur Entwicklung Afrikas und über Globalisierung. Hammonds Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und erschienen in Reason, The National Interest, Washington Examiner, CapX, El Cato, FEE, Newsweek USA und dem HumanProgress.org Blog.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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