Wenn das Geld stirbt

3.11.2014 – Deutschland und das Papiergeld nach 1910

von Marcia Christoff-Kurapovna.

Die Geschichte der Zerstörung der Deutschen Reichsmark während der Hyperinflation der Weimarer Republik von 1919 bis zu ihrem schrecklichen Höhepunkt 1923 wird üblicherweise als bizarre Anomalie der Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts abgehandelt. Aber keine Episode verdeutlicht besser die schlimmen Konsequenzen schlechten Geldes oder dient besser als abschreckendes geschichtliches Beispiel vor Fiat-Money: wo es keine monetäre Zurückhaltung gibt, stirbt das Geld.

„Es spielt fast keine Rolle, dass die Gründe für die Hyperinflation der Weimarer Republik in vielerlei Hinsicht nicht wiederholbar sind; dass die politische Situation eine andere ist oder es fast unvorstellbar ist, dass man es noch einmal zulässt, dass sich finanzielles Chaos so lange ungestört ausbreiten kann,“ schreibt der britische Historiker und Abgeordnete Adam Fergusson 1975 in seinem Klassiker When Money Dies. „Die Frage, die man sich stellen muss – die Gefahr, die man erkennen muss – lautet, wie sich Inflation auf ein Land auswirkt, was auch immer ihre Ursache sein mag.“

Die US Federal Reserve von 2014 ist nicht die Reichsbank von 1914. Und trotzdem erinnert die politische Einstellung von heute fatal an die Einstellung, die damals mit dazu beitrug, den wirtschaftlichen Niedergang Zwischenkriegsdeutschlands zu beschleunigen. Zu dieser Einstellung zählen: die hemmungslose Schuldenfinanzierung des Staatshaushaltes sowohl unter Kriegs- als auch Nachkriegssbedingungen; verantwortungslose Geldschöpfung durch eine Zentralbank; zügellose Kreditvergabe auf Grundlage einer  ständig anwachsenden Geldmenge;  eine aggressive Aufblähung der Vermögenspreise; die Ausgabe von kurzlaufenden Staatsanleihen in praktisch unbegrenzter Menge; schnelle Währungsentwertung, und ein Verhältnis von Staatsschulden zum BIP von über 100 Prozent.

Vor dem Ersten Weltkrieg waren die Deutsche Reichsmark, der Britische Shilling, der Französische Franc  und die Italienische Lira ungefähr gleich viel wert – ungefähr je vier pro Dollar. Ende 1923 betrug der Kurs der Reichsmark eine Billion pro Dollar – ein Million-millionenstel des alten Kurses. Mitte 1922 kostete ein Laib Brot 428 Millionen Reichsmark, während die komplette Marktkapitalisierung des Unternehmens Daimler dem Wert von 327 seiner Autos entsprach. Im berüchtigten November 1923 konnte man für die Summe, für die man vor dem Krieg theoretisch 500 Milliarden Eier bekam, noch ein einzelnes Ei bekommen.

Der ehemalige Premierminister Henry Lloyd George schrieb 1932, dass Wörter wie „Katastrophe“, „Ruin“ oder „Verheerung“ nicht ausreichten, die Situation angemessen zu beschreiben, da die Wörter nun so häufig gebraucht würden. Plünderungen, Vandalismus, Diebstahl, der Anstieg der Prostitution, Hungersnöte, Seuchen, das Verspeisen von Hunden; Menschen, denen auf der Straße die Kleidung geraubt wird – all dies war nun „bourgeoiser“ Alltag. Ständig drohte Bürgerkrieg, genau wie der benachbarte Bolschewismus. Bayern musste das Kriegsrecht ausrufen.

Der Aufstieg des Papiergeldes nach 1910

Der Anstieg der Preise begann langsam. 1914 gab es einen minimalen Anstieg des Großhandelspreisindex. Dieser Index, dessen Basis 1910 bei Eins lag, stieg bis Ende 1918 auf 2,45. 1919 fing der Anstieg der Inflation an, sich zu beschleunigen, bis auf 12,6 im Januar 1920; 14,4 im Januar 1921 und 36,7 im Januar 1922. In der zweiten Hälfte des Jahres 1922, im Juli,  stand der Index bei 101; im Juli 1923 bei 74,787 und am 15. November 1923 bei 750 Milliarden.

Die 100 Billion-Note wurde damals herausgegeben und die Druckerpressen der Reichsbank spien im Rekordtempo von 74 Millionen Millionen Millionen Reichsmark pro Woche aus. Statt diesen Wahnsinn zu beenden, druckte die Reichsbank weiter Geld, behauptete, dies hielte die Beschäftigungszahlen stabil, und versprach der Bevölkerung, schon morgen sei eine Lösung gefunden. Es herrschte eine Atmosphäre des gesellschaftlichen Chaos.

Der Versailler Vertrag war nicht Hauptursache: er verschlimmerte nur eine blasenerzeugende Geldpolitik, die schon vor dem Krieg betrieben wurde. Vor 1914 lautete die Geldpolitik der Reichsbank, dass nicht weniger als ein Drittel des ausgegebenen Geldes goldgedeckt sein musste. Aber seit Papiergeld 1910 einmal zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt worden war, wurde dieses Papiergeld hemmungslos gedruckt
Bei Kriegsausbruch hatte der größte Teil der Welt den Goldstandard aufgegeben und war zu Papiergeld übergegangen. Das Warengeld wurde aus dem Umlauf genommen und größtenteils in den Tresoren einiger weniger Zentralbanken gehortet, hauptsächlich in den USA: von August 1913 bis August 1919 stieg die Menge des Währungsgoldes der USA um 65 Prozent an.

