Wettbewerb ist besser als Staatsmonopol

22.7.2015 – Wie die Blockchain-Technologie die Welt verändern kann

von Aaron Koenig.

Aaron Koenig (Foto: Josefine Cantú)

Disney World Florida, 5. Oktober 2014. Im Rahmen der Bitcoin-Konferenz Coins in the Kingdom findet die erste „Blockchain-Hochzeit“ statt. Joyce Bayo und David Mandrus heiraten heute und sie brauchen dazu keinen Standesbeamten, nicht einmal einen Schiffskapitän. Sie geben sich vor den versammelten Gästen ihr Jawort, in dem sie diese zusätzliche Textzeile in eine Bitcoin-Transaktion schreiben: “For better or worse, ’til death do us part, because the blockchain is forever,” („In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet, denn die Blockchain hält ewig“). Sie signieren die Transaktion mit ihren privaten Schlüsseln, dann wird sie für alle Zeiten und für jedermann sichtbar in der Blockchain gespeichert. Die Hochzeit wird über die libertäre Plattform liberty.me live ins Internet gestreamt. Deren Gründer Jeffrey Tucker fungiert, wie stets in Anzug und Fliege gekleidet, als Zeremonienmeister.

“Wir glauben, dass die Blockchain, unsere Liebe und unsere Ehe für immer gelten, und dass unsere Beziehung nicht von Regierungen oder der Kirche definiert wird“, sagt Bräutigam David Mandrus. Wie jede Ehe soll auch die von Joyce und David öffentlich dokumentiert und für jedermann nachprüfbar sein. Im Vor-Blockchain-Zeitalter brauchte man dazu noch eine vertrauenswürdige Institution, die ein zentrales Heiratsregister führte und bei der man im Zweifelsfall – etwa bei vermutetem Heiratsschwindel – nachfragen konnte. Doch das ist heutzutage nicht mehr notwendig. So wenig man im dezentralen Zeitalter noch eine Bank für eine Geldüberweisung braucht, so wenig benötigt man das Standesamt für eine Eheschließung. Die Blockchain kann schließlich von niemandem nachträglich verändert werden, alle Einträge sind öffentlich einsehbar – was braucht man mehr für ein Dokument, das eine Ehe, einen Vertragsabschluss oder ein Eigentumsverhältnis belegt? Es gibt keinen Grund dafür, in der Blockchain gespeicherte Dokumente nicht vor Gericht anzuerkennen. Sie sind mindestens genau so fälschungssicher und vertrauenswürdig wie solche mit einem amtlichen Siegel.

Blockchain Wedding

 

Blockchain statt Amtsschimmel

Alle Dokumente, für die man bisher ein Zentralregister benötigt hat – etwa Geburtsurkunden, Grundbücher oder Handelsregistereinträge – lassen sich genauso gut, aber viel preisgünstiger, in der Blockchain speichern. Der große Verwaltungsaufwand, der für diese durchaus nützlichen Dinge betrieben wird, lässt sich damit deutlich verringern. Beim Umschreiben eines Hauses im Grundbuch fallen zum Beispiel Gebühren des Notars und des Grundbuchamtes an, bei einer Blockchain-Lösung würden sich die Gebühren auf wenige Cent reduzieren. Zudem wäre die dreiste Praxis des Staates, bei jeder Transaktion von Grundeigentum eine durch nichts zu rechtfertigende „Grunderwerbsteuer“ zu erheben, bei einer staatsfreien Lösung wohl kaum mehr durchsetzbar.

Gleichzeitig fällt ein klassischer Ansatzpunkt für Korruption weg. Wenn man nicht mehr auf das Wohlwollen eines Staatsbeamten angewiesen ist, der einem die Gründung eines Unternehmens oder die Überschreibung eines Grundstückes bestätigt, entfallen nicht nur die legalen Gebühren, sondern in vielen Ländern der Erde auch die damit verbundenen Bestechungsgelder. An vielen Orten, insbesondere in Entwicklungsländern, gibt es keine verlässlichen Grundbücher oder Firmenregister. Der Nachweis von Grundeigentum, die Gründung von Unternehmen und der Verkauf von Firmenanteilen sind in solchen Ländern ein sehr mühsames, zeitaufwändiges und wegen der notwendigen Bestechungsgelder oft kostspieliges Verfahren. Dies ist insbesondere für Unternehmensgründer hinderlich. Der Wohlstand eines Landes hängt zu einem erheblichen Teil davon ab, wie gut Eigentum durch das Rechtswesen geschützt ist. Je weniger Unternehmer durch Bürokratie und Korruption gehindert werden, ihre Geschäfte aufzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen, desto besser geht es den Menschen. Länder, in denen wichtige gesellschaftliche Institutionen ineffizient und korrupt sind, gehören meist zu den ärmsten, während wirtschaftliche erfolgreiche Regionen in der Regel über eine relativ schlanke, effiziente und korruptionsfreie Verwaltung verfügen.

 

Chance für Entwicklungsländer

Die Blockchain-Technologie bietet daher gerade jenen Länder in Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens, die von einer ineffizienten und korrupten Bürokratie geplagt sind, die Chance, auf eine höhere Zivilisationsstufe zu springen. Viele Menschen in diesen Ländern haben zum Beispiel die von Staatsmonopolen betriebenen Telefonfestnetze nie genutzt, weil sie zu teuer und zu schwer zugänglich waren. Oft musste man Jahre auf einen Telefonanschluss warten, wenn man überhaupt einen bekam. Stattdessen sind sie direkt zur Nutzung von Mobiltelefonen übergegangen, die von privaten Wettbewerbern angeboten werden, und daher besser und preisgünstiger sind. Auf ähnliche Weise könnten die Menschen dort die ineffiziente Staatsverwaltung überspringen und direkt intelligente, dezentrale Lösungen nutzen.

Die beschriebene Blockchain-Hochzeit lief über die Web-Plattform Bitnation. Ihr Ziel ist es, bisher von Staaten angebotene Dienste über dezentrale Technologien abzubilden und so das Staatsmonopol durch einen gesunden Wettbewerb zu ersetzen. Man kann in der Bitnation nicht nur heiraten, sondern sich auch einen Blockchain-basierten Ausweis ausstellen lassen, Grundbucheinträge vornehmen und vieles mehr.

 

Gefärbte Münzen

Doch nicht alle neuen Dienste, die auf der Blockchain-Technologie basieren und unter dem Schlagwort Bitcoin 2.0 zusammengefasst werden, sind derart politischer Natur. Bei Colored Coins geht es zum Beispiel darum, die Blockchain nicht nur für den Transfer von Geld zu nutzen, sondern darüber hinaus mit allen Arten von Finanzprodukten zu handeln – etwa mit Aktien, Anleihen oder Rohstoffen wie Gold oder Öl. Dabei wird ein Bruchteil eines Bitcoins durch einen Zusatz im Programmcode so markiert, dass er einen bestimmten Vermögenswert darstellt. Damit man es sich leichter vorstellen kann, wird diese programmiertechnische Markierung „Einfärbung“ genannt. Ein in „rot“ markierter Bitcoin-Bruchteil könnte zum Beispiel für eine Aktie stehen, ein in „gold“ markierter für einen Goldbarren. Durch das Versenden eines solchen „eingefärbten“ Coins wird nicht nur das Eigentum am verschickten Bitcoin-Bruchteil von einem Nutzer auf einen anderen übertragen, sondern vor allem das Eigentum an dem Vermögenswert, den dieser vertritt. So soll der Handel mit Finanzprodukten vereinfacht und für viele Menschen zugänglich werden.

 

 

Alles was dezentralisiert werden kann, wird dezentralisiert

Viele Start-ups arbeiten zurzeit daran, das Blockchain-Prinzip auf alle möglichen Bereiche des Lebens anzuwenden. Einige setzen auf die bestehende Bitcoin-Blockchain und ergänzen sie durch neue Funktionen, andere nutzen ihre eigene Blockchain. Wie bei allen Neugründungen wird nur ein Teil dieser Unternehmen Erfolg haben, doch eines ist klar: Hier ist eine Revolution im Gange. Blockchain-Technologie lässt Menschen Ideen in die Tat umsetzen, die bis dato für nicht umsetzbar gehalten wurden. Allen Bitcoin-2.0-Projekten liegt die Erkenntnis zugrunde, dass zentralistische Lösungen anfällig für Fehler und Manipulationen sind. Dezentrale Lösungen sind ihnen grundsätzlich überlegen. Diese Erkenntnis hatten schon die „alten Wiener“. Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek wussten zwar noch nichts von Peer-to-Peer-Netzwerken und dezentralen Applikationen, doch sie analysierten messerscharf, warum eine zentrale Planwirtschaft scheitern muss und der spontanen Ordnung des Marktes unterlegen ist. Auch ein Markt ist ja ein höchst dezentrales Gebilde, bei dem die individuellen Entscheidungen vieler Menschen in ihrer Gesamtheit zu sehr viel besseren Ergebnissen führen als diejenigen eines zentralistischen Planungsprozesses. Insofern kann man die „Dezentralisierung aller Dinge“, wie sie die Bitcoin-2.0-Pioniere vorhaben, als konsequente Weiterentwicklung der Wiener Denkschule ansehen.

[Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus „Bitcoin. Geld ohne Staat“, erschienen im Mai diesen Jahres im FinanzbuchVerlag.]

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Lesen Sie auch das Interview mit Aaron Koenig – „BITCOIN – Geld ohne Staat“.

Foto Startseite: © mtmmarek – Fotolia.com

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Aaron Koenig ist seit 2011 in der Bitcoin-Wirtschaft engagiert. Er hat mit seiner Firma Bitfilm zahlreiche Filme für Bitcoin-Start-ups produziert. Er organisiert ein Bitcoin-Filmfestival sowie eine monatliche Bitcoin-Tauschbörse in Berlin. Er ist Diplom-Kommunikationswirt und seit 1994 in der kreativen Internetbranche tätig.

 

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