In Deutschland wurden, indem man an den Patriotismus der Massen appellierte, riesige Mengen an Staatsanleihen aufgelegt, um den Krieg zu finanzieren. Aus privaten Vermögen wurden Ansprüche an den Staat auf einem Stück Papier, als die Reichsbank die Einlösung der Goldzertifikate stoppte. Darlehensbanken wurden gegründet, die nach Gutdünken Geld druckten, und Banken vergaben uneingeschränkt Kredite, um den Verkauf von Kriegsanleihen anzukurbeln. Die bedrohlichste Maßnahme für die Zukunft bestand darin, dass der Reichsbank erlaubt wurde, dreimonatige Staatsanleihen in ihre Währungsdeckung aufzunehmen, so dass unbegrenzte Mengen davon als Deckung für Banknoten verwendet werden konnten.

Großbritannien hingegen finanzierte seinen Krieg weit umsichtiger: London beglich die Kosten des Krieges, in dem es die Steuern hauptsächlich für die Industrien und Gesellschaftsgruppen anhob, die am meisten vom Krieg profitierten.

Die deutschen Goldvorräte wurden für die Kriegsreparationen und als Folge der französischen Besatzung des Ruhrgebietes verbraucht. Und trotzdem bot einzig Gold gelegentliche Erleichterung für die Bevölkerung, als es einigen Branchen möglich war, kleine Mengen Goldmark zu verwenden, um ihre Angestellten zu bezahlen. Die Hoechst Farbenwerke zum Beispiel bezahlten Arbeiter mit 400.000 Schweizer Franken, die sie in Schweizer Banken verwahrt hatten.

Deutschland wechselt zur Rentenmark

Kurz vor dem Zusammenbruch wurde die Geldpolitik den Händen der Reichsbank entrissen, durch einen Quasi-Staatsstreich von Kanzler Gustav Stresemann. Die Kreditvergabe an die Regierung wurde beendet. Die Geldpolitik wurde dezentralisiert. Staat und Wirtschaft wurden konsequent getrennt.

Von einem prominenten ökonomischen Querdenker, der nicht der Regierung angehörte, wurde eine Parallelbankenstruktur errichtet. Sie bestand  in einem neuen Währungssystem, das zunächst durch Roggenbrot gedeckt war – die begehrteste Ware damals – und später durch Gold, nachdem wieder welches verfügbar war. Der Wert dieser „goldgedeckten“ Noten, der Rentenmark, wurde durch Hypotheken auf Grundbesitz und durch Anleihen der deutschen Industrie im Wert von 3 Milliarden Goldmark garantiert.

In Wirklichkeit waren praktisch keine Goldreserven mehr übrig. Und trotzdem entspannte der zunächst unberechenbare soziale und psychologische Effekt einer Ankündigung zur Rückkehr zu einer Währung mit eins-zu-eins Goldparität auf die Bevölkerung die soziale Lage umgehend und bewirkte sofort eine wirtschaftliche Stabilisierung.

„Das Geniale an der Rentenmark bestand darin, dass sie die Reichsbank von der Verpflichtung entband, die Regierung finanzieren zu müssen“, schreibt Fergusson. Strikte Disziplin bei den Staatsausgaben war die Folge, sowie die Verweigerung weiterer Kredite an die Regierung, und später die Rückkehr der Mark zur Parität zu Gold und dem Dollar. Noch viele Jahre danach waren Goldmark-Klauseln in langfristigen Verträgen charakteristisch für den deutschen Kapitalmarkt.

Die heutigen Bedingungen sind nicht mit denen der Weimarer Zeit vergleichbar. Aber es gibt beunruhigende Parallelen in den Bereichen Geldpolitik und der Inflationierung von Geld und Schulden. Von 1971, als Präsident Nixon den Gold-Devisen-Standard abschaffte, bis 2003 stieg die US-Geldmenge um 1100 Prozent an. Die Bilanzsumme der FED, die von 500 Milliarden Dollar im Jahr 2000 auf 4,4 Billionen Dollar gegen Ende 2013 aufgebläht wurde, ist das Ergebnis des Gelddruckens.

„In ein paar Jahren wird der größte Teil der Welt von planwirtschaftlich organisierten Papiergeldwährungen genauso genug haben wie vor zwölf Jahren. Die größten Probleme werden darin bestehen, dass allgemeine Ignoranz und Lethargie, kombiniert mit selbstsüchtigen Partikularinteressen, die Politik zur Planung der Wirtschaft und die Wirtschaft in die Politik drängen werden. Politisch gesprochen ist die Welt noch weit davon entfernt, für einen planwirtschaftlich organisierten Papiergeldstandard bereit zu sein.“

Diese Worte wurden 1932 von dem amerikanischen Ökonomen Edward Kemmerer geschrieben – eines der klarsten Argumente gegen Fiatgeld-Währungen, die jemals geschrieben wurden. „Kein Gold, kein stabiles Geld“ lehrt uns die Geschichte: die wichtigste monetäre Lektion, die sich Zentralbanken von früher bis zum heutigen Tag weigern zu lernen.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel When Money Dies: Germany and Paper Money After 1910 ist am 31.10.2014 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Foto Startseite: Buchcover „Das Ende des Geldes“, Finanzbuchverlag.

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Marcia Christoff-Kurapovna schrieb für The Wall Street Journal Europe, The Economist und The Christian Science Monitor. Zur Zeit arbeitet sie an der Biographie eines berühmten Europäischen Politikers und Geschäftsmannes.

 

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